#70 | Eine neue Welt – Die andere Hälfte | 973. Reisetag

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Singapur, wo ich selbstgebackenes Brot aus Hong Kong verzehrte, bekam ich kurz nach der Dämmerung endlich Indonesisches Land unter meine Füße. Ich war selbst überrascht, doch ist dies tatsächlich das erste Land, welches ich bereise, dass südlich des Äquators liegt. Nun hat also das erste Mal in meinem Leben die südliche Hemisphäre die Chance mir seine Pracht und seine Menschen zu zeigen. Ich stieg aus dem Flieger, checkte ohne Probleme in Indonesien ein, besorgte mir ein paar Millionen Einheiten der hiesigen Währung und setzte mich noch im Flughafen mit ein paar Freunden aus Indonesien in Kontakt. Über eine internationale WhatsApp-Gruppe, der ich vor ein paar Jahren für ein paar Monate zugehörig war, lernte ich ein paar ausgezeichnete Menschen aus verschiedenen Teilen Indonesiens kennen und bat diese um ein paar Auskünfte für meine erste Zeit. So stellte sich schnell heraus, dass die Telefonkarten, die am Flughafen verkauft werden – wie überall – deutlich teurer sind, als im Land üblich. So setzte ich mich eben ohne Online-Navigation meine Reise ins Stadtzentrums Jakarta, in Gang. Der Schnellzug brachte mich dorthin und in einem kleinen Laden besorgte ich mir eine RFID-Chipkarte um unkompliziert die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen zu können. Ich hatte über Couchsurfig.org eine nette Amerikanerin kennen gelernt, die mir freundlicher Weise einen Schlafplatz in der Südstadt angeboten hat. Zwar war die Kommunikation mit ihr sehr schwierig, da ich immer nur kurz ein öffentliches WLan nutzen konnte. Doch durch die freundliche Hilfe von Passanten, kam ich natürlich auch damit zurecht.

Jakarta

Von der Bushaltestelle ging es für dann noch zwei Kilometer quer durch eines der Armenviertel der Stadt bis ich Katies Wohnung erreiche. Zumindest kam es mir wie ein Armenviertel vor. Doch leider musste ich ein paar Tage später feststellen, dass die Slums der Stadt, wesentlich ärmer und heruntergekommener waren, als ich es erwartete. Ich lief also in der Dunkelheit durch die engen Gassen und Holzverschläge. Doch ich traf ausschließlich auf freundliche und interessierte Menschen, die mich nett grüßten, offensichtlich wunderten, was ich wohl hier zu suchen habe und mir korrekt und hilfsbereit den Weg wiesen. Die Situation, der Lebensstandard, der Geruch und die Offenherzigkeit erinnerte mich doch stark an meine Zeit in Indien. Dies wurde dann auch durch mein Eintreffen bei Katie gestärkt. Ähnlich wie in Indien, kam mir erst einmal ein Sicherheitsmann entgegen der mich zu Katie führte. Sie ist Lehrerin in einer internationalen Privatschule in Jakarta und hat hier eine Villa gestellt bekommen. Wie eine Insel, oder eine Oase inmitten der ärmeren Gegend wirkt ihr Refugium. Sehr interessant. Die Schere zwischen Arm und Reich ist enormer als ich gedacht habe. So hatte ich also das Glück bei Katie einzuziehen. Sie ist ein wunderbarer Mensch und hat eine wundervolle Art des Humors! Ich durfte sogar ein Privatzimmer beziehen und der Pool im Garten, umgeben von hohen Mauern, wartete auch bereits auf mich.

Katie war natürlich an ihre Arbeit gebunden und hatte leider nicht sonderlich viel Zeit für mich. Doch sie ist eine großartige Gastgeberin und hat sich ausgezeichnet um mich gekümmert. Um wenigstens einen kleinen Teil zurückgeben zu können, habe ich ihr geholfen ein Bett zu reparieren und etliche Schwimmfiguren für die nächste Poolparty aufzublasen. Das war ein wahrer Kraftakt und nahm dann doch mehrere Stunden in Anspruch. Ich genoss die Zeit in der Villa, doch war ich natürlich auch gespannt darauf die Stadt und deren Einwohner kennen zu lernen. So unternahm ich diverse Touren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt, besorgte mir schließlich eine Sim-Karte zu einem Viertel des Flughafen-Preises und schaute natürlich auch bei den Top-Sehenswürdigkeiten und Museen vorbei. Beim Nationalmuseum traf ich auf einen netten Herrn, der mir nach ein bisschen Smalltalk seine Dienste als Stadtführer anbot. Es sei ja so kompliziert durch die Stadt zu kommen und das würde ich sowieso nicht alleine schaffen. Nachdem ich ihm erklärt habe, wie ich reise und wie ich zum Museum gekommen bin, verstummte er aber und war sichtlich beeindruckt. Als ich dann noch an einem der öffentlichen Trinkbrunnen meine Wasserflasche auffüllte war er ganz baff. Für ihn war es wohl die erste Begegnung mit einem Rucksackreisenden. Er kannte wohl bisher nur Pauschaltouristen und ganz interessiert fragte er mich dann über meine Reise aus und wir schnackten für eine Weile.

Der Verkehr in der Stadt ist wahrlich anstrengend und wirkt chaotisch. Es ist brutal viel los. Doch ich schaffte es meinen Weg mit diversen öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu kommen. So besuchte ich natürlich den gigantischen zentralen Platz der Unabhängigkeit mit seiner riesigen Siegessäule, die größte Moschee in Asien, die sich direkt daneben befindet und auch das ehemalige Stadtzentrums von Batavia, wie die Holländischen Kolonialmächte und Gründer die Stadt benannten. Klassische historisch-niederländische Architektur, Straßennamen und Namen von Läden und Handelszentren sind noch erhalten und heute natürlich Touristenattraktion. Am alten Hafen findet man auch einen alten Wach-/Leuchtturm, der im Laufe der Zeit stark an Schräglage, ganz nach dem Vorbild in Pisa, gewonnen hat. Doch um ehrlich zu sein war aus Jakarta nicht viel raus zu holen. Nur wenige Ausstellungsstücke sind in den Museen enthalten und auch der Stadt an sich konnte ich nicht viel abgewinnen. Aber es ist auch verständlich, die Regierung sollte sich erst einmal um die Millionen von Menschen widmen, die unter der Armutsgrenze in einen der vielen Slums leben und ihre Suche nach Glück und Wohlstand in der Metropolregion sie eigentlich in Hunger, Armut und Elend getrieben hat. In einigen asiatischen Großstädte die ich besuchte, treffe ich immer wieder auf ähnliche Geschichten. Menschen, die ein relativ lebenswertes Leben auf dem Land hatten, mit Haus, Grund, Natur und Arbeit, ziehen in die Stadt um dort ihr Leben zu verbessern. Doch dort fallen sie aus dem System in den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Schmutz, Obdachlosigkeit und im Schlimmsten Fall Drogen & Kriminalität.


Je länger ich mich dort aufhielt, desto enger zogen sich Parallelen zu meinen Erfahrungen aus Indien. Das hat mich doch stark überrascht. Doch es gab auch einen wesentlichen Unterschied, welcher mir als Gast natürlich gleich auffiel. Zwar werde ich hier auch sehr oft angesprochen und fotografiert, jedoch auf eine deutlich respektvollere Art und Weise. Insgesamt treten mir die Javanesen sehr freundlich entgegen. Kurzes geographisches Update für euch. Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens liegt eingebettet in der Metropolregion Jabodetabek mit ganzen 26,7 Millionen Menschen, auf der Insel Java, eine der größten Insel des Landes und ist geografisches, politisches, religiöses und wirtschaftliches Zentrums Indonesiens. Indonesien an sich ist mit über 80% deutlich muslimisch geprägt und in Java liegt dieser Anteil vermutlich noch höher. Die muslimische Gastfreundlichkeit und Respekt bekam ich hier also wieder zu spüren. Selbst in der Moschee wurde ich mit offenen Armen empfangen. Naja, der erste „Touristenbetreuer“ behandelte mich eher wie ein potentieller Terrorist, der zweite hingegen umso freundlicher und gesprächiger. Er zeigte mir zum Beispiel sehr stolz welche Materialien des gigantischen Gebetshauses zum Beispiel in Deutschland gefertigt wurden. Es gibt halt überall solche und solche…

Am Wochenende dann konnte ich etwas Zeit mit Katie verbringen. Sie erzählte mir viel Wissenswertes über Jakarta und ihre Bewohner. Sie wohnt bereits seit 4 Jahren hier. Aber ich genoss es auch sehr ein paar alltägliche Dinge in Jakarta zu erleben. So waren wir gemeinsam Schuhe und Bettwäsche kaufen. Katie hatte mich übrigens enorm beeindruckt. In nur 10 Minuten schaffte sie es ganze 4 Paar Schuhe auszuwählen, zu testen und zu bezahlen. Das nenne ich Effizienz! Abends besuchten wir eine Bar, in der eine Liveband ihre Kunst darbot. Echtes Leben eben. Nur der Weg zurück zu Katies Haus stellte sich des Nachts als problematisch dar. Es ist Regenzeit in Java und während wir in der Bar fröhlich sangen und lauschten, ging draußen die Welt unter. Wie in Jakarta wohl nicht unüblich, wurden Straßen überflutet und damit teilweise unpassierbar. Der Fahrer unseres Ruftaxis, hatte deutlich Probleme einen passierbaren Weg zu finden, schaffte es am Ende aber doch ohne im Schlamm oder Wasser stecken zu bleiben. Dann entschloss ich mich aber bereits die nächste Station anzufahren. Am Rande der Metropolregion möchte ich einen besonderen Ort besuchen. So startete ich zu Fuß, wartete eine Stunde auf einen Bus, der wohl gar nicht existierte. So lief ich zu einer Haltestelle um eine Alternativroute zu nehmen und schwupps, bei einem wenig eleganten Sprung über eine offene Kanalisation, zerriss ich mir meine Hose im Schritt. Aber so richtig. Vom Oberschenkel, über den Schritt bis hin zum Steißbein. Oh! So halb entblößt, lässt es sich im muslimischen Gefilden nicht sonderlich angenehm reisen. So suchte ich mir eine verlassene Seitenstraße und sprang schnell in eine neue Hose. Früher oder später wollte ich die erste Hose sowieso loswerden. Dann gelangte ich schließlich, mit Hilfe eines lokalen Buses zur Bahnstation und reiste südwärts…


Unförmiger Riesenpenis

Der Zug brachte mich in nach Bogor, einem weiteren Teil der gigantischen Metropolregion. Hier war ich eigentlich mit einem jungen Mann verabredet, der mir einen Schlafplatz auf seiner Couch angeboten hatte. Doch er ließ mich buchstäblich im Regen stehen. Es schüttete aus Eimern und ich machte mich zu Fuß, unter meinem lila Regenschirm mit Kindermotiven, auf zu einem bezahlbaren Hotel, welches ich zuvor bereits als Notlösung herausgesucht hatte. Leider bietet Bogor keine Jugendherbergen oder Ähnliches an. Ich lief also quer durch die Stadt und war fasziniert von den vielen kleinen Vans, die als Linienbusse agieren. Die sogenannten Ankhots fahren feste Strecken ab und halten nur auf Zuruf. Und in fast jeder dieser Vans springt immer einmal wieder einer der vielen Straßenmusiker mit ihren Ukulelen auf um ein paar Scheine und Münzen zu ergattern. Es waren wirklich hunderte dieser Musiker unterwegs. Schon fast nervig… Den Einheimischen scheint dies aber deutlich weniger auf den Wecker zu gehen als mir. Schließlich erreichte ich doch das Hotel in der Nähe eines Busbahnhofes und war negativ überrascht, dass ich für den relativ hohen Preis zwar ein privates Badezimmer bekam, dieses jedoch nur mit einem Plumpsklo ausgestattet war. Aber egal. So ist es nun mal. Der Hotelier war jedoch sehr nett und quetschte mich fast eine Stunde über meine Reise aus… er scheint wohl nicht allzu viele Touristen aus dem Westen zu beherbergen.

Am nächsten Morgen sprang ich dann früh aus den Federn, besuchte kurz den Busbahnhof um Informationen für meine Weiterreise zu sammeln und besuchte dann den botanischen Garten von Bogor. Dies ist die Hauptattraktion der Gegend und wurde bereits zu Beginn der Kolonialisierung als schützenswerter Park und Garten deklariert. Er ist riesig! Ich verbrachte gut 4-5 Stunden darin und lief mir metaphorisch die Sohlen wund. Das Wetter spielte auch mit. Die Sonne und blauer Himmel brachen über mir hinein. Fast schon zu viel des Guten. Der Park beinhaltet nicht nur Pflanzen und Blumen, sondern auch diverse Gebilde aus Menschenhand. So sitzt hier an einem Teich, eine exakte Kopie der Bronzefigur „Die kleine Meerjungfrau“, die zur Hommage an den berühmten Dichter Hans Christian Andersen in Kopenhagen errichtet wurde. Andersens Geschichte der kleinen Meerjungfrau ist übrigens Vorbild des Disney-Klassikers „Arielle“. Doch auch ein Palast und diverse Museen sind hier untergebracht. Das Highlight des Parks ist jedoch der Titanen Wurz. Die Amorphophallus titanum (was so viel bedeutet wie „Unförmiger Riesenpenis) ist eine Pflanze, die die größte Blüte der Welt hervorbringt. Bis zu 3 Meter hoch reicht ihr Blütenstand. Hier in diesem Park wurde sogar der Rekord von 3,74m gemessen. Da wiegt die Knolle schon mal gute 117kg! Im indonesischen wird die Blume auch Leichenblume genannt. Mit ihrem Aasgeruch lockt sie diverse Kleingetiere an. Doch blüht diese Blume nur alle paar Jahre für eine sehr kurze Dauer und ich hatte leider nicht Chance ein Exemplar des unförmigen Riesenpenis live zu sehen. Beeindruckend war es aber dennoch.


Nach stundenlangem wandern und erforschen traf es mich dann aber heftig. Mir wurde schwindelig und mein Kopf schmerzte. Ich fühlte mich fiebrig und schlecht. Ich hatte mir wohl einen ordentlichen Sonnenstich eingefangen. So kämpfte ich mich schnell zurück ins klimatisierte Gasthaus und legte mich schlafen. Es ging mir miserabel. Doch wusste ich zumindest woher es kam. Nach literweise Wasser, ausreichend Ruhe und Schatten war ich am nächsten Tag dennoch abreisebereit. Das war auch gut so, denn die relativ teuren Übernachtungen hier, mit relativ wenig Annehmlichkeiten, wollte ich mir nicht länger leisten. Wie gut das der Busbahnhof gleich um die Ecke war. Als ich dann mit Rucksack dort aufkreuzte war ich gleich von Schleppern und Agenten umzingelt, die mir alle die Fahrt zu meinem nächsten Zielort aufschwätzen wollten. Doch ich war zum Glück gut vorbereitet. Selbst als ich mich zu meinem Bus durchkämpfte, ließen sie nicht locker und der Busfahrer selbst versuchte mir einen fast doppelt so teuren Preis aufzuschwätzen. Doch ich war schlauer und augenscheinlich genau so penetrant wie die hart arbeitenden Abzocker. So zeigte ich dem Busfahrer wo in seinem Bus die Preisliste aushängt, lud mein Gepäck selbst ein und setzte mich neben einen Herrn der mich bestätigend und auch etwas bewundernd anlächelte. Als wir dann 15 Minuten unterwegs waren, zog der Assistent des Busfahrers seine Runden und sammelte von jedem Gast die Ticketsumme ein, die ich natürlich sofort, wie jeder andere Gast auch, gerne aushändigte.

Bandung

Gegen Spätnachmittag kam ich in Bandung an. Bei heftigem Wolkenbruch. Es ist Regenzeit in Java und wenn es hier in den Tropen regnet, dann aber richtig. Die Straßen waren so gut wie alle überflutet… doch das Leben geht hier weiter seinem normalen Lauf. Dann wird man halt nass…es bleibt einem nichts Anderes übrig. Ich hatte dieses Mal vorgesorgt und mir ein Hostel im Voraus gebucht. Das ist normalerweise nicht mehr meine Art, doch wollte ich mir die Enttäuschung aus Bogor ersparen. Ich konnte zum Glück einen Stadtbus erwischen, der mich trockenen Fußes fast bis vor die Tür meiner Unterkunft brachte. Und das Hostel war ausgezeichnet! Selten eine so gut sortierte Jugendherberge besucht. Massenweise ehrliche Informationen, ausreichende Qualität und Komfort und freundliche Mitarbeiter. Hier kann ich mich wohlwühlen. Und da es die kommenden Tage wirklich heftig viel regnete, verbrachte ich auch eine Zeit innerhalb des Hostels. Es war kaum was los. Die meiste Zeit über war ich der einzige Gast. Doch freundete ich mich schnell mit der Belegschaft an und wir verbrachten Stunden bei gegenseitigem Austausch. Zudem war es auch sehr günstig und sogar ein individuelles Frühstück war inkludiert. Also wirklich nichts zu meckern!

Viele der Javanesen, denen ich so begegnete waren höchst entzückt, dass ich ihre Namen so gut aussprechen konnte. Viele tragen aufgrund des Islam arabische Vornamen und während meiner Zeit im mittleren Osten und Indien konnte ich dies ja bereits etwas trainieren. So freundete ich mich zum Beispiel schnell mit Ari an. Er kocht in einem kleinen Holzverschlag unweit meiner Unterkunft. Wie viele Indonesier fuhr er ein paar Jahre für große Reedereien zur See. Der Hauptteil der Belegschaften auf allen Kreuzfahrtschiffen weltweit (auch AIDA, MeinSchiff, bla bla) besteht aus Indonesiern oder Filipinos die als drittklassige Mitarbeiter unter teilweise unmenschlichen Bedingungen die härtesten Arbeiten an Schiff verrichten müssen. So sprach Ari überraschend gut Englisch und wir tauschten uns lange aus. Jeden Abend setzte ich mich zu ihm und er kochte mir Gerichte seiner Wahl. Total cool. Er legte sich heftig ins Zeug und gab mir faire Preise. Da legte ich dann natürlich gerne auch ein gutes Trinkgeld mit dazu. Doch natürlich hing ich nicht nur im Hostel rum. Wenn sich kleine Fenster ohne Regen eröffneten, schwang ich mir eines der Ankhots und erkundete die Gegend. Ein Monument hier, ein geschichtsträchtiges Gebäude dort und ultrakrasse Megafabriken woanders. Um Bandung befinden sich gigantische Fabriken von internationalen Schuhfabrikanten. Bestimmt habe ich (und wahrscheinlich auch du) einmal ein Paar Schuhe getragen, dass hier gefertigt wurde.


Besonders interessant finde ich auch, dass man überall in der Stadt kleine Geschäfte finden, in denen man sein Parfum nachfüllen kann. So etwas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Geschäfte mit hunderten großer Glascontainern warten auf Kunden, die ihr Wunschparfum entweder vor Ort zusammenmixen lassen oder Imitate von bekannten Düften nachfüllen können. Sehr interessant und umweltfreundlich. Schade, dass dies in Europa noch keinen Markt finden konnte. Für mich sollte es dann aber auch bald weitergehen. Ich arbeitete etwas an meinem Tagebuch, begann damit die Klamotten, die ich in Hong Kong angehäuft hatte nach und nach los zu werden und deckte mich mit ausreichend Snacks für eine Übernachtbusfahrt gen Osten ein. Per Online-Service bestellte ich mir ein Motorroller-Taxi ans Hostel und der junge Mann brachte mich für eine geradezu lächerliche Gebühr zum Busunternehmen, wo meine dreizehn-stündige Fahrt über gerade einmal knapp 400 Kilometer beginnen wird. Der Bus war gut und günstig und nachdem ich gerade mein Abendessen durch diverse regionale Snacks abgevespert hatte, hielt der Bus an einem Restaurant. Das an sich ist ja schon üblich, jedoch wies mich der Fahrer darauf hin, dass das Abendessen bereits im Ticket inkludiert sei und ich feste beim Buffet zuschlagen solle. Na toll…hätte ich das mal vorher gewusst. Später ging es dann weiter und die holprige Fahrt, sowie die tropfende Klimaanlage über mir, ließ leider kaum Schlaf zu. So hielt ich es wie viele andere der Gäste und schlich immer wieder nach vorne zum Busfahrer um neben ihm am offenen Fenster eine Zigarette zu rauchen. Wenigstens etwas Unterhaltung. Doch schließlich, als langsam die Sonne aufging und ich einen formschönen Vulkan in der Ferne erblicken konnte, kamen wir schließlich dem Ziel näher.


Yogyakarta

Ich war nun im Sultanat von Yogyakarta angekommen. Eine Sonderverwaltungszone der Indonesischen Republik sozusagen. Während des Unabhängigkeitskrieges Indonesiens, stellte sich der moderne und gewiefte König und religiöses Oberhaupt auf die Seite der Unabhängigkeitsbewegung und sorgte mit seiner Unterstützung dafür, dass das Volk nach der Kolonialisierung die Unabhängigkeit erlangte. Als Folge davon, wurde die Indonesische Republik ausgerufen. Dem Sultan jedoch zum Dank verpflichtet, behielt er einen Sonderstatus in seinem Verwaltungsbezirk. Es hat deutlich mehr Macht als in anderen konstitutionellen Monarchien, jedoch macht er davon nicht wirklich gebrauch und akzeptiert die Demokratie in seinem Reich. Es herrscht also gegenseitiger Respekt und der Sultan wirkt meist nur repräsentativ bzw. als religiöses Oberhaupt. Doch nicht nur politisch bietet Yogyakarta exotische und spannende Geschichten zu erzählen. Die Region strotzt nur so von Geschichte, Kultur und Begegnungen. Vom großen Busbahnhof brachte mich ein Linienbus ins Stadtzentrum. Eine redelustige Nonne unterhielt mich auf dem Weg dorthin und zeigte mir wo ich einen guten Kaffee und leckeres Frühstück genießen kann. Sie sah mir wohl an, dass ich eine sehr anstrengende und schlaflose Nacht hinter mir hatte.

In der sehr gepflegten und geschichtsträchtigen Marlioboro Street, dem Herzen der Stadt, suchte ich mir ein Plätzchen und wartete darauf, dass mich mein Freund aus dem Internet kontaktierte. Ich wagte also wieder den Versuch eine weitere Begegnung und Unterkunft per Internet zu arrangieren. Nachdem in Bogor mich mein Kontakt leider versetzte, hatte ich mit meinem neuen Freund Wahyu hier in Yogyakarta aber mal wieder einen Lotteriegewinn gezogen. Wir waren im Liem Heritage Hostel verabredet. Wahyu arbeitet dort und seine Chefin Amy bot mir dort kostenfreie Unterkunft an. Schnell waren wir alle gute Freunde und tauschten uns über die Freuden und Probleme dieser Welt aus. Irgendwie obligatorisch wurde mir am ersten Abend dann auch gleich eine frische Durian-Frucht, die südasiatische Stinkefrucht, gereicht. Diese hier war fantastisch. Sehr frisch und lecker. Doch ich glaube meine Gegenüber waren etwas enttäuscht darüber, dass ich ohne großes Spektakel gekonnt die Frucht öffnete und aß. Zu gerne sehen die Südasiaten westliche Touristen am Geruch und teilweise auch Geschmack zu verzweifeln. Doch ich bin kein Neuling hier und so enttäusche ich viele meiner neuen Freundschaften die mir mit der Durian etwas Besonderes und Ausgefallenes bieten möchten. Wahyu ist noch Schüler und arbeitet neben der Ausbildung hier im Hostel. Bereits seit einiger Zeit arrangiert er online Treffen mit westlichen Touristen und bietet ihnen Abenteuer, Unterkunft, kulturelle Bildung und Freundschaft an. Er ist ein überaus cleverer junger Mann und sieht dies als essentiellen Teil seiner persönlichen Entwicklung und Bildung für die Tourismusbranche. Das kommuniziert er ganz offen und ich bin fasziniert von seiner Eigeninitiative und Know-How. Echter Austausch mit erfahrenen Reisenden, gibt einen unbezahlbaren Zusatz und ermöglicht außergewöhnliche Chancen für seine professionelle Zukunft. Sehr gewieft! So war der große Altersunterschied zwischen Wahyu und mir überhaupt kein Thema.

Yogyakarta ist nicht nur Sonderverwaltungszone und Sultanat, sondern auch die größte und wichtigste Universitätsstadt des Landes. So bringt Yogya, wie die Stadt informell genannt wird, viele verschiedene Bevölkerungsgruppen des Landes zusammen. Indonesien ist bekannt für seine vielen Inseln (17.508) und deren beeindruckende Vielfalt an Menschen und Kulturen. Nicht nur ist Indonesien eines der Bevölkerungsreichsten Länder der Welt (256 Millionen, Platz 4 weltweit), sondern beherbergt es auch hunderte ethnische Gruppierungen. Von weißen Milliardären in Jakarta bis hin zu ursprünglichen, kleinwüchsigen Naturvölkern & -stämmen in Papua. Und viele der jungen Menschen kommen eben zum Studieren nach Yogya. Hier ist auch das Zentrum der Javanesischen Kultur und an Batik, Tanz und Musik gibt es hier vieles zu entdecken. Am ersten Abend bereits führte mich Wahyu zu einer Batik-Schule wo mir ein Meister sein Handwerk erklärte. Danach schauten wir bei einem traditionellen Tanz vorbei und gingen auf Tuchfühlung mit den fantastisch kostümierten Darstellern. Nach dem Sonnenuntergang füllt sich dann auch die Marlioboro Street mit Besuchern und Straßenkünstlern. Auf traditionellen Instrumenten wird Unterhaltung und Kultur den Passanten dargeboten. Hier gefällt es mir deutlich besser als in der Hauptstadt, das ist schon mal sicher!


Doch neben Tradition und Geschichte findet man natürlich auch postmoderne Kultur hier in Yogya, so überraschte mich Wahyu bei einem abendlichen Spaziergang mit einer besonders skurrilen Attraktion der Stadt. Hinter dem Sultanspalast, wir bogen an einer Straße um die Ecke in Richtung eines Parks, standen wir plötzlich in einem Meer von bunten Lichtern. Findige Geschäftsmänner bieten hier Fahrten in ausgefallenen Tretautos an. Rund um den quadratischen Park fahren kleine, kunterbunt leuchtende und Popmusik-lärmende Tretmobile in den verschiedensten bunten und blickenden Lichtern und Leuchtmotiven. Damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Mega witzig anzusehen und die vorwiegend indonesischen Touristen, junge Paare und Studenten, hatten sichtlich Spaß daran diese komischen und witzigen Gefährte zu chauffieren. Für den ein oder anderen auch die perfekte Möglichkeit sein Instagram-Profil aufzufrischen. Selfies und abgefahrene Posen wohin man schaut. In der Mitte des Parks stehen zwei sehr alte Bäume. Der Legende nach, werden hier Wünsche erfüllt. Man bekommt die Augen verbunden und wird führerlos auf den Weg gebracht. Schafft man es ohne Sicht durch die Mitte der zwei Bäume zu laufen, so geht der Wunsch in Erfüllung. Erhält man jedoch Unterstützung oder läuft an den zwei Bäumen vorbei, so verfällt der Wunsch leider und geht nicht in Erfüllung. Auch witzig. So sieht man diverse Gestalten im Park mit verbundenen Augen in Richtung der Bäume stolpern. Sehr amüsant.

An einem Morgen traf ich dann endlich auf meine Freundin Ade. Bereits über zwei Jahre gehören wir derselben internationalen WhatsApp Gruppe an und in meiner Zeit hier in Indonesien stand sie mir bereits regelmäßig mit Rat zur Seite. Sie lebt hier in Yogya und hatte sich schließlich auch die Zeit genommen mich zu treffen. Sie führte mich zu ein paar der traditionellen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Eines ihrer Spielplätze als Kind ist heute eine gut organisierte Touristenattraktion; das „Wasserschloss“. Die ehemalige Wohn- & Badestätte der Sultans Familie (Harem) sowie eine kuppelförmige und halb unterirdische Moschee warteten darauf von uns erkundet zu werden. Eingebettet in ein altes Dorf mit traditioneller Architektur und wundervollen antiken Wandgemälden aber auch moderner Straßenkunst, strahlt dieser Ort doch eine interessante und schöne Atmosphäre aus. Von hier ist es auch nur ein Steinwurf zum großen Sultanspalast, dem sogenannten Keraton. Diesem statteten wir auch unseren Besuch ab. Ade führte mich hinein und wir hatten besonderes Glück gerade ein Orchester an traditionellen Instrumenten konzertieren zu sehen. Die meditative antike Musik hüllte den geschichtsträchtigen Ort in eine fabelhafte Welt und sorgte für ein besonderes Erlebnis. Innerhalb des Palastes besuchten wir diverse Museen, Ade lehrte mich über viele Details ihrer Kultur und Geschichte und wir verbrachten doch einige Zeit im Palast. Ich danke dir sehr liebe Ade! Du hast meinen Besuch deutlich aufgewertet und ich bin glücklich, dich für die auch sehr kurze Zeit an meiner Seite gehabt zu haben. Nach ein paar Stunden bereits rief ihre Pflicht. Ade musste zur Arbeit und auch ihre Hochzeit in zwei Wochen verlangte noch einiges an Planung.


Am Nachmittag brach dann, klassisch, wieder die Welt über Indonesien zusammen. Heftige Regenfälle ließ das Leben in der Stadt kurz anhalten. Doch nur kurz. Alle Menschen sprangen in ihre Regenkleidung, rüsteten ihre Roller, Pferdekutschen oder Motorradsofas (verrücktes und eigensinnige lokales Transportmittel) auf Regen um und dann ging das Leben wie gewohnt weiter. Doch die kommenden Tage sollen voll Sonne sein. Wahyu, großzügig wie er ist, bietet mir an für ein paar Tage sein Motorroller auszuleihen um die Gegend auf eigene Faust erkunden zu können. Mal raus aus der Stadt zu kommen und Natur und Kulturelle Monumente zu entdecken. Auch der mächtige Vulkan Merapi, der über der Stadt thront, ständig aktiv ist und unter Warnung steht, soll meinen Besuch erwarten.

 

Welche Abenteuer ich auf dem Zweirad erleben werde und wo es mich danach hin verschlagen wird, erfährst du dann in dem nächsten Bericht. Es wird spannend und aufregend! Versprochen. Ich kann es kaum abwarten die außergewöhnlichen Ereignisse für uns nieder zu schreiben.

 

Vielen Dank das du auch heute wieder vorbeigeschaut hast und ich freue mich darauf, dich auch bei meinem nächsten Bericht an meiner Seite zu wissen. Liebe Grüße, dein Schilli



Funfacts

- Spricht hier niemand Englisch oder warum stört es niemand, dass im Linienbus die ersten erfolgreichen Eminem Rap-Alben aus den Lautsprechern dröhnen? Ich meine, ich finde es witzig… aber so vielen Schimpfwörtern würde ich als Bürgermeister die Allgemeinheit nicht aussetzen wollen.

- Ich machte mit meinem Kauf der Sim-Karte ein Super-Schnäppchen. So machte ich einen Deal mit einer Straßenverkäuferin. Sie meldet die Karte über ihren Personalausweis an und bekomme super günstige Datentarife. Dafür bekommt sie etwas Bargeld von mir. Win-Win!

- Der Verkehr in den indonesischen Großstädten ist wahnsinnig. Doch es gibt eine Art von Mafia, so kommt es mir zumindest vor, die an so gut wie jeder Kreuzung den Verkehr leiten. Also nicht an den großen Highways, aber in Wohn- & Industriegebieten. Steckst du dem Herrn ein paar Taler zu, sperrt er den Weg auf der größeren Straße und winkt dich herein.

- Bei einem meiner Stadt-Wanderungen, traf ich auf einen Herrn, der gerade dabei war eine Schiffsschraube zu schweißen. Neugierig beobachtete ich ihn. Er rief mich zu sich, fragte ob ich es auch mal versuchen möchte und bot mir an Bilder zu schießen. Gesagt getan. Ich habe also in Jakarta-Indonesien eine Schiffsschraube geschweißt und repariert. Wer noch?

- Überall in Indonesiens Großstädten, warten motivierte Schüler und Studenten darauf, Reisende zu interviewen. An beliebten Attraktionen müssen sie im Auftrag ihrer Lehrkörper ihr Englisch trainieren und Touristen befragen. Anfangs amüsant, aber bei der Masse an Anfragen auch irgendwann nervig. Eine besonders aktive Schülerin, hat meine Befragung sogar online veröffentlicht. Sie bat mich um meine Zustimmung, was mich erstens überraschte und zweitens erfreute. Da unterstütze ich sie natürlich gerne. Hier der Link zu ihrem Video: https://youtu.be/GtZ_V6DuZVg

- In einem Park in Yogya, traf ich eine junge Dame mit außergewöhnlichen Haustieren. Sie führte ihre Zibetkatzen spazieren. Diese Raubkatzen, Familie der Schleichkatzen, sind wohl am ehestens mit dem uns bekannten Marder oder Wiesel vergleichbar. Die große Schleichkatze wurde an einem Halsband herumgeführt und durfte auch von mir gehoben und gestreichelt werden. Das Baby, vielleicht so groß wie eine Faust spielte in einem Pflanzentopf nebenan. Abgefahren.



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