#65 | Überraschungen in Taiwan | 886. Reisetag

Obwohl es noch vor 7 Uhr morgens war, kannte uns bereits das ganze Dorf. „Grüne Bohne“ klopfte bei uns an und wir waren schon bereit zu seiner Schwester aufzubrechen. Sie hat ein paar Straßen nebenan ein kleines Restaurant, bei welchem wir zum Frühstück geladen waren. Freundlich wurden wir von der Nachbarschaft auf dem Weg dorthin im kleinen Dorf nahe des Taroko Nationalparks begrüßt und wir schienen doch auch eine kleine Attraktion zu sein. Es ist immer wieder faszinierend wie die, die am wenigsten haben, doch das Meiste geben und überaus großzügig sind. Geld wollten sie für das Frühstück zum Beispiel nicht annehmen und „Grüne Bohne“ bat quasi darum uns zum Eingang des Nationalparks fahren zu dürfen. Ein total toller Typ!

Taroko Nationalpark

Zu unserer Überraschung und zur Freude aller, war es ein klarer und sonniger Morgen in der Provinz Hualien. Wir hatten also große Pläne für die Erkundung des Nationalparks und freuten uns auch auf die erste Nacht im Zelt. Am Touristeninformationszentrum angekommen, stellten wir leider fest, dass heute ja Wahltag ist in Taiwan und das Zentrum, sowie die Möglichkeit unser Gepäck während unserer Wanderungen unter zu stellen, leider geschlossen war. Es blieb uns also nichts Andres übrig als mit schwerem Gepäck loszuziehen. Doch wir waren top motiviert und stiefelten los. Taroko ist der Name einer gigantischen Schlucht, die sich bis hinein ins große Zentralmassiv des Landes frisst. Bis hin zu den Berggipfeln weit über 3.000 Metern. Es gibt viele Seitenstränge der Schlucht zu erforschen und Flora sowie Fauna zu entdecken. Suki und ich beschlossen erst einmal einen beliebteren und gut präparierten Wanderweg zu nehmen.

Trotz Gepäck flogen wir quasi an den geführten Wandergruppen vorbei und waren schnell ganz für uns alleine. Es ist eine wunderschöne Gegend und die Flüsse haben grandiose Formen in die Berge gefressen beziehungsweise sind noch immer dabei dies zu tun. Kristallklares Wasser schießt e mit immenser Kraft die Schlucht hinab, während die hunderte Meter hohen Felswände links und rechts über einem thronen. Hin und wieder geht es durch natürliche oder von Menschenhand geschaffene Höhlen und Vorsprünge. Ein brutal Spaßiger Marsch am frühen Morgen. Je weiter wir uns in die Schlucht begaben umso häufiger trafen wir auf Warnschilder die von Springflut, Gerölllawinen, giftigen Hornissen, Schlangen, Spinnen und Steilhängen warnten. Es wurde also Schritt für Schritt abenteuerlicher! Als wir dann so 8-9 Kilometer in der Schlucht waren entschieden wir uns dazu einen kleinen Seiten Trail über einen der Berge in die nebenliegende Schlucht zu nehmen. Ein Paar aus Kanada und eine Chinesin folgten uns erst, drehten dann aber bald um, um den gleichen Weg zurück zu nehmen. Der Trail führte uns direkt in den dichten Dschungel, steil den Berg hinauf. Alleine.

Es war sehr anstrengend! Suki und ich kämpften uns die Stufen hinauf und nahmen zum Teil Lianen als Kletterhilfen. Ein wahrer Kraftakt mit dem vollen Gepäck. Das Gute dabei ist jedoch, dass wir für jeden Ernstfall gewappnet waren. Sollten wir also festsitzen, oder an Kraft und Konzentration verlieren, so können wir einfach unser Lager aufschlagen. Irgendwann erreichten wir dann auch den höchsten Punkt unserer Tour. Auf ca. 1.500-1.800m konnten wir einen Blick über Teile des Nationalparks ergattern. Jedoch nur mäßig, denn wie wir zu unserem Erschrecken erspähen konnten, sind tiefdunkle Gewitterwolken auf dem Weg zu uns. Und das nicht zu langsam! Deswegen verschwendeten wir keine Zeit und ignorierten die Schmerzen des Aufstiegs um noch möglichst viel Strecke zu machen bevor der Regen eintritt. Es war bereits im Trockenen sehr anspruchsvolles Terrain und rutschig!

Kaum eine halbe Stunde später brach es dann über uns herein. Zu Beginn schützten uns noch die Pflanzen des Regenwaldes, doch bald schon war unser Weg eine teils steil abfallende braune Soße. Es ward also äußerste Vorsicht geboten. Doch wir hatten ein Ziel im Blick. Laut Karte soll demnächst ein kleines Bergdorf einer der ethnischen Minderheiten in Taiwan zu finden sein und da wir keine Ahnung hatten wie sich das Wetter verhalten wird, wollten wir dieses so schnell wie möglich erreichen. Wir versuchten also die Motivation hoch zu halten und ohne zu bummeln das Dorf zu erreichen. Zwei bis drei Geröllfelder später passierten wir dann auch endlich ein bewirtschaftetes Feld und erspähten die steinernen Hütten. Wir fanden im Vordach einer leerstehenden, aber abgeschlossenen Hütte, einen ausgezeichneten Platz um zu Rasten. Eine andere Gruppe Taiwanesischer Wanderer hatte hier seine Rast gerade beendet und zog nach ein paar Minuten ab. Trotz heftigem Regen. Suki und ich ließen uns erst einmal nieder, zogen etwas Warmes an und zauberten mit der Campingküche ein heißes Mittagessen. Das war mehr als überfällig und notwendig!

Wir taten gut daran die Pause in die Länge zu ziehen um Motivation zu gewinnen. Denn irgendwann ließ der Regen nach und wir konnten uns weiter auf den Weg machen. Trotz Wolken konnten wir ein paar hervorragende Aussichten ergattern und der Weg hinunter ins Tal wurde auch mit jedem Kilometer besser präpariert. Ein paar herausfordernde und glitschige Kletterpassagen galt es aber weiterhin abzukraxeln. An einer jener Stellen trafen wir auf eine Familie – wohl Bewohner des Bergdorfes – die Barfuß und teils mit einer 40-50kg Gasflache auf dem Rücken den Berg hinauf stapften. Und die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Brutale Menschen! Selbst die Kinder kletterten ohne Schuhe den Berg hinauf. Respekt! Irgendwann erreichten wir die metallenen Treppen, die uns direkt bis zum Informationszentrum bringen werden. Das war auch gut so, denn es wurde langsam dunkel und es nieselte weiterhin.

Doch war mir gleich klar, dass es noch ein gutes Stück ist. Tausende dieser Stufen müssen vor uns liegen, denn wir hatten noch gut 600 Höhenmeter abwärts vor uns. Und so war es dann auch. Zwar war es gut gesichert, jedoch benötigte der Abstieg auf den eintönigen Stufen große Konzentration. Stolpern wäre hier echt unangebracht und gefährlich. Zwar kaputt und durchnässt, jedoch gesund und voll funktionsfähig kamen wir dann am Tagesziel an. Das war doch eine heftigere Etappe als erwartet. Gute 19 Kilometer und ca. 1.300-1.500 Höhenmeter haben wir heute weggeknuspert! Als ich Suki dann eröffnete, dass ich am Plan das Zelt aufzuschlagen weiterhin festhalte (es gibt eine kostenfreie und ausgewiesene Campingfläche um die Ecke), traf ich nur auf fassungslos hereinblickende Augen und die Frage ob ich nun völlig verrückt sei. Für Suki war es die erste, richtig anspruchsvolle Wanderung bei miserablen Wetterbedingungen und da kann ich es ihr auch nicht übelnehmen, dass nach jenem Tag der Drang nach Abenteuer und Rustikalität auf einem Negativniveau liegt. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und so entschlossen wir gemeinsam es gut sein zu lassen und den Bus in die Stadt Hualien zu nehmen. Outdooraktivitäten bei „schlechtem“ Wetter, sind leider nicht jedermanns-/frau Sache. Es war auch ein heftiger Tag!

Hualien

Hualien ist eine quirlige Kleinstadt an der Ostküste. In der Dunkelheit klopften wir bei zwei Hotels an und bekamen dann schließlich auch ein richtig geiles Hotelzimmer zum Hostelpreis! Ausreichend Platz und Balkon um unsere ganzen Sachen zu trocknen und ein Badezimmer, in dem man sogar tanzen könnte. So kamen wir von der ungemütlichen Natur direkt in eine außerordentlich ansprechende Komfortzone. So verbrachten wir doch länger in Hualien als gedacht und nutzten die Chance um mehr Regenausrüstung zu besorgen und über die vielen kleinen Attraktionen der Stadt zu laufen. Eine ehemalige Kaserne die als Kunstzentrum wiederbelebt wurde sowohl als auch der riesige Nachtmarkt brachten ausreichend Unterhaltungsmöglichkeiten für uns mit. Doch bald schon brachte der Wind weitere Regenwolken vom Pazifik nach Thailand und wir entschieden uns weiter in den Süden zu ziehen in der Hoffnung dem Regen ausweichen zu können.


Mit dem Linienbus fuhren wir aus der Stadt heraus zu einer Brücke die auf eine Halbinsel führt. Hier freuten wir uns sehr, dass nach keinen vier Minuten eine alte BMW Limousine für uns anhielt der Fahrer uns hereinwinkte. Damit war das Auto dann auch voll. Drei Herren, die gerade unterwegs auf eine Baustelle waren um dort ihre Tätigkeit nachzugehen saßen bereits darin. Eine lustige Truppe. Der Fahrer erzählt viel und gerne über sein Leben und seine Halbinsel. Er erzählte von den Verschlägen und Geheimdörfern die seine Vorfahren hier während der japanischen Besatzung errichteten und sich erfolgreich von den Japanern verstecken konnten. Wild gestikulierte er mit seinen Armen, wenn er erzählte und drückte auch ordentlich auf die Tube. Doch relativ sicher und schnell kamen wir vorwärts. Auch stoppte an der ein oder anderen fotogenen Stelle und schien sich sehr zu freuen uns dabei zu haben. Irgendwann schrie er in sein Telefon und Suki erklärte mir, dass einer seiner Arbeiter gerade den falschen Treibstoff in eine Maschine getankt hatte und das Ding jetzt grundgereinigt werden müsse. Alltagsprobleme eben.

Wir hielten unter anderem an dem Nördlichen Sonnenwendekreis. Hier steht ein großes Monument. Der nördliche Wendekreis beschreibt den nördlichsten Breitengrad an dem die Sonne es schafft im Zenit (also direkt darüber) zu stehen. Dieser Wendekreis zieht sich auf etwa der halben Höhe durch Taiwan und teilt das Klima in tropisch und subtropisch. Dies und die spezielle Topographie des Landes (gigantische Berge, Insel, Flächen…) sorgen für diverse Ökosysteme und auch dafür, dass Taiwan überdurchschnittlich viele Arten von Flora und Fauna aufweisen kann. Ein großer Spielplatz für Botaniker sozusagen! Mit diesem Monument waren wir dann auch in der Provinz Taitung angekommen.

Seedrache

Als nächstes nahm uns ein junger Mann mit, der gerade selbst auf Entdeckungsreise ist. Wie auch wir hat er vor seine Insel zu umrunden. Jedoch hat er nur drei Tage Zeit dafür, dann ruft seine Arbeit in Taipei wieder. Er fuhr mit uns die Küste entlang und stoppte auch um ein paar attraktive Ort mit uns zu besuchen. Unser gemeinsames Ziel und Ende unserer gemeinsamen Zeit war dann aber die Insel Sanxiantai. Dieses kleine Eiland liegt nahe der Küste und wurde mit einer Fußgängerbrücke in Form eines Seedrachens mit dem Festland verbunden. Der Legende nach haben drei Heilige diese Insel bewohnt und die riesigen Felsen erinnern daran. Die acht Bögen der Brücke, die Korallen direkt am Ufer und die stürmischen Wellen bieten ein atemberaubendes Fotomotiv und ein noch viel schöneres Live-Erlebnis. Die Wellen bersten am Korallenriff oder zerschellen an den Felsen der Insel, sodass enorme Wasserfontänen in die Höhe schießen. Sehr beeindruckend.

Natürlich tollten wir auch auf der Insel umher. Wir verließen den wohl präparierten Pfad und kletterten über die Felsen, bis uns die Gischt ins Gesicht schoss. Total faszinierend! Teilweise bildeten sich Strudel in den kleinen Buchten der Insel, so stark war der Wellengang. Wir kletterten hinauf bis zu einem Leuchtturm und genossen diese wirklich wunderschöne Insel. Hier oben waren wir für uns, während auf der acht-bogigen Drachenbrücke Touristenbusse immer mehr Besucher ankarrten. Zurück an der Straße brachte uns ein nettes Paar bis hin zum kleinen Dorf Dulan. Dulan ist noch ein Geheimtipp unter Surfern und hier trafen wir auch auf den klassischen Rucksacktouristen Flair. Das Dorf bietet nicht viel außer ein paar Restaurants, Hostels und einer ehemaligen Zuckerfabrik, die heute als Café und Kunstzentrum dient. Alles lief hier etwas entspannter und man sah immer wieder Surfer aus aller Welt ihre Boards durch die Gegend tragen.


Wir besuchten einen ehemaligen Bauernhof, bei welchem man ein seltenes Naturphänomen beobachten kann. Wie überall in Asien, ziehen kleine Kanäle zur Versorgung der Felder durch das Areal. Einer dieser Kanäle liegt so geschickt, dass durch die Lage der Umgebung und die einzigartigen Steigungen bzw. Senkungen der Eindruck entsteht, das Wasser würde bergauf fließen. Ein lustiges Spektakel für denjenigen, der sich darauf einlässt diese optische Täuschung zuzulassen. Witzig, jedoch nicht überwältigend. Über unsere Recherchen fanden wir heraus, dass wohl das Polizeirevier der statt sehr offen gegenüber Campern sei und so klopften wir dort an und fragten nach. Tatsächlich, im Garten der Polizei stehen Überdächer, Grillstellen, Frischwasser und Toiletten für Reisende mit dem Zelt parat. Kostenfrei und überaus gut organisiert. So schlugen wir zum ersten Mal in Taiwan also unser Zelt auf und saßen noch am Abend mit Brad, einem Amerikaner der in Taipei arbeitete und nun auch auf Inseltour ist, bei einem Tee zusammen. Also was das betrifft kann Taiwan Vorbild für viele andere Länder sein. Touristenfreundlich in jeder Hinsicht!


Taitung

Die erste Nacht im Zelt lief wunderbar und ich stahl mich sehr früh aus dem Schlafsack um im Markt nebenan ein paar kleine Frühstücksüberraschungen für Suki zu besorgen. Sie feiert heute ihren Geburtstag. Beim Frühstück in einem Garten des örtlichen Polizeireviers…wer kann das schon von sich behaupten. Auch scheint unsere Flucht vom schlechten Wetter mit Erfolg gekrönt zu sein. Ein blauer Himmel läutet bestes Wetter ein. Wir plauderten noch etwas mit Brad und er erzählte uns wie seine Rundtour mit dem Motorrad bisher so gelaufen ist. Dann verabschiedeten wir uns von den Polizeibeamten und liefen bis an das Ende der statt wo uns dann eine nette Dame bis zu einer weiteren Touristenattraktion mitnahm. In Xiaoyeliu zeigte die Natur seine Schönheit und Abgefahrenheit wieder einmal in vollster Pracht! Durch vulkanische Vorgänge und Erosion hat sich die Küsten hier in ausgefallener Art und Weise entwickelt. Grandiose Felsformationen galt es also zu beklettern und die beeindruckende Gischt zu verfolgen. Ein wunderschöner Platz. Wir verbrachten gar ein paar Stunden hier und es war quasi abzusehen, dass ich mir hier auch gleich wieder einen Sonnenbrand einfing.


Sobald wir auf der Straße dann wieder die Daumen ausstreckten – als wollte sich der Zufall dem Thema treu bleiben – wurden wir von zwei Justizvollzugsbeamten aufgabelten. Sie arbeiten im örtlichen Gefängnis, haben ihre Nachtschicht hinter sich und sind nun auf dem Weg in nach Taitung Stadt, auch unserem Ziel für heute. Der Herr am Steuer was sogar so freundlich uns ein paar Tipps mitzugeben und fuhr uns bis zum Gästehaus, welches wir auf dem Weg im Internet bereits ausgespäht hatten. So waren wir also wieder in einer Kleinstadt und neben einer Fahrradtour die Küste entlang und durch die großen Parkanlagen stand dann auch Wäsche waschen auf dem Programm. In einem Supermarkt nebenan füllten wir unsere Vorräte auf und zur Feier des Tages gingen Suki und ich auch zu einem Japanischen Running-Sushi Restaurant. Also die Restaurants, an denen die kleinen Teller mit diversen Leckereien an deinem Tisch vorbeifahren, du dich frei bedienst und pro Tellerchen bezahlst.

Nur eine Nacht verbrachten wir hier und verwarfen bald auch den Plan zu entlegenen heißen Quellen zu wandern um dort zu übernachten, da leider die Regenwolken sich langsam weiter in den Süden drücken und bald hier ankommen sollen. Zu Schade, unsere Recherchen versprachen eine paradiesische Schlucht mit heißen Quellen und Wasserfällen die man nur durch eine anspruchsvolle Wanderung und Kletterpassagen erreichen kann. Was das Ganze auch natürlich belässt, die Massen abhält und dementsprechend nicht touristisch Entwickelt ist. Doch wir entschieden uns eben jenen Plan nicht in die Tat umzusetzen und weiter gen Süden zu ziehen. Die Küstenregion um Xuhai soll mit ausgezeichneten Wanderwegen locken und die Fahrt dorthin durch eine Bilderbuch-Bergkulisse führen. Also standen wir am nächsten Morgen, nachdem wir unsere Wäsche über Nacht trocknen konnten, wieder an der Hauptstraße, die der Küstenlinie folgt. In vielen kleinen Etappen, wir erwischten zuerst nur Einheimische die auf Kurzstrecken unterwegs waren, kamen wir in einem Dorf an, wo wir uns in einem Convenience-Store mit Mittagessen versorgten. Wir waren nun am Start der Bergetappe angekommen und die Autos rasten in hoher Geschwindigkeit an uns vorbei. Wir liefen die Straße ein paar Kilometer entlang, da keines der Autos aus dem Schwung heraus für uns anhalten wollte… Bis ich plötzlich Suki auf ein Auto aufmerksam machte und sagte: „Schau mal hier, das ist ein enorm schönes und übertrieben teures deutsches Auto…“

Xuhai

… und plötzlich haute die Sonderanfertigung der Mercedes S Klasse die Bremsen rein und wartete am Straßenrand bis wir aufschlossen. Ein Taiwanesischer Geschäftsmann samt Frau und Hund lud uns ein mitzufahren. Was ein netter Herr! Sie sind selbst auf einer kleinen Urlaubstour und nachdem wir ein bisschen miteinander plauderten entschieden sie ihre Pläne zu ändern und uns hinzufahren wohin wir wollen! Selbst als wir ihm erklärten, dass wir wirklich an den „Arsch der Welt“ wollen, zögerte er nicht und nahm die 3 Stunden (!) Umweg in Kauf! Die Gastfreundschaft der Taiwanesen zeigt wirklich kaum Grenzen! Wir fühlten uns fast schlecht als sie uns am Start des Wanderwegs absetzten, wir noch gemeinsam einen Aussichtspunkt genossen und wir sie dann auf denselben, geschlängelten Weg durch das Gebirge zurück schickten… So viel Gefallen fühlt sich nicht gut an…

Wir wanderten einen kleinen Wanderweg an der Küste entlang den Berg hinab bis wir das Dorf Xuhai erreichten. Hier wollten wir unser Zelt aufschlagen. Wieder versuchten wir unser Glück und klopften an der örtlichen Polizeidienststelle an. Doch hier waren die Beamten irgendwie schlecht gelaunt und unhöflich. Sie verwiesen nur auf einen kommerziellen Campingplatz (von denen es hier viele gibt) und ermahnten uns ja nicht wild zu campieren. Geht klar Chef! Wir liefen also die Dorfstraße entlang und passierten tatsächlich diverse Campingplätze, die aber wenig einladend ausschauten. Unser Ziel war ein Campingplatz, der auch eine heiße Quelle beinhaltet, etwas außerhalb des Dorfes. Irgendwie komisch die Leute hier. Auch die Menschen denen wir sonst begegneten waren weniger sympathisch… So untypisch im Vergleich zu unseren bisherigen Erlebnissen in Taiwan… Als wir dann das Thermalbad und den dazu gehörigen Campingplatz erreichten war das Glück wieder nicht auf unserer Seite. Die Frau am Ticketschalter versuchte uns noch zu helfen den verantwortlichen vom Campingplatz aufzutreiben, leider ohne Erfolg. Das wird also nichts…zu blöd. So standen wir da, ohne Plan und irgendwie genervt von den Cops und dem Dorf im Allgemeinen. Also was tun? Nachdem wir eine Weile recherchierten sprach uns ein netter Herr an. Bald stand seine Frau auch bei uns und wir waren uns gleich sympathisch. Die beiden boten an uns jetzt noch, es dämmerte bereits, noch weiter in den Süden mitzunehmen, wo wir öffentliche Verkehrsmittel zu einer Kleinstadt mit Hostels nehmen könnten. Und da wir irgendwie genervt waren, es zudem wieder regnete, stiegen wir gerne ein.

Kenting

So kamen wir also am Abend in der Kleinstadt Heng Chun an. Wie immer recherchierten wir ein paar günstige Gasthäuser und liefen diese ab um nach einem günstigeren Preis zu fragen. Oft reduzieren sie um den Anteil den die Online-Händler für sich beanspruchen. Doch die ersten zwei Gasthäuser waren gespenstisch leer beziehungsweise geschlossen. Sehr komisch, denn online scheint alles zu passen. Bevor wir dann zum dritten und günstigsten kamen, buchten wir lieber vorher. Und es war auch gut so. Zwar konnten wir die Lobby betreten jedoch war es wie ausgestorben und keine Menschenseele war zu sehen… Irgendwann betrat ein junger Mann die Lobby und fragte uns ob es okay sei, wenn er unsere Buchung auf ein anderes Haus überträgt. Natürlich wollten wir erst sehen um was es sich dabei handelt. Er fuhr uns zu einem großen 4-Sterne Hotel wo er offensichtlich das zehnte Stockwerk für sich gemietet hatte und er die Gäste die ein Privatzimmer im Hostel buchen unterbringt. Wir waren natürlich positiv überrascht, aber auch vorsichtig, denn ganz koscher kam mir das nicht vor. Doch wie sich dann herausstellte, lief für uns alles glatt und wir verlängerten sogar noch um zwei Nächte mehr, denn wir durften auch alle Annehmlichkeiten des Hotels, das große Zimmer, sowie Pool, Spielzimmer und Spa für uns nutzen. Und das alles zum Spottpreis. Lediglich den Service der Rezeption durften wir nicht nutzen. Alle Fragen direkt an ihn und keine Interaktion mit der Rezeption…sehr komisch. Wer weiß, vielleicht möchte das Haus seine Reputation nicht verlieren und füllte leere Zimmer zu Spottpreisen unter anderem Namen.

Wir waren nun an der Südspitze Taiwans angekommen, hatten also schon eine gute Strecke hinter uns gebracht. Lange überlegten wir uns diese mit dem Motorroller zu erkunden. Die Aussagen der Vermieter waren allerdings alle widersprüchlich. Ohne gültigen internationalen Führerschein (meiner lief leider nach 2 Jahren bereits ab…wer hätte auch gedacht, dass ich länger unterwegs sein werde) gäbe es nur einen Elektroscooter zum Verleih. Andere boten Benziner für horrende Preise an und sagten die Polizei wird schon nicht kontrollieren… Irgendwie fühlten wir uns hier nicht gut bei der Sache. Unsere Recherche für Busse war auch eher schwierig. Es gibt ein paar Shuttlebusse für die man Tagestickets kaufen kann, jedoch zeigte Google auch ein paar kostenlose Busse an. Wir waren also komplett verwirrt und kauften uns erst einmal nur ein günstiges Ticket bis an den südlichsten Punkt der Insel um von dort aus per Anhalter zurück zu kommen. Ein großer Park wurde rund um den Leuchtturm an der Südspitze errichtet und der Eintritt zu demjenigen ließ auch einen Besuch für uns nicht zu. Aber warum auch Eintritt für einen von Menschen geschaffenen Park bezahlen, wenn man einfach durch die Natur laufen kann!

Doch auch daraus wurde leider nicht. Wie sich herausstellte ist das komplette Areal Naturschutzzone und darf nur in geführten Gruppen begangen werden. Doch einen persönlichen Führer wollten wir auch nicht bezahlen. Wahrscheinlich macht es schon Sinn, das Areal dadurch zu schützen und die Touristenmassen zu kontrollieren. So blieb für uns nur eine kurze Wanderung zum absolut südlichsten Punkt übrig. Das war…so naja. Es war toll die riesigen Korallenfelder am Strand zu sehen, jedoch auch etwas unspektakulär… Witzig ist jedoch der Fakt, dass wir nun tatsächlich näher an den Philippinen sind als an der Hauptstadt Taiwans. Per Anhalter fuhren wir dann zur nächsten Attraktion, einem Strand mit besonders hohem Anteil an Muschelsand. Über 97% um genau zu sein. Er ist zur wissenschaftlichen Forschung gerade für die Öffentlichkeit gesperrt, was aber auch okay ist. Er sieht auf jeden Fall phantastisch aus! Wir konnten jedoch Zugang zu dem Korallenriff bekommen, der die gesamte Südküste umschließt. Direkt bis ans Ufer geht dies und es bieten sich tolle Bilder mit dem glasklaren Wasser, das durch die – so nah an der Küste natürlich bereits abgestorbenen –  Korallen fließt. Und das Wetter spielte auch mit. Die Berge sind fern und so ziehen Regenwolken im schlimmsten Fall einfach weiter. Doch wir hatten sogar blauen Himmel und Sonnenbrandgefahr!

Das Glück und die Geschichte mit der Mercedes S Klasse war wohl noch nicht genug, denn an diesem Tag hielt auch ein junger Herr in seinem klassisch roten Ferrari für uns an! Jawohl, ein Taiwanese der mit seinem Ferrari die Südküste entlang jagt, lud uns mit ein und fuhr mit uns etwas durch die Gegend. Hervorragend! Ein tolles Erlebnis! Wir besuchten noch ein Touristendorf an einem der großen Strände und entschieden uns einen Bus zu einem etwas entfernteren Punkt zu nehmen. Und Google hatte Recht! Zwar kann man sich Tagestickets für den kompletten Südzipfel kaufen, jedoch sind die Fahrten mit einem iPass (die Chipkarten für öffentliche Verkehrsmittel in Taiwan) sind diese Fahrten komplett kostenlos. Hurra! Wir stiegen am Informationszentrum der Taiwanesischen Energieversorgung aus. Eine große Ausstellung zum Thema Energiegewinnung und –Distribution in Taiwan, dem Land welches aus teilweise noch aktiven Vulkanen besteht und täglich Erdbeben diverse kleine bis katastrophale Erdbeben erlebt. Sehr interessant! So konnten wir einen Erdbeben Simulator erfahren sowie viel über die Geographie, Industrie und Städteplanung des Landes erfahren. Es war echt besser als ich erwartet hatte!


Wir liefen weiter die Küste entlang und kletterten hin und wieder auf riesige Felsen um schöne Vistas über die Landschaft zu bekommen. Es ist wahrlich herrlich hier! Nahe dem Strand an welchem auch der Film „Das Leben des Pi“ gedreht wurde, kämpften wir uns über eine Palmenplantasche durch ein Dickicht an die Küste um auf den Korallen den Sonnenuntergang zu genießen. Wieder einmal neigt sich ein phantastischer Tag dem Ende zu. Unser Marsch zur nächsten Bushaltestelle zog sich etwas in die Länge aber nette Busfahrer erkannte unser Winken und hielt, obwohl wir noch gut 1-2 Kilometer von der Bushaltestelle entfernt waren. Sehr aufmerksam und freundlich. In den nächsten Tagen erkundeten wir die Altstadt innerhalb der großen Stadtmauern von Heng Chun. Wir besuchten auch die „Ewigen Flammen“. Analog zu dem Naturphänomen, welches ich bereits in der Türkei bewundert durfte, die „Chalmeira“, entweicht hier natürliches Methangas aus dem Boden welches an der Oberfläche dauerhafte Flammen erzeugt. Der Vulkan schläft nie. Auch genossen wir natürlich die Vorzüge unseres Hotels in vollen Zügen. Wir spielten Tischtennis, schwammen im Pool und nutzten abwechselnd den Whirlpool, denn das Spa war Nacktbereich und je nach Uhrzeit durften nur Männlein oder Weiblein hinein.

So ließen wir es wieder einmal gemütlich angehen und entspannten bei ein paar Filmen mit ausgiebigen Fast Food-Menü. Unser Hotel lag leider direkt neben einem McDonalds… Aber manchmal muss man sich einfach was gönnen, oder? Von nun an richten wir unsere Reise also wieder nordwärts aus. Laut Wettervorhersagen hält das Zentralmassiv die Wolken im Osten fest und wir können uns im Westen der Insel im Trockenen den neuen Abenteuern stellen. Hoffentlich können wir dann das Zelt öfter nutzen und uns voll in die Natur stürzen. Es stehen einige schöne Orte vor uns und wir sind sehr gespannt!

 

Wenn du Lust hast, lade ich dich auch herzlich zu meinem nächsten Bericht ein. Es freut mich sehr, dass du wieder mit dabei warst und ich verspreche dir viele tolle Geschichten beim dritten Bericht aus Taiwan. Danke, dass du da bist.

 

Herzliche Grüße! Dein Schilli


Funfacts

- Beim Abstieg über die Tausende Treppenstufen standen zwei Mädels vor uns, die gerade am Aufstieg waren. Sie fragten uns wie lange es wohl noch dauert, denn es sollen ja nur 700m Weg sein und sollte schon nicht so lange dauern. Mensch Mädel, lerne bitte Karten zu lesen bevor du dich in die Natur wagst. Dass die 700m Distanz ganze 1.100 Höhenmeter beinhalten scheint dir nicht aufgefallen zu sein.

- Neben dem Nachtmarkt in Hualien befindet sich eine alte Kirmes. Doch da diese von niemandem besucht wurde, bot sie Szenen wie aus einem Horrorfilm. Recht gespenstisch…

- In Dulan war während unserer Zeit auch ein großes Internationales Surfturnier wie wir leider erst später herausfanden. Hätte da gerne einmal bei zugesehen.

- Um Dulan herum befindet sich auch Hauptanbaugebiet der „Sweet/Custard Apple“. Dulan ist landesweit bekannt für die hohe Qualität dieser süßen Tropenfrüchte. Zu Deutsch: Zimtapfel, Rahmapfel oder Süßsack (Annona squamosa) für die Kenner unter euch.

- Unterwegs in Xuhai wurden wir nochmals von einer Polizeistreife passiert. Der Beamte, den wir vom Revier kennen, saß rauchend am Steuer und ermahnte uns nochmal einen Campingplatz aufzusuchen. Ja Mann! Schon verstanden!

- In Hong Cheng spazierten wir an einem Laden vorbei, der den Bubble Tea in Supersize verkaufte. So konnten wir uns einen ganzen Liter rauslassen. Hallo Völlerei!

- Auf dem Weg zurück von den “Ewigen Flammen“ hatten wir eigentlich vor zu laufen. Doch ein Auto hielt und ein nettes taiwanesisches Seniorenpäarchen drängte uns quasi dazu uns fahren zu dürfen. Sehr lieb!



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