#69 | Feier Feste wie sie fallen | 960. Reisetag

Der Bus raste über die wohl präparierte Piste nach Südosten. Ich war hervorragend präpariert und hatte wie jedes Mal, wenn ich an eine neue Destination anfahre öffentlichen Nahverkehr und ein paar günstige Gasthäuser recherchiert. So kämpfte ich mich durch die hart arbeitenden Männer die mir Taxi oder Motorradtaxi anboten direkt zum nächsten Bus-Gate. Vom großen Busbahnhof brachte mich dann ein kleiner Stadtbus in das Herz der historischen Stadt von Melakka. Melakka war einst das florierende Zentrum der Malaysischen Halbinsel und ein Hauptstützpunkt der Niederländischen Kolonialmacht. Von hier aus kontrollierten sie eine der wichtigsten Handelsrouten in Asien, die Straße von Malakka, die direkt nach Singapur und in den fernen Osten nach China, Korea & Japan führt, ohne die indonesischen Inseln umfahren zu müssen. Jede Kolonialmacht die was auf sich hielt (außer den Franzosen) hatte hier zumindest für eine Zeit Herrschaftsansprüche erhoben. Vor allem jedoch die Holländer. So beherbergt die Stadt viele historische Einrichtungen und erzählt eine überaus interessante Geschichte. Dies lockt natürlich Besucher aus aller Welt hier her und heute auch mich.

Melakka

Ich ließ die orangen Gebäude der Niederländischen Kolonie erst einmal hinter mir und lief durch das Zentrum der Stadt ein paar Minuten auswärts, um ein geeignetes Hostel zu finden. Und mein erster Versuch war direkt ein Treffer. Ich hatte Glück, denn von außen war das Gebäude als Hostel nicht wirklich zu erkennen, doch der Gastgeber war gerade an der Fassade zugange und ließ mich zu einem überraschend günstigen Preis einchecken. Im Hostel war nichts los. Nur ein weiter Gast, Alex aus Russland wohnte mit mir im Zimmer. Und Alex ist ein super Typ. Nach ein paar Minuten bereits waren wir in hitzige politische Diskussionen verwickelt und verbrachten bis spät in die Nacht im Austausch unserer Reiseerfahrungen bei Bier und Schweizer Käse. Später zogen auch noch zwei Deutsche Mädels ein, die hier für die kommende Woche als Volontäre im Hostel arbeiten werden. Die Lage des Hostels war perfekt, es war nur ein kurzer Fußmarsch in die Stadt und keine Minute entfernt war ein indisches Restaurant. Der Koch staunte nicht schlecht, als ich das letzte bisschen Hindi, was ich noch drauf hatte, herauskramte und meine Bestellung aufgab. So konnten wir uns schnell anfreunden und fast zu jeder Mahlzeit schaute ich bei ihm vorbei.

Später unternahm ich noch einen Spaziergang über einen historischen Chinesischen Friedhof. Die Gräber an sich sind für mich natürlich nichts Neues, jedoch war der Park sehr schön angelegt und bot eine kleine Pause von den Verkäufern und Touristen der Stadt. Obwohl eigentlich relativ wenig los war hier im Dorf. Es stecken wohl alle in den Vorbereitungen zum lunaren Neujahrsfest… Plötzlich, als ich gerade einen kleinen Pfad durch den Friedhofs-Park entlangwanderte, huschte eine dunkle Schlange nur ein paar Zentimeter von meinen Schuhen entfernt über eben jenen Pfad. Und es war keine Kleine! Total spannend! Nachdem ich die Situation beurteilt hatte, entschied ich der Schlange zu folgen. Wahnsinnig faszinierend die Bewegungen der Schlange und ihre Erscheinung. Wunderbare Tiere. Ich schätze mich sehr glücklich ein paar Momente mit ihr genossen haben zu dürfen und bin natürlich froh, dass ich sie mit meinem plötzlichen Auftauchen nicht so sehr erschreckt zu haben, dass sie auf Angriff schalten musste. Nettes Tier!


Dann galt es die Spuren der Geschichte zu entdecken. Im Nationalmuseum in Kuala Lumpur konnte ich bereits viel über Melakka erfahren und war gespannt diverse Zeugnisse davon selbst zu erkunden. Ich begann im sogenannten Jonker Walk, die Haupthandelsstraße der Kleinstadt. Hier wurden früher Waren aus aller Welt gesammelt und angeboten oder für die kolonialen Handelsflotten umgepackt. Und auch heute noch wandert viele Waren über jene Tische. Heute jedoch hauptsächlich Souvenirs und lokale Produkte für Touristen. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar Recherchen anzustellen was ich wohl Sukis Familie als kleine Aufmerksamkeit für das chinesische Neujahr mitbringen könnte, um es dann später in lokalen Märkten oder großen Supermärkten für einen Bruchteil des Preises zu erwerben.

Dann ging es ins UNESCO Weltkulturerbe; dem ehemaligen Zentrum der Stadt. Ich besuchte das Portugiesisches Fort, Holländische Handelskontore und diverse Kirchen und Moscheen. Jeder Herrscher hatte der Region seinen Stempel aufgedrückt und es gibt viele unterschiedliche Dinge zu erleben. Sogar ein asiatischer Jack Sparrow (Pirates of the Caribbean) spaziert als Fotomotiv durch die Gegend und erinnert an die Goldene Zeit der Piraten in Südostasien. Diverse zusätzliche Attraktionen für Besucher wurden über die vergangenen Jahrzehnte hier errichtet. Es gibt Tanztheater in Form eines Handelsschiffs und bunt dekorierte Fahrradrikschas mit Musikanlagen befördern Touristen lautstark durch das Areal. Doch gibt es auch einige abgelegene Ecken zu entdecken, wo man die Atmosphäre des 17. Jahrhunderts noch etwas nachvollziehen kann. Echt ein Besuch wert und sehr interessant. Doch man sollte sich schon etwas vorbereiten, beziehungsweise das Geld für eine gute Führung in die Hand nehmen. Denn die Geschichte um Melakka ist so viel umfangreicher als es scheint und viele Anekdoten sich durch das bloße Besuchen der einzelnen Bauwerke nicht erschließen lassen.

JB - Johor Bahru

Meine letzte Station in Malaysien war die Großstadt ganz im Osten des Landes. Die frühen Sultane des Landes flohen bei den Niederlagen gegen die Kolonialmächte hier her, an die Grenze zu Singapur. Nur einen Steinwurf von Singapur entfernt, wird es für mich ein Einfaches sein, in mein nächstes Land zu reisen. Singapur übrigens, war ein Teil von Malaysien, doch bald nach der Unabhängigkeit des Landes, entschied man sich für eine Abspaltung. Jedenfalls war auch Johor Bahru ein ehemaliges Königreich und eben zeitweise auch Regierungssitz der Malaysischen Sultane. Der Bus setzte mich an einem großen Busbahnhof ab von dem ich auch zwei Tage später für kleines Geld einen Bus bis ins Zentrum Singapurs nehmen konnte, perfekt. So zog ich auch in ein Hostel in der Nähe ein. Doch das Hostel gehört leider zu den weniger guten Etablissements, die ich auf meiner Reise besuchen durfte. Es war relativ teuer und voller Pendler die dies als Unterkunft für ihre Singapur-Aktivitäten nutzen. Da in Singapur die Mieten natürlich brachial teuer sind. Es war nicht besonders sauber und die klassische Hostel-Atmosphäre fehlte komplett. Lediglich ein Transvestit aus Thailand, die das Bett neben mir bezog, teilte ein paar Geschichten mit mir und war offen, witzig und respektvoll.

Ich zog natürlich auch meine Runden durch die Stadt. Es galt mit dem Kauf von ein paar Annehmlichkeiten für Sukis Familie in Hong Kong und dem cleveren Tausch von Singapur-Dollars, meine letzten Malaysischen Ringgit auszugeben. Ich hatte wieder hervorragend kalkuliert und konnte bis auf ein paar wenige Einheiten, sogar noch den Gegenwert meiner Chipkarte aus Kuala Lumpur bei Dunkin` Donuts einlösen. Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, tatsächlich Souvenirs und lokale Spezialitäten als Mitbringsel zu besorgen. Bisher war das nämlich keine Option und auch nicht Notwendig. Hätte ich doch an jedem bemerkens- und erinnerungs-werten Ort ein Souvenir gekauft, müsste ich mit zwei Rucksäcken reisen. Der wohl freundlichste Busfahrer der Welt brachte mich nach dem Shopping dann in das Stadtzentrum. Hier besuchte ich ein paar der alten Paläste, Moscheen und warf auch den Blick über den Kanal nach Singapur. Dann entschied ich auch mein Glück auf die Probe zu stellen und trotz der hohen Strafen zwei Schachtel Zigaretten nach Singapur zu bringen. Die 12 EUR pro Schachtel wollte ich mir ersparen. So packte ich mein Zeug, konnte bereits online in meinen Flug zwei Tage später nach Hong Kong einchecken und bestieg den Bus, der mich über die Grenze bringen sollte.


Singapur pur!

Mir lief der Arsch auf Grundeis! Ganze drei Mal wurde mein Rucksack an der Grenze gescannt und am Ende bat mich doch einer der Grenzkontrolleure diesen zu öffnen und fragte auch ob ich Raucher sei und Zigaretten mit mir führe. Die Drakonischen Strafen Singapurs dafür sind bekannt. Ich gestand, dass ich Raucher sei, jedoch verneinte ich den Besitz von Zigaretten. Und glücklicherweise fand er diese auch nicht. Doch war ich natürlich nervös wie Sau! Zum Glück hatte ich die Aluminiumfolie der Zigarettenschachtel entfernt und diese weit in den Untiefen meines Rucksacks verstaut. Glück gehabt. Dann fuhr der Bus in die Nähe des Stadtzentrums von wo aus ich zu meinem Hotel, direkt neben den Attraktionen der Stadt, an der Marina Bay, laufen konnte. Und hier betrat ich dann, nach dem Check-In an einem Automaten und einer Fahrstuhlfahrt ins 61. Stockwerk mein Luxus-Domizil für die kommenden zwei Nächte.

Ich hatte bei einer Informationsveranstaltung der Accor-Hotelgruppe in Hong Kong das Glück, einen Hotelgutschein für das 5-Sterne Hotel Swissotel – The Stamford, in Singapur zu gewinnen. Ein Executive-Zimmer für 2 Personen inklusive Frühstück. So bezog ich das Zimmer – leider alleine –, checkte, welche kostenfreie Produkte, wie zum Beispiel ein Nähset, ich für meine Weiterreise gut gebrauchen konnte und genoss diese krasse Steigerung in Komfort und Luxus. Leider war der Balkon meines Zimmers auf der „falschen“ Seite des Hotels und ich konnte keinen Blick auf die Postkartenmotive der Stadt werfen, aber wer will sich dabei schon beklagen, ich feierte mein Zimmer hart ab! Nach einer ausgiebigen Dusche und etwas Ruhe stieg ich dann in die Hotellobby hinab, wo bereits Giselle, eine Freundin aus Singapur auf mich wartete. Ich lernte Giselle relativ früh, zu Beginn meiner Reise in Meteora in Griechenland kennen. Dort verbrachten wir gemeinsam ein paar regnerische Tage im Hostel und eine Tageswanderung durch die Felsenlandschaften Meteoras. Nun, nach über 2 Jahren, treffen wir uns also in ihrer Heimat wieder. Wie cool ist das!


Unterwegs in der Piraten-Handels-Finanzmetropole

Giselle war nicht nur eine ausgezeichnete Führerin, sondern stattete mich freundlicher Weise auch noch mit einer lokalen Sim-Karte und Chipkarte für den ÖPNV aus. Wir liefen gemeinsam durch China-Town, sie zeigte mir wo ich relativ günstig an lokale Delikatessen komme und erklärte mir dies und jenes während wir koloniale Prachtbauten passierten. Ich hatte mal wieder den Zeitpunkt meiner Anwesenheit in Singapur perfekt, doch unfreiwillig, gewählt. Kurz vor dem Chinesischen Neujahr findet hier ein großes Lichterfest statt. An über 20 Standorten im Stadtzentrum sind diverse Kunst-Installationen und Shows installiert, die nach der Dämmerung ihre Faszination Preis geben. Fantastisch! Doch erst liefen wir ein paar weitere Attraktionen ab, schwelgten in Erinnerungen und lernten etwas über die Geschichte und Entwicklung des kleinen und einzigartigen Landes. Weltbekannt ist natürlich die Sauberkeit in der Stadt. Und das kann ich durchaus bestätigen. Auch die strengen Regeln in der Öffentlichkeit um diese Sauberkeit zu erhalten, werden tatsächlich penibel umgesetzt. Doch als Raucherdiskriminierend, wie ich es so oft hörte, finde ich es nun nicht. Es gibt immer wieder ausgewiesene Plätze für Raucher und ich für mich – als starker Raucher – war es eigentlich überhaupt kein Problem um ehrlich zu sein.

Dann startete schließlich das Lichterfest und wir sahen uns ein paar der imposanten Installationen und Shows an. Wahrlich beeindruckend wie viel Geld und Kreativität da hineingesteckt wurde. Klar, das Singapur Geld macht und hat, brauche ich hier nicht zu erklären. Wir konnten alles zu Fuß erkunden und liefen auch eine Runde um die Marina Bay, trafen die bekannten Herren auf ihren leuchtenden Fahrrädern, genossen öffentliche Konzerte und ließen uns auch ein Besuch im Marina Bay Sands Hotel nicht nehmen. An quasi einem Abend konnten wir alle gut besuchten und weltweit ruhmreichen Sehenswürdigkeiten ablaufen und ähnlich wie Dubai, ist es schon klasse zu sehen was moderne Ingenieurskunst und Architektur alles so auf die Beine stellen kann. Doch natürlich strotzt auch dieses Land vor Dekadenz und Verlust ihrer kulturellen Schätze der Vergangenheit. So fühlte ich es leider. Auf jeden Fall einen Besuch wert, aber man kann an einem Tag die Stadt erleben und erfahren. Viel mehr gibt das Stadtzentrum nicht her. Am kommendem Morgen genoss ich das natürlich weitreichende Angebot des Hotelfrühstücks, erkundete einen historischen Park voller Geschichten aus der Kolonialzeit und der Japanischen Besetzung, besuchte ein Museum und nahm schließlich die Metro.


Ich traf Giselle in einer Siedlung am Stadtrand. So hatte ich auch die Chance ein bisschen vom Leben der hiesigen Bewohner kennen zu lernen. Sie erklärte mir wie das Thema Wohnen gehandhabt wird und wie das tägliche Leben in Singapur so funktioniert. Sehr interessant und ich bin glücklich, Giselle an meiner Seite zu haben. Wir besuchten dann einen Essens-Markt und Giselle wählte ein paar besondere Gerichte für uns aus. Witzig war, dass ich doch schon viele der ausgefallenen Gerichte Asiens bereits versuchen durfte und es fast schwer fiel ein neues, spezielles Gericht für mich zu finden, doch als sie mir dann Stachelrochen auftischte, war ich hellauf begeistert. Rochen durfte ich noch nicht probieren und abgesehen von der viel zu scharfen Marinade, schmeckte er auch ausgezeichnet! Dann ließ ich Giselle wieder ihrem Alltag nachgehen und stattete dem Garden-by-the-bay, einer künstlich angelegten Parkanlage einen Besuch ab. Eine weitere berühmte Attraktion des Landes. Ein botanischer Garten, kombiniert mit ausgefallenen, begehbaren und architektonisch ausgefallenen Einheiten, die ihr sicher bereits selbst, oder aus diversen Medien bereits kennt. Der Park ist überaus schön angelegt, doch er fühlt sich auch sehr künstlich an… So befindet er sich auch auf einer Landaufschüttung, also einer künstlich angelegten Insel.

Auf dem Fußmarsch von den Gärten zurück zu meinem Hotel, konnte ich noch einige öffentliche Shows und Aufführungen erleben, bevor ich auf der schwimmenden Eventplattform in der Marina Bay noch die Laternen-Skulpturen Ausstellung und diverse Bühnenshows verschiedener lokaler Clubs und Vereinen begeistert verfolgen durfte. Dann ging es jedoch zurück für die letzte Nacht in Singapur und damit auch im Luxushotel. Am nächsten Morgen ging bereits mein Flug zurück nach Hong Kong um dort das chinesische Neujahr zu verbringen. So traf ich Giselle am Flughafen wieder, der ja eine Attraktion für sich ist und seit Jahren zum besten Flughafen der Welt gekürt wird, überreichte ihr die Sim- & Metro-Karte und musste mich dann bald auch von ihr verabschieden. Während ich so durch die faszinierende Welt der wohl ausgestatteten und unterhaltsamen Terminals des Flughafens schlenderte zog ich mein Fazit: Singapur ist ein Erlebnis wert. Für zwei Nächte auf jeden Fall lohnenswert und interessant. Es ist nett. Aber alles darüber hinaus wäre zu viel versprochen. Wer an Kultur, Geschichte und Natur interessiert ist, kommt hier weniger auf die Kosten als jene, die mit großem Budget in Luxus, Casinos, künstlichen Attraktionen, moderner Hochkultur und Party eintauchen möchten. So verließ ich also einer der teuersten Städte der Welt, und mit Hilfe von Hotelgutscheinen und Giselle, ohne wirklich viel Geld dort gelassen zu haben. Es war für mich sogar spottbillig um ehrlich zu sein…


Ein (vorerst) letzter Besuch in Hong Kong

Dank meines intelligenten Hong Kong Personalausweis, war ich fix wieder im Hoheitsgebiet der Sonders-Zone Chinas eingereist. Auf der anderen Seite wartete bereits Suki mit frischen Klamotten auf mich. Denn noch vom Flughafen aus, ging es zum ersten Familientreffen im Zuge des lunaren Neujahrfestes. So schwang ich mich auf der Flughafentoilette in neue Gewänder und wir fuhren mit dem Bus zu Sukis Tante. Hier erwartete uns ein großes Familiendinner und es war wie immer reichlich Speis und Trank vorbereitet. Da ich in der Nacht zuvor eine ordentliche Mütze Schlaf bekommen konnte, entschieden Suki und ich noch nach dem Essen zum Victoria Park Island zu fahren, um dort den alljährlichen Markt zum chinesischen Neujahr zu besuchen. Tony, Sukis Vater, erklärte sich freundlicherweise bereit, meinen mächtigen und schweren Rucksack zu sich zu nehmen, denn während dieses Aufenthaltes in Hong Kong, werde ich bei Sukis Familie einziehen. Eine so gastfreundliche und herzliche Familie! Ich bin außerordentlich glücklich und fühle mich im Sze-Clan einfach nur wohl! Auch wenn augenscheinlich enorme Verständnissprobleme existieren, fühle ich mich herzlich aufgenommen und wir finden immer einen Weg zu kommunizieren. Sympathie schlägt Sprache!

So trennten wir uns irgendwann auf dem Weg von Sukis Eltern und wir setzten über den Hafen von Victoria. Der Neujahrsmarkt ist ein Nachtmarkt und obwohl es bereits 2:00 Uhr morgens war, war es immer noch gerammelt voll. Also wirklich voll. So überfüllt war es für mich hier in Hong Kong noch zu keiner Zeit. Der beliebte Markt bietet den Anwohnern noch einmal die Gelegenheit sich mit Pflanzen und Blumen einzudecken. Jede Pflanze bzw. Blume hat eine tiefere spirituelle Bedeutung und je nachdem was man sich für das kommende Jahr wünscht, sollte man sich den entsprechenden Strauch zulegen und zuhause ausstellen. Doch gibt es auch jede Menge anderen Krimskrams zu kaufen. Vor allem Schüler- & Studentengruppen verkaufen Schabernack zum Thema des Neujahrs. Da das kommende Jahr das Jahr des Schweins wird, gibt es allerlei Zeug mit Schweinsmotiven. Ähnlich zu Weihnachtsmärkten in Deutschland finanzieren die Jugendgruppen damit irgendwelche Ausflüge oder nutzen den Stand um Unternehmensgründung, -abläufe, Betriebswirtschaft und Verkauf zu üben. Lange hielt ich es dort leider nicht aus, denn es war einfach viel zu viel los. Doch den übermütigen jungen Menschen beim Verkauf der verrücktesten Produkte zuzusehen, hatte durchaus seine Unterhaltung.

CNY - Das Chinesische Neujahrsfest

Nach einer Nacht auf dem Fußboden drückte mir Suki am nächsten Tag eine Liste mit kantonesischen Neujahrsgrüßen und –wünschen in die Hand. Es ist Brauch, dass man sich gegenseitig diverse Formulierungen wünscht und auch ich möchte hier natürlich nicht nur beobachtend an der Seite stehen, sondern voll mitmachen. Es fiel mir natürlich schwer die Kombinationen aus ungeübten Geräuschen im Kopf zu behalten, doch schon bei der nächsten Familienzusammenkunft ging es ans Eingemachte. Es ist bereits das zweite Chinesische Neujahr, welches ich auf meiner Reise miterleben darf. Letztes Jahr bei einer Familie in Vietnam und dieses Jahr mit Sukis Familie. Das Fest spielt überall in Fernost eine große Rolle. Viele verschiedene Nationen feiern es, mit ebenso so unterschiedlichen Traditionen. Mal gibt es Überschneidungen, mal ganz besondere Bräuche. Das Chinesische Neujahr orientiert sich am Mondkalender und hat seine Ursprünge in der alten chinesischen Mythologie. Ich werde hier nur von ein paar Bräuchen, Ritualen und Festivals wie sie in Hong Kong gefeiert werden, berichten. An jenem Tag ging es zu Sukis Großmutter in einer der älteren, für Hong Kong Verhältnisse fast schon historischen, öffentlichen Wohnhäusern.

Das Hochhaus beherbergt hunderte von Wohnungen und ist in Quadraten angeordnet. So erhält jede Wohnung Licht durch eine Außenseite und hat auch den Zugang zum Innenhof. Gerade dieser ist faszinierend, da er einen wahnsinnigen Blick auf die Massen an Wohnungen und Stockwerken preisgibt. Bei Oma gab es dann erst einmal wieder ein großes gemeinsames und traditionelles Essen. Onkels und Enkels trafen ein und es wurde sich lautstark unterhalten, dass leckere Essen vertilgt und miteinander gescherzt…und der Fernseher als zentrales Element lief stetig mit. Was läuft ist eigentlich egal. Hauptsache er ist an. Selbst wenn sich 15 Leute in eine 35 Quadratmeter Wohnung pressen. Verrückt! Nach dem Essen kommt dann der offizielle Teil. Es werden kleine Geschenke an den Gastgeber überreicht und die Jungen Mitglieder der Gruppe, sagen fleißig ihr Sprüchlein auf. Diverse Glückwünsche für Schönheit, Reichtum, Gesundheit, Jugend, Wohlstand und Erfolg werden an die Älteren Damen und Herren in blumenhaften Beschreibungen übermittelt. Sind diese zufrieden mit dem was sie hören, übergeben sie rote Umschläge mit Bargeld. So durfte auch ich meine Glückwünsche an Opa, Oma, Tanten, Onkel, Schwester, Schwager etc. aufsagen und sogar ich als Gast erhielt massenweise rote Umschläge. Da fühlte ich mich natürlich schon unwohl… Ich kann doch nicht so einfach Geld annehmen nur, weil ich Glückwünsche ausspreche… damit kommt mein Deutscher Kopf nicht klar! Aber als Schwabe, Gast und aus Respekt gegenüber der Tradition, nahm ich es dann doch entgegen.

Die Frage ab wann man eigentlich vom Empfänger der roten Umschläge zum Geber wird, konnte mir nicht vollständig beantwortet werden. Oft spiel die Hochzeit eine große Rolle dabei zu entscheiden, wann man zum festen und etablierten Teil der Gesellschaft gehört. Aber auch Menschen im mittleren Alter, die nie verheiratet waren, können zu Gebern werden. Dann geben auch sie der Jugend, den Kindern und jungen Erwachsenen mit Hilfe der Roten Umschläge etwas Taschengeld. Nach der Familienzusammenkunft machten sich dann Suki und ich auf den Weg zur großen Neujahrsparade. Wir waren etwas früh dran und konnten so auch einen der wenigen Plätze ergattern, an dem man formidable Sicht auf die Parade bekommt. Diese ist sehr beliebt und wohl die größte Herausforderung für lokale Veranstaltungskoordinatoren. Millionen von Gäste, hunderte gesperrte Straßen und dutzende von Gruppen mit hunderten von Akteuren sind sicher nicht einfach zu handhaben. Es wurde dann schnell auch richtig eng und das Gedränge ging los. Doch wir waren mit unserem Platz ganz zufrieden. Blöderweise war es die Tage etwas wärmer als in der Jahreszeit üblich, doch wir kamen zurecht. Die Parade ist in zwei Teile aufgeteilt. Zuerst zeigen sich diverse lokale Clubs, Vereine und Einrichtungen, danach dann der Hauptteil mit Shows und Aktionen aus aller Welt. Von Brasilien über Afrika, China bis Spanien, aber natürlich auch aus Hong Kong, waren diverse professionelle Gruppen unterwegs. Die Sponsoren mit ihren großen Paradewagen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Alles zur Begrüßung des neuen Jahres: Das Jahr des Schweins.


An einem anderen Abend verfolgten Suki und ich das große Neujahrsfeuerwerk. Doch blieben wir den Massen fern und suchten uns ein Plätzchen mit guter Sicht, jedoch etwas außerhalb des Spektakel. So besuchte ich den ehemaligen Flughafen, Kai Tak, deren Landebahn weit in den Viktoria-Hafen reicht und fußläufig von unserem Wohnort Kwun Tong entfernt ist. Heute ist hier ein neuer, großer Fährhafen für die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt situiert. Ein paar andere Leute hatten sich den Ort für das Feuerwerk auch ausgesucht aber Gedränge fanden wir zum Glück keines vor. Ein junger Hong Konger stellte neben uns sein Handy mit massenweise Zubehör auf und installierte wohl einen Live-Stream, vor allem für Chinesen im Hauptland. Es war spannend ihn bei seinen Kommentaren zu folgen. Ganze 3000 Leute schienen ihm wohl bei diesem Live-Stream zu folgen und kommentieren. Ein Blogger schätze ich. Das Feuerwerk war einmal wieder total übertrieben und spektakulär! Eine weitere Tradition zum Chinesischen Neujahr ist das große Pferderennen. Durch seine koloniale Geschichte, gehört Pferderennen fest zur Kultur der hiesigen Bevölkerung. Zwei Mal in der Woche finden auf zwei verschiedenen Rennbahnen internationale Wettkämpfe statt. Wer nur ein bisschen recherchiert, findet schnell heraus welche dramatischen Konsequenzen dieser Sport für die armen Tiere hat. Ich möchte hier also nicht zur Unterstützung aufrufen. Macht euch ein Bild und entscheide selbst.


In den ersten Tagen des Neujahrs ist das „Glückskonto“ jedes Einzelnen voll „aufgeladen“. Es sollen also, laut chinesischer Mythologie, die glücklichsten Tage des Jahres sein. So findet auf der großen Pferderennbahn ein öffentliches, großes Rennen statt. Suki und ich stoppten auf dem Weg zu einem Familienfest dort und schauten uns auch eines der Rennen an. Schon beeindruckend, wenn auch nicht gerade tierfreundlich. Von dort aus ging es dann noch in ein Dorf außerhalb der Großstadt, welches an jenen Tagen aus allen Nähten platzt. In jenem Dorf befindet sich ein Tempel, welcher auch einen ganz besonderen Baum beherbergt. Dieser soll laut Tradition Wünsche erfüllen. So findet hier im Neujahr ein großer Markt und Festival statt. Tausende von Menschen befestigen ihre Wünsche mit einem Faden an Zitrusfrüchte und werfen diese auf die Äste des Baumes. Bleibt das Bündel hängen, so stehen die Chancen sehr hoch, dass die Wünsche in Erfüllung gehen. Da vor einigen Jahrzehnten der Baum einen Ast verlor, da das Gewicht der Wünsche zu hoch war, wird heute symbolisch ein künstlicher Baum dafür genutzt. Auch werden keine echten Früchte mehr geworfen, sondern Platzhalter aus Kunststoff. So wird der Verschwendung vorgebeugt und etwas nachhaltiger gedacht, das freut mich. Doch auch hier war es eindeutig zu voll. Es scheint, dass jede hiesige Familie sich die Möglichkeit alle Wünsche in Erfüllung zu bringen, nicht entgehen lassen will.


Familienfreuden

Ich verbrachte viel Zeit mit Sukis Familie. Etliche gemeinsame Mahlzeiten, Übergaben von Geschenken, Glückwünschen und roten Umschlägen. Selbst Sukis frisch verheiratete Schwester Pamela und ihr Mann Kevin überreichten uns diese Aufmerksamkeit. Aber auch ganz alltägliche Dinge konnte ich wieder erfahren. So lehrten uns Sukis Eltern wie man traditionellen Karotten-Reis-Kuchen zubereitet, wir gingen gemeinsam einkaufen, recherchierten für die Anschaffung einer neuen Waschmaschine und spielten gemeinsam Lotto. Auch wir stellten also unser Glück auf die Probe. Erfolglos für alle vier von uns natürlich. Was auch sehr interessant war, war das auch die Nachbarn vorbeischauten und frohes Neujahr wünschten. Eine jedoch, durfte die Wohnung nicht betreten, da ihr Vater vor kurzem gestorben und noch nicht beerdigt wurde. Somit trägt sie das Unheil mit sich und darf fremde Wohnungen damit nicht benetzen…krass.

Wir besuchten natürlich auch Sukis beste Freundinnen und deren Familie. So konnte ich noch ein letztes Mal meinen kleinen Freund Pakiyu treffen. Nachdem auch hier rote Umschläge verteilt wurden, gemeinsam gegessen wurde, spielte ich mit Pakiyu, während die Damen der Runde dem Mahjong frönten. Ich habe das Spiel immer noch nicht ganz durchschaut und meine Faszination dafür nimmt auch nicht ab. So krass wie schnell und wirr das mir erscheint. Auch bei Peter und Joey, meinen ehemaligen Mitbewohnern aus dem „Slum“ schauten wir nochmal vorbei und genossen ein gemeinsames Essen. So verabschiedete ich mich auch von ihnen. Denn vorerst werde ich nicht mehr nach Hong Kong kommen. Das Bargeld, welches ich durch Suki von ihren Verwandten und Freunden erhalten habe – und in Summe echt einen ordentlichen Betrag zusammenbrachte – übergab ich am Ende übrigens an Suki. Ich fühlte mich schlecht dabei, mich durch jene Tradition die von unserer so fremd ist zu bereichern. So nutzten wir das Geld um Suki zu ermöglichen mich in meinem nächsten Reiseland, Indonesien, zu besuchen. So habe ich doch auch etwas davon. Win-Win!

Ein letztes Abenteuer in Hong Kong

Suki und brachen noch ein letztes Mal zu einer Wanderung und Zelten in einem der Naturparks in Hong Kong auf. Wir wollten das Gebirge zwischen zwei Städtchen überqueren und hatten uns top vorbereitet. Als wir jedoch den Aufstieg geschafft hatten, zogen die Wolken zu und es begann auch etwas zu nieseln. Da die Wege hier sehr steil und auch schnell schlammig und rutschig werden können, entschieden wir uns dazu bereits deutlich früher unser Nachtlager aufzuschlagen. Ein offizieller Campingplatz kam da genau richtig. Zwar hatten wir keine Sicht, die von hier sicher atemberaubend gewesen wäre, aber wir konnten Holz sammeln und für unser Abendessen ein Feuer entfachen. In der Nacht brach dann heftiger Regen über uns herein. Gemütlich im trockenen Zelt, tat uns dies aber keinen Abbruch. Lediglich am nächsten Morgen, bei leichtem Nieselregen, musste ich all mein Know-How und Geschickt einsetzen um ein wärmendes Feuer neben unserem Zelt entfachen zu können. Doch ich war zum Staunen passierender Wanderer dazu in der Lage und so konnten wir in Ruhe frühstücken. Wir entschieden uns dann aufgrund des Wetters, denselben Weg wieder hinab zu steigen und es gut sein zu lassen. Wir kämpften uns den schlammigen Weg durch die dichten Wolken hinab, wurden ordentlich dreckig, nass und erreichten aber gesund und munter wieder die Zivilisation. Obwohl total anders als geplant, ein wirklich schönes, abenteuerliches letztes Abenteuer in dem Land, welches mich gut aufgenommen, viel gelehrt und mit überraschend positiven Gefühlen nun weiterziehen lässt.


In Sukis Wohnhaus, putzen und trockneten wir unsere Campingausrüstung im 21 Stockwerke tiefen Treppenhaus und ich begann auch sofort meine Sachen zu packen. Die nächste Etappe meiner Reise wartet auf mich. Für mich geht es in den Süden. Mein erstes Land südlich des Äquators um genau zu sein. An dieser Stelle danke ich auch allen Freunden, die mich bei meinem Kauf einer neuen Unterwasser-Action-Kamera unterstütz haben. 15% der Kosten für meine Neuanschaffung habt ihr beigesteuert! Herzlichen Dank dafür!!!

 

Nun galt es also mich von Sukis Familie zu verabschieden und Hong Kong auf unbestimmte Zeit Lebewohl zu sagen. Suki brachte mich früh morgens zum Flughafen, denn auch sie werde ich in den kommenden Wochen nicht wiedersehen. Wie es mir in Indonesien ergehen wird, erfährst du voraussichtlich bereits in zwei Wochen! Ich freue mich, wenn du wieder mit dabei bist! Liebe Grüße, dein Schilli!


Funfacts

- Der Eincheck-Automat im 5-Sterne Hotel in Singapur bekam es einfach nicht auf die Kette. Ständig wollte er mir die Nationalität „Chad“ zuweisen. Interessant, aber leider falsch.

- Erstes Frühstück im Hotel. Mega Vorfreude. Doch leider auch eine krasse Warteschlange am Eingang. Ein Bediensteter kam zu uns und bat uns ihm zu folgen. Er führte uns zu einem Alternativrestaurant. Gleiches Essen aber keine Wartezeit. Los geht die Schlemmerei!

- Bei der Parade in Hong Kong standen wir neben einer Familie, deren Tochter bei einer Show mitwirkt. Und die gerieten total in Rage als sie feststellen mussten, dass ihre Tochter an der anderen Seit der Straße performt und sie keine Bilder oder Videos schießen können. 

- Suki hat mir die Haare geschnitten. Mit Maschine und Schere! Es dauerte zwar über zwei Stunden, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen und fühlt sich super an!

- Sehr lieb gemeint. Sukis Onkel und auch eine Nachbarin brachten Klamotten vorbei, die ich auf meine Reise mitnehmen kann… Wie soll ich das bitte transportieren? Weniger ist manchmal mehr…

- Bei einem Familientreffen reichte man mir ein rotes Getränk. Zwiebel-Schnaps! Und ganz ehrlich: So schlecht schmeckt das ja gar nicht!

- Es vergeht kaum eine Woche ohne kleines Weh-Wehchen. So rammte ich meinen Daumen beim Weißkarroten-Raspeln ordentlich ins Messer. Ich bin so tollpatschig…



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