#64 | Im Uhrzeigersinn | 879. Reisetag

Morgens noch schnell gepackt, konnten sich Suki und ich nach dem Mittagessen auf den Weg zum Flughafen machen. Naja, etwas spät waren wir schon dran und wir mussten unsere Pläne ein klein wenig anpassen, doch wir schafften es rechtzeitig im Flieger zu sitzen. In etwas mehr als einer Stunde waren wir dann schon im Landeanflug auf Taiwan. Wir werden an der Westküste der langgezogenen Insel, nahe des Zentrums, unsere Reise beginnen und im Uhrzeigersinn Taiwan erkunden. Es war bereits dunkel als wir in Taichung den Flieger verließen. Ich besorgte mir sogleich einen iPass, eine Debit Karte mit der man öffentliche Verkehrsmittel und viel Mehr im gesamten Land kontaktlos bezahlen kann. Suki, wie viele Menschen aus Hong Kong, hatte bereits schon eine. Taiwan liegt ja quasi in der Nachbarschaft. Wir nahmen zwei öffentliche Busse und waren im Hotspot der Stadt gelandet. 

Taichung

Nahe der Universität boomt hier das Nachtleben und befindet sich auch der große Nachtmarkt. Die Busse sind hier übrigens kostenlos, was ziemlich geil ist. Alles unter 10km wird von der öffentlichen Hand subventioniert. Sehr angenehm! Doch ich merke auch sofort, dass viele Taiwanesen mit dem Rad unterwegs sind. Die Stadt und wie ich später auch erfahre, das komplette Land ist hervorragend für Radfahrer organisiert. Hut ab! Die erste Nacht hatten Suki und ich bereits im Bus zum Flughafen vorgebucht. Wir kamen an, Zimmer war bereits vergeben, doch wir erhielten ein kostenloses Upgrade. Das nahmen wir dem Gästehaus natürlich nicht übel. Wir stürzten uns sogleich in den Trouble des Nachtmarktes. Diese sind bei Gästen wie auch Einheimischen sehr beliebt. Ein Treffpunkt für junge und ehemals junge Menschen um gemeinsam einzukaufen, zu essen, oder sein Erspartes in den omnipräsenten und unübersehbaren Spielautomaten-Arkaden in Teddybären oder noch sinnfreieren Quatsch zu investieren. Ein wahres Feuerwerk an Geräuschen, Gerüchen und bunten Leuchtmitteln.

Schnell waren Suki und ich wieder im Reisemodus und wir fanden direkt unsere Schnäppchen für ein ausgedehntes Abendmahl. Das Essen hier ist wirklich der Hammer. Es gibt total verrückte, oder wahnsinnig deliziöse einfache Gerichte, für einen brutal guten Preis. Für die Gourmets unter euch sollte Taiwan auf jeden Fall irgendwo oben in der Liste untergebracht werden. Was mir jedoch auch sofort auffiel. An jeder Ecke sind Kameras aufgestellt, die das öffentlich Treiben beobachten. Man kann also davon ausgehen, dass jede Aktion in der Öffentlichkeit aufgenommen wird und wer weiß was sonst noch damit passiert. Privatsphäre? Nein danke. Auch in Mopeds sind die Taiwanesen ganze Könner! Tausendschaften von Zweirädern preschen über die Straßen. Gepaart mit Fahrrädern und Bussen hat Taiwan sein ganz eigenes Flair. Dies und die Art des Hausbaus erinnerte mich nur ein wenig an Vietnam, jedoch sind die Rollerfahrer hier um einiges Rücksichtsvoller und es wird deutlich weniger Krach veranstaltet. So zu Beginn meiner Reise machen die Taiwanesen einen echt soliden, freundlichen und respektvollen Eindruck. Hut ab!

Da am Folgetag die Nationale Gartenschau hier in Taichung stattfindet und die Hotelpreise nach oben schießen ließ, beschlossen Suki und ich unsere Reise um die Insel direkt zu starten. Wir fuhren zum Bahnhof wo wir unser Gepäck einschließen konnten und ließen uns eine kleine Städtetour in Taichung nicht nehmen. Wir liefen durch diverse, schön installierte Parks, in welchen zur Feier des Tages auch einiges dargeboten wurde und bewunderten die unzähligen Kunstwerke die hier, aber auch überall sonst in Taiwan, aufgestellt sind. Taiwan ist sehr stolz auf seine Kunstaffinität und es gibt überall moderne & traditionelle Kunstwerke und Denkmäler zu entdecken. Auch besuchten wir das neue Theater, welches eine architektonische Meisterleistung sein soll. Das kann ich natürlich nicht beurteilen, aber es sieht schon ziemlich abgefahren aus. War bestimmt nicht so einfach das zusammen zu kloppen, dass es auch hält. Sehenswert auf jeden Fall. Leider konnten wir den großen Saal aufgrund einer Vorführung nicht betreten. In der Gegend um das Theater sieht man auch ganz deutlich, dass viel Geld in Taiwan steckt. Große Wohntürme mit edlen Ornamenten, dicken Autos und MiB-mäßigen Sicherheitsbeamten sind allgegenwärtig. Der Boom der Elektroindustrie (Mikrochips) hat der Konjunktur des Landes einen ordentlichen Boost gegeben.

Schließlich betraten Suki und ich den Bummelzug, der uns nach Taoyuan brachte. Taiwan hat eine sehr alte und stolze Eisenbahngeschichte zu präsentieren und auch heute noch ist die Bahn eine der beliebtesten Transportmittel des Landes. Man kann das komplette Land einmal mit der Bahn umfahren und wer das nötige Kleingeld hat, kann sogar Hochgeschwindigkeitszüge dafür nutzen. Wir jedoch machten es uns im Bummelzug, auf dem Boden sitzend, bequem und beobachteten oder interagierten auch mit den Taiwanesen die zu- oder ausstiegen. Witzige Leute auf jeden Fall und auch im härtesten Gedränge sehr zurückhaltend und nett.

Taoyuan

Sukis Kumpel Billy hat uns in dieser Stadt, östlich der Hauptstadt Taipei, eingeladen seine leerstehende Wohnung zu nutzen. Er ist im Immobiliengeschäft und hat seine alte Wohnung noch als Zweitwohnung aktiv. Von ihm mehr als großzügig und für uns mehr als perfekt! Da Billy erst vor ein paar Tagen Vater wurde, durften wir uns die Schlüssel beim Sicherheitsmann am Eingang des zehnstöckigen Wohnhauses abholen. Wir hatten das komplette Apartment für uns. Es hat uns so gut gefallen, dass aus den zwei geplanten Nächten in Taoyuan, ganze fünf Nächte wurden. Ein ganz großes Dankeschön an dieser Stelle nochmals an Billy! Du bist ein dufter Typ! In Taiwan ist es nie weit von der Stadt in die Natur. So wanderten Suki und ich einen Berg am Rande der Stadt ab und trafen auch zufällig auf einen abwechslungsreichen Wochenendmarkt an einem Tempel. Schön, so einen Markt ganz ohne Touristen zu begehen und auch irgendwie viel interessanter als immer nur den gleichen Schnickschnack angepriesen zu bekommen. Auch der Wanderweg, der im Stadtpark endete war total schön hergerichtet und ein guter Start, die außergewöhnliche Natur Taiwans kennen zu lernen.

Am Abend stand natürlich wieder ein Nachtmarkt an. Suki und ich schlossen uns hier dem Großteil der Taiwanesen an und besorgten uns eine eigene Ausrüstung für den nun bereits in aller Welt bekannten Taiwanesischen „Bubble Tea“. Ich muss sagen da bin ich echt auf den Geschmack gekommen. Ein großer Teefan bin ich immer noch nicht, aber die Blubbls (die gut gemachten) taugen mir tatsächlich recht gut. Die Ausrüstung besteht aus einer Tragetasche aus Stoff und einem Strohhalm aus Metall. So kann man wenigstens ein bisschen der Wegwerfgesellschaft die Stirn bieten. Leider brach dann am nächsten Tag der Regen über uns hinein. So nutzten wir die Chance uns bei Billy mit einer Grundreinigung der Wohnung für seine Großzügigkeit erkenntlich zu zeigen. Wir schauten auch beim Sporteinzelhändler Decathlon vorbei und ich besorgte mir eine ordentliche Sonnenbrille. 

In den Straßen sind immer wieder Konvoys unterwegs, die lautstark für einen Herrn oder eine Dame werben. In ein paar wenigen Tagen sind die großen Wahlen in Taiwan. Jede Provinz wählt einen Repräsentanten und es wird überall heftig dafür geworben. Gleichstellung von LGBTIQ Menschen sowie Wirtschaftspolitik und die allgegenwärtige Einflussnahme Chinas stehen bei dieser Wahl im Mittelpunkt.  Es wird also spannend werden! Als sich das Wetter besserte fuhren Suki und ich mit dem Bus etwas ins Landesinnere um ein altes Dorf zu besuchen und Wandern zu gehen. Der alte Teil des Dorfes Daxi lockt viele Touristen an, jedoch hält wohl der Nieselregen viele davon heute fern. Sehr gut. 

Daxi

Wir besuchten ein paar der Sehenswürdigkeiten und machten uns dann auf den Weg zu einem Skulpturenpark. Hier werden Statuen der polarisierenden Figur des Chiang Kai-Shek gesammelt und ausgestellt. Chiang war Präsident der Chinesischen Republik und Gegenfigur zum Kommunisten Mao Zedong während des Bürgerkrieges in China. Er floh nach Taiwan, wo er als Autokrat das Land formte und sich für eine Eroberung des Hauptlandes, gegen die Kommunisten, vorbereitete. Auf der einen Seite wird Chiang in Taiwan für seinen Kampf gegen den Kommunismus und sein Wirken bei der Entwicklung Taiwan stark gefeiert, auf der anderen Seite wird dessen Verehrung in Frage gestellt, da er eine Souveränität Taiwans strikt ablehnte. Es war fast schon gespenstisch einen Park mit so vielen Skulpturen ein und desselben Mannes zu durchschlendern. Vor allem mit dem Wissen, dass die Kommunisten aus China, wie auch die Souveränitäts-Bewegung Taiwans diesen Park ohne Ersatz zerstören wollen, während Historiker und viele Bürger den Park erhalten wollen. Die regionale Regierung hat gegen das Dekret von China bzw.  entschlossen den Park offen zu halten und schützt diesen mit schwer bewaffneten Polizisten. Deswegen verbrachten wir hier nicht viel Zeit und suchten die Eingänge zu einem Rundwanderweg, der von hier aus startete.

Doch jener Rundweg, welcher um den Park herum auch am Familiengrab der Chiangs führte, war aus Sicherheitsgründen leider gesperrt. So suchten wir uns eben selbst einen Weg an die Blumenfelder Taiwans zu gelangen. Für einige Pflanzen war sogar Blütezeit und wir genossen es durch die farbenfrohen Wiesen zu laufen. Bevor die Dämmerung eintritt, entschieden wir uns langsam auf den Weg zurück nach Taoyuan zu machen und hoben dafür zum aller ersten Mal in Taiwan den Daumen an die Straße. Keine zehn Minuten später saßen wir bei Alex, einem überaus netten Herrn der zu einer der hiesigen Minderheiten und Ureinwohnern Taiwans gehört, samt Vater in alter Militärs Uniform im Auto. Wie überaus praktisch, dass Suki fließend Mandarin spricht und so ohne Probleme mit den Taiwanesen kommunizieren kann. Alex hat uns so abgefeiert, dass er uns direkt noch zum Essen einlud. Ein wunderbarer Kerl!

Taipei

Eines der vielen Vorzüge von Billys Wohnung war, dass quasi direkt vor der Tür Direktbusse in nur 30 Minuten bis in das Zentrum der Hauptstadt fährt. So fanden sich Suki und ich auch eines morgens darin und verbrachten einen Tag in Taipei. Der Bus brachte uns bis in die Nähe eines Flughafens nahe des Zentrums. Dieser wird zwar nicht mehr stark genutzt, doch von Zeit zu Zeit fliegen die Flugzeuge knapp über den Häuserdächern die Landebahn an. Sehr beeindruckend. Suki und ich machten uns also auf eine klassische Städtetour. Wir liefen durch die Altstadt, besuchten ein paar Tempel, Parks, Museen und andere Sehenswürdigkeiten. Zu Fuß bewanderten wir die Stadt bis hin zum zweitbeliebtesten Postkartenmotiv der Metropole. Die Tempel bzw. Kulturzentren sowie die Nationale Chiang-Kai-Shek-Gedächtnishalle. Je nach Regierungsparteien wird dieses Areal aber immer wieder umbenannt. Aufgrund oben genannten Streitigkeiten wurde erst 2009 das Areal von der Nationale Taiwan-Demokratie-Gedenkhalle umbenannt. Ein ewiger Streit also und ein gutes Beispiel für den Zwist, der aktuell in Taiwan herrscht. Doch für uns als Besucher war es auf jeden Fall ein sehr interessanter und auch beeindruckender Ort voller Monumente und Bedeutungen. Sehr beeindruckend.

Auch die hervorragenden öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt nahmen wir in Anspruch als uns auffiel, dass wir an der ersten Station unserer Städtetour total vergessen hatten das Riesen-Sushi auszuprobieren. Für relativ wenig Geld gibt es hier Mega-Rollen und Sashimi in hervorragender Qualität. Also schnell mit dem Bus zurück, Bauch vollschlagen und danach ab zur größten Sehenswürdigkeit der Stadt. Und zwar buchstäblich. Der berühmte Taipei 101 Tower, der mit 505 Meter mit Abstand höchste Turm der Stadt und von 2004-2007 auch der höchste Turm der Welt, lockte mit seiner Bambusförmigen Architektur uns natürlich auch an. Im Gegensatz zu vielen anderen Türmen, ist der Taipei 101 auch wirklich schön anzusehen und da in Taipei sonst relativ niedrig gebaut wird, sticht er quasi aus der Masse hervor. Ein wahres Monument! Doch die integrierte Aussichtsplattform für Besucher sparten wir uns da man ja den Turm selbst nicht erkennen kann und machten lieber eine kleine Wanderung auf einem nahen gelegenen Hügel um die Stadt und Turm bei Sonnenuntergang zu bestaunen.

Wir verbrachten eine ganze Weile auf dem Berg und waren wirklich begeistert von dem Mix aus Großstadt und Natur. Zurück am Stadtrand besuchten wir noch einen der berühmten Nachtmärkte Taipeis, waren aber entsetzt über die Preise und Besucherdichte, sodass wir bald den Bus zurück nach Taoyuan nahmen. Gerne wir noch einen weiteren Tag in der Hauptstadt Taiwans verbringen und auch den großen Palast und dessen Museum zu entdecken, doch mussten wir diese Idee aufgrund logistischer Herausforderungen wieder verwerfen. Doch das tolle am Reisen ist ja, dass man quasi keine falsche Entscheidung treffen kann! Bleiben oder weiterziehen, es warten immer fantastische und spannende Erlebnisse auf einen! An unserem letzten morgen in Taoyuan dann, lernte ich endlich Billy persönlich kennen. Leider zur sehr kurz, doch er brachte uns klassisch Taiwanesisches Frühstück und uns zum Bahnhof. Die Taiwanesische Gastfreundlichkeit ist wirklich bemerkenswert und Billy ist einfach ein großartiger Kerl!

Pinxi

Die Campingausrüstung war parat und der Bummelzug brachte uns an Taipei vorbei in den Nordosten des Landes. Hier bestiegen wir dann einen noch bummeligerigen Zug, dessen Jahrhunderte alte Gleise uns durch idyllische Dörfer in bergigere Regionen bringt. Die Pinxi-Linie, wie diese für Touristen aufbereitete Schmalspurroute genannt wird ist ein beliebtes Ausflugsziel, somit preisintensiver und so hatten Suki und ich den Plan irgendwo auszusteigen und unser Zelt aufzuschlagen. Wir erlebten witzige historische Minendörfer die an der Strecke liegen. So hatte sich eines der Dörfer dem Asiatischen Katzenkult verschrieben und sogar der Bahnhof hatte die Form einer bunten Katze. In Pinxi-Dorf selbst, rasten Suki und ich an den Shops der schmalen Gassen und Altbauten direkt in den Wald nebenan um eine kleine Wanderung durch den Dschungel, hinauf zu einem kleinen Gipfel zu machen. Kurz nachdem wir losgingen, fing dann auch schon der Regen an. Herrschaftszeiten!

Doch es gibt ja kein schlechtes Wetter und so warfen wir uns in unser Regenoutfit und stiegen weiter den Dschungel hinauf. Irgendwann stellte ich auch fest, dass wir uns wahrscheinlich etwas verlaufen hatten. So machte Suki Rast und ich sprang hin und her um mögliche Wanderrouten zu erschließen. Teilweise auch nicht so einfache Kletterpassagen. Nachdem ich aber entschied, dass die Wege aufwärts – gerade bei Nässe – zu gefährlich waren, stiegen wir etwas ab und fanden dann schließlich doch unseren Weg, der uns in Richtung felsiger Gipfel bringen wird. Und am Gipfelfelsen angekommen, war sogar ein Klettersteig (jedoch ohne Sicherungen) in den Felsen eingelassen. Vorsichtig kämpften wir uns den nassen Felsen auf Leitern und Eisensprossen hinauf und hatten so mit viel Aufwand und vollgesogen im Regen doch noch unser Ziel erreicht!


Laternenkult in Shifen

An einer der nächsten Stationen des historischen Zuges waren wir dann voll im Massentourismus angekommen. Das kleine Dorf Shifen lockt mit einer schönen Altstadt, die die Bahnlinie im Zentrum durchfährt. Vor allem Besucher aus Japan, Korea und China kommen hier her um von den Gleisen aus, riesige Laternen mit Wünschen und Bitten in den Himmel steigen zu lassen. Ein interessantes Spektakel. Jedes Jahr gibt es ein großes traditionelles Fest, bei welchem die Dorfbewohner diese Laternen entfachen und steigen lassen. Der Massentourismus hat aber nun dafür gesorgt das viele der Gäste täglich diese Laternen steigen lassen wollen. Und jener Bedarf wird von den hiesigen Geschäftsleuten natürlich gerne bedient. So fliegen also täglich hunderte von Laternen durch die Gegend und landen in Feldern, Wäldern, Schluchten und Flüssen… Mit Sicherheit nicht die Nachhaltigste Attraktion Taiwans…

Nachdem wir etwas den Besuchern beim Laterne-Starten und Instagram-Fotos-Schießen zugesehen hatten, liefen wir bei Regen zu dem großen Wasserfall um die Ecke. Ein gigantischer und imposanter Wasserfall! Jedoch ist keinerlei Interaktion mit dem Prachtexemplar möglich, da ein sehr aufwändiger Park darum herum errichtet wurde, der die Besucher leitet, beherbergt und verköstigt. Klaro, es müssen ja Hundertschaften an Touristenbusse abgewickelt werden. Doch wo es schön ist, da will auch jeder hin. Schon verständlich. Suki und ich machten uns dann auf die Suche nach einem Platz für die Nacht, wobei wir jedoch schnell feststellen mussten, dass es A nicht einfach und B auch echt ungemütlich werden kann. Wir waren schon komplett durchnässt und es sah auch nicht so aus als würde sich der Regen bald legen. So entschieden wir unser Hop-On Hop-Off Zugticket erneut zu nutzen und fuhren zum Ausgangspunkt zurück um einen lokalen Bus zu unserem Ziel vom nächsten Tag zu nehmen. Und von nun an beschleunigte sich auch unser Reisetempo deutlich, denn fälschlicherweise sind wir davon ausgegangen, dass mit dem Ende der Taifun Zeit auch das Ende der Regenzeit passiert ist…Was natürlich nicht der Fall war. Anfängerfehler!


Jiufen

Der Bus kämpfte sich steile Serpentinen den Berg hinauf. Während wir noch unsere Unterkunft aus dem Bus heraus buchten, näherten wir uns dem kleinen Bergdorf Jiufen. Die ehemalige Goldförderstätte wurde deutlich durch die Chinesen und die japanische Besatzung geformt und ist heute ein sehr interessantes und idyllisches Ausflugziel. Die kleinen und steilen Gässchen werden zu den Abendstunden mit Hunderten von rot leuchtenden Lampions erleuchtet und viele Wandgemälde bzw. historische Häuser laden zu Tee oder Souvenirs ein. Einfach ein brutal schönes Dorf, wenn du mich fragst! Da es nur eine Minivan Fahrt von Taipei entfernt ist, ist es jedoch auch richtig gut besucht. Vor allem Koreaner und Japaner folgen ihren Instagram-Idolen in das kleine Dörfchen und sorgen für Stau auf den steilen Treppen. Vor allem da der Regen die Menschen unter die Regenschirme drängt war es richtig eng auf den Straßen. Doch auch das hatte irgendwie seinen eigenen Reiz, das Dorf von oben mit einem Meer von Regenschirmen zu bestaunen. Es ist eben alles Einstellungssache!

Hier wird es nachts schon relativ kalt, so 5-10° vielleicht. Deswegen waren wir froh unsere Unterkunft bereits im Vorfeld abgeklärt zu haben. Die ominöse Person am anderen Ende meines Telefons kommunizierte lediglich durch Bilder und ein paar Schlagworte. Tatsächlich sahen wir unseren Gastgeber nicht ein einziges Mal. Als wir fragen wann das Frühstück (welches inkludiert war) wie serviert wird, schickte er ein Bild von der Tür und ein simples „ab 8 Uhr“. Ab jenem Zeitpunkt kommunizierten wir auch nur noch mit Bildern oder Videos (Zum Beispiel die Bestätigung, dass wir die Bezahlung unter einem Tablet für ihn zurücklassen bevor wir abreisen). Eine verrückte Welt ist das. Es regnete fleißig weiter doch am nächsten Morgen konnten wir sogar das erste Mal einen Blick auf das Meer werfen. Und dort hin werden wir nun auch aufbrechen. Der Bus wird uns zur Küste bringen!

Per Anhalter die Ostküste Entlang

Zu jenem Zeitpunkt entschlossen wir auch, die Ostküste Taiwans so weit wie möglich per Anhalter zu fahren. Die Taiwanesen haben uns durch ihre ausgesprochene Offenheit, Korrektheit, Gastfreundschaft und Humor erst auf diese Idee gebracht, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind landesweit an sich sehr fair gepreist und von guter Qualität. Doch soll die Ostküste des Landes von faszinierender Natur nur so strotzen und beim Trampen könnten wir den Trip an die Südspitze eben in viele kleine Einheiten einteilen und unterwegs viele Menschen, deren Geschichten und deren Wissen zur Region kennen lernen. Nachdem uns der Bus an der Küstenstraße absetzte, staunten wir erst einmal nicht schlecht über die riesigen Klippen und die sehr hohen Wellen die mit heftiger Kraft dagegen knallen. Was eine grobe und schöne Natur! Dann hoben wir also einmal wieder den Daumen raus und überließen uns dem Zufall, welcher uns sicher nicht enttäuschen wird!

Nach ein paar wenigen Minuten saßen wir bereits bei einem netten Herrn im Auto, der sogar an ein paar natürlichen Attraktionen an der Küste für uns hielt und uns (bzw. Suki) einiges über Region lehren konnte. Da ich selbst leider kein Mandarin spreche, konnte ich an den Gesprächen leider nicht teilhaben, genoss aber die Fahrt und Funfacts, die mir Suki immer wieder übersetzte. Der Herr fuhr uns sogar noch bis zu ein paar Riesigen Höhlen, welche wir besuchen und uns die Dienste der vielen und hervorragenden Touristeninformationszentren Taiwans in Anspruch nehmen konnten. Diese Infozentren bieten alles was das Besucherherz begehrt. Toiletten, WLan, Schließfächer für Rucksäcke, Informationen und sogar Leihbrillen, falls man seine vergessen hat. Und das meiste Kostenlos! Taiwan hat sich wirklich viele gute Gedanken um seinen Tourismus gemacht und eine hervorragende Infrastruktur geschaffen. Chapeau! Von dort aus stiegen wir bei einem anderen Herrn ein, der gerade auf dem Rückweg in den Süden war. Er war auf Goldsuche in Jiufen und hat uns auch stolz seinen Fund präsentiert.

Wir fuhren immer der Küste entlang, obwohl es nicht der schnellste Weg in den Süden war und passierten viele kleine Dörfer wie auch atemberaubende Küstenlandschaften. So hatten wir trotzt Regen, ja es regnete immer noch, ein maximal schönes Erlebnis. Er war sehr hilfsbereit, jedoch auch etwas bizarr. Er faselte ständig etwas von Kidnapping und fuhr wirr in der Gegend umher… Doch auch er setzt uns für ein spätes Mittagessen im Zentrum von Yilan, einer größeren Stadt an der Ostküste, ab. Dort diskutierten Suki und ich wie wir nun fortfahren sollten. Es lief überraschend gut und wir waren schon ordentlich weit gekommen, ohne dass uns das Gefühl etwas verpasst zu haben beschlich. Zudem sagt der Wetterbericht immer mehr Regen hier im Nordosten des Landes voraus.

So ging es nach einer Portion geschmortem Schweinefleisch auf Reis auch bald weiter. Der Taiwanesische Reis ist übrigens der Oberhammer. Kein Vergleich zu dem was wir in Europa bekommen und auch deutlich besser als das, was ich in Asien sonst bekam. Ganz an den Geschmack von Iranischem Reis kommt er nicht ran, aber es ist immer noch köstlich ohne Ende! Und geschmortes Schweinefleisch mit Reis ist das günstige Nationalgericht Taiwans. Quasi das, was das Pad Thai für Thailand ist. Und über unseren ganzen Aufenthalt wurden wir diesem nicht überdrüssig. Geschickt! Doch bietet jede Region auch unterschiedlichste Delikatessen zu mehr als fairen Preisen an. Taiwan ist einfach ein großartiges Land für Kulinariker!

Ein Bummelzug brachte uns dann aus der Stadt heraus, wo wir uns zum Einstieg der alternativroute des Highway Nummer 9 machten, besser bekannt als der East Coast Scenic Highway. Er führt direkt an der Steilküste entlang, inmitten von hunderte Meter hohen Klippen und schlängelt sich durch Tunnel und Felsvorsprünge. Es sei die gefährlichste, aber auch schönste Straße des Landes und das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. So standen wir also auf der Auffahrt und hofften auf die Gnade der Autofahrer… Doch da waren wir wohl zum falschen Zeitpunkt hier… Kaum ein Fahrzeug war zu sehen und da wir bisher immer unter 5 Minuten Wartezeit weitergekommen waren, wurden wir bereits nach ca. 10 Minuten etwas nervös. Doch hier in Taiwan wird man nicht im Stich gelassen. Ein großer LKW haute plötzlich voll in die Bremsklötze und kam kurz hinter uns zum Stehen.

Suki, etwas geschockt, kletterte ins Fahrerhäuschen und der nette Herr lud uns tatsächlich dazu ein, ihm über den Highway zu begleiten. Bei 5 Tonnen Kiesel, machen zwei Tramper auch keinen großen Unterschied mehr. So hüpften wir hinein und begonnen unsere Fahrt. Ein ausgesprochen witziger Kerl der Fahrer! Sein Name ist 綠豆, was so viel bedeutet wie „Grüne Bohne“. Er scherzte mit seinen Kollegen über den Funk und brachte sie sogar dazu für uns zu singen. Er versorgte uns mit Snacks und Anekdoten aus seinem Leben. Als alleinerziehender Vater fährt er regelmäßig von Taichung nach Hualien. Einmal über den Nordzipfel Taiwans. Leider zogen die Wolken immer mehr zu und während sich der Truck langsam die Steilen Straßen hochkämpfte, ließ auch die Dämmerung leider keine gute Sicht auf die Schönheit der Landschaft zu. Pech gehabt. Oder eben nicht, denn „Grüne Bohne“ war eine Attraktion an sich. Nachdem wir einen der Berge hinab gefahren waren, bei einem Stopp um die Reifen abzukühlen, lud er uns dann ein die Nacht in seinem Zuhause zu verbringen. Was ein geiler Typ! Er wohne direkt neben dem Taroko Nationalpark, den Punkt den wir sowieso als nächstes Ziel anvisiert hatten.

Natürlich ließen wir uns diese Chance nicht entgehen und wir begleiteten ihn dabei seine Ladung am hiesigen Betonwerk abzuliefern. Dann brachte er uns zu sich nach Hause. Einen kleinen, armen Dörfchen nördlich von Hualien. Es machte allen Anschein, als dass er gerade sein eigenes Schlafzimmer für uns auf Vordermann brachte. Wir teilten „Grüne Bohne“ mit, dass wir wirklich überall schlafen können und er nicht den Aufwand betreiben muss. Doch er winkte herzlich ab und meinte er kann bei seinem Bruder schlafen. Er zeigte uns noch wo wir zu Abend essen können, wir vereinbarten einen Zeitpunkt zum gemeinsamen Frühstück und er zog dann auch ab. Klar, der Kerl hat mehrere Tage Fahrt hinter sich und braucht nun Ruhe. Wir folgten seinen Empfehlungen und nach dem Essen vielen auch wir todmüde ins Bett. Was ein Ereignisreicher Tag!

 

Was uns der Morgen mit „Grüne Bohne“ bringen wird erfährst du in meinem nächsten Bericht. Ich bin schon fleißig am Tippen und du kannst dich auf tolle Eindrücke freuen! Es würde mich freuen, dich beim nächsten Reisebericht wieder an Bord zu haben.

 

Tschüdeldü! Dein Schilli



Funfacts

- Würstchen-Inception! Auf dem Nachtmarkt in Taichung gibt es Schweinewurst eingerollt in einer anderen Reiswurst. Es gibt halt nichts, was es nicht gibt.

- Als Sparfüchse entschlossen Suki und ich nur eine Sim Karte zu kaufen und uns das Internet zu teilen. Nicht so schlau. Hätten wenigsten das Programm mit unlimitiertem Internet wählen sollen.

- Im Botanischen Garten in Taipei konnte ich mich nicht zurückhalten und musste für die Schulklasse, die gerade eine Stunde in Landschaftsmalerei genoss, zu posieren. Auch für die Rentnergruppe war die Verlockung einfach zu groß.

- Der Zug, der uns zurück zum Knotenpunkt der Pinxi-Linie brachte wurde von einem Schaffner geführt, der gerade noch in Ausbildung ist. Wir standen direkt daneben und verfolgten voller Spannung die Anweisungen des Ausbilders. Wie in Korea und Japan, zeigen auch hier die Zugführer mit dem Zeigefinger auf die Schilder um aufmerksam zu bleiben, die Signale zu erkennen und zu bestätigen. Echt witzig!

- „Grüne Bohne“….ernsthaft?!?!?!?!



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