#58 | 2 Jahre unterwegs! | 733. Reisetag

Vor genau 732 Tagen habe ich den ersten Sonnenuntergang auf meiner Reise erleben dürfen! Dies bedeutet, dass ich nun kontinuierlich seit über 2 Jahren unterwegs bin. Wow! Von Griechenland hat mich mein Weg über die Türkei, Iran, Vereinigte Arabische Emirate, Oman, Sri Lanka, Indien, Nepal, Myanmar, Thailand, Laos, Vietnam bis hier nach Hong Kong geführt. Und es werden noch einige Orte und Begegnungen hinzukommen! Ich bin unglaublich glücklich und mir des Privilegs durchaus bewusst!

 

An dieser Stelle einmal ein Dankeschön an alle Menschen, die mir auf dem Weg geholfen, mich unterhalten, mich gelehrt und inspiriert haben! Menschen sind etwas Tolles! Und zwar 99.9% davon! Egal wie unterschiedlich und bizarr unsere Hintergründe und Erfahrungen auch sind! Wir alle sind Teil einer wunderbaren, verrückten, magischen, guten und außergewöhnlichen Sache!!!

 

Wie gewohnt werde ich euch auch weiterhin regelmäßig über meine Erlebnisse hier in meinem kleinen Onlinetagebuch auf dem Laufenden halten. Am Ende dieses Reiseberichtes findet ihr eine kleine Reisebilanz nach zwei Jahren auf Tour. Natürlich habe ich fleißig Buch geführt.

 

Ich wünsche euch eine formidable Zeit und tolle Erlebnisse! Habt euch lieb!!!


Die Regenzeit hat begonnen! Oder besser gesagt, sie kommt langsam aber sicher. Die ersten Sturm- und Taifun-Warnungen tauchen auf und man sieht so gut wie jederzeit, jedermann mit einem Regenschirm herum laufen.  Hong Kong befindet sich auf dem 22. Breitengrad nördlicher Breite und wird durch ein feuchtes, subtropisches Klima beherrscht. Die vier Jahreszeiten unterscheiden sich deutlich voneinander. Das Klima ist geprägt von vergleichsweise trockenen, milden Wintern, die Sommer sind heiß und feucht. Der Monsun beeinflusst das Klima ganz entscheidend im Frühling und bis in den Hochsommer hinein. Die starken aus Südwesten kommenden Niederschläge sorgen für sehr hohe Luftfeuchtigkeit bei ebenfalls hohen Temperaturen. Der meiste Niederschlag fällt von Ende April bis Mitte September. Tropische Wirbelstürme im Pazifischen Ozean, die Zyklone, können stets von Mai bis September quasi aus dem Nichts auftauchen. Doch Hong Kong ist meteorologisch bestens ausgestattet und diverse Frühwarnsysteme und –Kommunikation sind installiert. Natürlich gibt es clevere Wetter-Apps fürs Smartphone, doch fasziniert mich, dass auch physisch fast überall die Prognosen zu finden sind. So bietet quasi jedes Wohnhaus oder Bürogebäude Anzeigetafeln und/oder Schilder. Zu Beginn sind diese etwas verwirrend, wie zum Beispiel: „┴3 / Bernstein-Regenwarnung wurde gehisst“. Also recherchierte ich natürlich etwas zu den Hintergründen.

Es gibt drei Stufen der Regenwarnungen. Bernstein (>30mm pro Stunde), Rot (>50mm/h) und Schwarz (>70mm/h). Hinzu kommen die Taifun-Warnungen beginnend mit „T1“. Dies bedeutet, dass Hong Kong von einem Zyklon direkt beeinflusst wird und man sich entsprechend Vorbereiten sollte. „┴3“ steht für Taifun Warnung der Stufe 3. Stufe 2 wird nicht mehr gesondert gehisst. Das „T“ wird aus der Tradition heraus bei Stufe 3 auf den Kopf gestellt. Vor der Technisierung Hong Kongs wurden ca. 25kg schwere Signale von 2-3 Personen an gut sichtbaren Plätzen festgemacht. Diese metallenen Monster waren natürlich teuer in der Herstellung, weshalb man sich einfach dafür entschied, dass das Signal für T1, wenn es kopfüber hängt, für T3 steht. So simpel wie genial! Es gibt noch weitere Symbole für Temperatur, Tsunami etc. auf die ich hier aber nicht eingehen werde. Natürlich ist jedes Signal mit diversen Verhaltensregeln, Vorsichtsmaßnahmen und Vorschriften für öffentliche, aber auch private Einrichtungen und Individuen gekoppelt. So fahren bestimmte Fähren oder Busse nicht mehr oder die Bewohner und Behörden sind dazu aufgerufen die Abflüsse und Dolen auf Durchfluss zu checken. Ab T8, was auf der internationalen Beaufort-Skala der Stärke 8-11 entspricht, ist national „Taifun-frei“, also alle nicht krisenbekämpfende Unternehmen stellen sofort den Betrieb ein. Ab T10 haben wir dann einen waschechten Hurricane. Doch bisher bekam ich selbst lediglich „T3“ zu spüren. Es ist ziemlich faszinierend zu sehen wie gut die Stadt und ihre Bewohner auf die massiven Regenfälle vorbereitet sind. So gibt es Bodengebläse an Gebäudeeingängen, die den Boden trocken halten und witzige Regenschirm-Mützen mit integriertem Regencape für Menschen die im Freien arbeiten.


Doch es war natürlich nicht nur regnerisch oder stürmisch. An einem Wochenende bei strahlendem Sonnenschein fand wieder einmal ein traditionelles Festival in Hong Kong statt. Seit der Jin-Dynastie (~3. Jahrhundert) wird der Legende nach einem Beamten gedacht, der aus Widerstand gegen die Regierung Selbstmord begann und sich in einem Fluss ertränkte. Da dieser sehr beliebt unter den Einheimischen war, eilten diese mit ihren Booten auf den Fluss, doch konnten den Beamten weder retten noch seinen Leichnam finden. In ganz Südchina, Taiwan und auch in Japan wurde damit die Tradition des Drachenboot-Rennens ins Leben gerufen. Mit den bis zu 10m langen und 24 Menschen tragenden Booten, paddeln heutzutage Teams auf aller Welt um den Sieg. Die kunstvoll verzierten Boote werden von einem Steuermann gelenkt, während ein Trommler den Rhythmus für die 22 Paddler vorgibt. So machten sich Suki und ich auf die Südseite von Hong Kong Island, nach Stanley, einer kleinen Stadt, die an jenem Tag zum Mekka der internationalen Drachenboot-Szene erwacht. Wir sahen gespannt den Teams bei ihren Vorbereitungen zu und verfolgten auch ein Rennen. Jedoch war es uns schnell zu heiß und vor allem viel zu voll! Zu viele Menschen, zu wenig Platz und zu wenig Sicht ließen uns relativ zügig von der an sich schönen Szenerie des Küstendorfes abziehen. Interessant es einmal mit verfolgt zu haben war es aber in jedem Fall!


Im Juni war es dann auch an der Zeit für einen Tapetenwechsel. Ich, bzw. wir, hatten großes Glück das eine Person aus einem Privatzimmer desselben Apartments ausgezogen ist. So konnten Suki und ich unser eigenes kleines Reich anmieten. Zwar relativ klein und ohne Fenster, dafür aber vergleichsweise günstig. Zudem war der Umzug ein Einfaches. Für mich nur ein paar Meter und für Suki auch quasi stressfrei. Ein paar Tage später fanden wir auch ein gratis Bett auf einer Online-Plattform und konnten es direkt, mit der Unterstützung von Sukis Eltern und einem Miet-LKW abholen. Alles lief super flüssig und einfach und schwupps waren wir eingezogen. Die Wohngemeinschaft hier ist einfach super! Großartige und sehr verschiedene Charaktere leben hier dauerhaft und im Schlafsaal kommen stets Menschen unterschiedlicher Herkunft und Missionen vorbei. Eine gesunde Mischung aus Gemütlichkeit und Abwechslung. Mal wieder alles richtig gemacht! Auch wenn mich meine Mitbewohner alle für verrückt halten. Denn natürlich hat der Fußball-WM Geist auch in Hong Kong eingeschlagen. Und täglich werde ich gefragt ob ich nicht einem Spiel und einem Glas Bier beiwohnen möchte. Ich tue mir schwer den Menschen hier weiß zu machen, dass ich weder an Fußball interessiert bin, noch Bier trinke! In den Augen vieler bin ich wohl der schlechteste Deutsche den man sich vorstellen kann! Alles natürlich mit einem dicken Augenzwinkern. Doch in der Mall nebenan schaute ich einmal vorbei, als der ehemalige deutsche Nationalspieler und Weltmeister Thomas „Icke“ Häßler einen kleinen PR-Auftritt hatte. Es war so witzig die ganzen begeisterten Hong Kong Chinesen in deutschen Fußballtrikots aus allen Jahrzehnten aufgeregt um die imposante Fußballdekoration des Einkaufshauses hüpfen zu sehen.


Vor kurze durfte ich auch das stilvolle Messe- und Kongresszentrums am Viktoria Hafen im Zentrum Hong Kongs besuchen. Geschäftlich ging es für mich dort hin zur Internationalen Tourismus Expo. Das war natürlich auch sehr spannend. Viele asiatische Länder, aber auch globale Organisationen und Agenturen waren dort vertreten und haben ihre Reiseprodukte und Regionen vorgestellt. Einen kompletten Tag konnte ich dort verbringen, mich mit der Immobilie an sich vertraut machen, Seminare besuchen, Kontakte knüpfen und Informationen sammeln. Wie auf jeder Messe war natürlich auch viel Tam Tam geboten. Zwar finden die großen Shows erst am Wochenende statt, wenn die Messe auch der Öffentlichkeit geöffnet wird, jedoch konnte ich ein paar interessante, witzige und auch lächerliche Darbietungen verfolgen. Und wo ich schon einmal hier war, schaute ich mir auch noch den „Goldene Bauhinia-Platz“ an, der sich direkt neben dem Gebäude befindet. Der Platz zeigt in seinem Zentrum eine große vergoldete ewig blühende Orchidee. Die sogenannte Bauhinia ist das Landessymbol Hong Kongs (u.A. auch auf der Flagge zu finden) und jene Skulptur wurde von der chinesischen Zentralregierung bei der Übergabe von Großbritannien an China als „Geschenk“ dort errichtet. Täglich werden hier zeremoniell Fahnen gehisst (Die Chinesische stets über der Hong Kongs). Es ist ein großer Touristenmagnet vor allem Besucher aus China. Der Großteil der Einwohner Hong Kongs meidet diesen Platz aus bekannten symbolischen Gründen.


Ich war natürlich auch immer wieder mit Sukis Familie unterwegs. So lud die Großfamilie mütterlicherseits zu einem traditionell kantonesischen Mittagessen zu Ehren des Großvaters ein. Hier in Hong Kong wird wie in vielen anderen Ländern der Welt der Vatertag später gefeiert als bei uns in Deutschland. Es war so witzig und die Tanten, Onkels und Großeltern sind wunderbare Menschen. Ich selbst bekochte ein paar Tage später Sukis Eltern mit Zentraleuropäischen Speisen. So gut es ging besorgte ich die Zutaten auf dem Markt und in Supermärkten. Jeder der bereits in Asien war kennt diese wunderbar chaotischen Märkte. Und hier in Hong Kong sind sie nicht anders. Der Kettenrauchende Fleischereimeister schwingt das Beil, sodass der Saft bis auf das Gemüse oder der 50 Liter Eimer voller lebenden Kröten spritz. Herrlich! Ich entschied mich Sukis Familie mit Kohlrouladen, Rotkraut mit Salzkartoffeln und Schmelzzwiebeln zu servieren. Und ich schätze ich habe es gar nicht so schlecht hin bekommen. Es ist schön, wieder regemäßig selbst zu kochen, auch wenn die Preise für Lebensmittel – vor allem für die, die wir aus Europa kennen – natürlich vergleichsweise hoch sind. Wir Suki und ich kochen nun fast täglich und schaffen es sogar uns Mittagessen für das Büro, bzw. die Klinik vorzubereiten. Es schmeckt einfach besser! Nur leider merke es auch schon deutlich auf meinen Hüften. Aber naja, man lebt halt nur einmal!


An einem weiteren schönen Wochenende fuhren Suki und ich in die Stadt Sha Tin. Diese liegt an beiden Seiten eines Flusses und hat bezaubernde Parkanlagen zu bieten. Hier wurde sogar einer der ersten großen Fahrradwege in Hong Kong gebaut und es ist schön zu sehen, dass überall in der Stadt Fahrradspuren integriert wurden. Das hat Zukunft! Und wer kein eigenes Rad besitzt, kann sich einfach eines der unzähligen Fahrrad-Sharing Bikes mit dem Smartphone freischalten und los düsen. Die stehen hier wirklich alle 50m! Im Rest von Hong Kong, vor allem in den Ballungszentren ist dieses System zum wahren Problem geworden. Die Stadt ist ganz und gar nicht auf so viele Fahrräder vorbereitet. Es gibt so gut wie keine Abstellmöglichkeiten. Die relativ neue Planstadt Sha Tin jedoch, ist wesentlich besser dafür ausgelegt. Hier besuchten wir auch ein großes Museum von Hong Kong, dass dessen kulturellem Erbe gewidmet ist. So wird hier neben Kunst und Porzellan aus diversen antiken chinesischen Dynastien auch moderne Kunst, Design und vieles weitere ausgestellt. Es gibt sogar einen großen Indoor-Spielplatz für die Kinder. Besonders gut hat mir die Ausstellung zur Erinnerungen an einen Roman- & Comicbuch-Autor gefallen. Das Highlight war aber natürlich die Dauerausstellung zum weltbekannten Schauspieler und Kampfkunst-Meister Bruce Lee, der hier in Hong Kong geboren ist. Eine sehr schön gestaltete Galerie zeigte faszinierende Fundstücke und erzählte viele Hintergrundinfos über den Freizeitphilosoph und Künstler. Auch der berüchtigte gelbe Overall mit schwarzen Streifen wird hier ausgestellt. Leider sind Fotos innerhalb der Ausstellung Lizenzgründen streng Verboten und es wird auch heftig kontrolliert.


Auf dem Fluss in der Stadt fand am Abend ein besonderes Spektakel statt. Demnächst jährt sich die Übergabe Hong Kongs von Großbritannien nach China und die Nation Hong Kong wie sie heute existiert „feiert“ seinen 21. Geburtstag. In Vorbereitung der öffentlichen Feierlichkeiten werden in verschiedenen Bezirken Attraktionen geboten. An jenem Abend fand eine Drohnen-Show über dem Fluss statt. Also eine Art Ballett von leuchtenden Quadcoptern. Es war einmal ganz interessant bei den Vorbereitungen zuzusehen und die Faszination der dreidimensionalen Aufführung zu spüren, jedoch war der Inhalt der Performance geistlos, ideenlos, langweilig und enttäuschend. Aber seht selbst, ich habe einen Teil der Show videographisch festgehalten und wirklich mehr ist auch leider nicht passiert. Aber wie gesagt, eine Drohnenshow mal live zu sehen, hat schon was! Es ist aber auf jeden Fall verbesserungswürdig und –nötig!


Wann immer es mir möglich war, lief ich wild in der Stadt umher. Vor allem nördlich des Viktoria Hafens, die Kowloon-Seite, hat es mir angetan. Hier findet man Menschen unterschiedlichster Herkunft und Alters auf den Brücken, im Park oder am Straßenrand sitzen um dort ihren freien Tag bei einem Picknick zu verbringen und Leute zu schauen. Die ein- oder andere Gruppe grölt dabei lauthals und ohne Zurückhaltung in ein Karaoke-Mikrofon. Man kann über diverse Themen-Märkte schlendern wie zum Beispiel den Blumenmarkt, den Vogel-Markt oder auch den Goldfisch-Markt. Bei Letzterem werden unzählige Fischarten lebend in Plastiktüten verkauft, die außen an den Geschäften in Reihe aufgehängt wurden. Sehr witzig anzusehen. Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken! Doch da das Wetter oft einen Ausflug ins Wasser fallen ließ, habe ich eben auch viel Zeit in Gebäuden verbracht. Ich habe mir erste Gedanken gemacht, wie meine Reise wohl weiterlaufen könnte und welche Orte ich noch während meines Aufenthaltes hier in Hong Kong besuchen kann. Suki fand eine neue Arbeitsstelle und ich plante einen Besuch von Freunden aus Deutschland, die eventuell im Dezember für ein paar Tage nach Hong Kong kommen werden. Es gibt genug zu tun!


Kleine Reisebilanz nach 2 Jahren on tour:

So begehe ich also nun eine Art Alltag in Hong Kong. Die Wochentage fleißig im Büro bei spannenden Aufgaben und Herausforderungen, die Wochenenden stets auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer, worauf man hier in Hong Kong niemals lange warten muss. So harre gespannt auf den ersten „T8“ und auf alles was mich hier in nächster Zeit sonst so erwartet.

 

Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden und werde euch bald wieder von abgefahrenen und fantastischen Erlebnissen berichten. Danke, dass du hier bist!

 

Liebe Grüße, dein Schilli!


Funfacts:

- Sobald „T8“ aufgerufen ist, schenkt eine Bar mit demselben Namen gratis Schnaps an die Gäste aus, die sich dennoch dorthin wagen.

- Suki hat ein Nudelgericht mit Eselfleisch zubereitet. Eine chinesische Delikatesse. Und so schlecht schmeckt das auch gar nicht!

- Im Krankenhaus (Suki war zu einer Untersuchung dort) habe ich die Nummern im Kantonesischen nun endgültig gelernt! „Nr. 14 bitte in Raum 32.“, „Nr. 64 bitte in Raum 27.“ Wer hätte es gedacht, dass ich so schnell lerne, wenn die Umgebung dazu passt.

- Ich habe mich mit Alex aus Bonn angefreundet. Er lebt ein paar Tage im Schlafsaal und wir verbrachten diverse Diskussionen, Essen und sogar ein Schwimmbadbesuch miteinander. Er war zum Auslandsemester hier und ich nun wieder auf dem Weg zurück nach Deutschland.

- Suki hat sich voll motiviert daran gewagt mich mit einem Klappmesser zu rasieren. Begeistert bestaunte sie die Barbiere auf den Straßen, wenn ich mich dort rasieren ließ. Doch nach ein paar Versuchen gab sie schnell wieder auf…war eine blutige Angelegenheit. Das übernehme ich doch lieber wieder selbst. Aber ein Versuch war es wert!



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