#57 | Auf Hong Kong Art | 704. Reisetag


Ich darf euch freudig mitteilen, dass ich meine Onlinepräsenz mit diesem kleinen Tagebuch vorerst weiterführen werde. Zuerst sah es leider nicht danach aus, aber durch nur drei Einzelspenden konnte ich die Vertragsverlängerung mit meinen Providern verlängern. Zumindest ein weiteres Jahr versorge ich euch mit spannenden und lustigen Geschichten von meiner Asienreise, die in nur wenigen Tagen bereits zwei Jahre andauert. Herzlichen Dank an die drei Spender, die ich anonym halten werde. Ohne euch wäre es nicht möglich gewesen meine Reiseberichte auf diese Art mit euch und die, die sonst daran Gefallen finden, zu teilen. Ihr seid ganz groß! Liebsten Dank!


Ich freue mich sehr dir heute über meine ersten Erfahrungen nach, beziehungsweise während meiner Eingliederung in die Gesellschaft hier in Hong Kong berichten zu dürfen. Es ist sehr viel passiert in den vergangenen Wochen. Ich habe unglaublich viel gelernt und erlebt. Teile davon möchte ich dir heute etwas näher bringen. Um es für dich und mich einfach zu halten, habe ich diesen Bericht thematisch und nicht chronologisch aufgebaut. Denn es war sehr abwechslungsreich. Obwohl sich langsam natürlich so etwas wie „Alltag“ entwickelt, ist doch jeder Tag ein Abenteuer und bietet enorm viel Neues und Spannendes. Hong Kong ist einfach besonders und anders, was natürlich Herausforderungen, aber auch positive Überraschungen bietet. Wie du sehen wirst habe ich viele tolle Bilder und auch relativ viel Videomaterial für dich vorbereitet. Viel Spaß bei deinem kleinen Ausflug in meine neue Welt.

Herzlicher Anschluss

Nachdem ich meine erste Klimaanlagen-Erkältung hinter mir hatte, konnte ich nach und nach Sukis soziales Umfeld kennen lernen. Ein bis zweimal die Woche besuchte ich Suki bei Ihren Eltern und ich wurde dabei zu herausragenden Mahlzeiten geladen. Ihre Eltern kochen gemeinsam und bereiten stets wunderbare Gerichte vor. Jedes Mal wenn ich vorbei schaue, haben sie ein neues Wort oder einen neuen Ausdruck auf Englisch drauf. Sehr beeindruckend. Die ersten Worte auf Englisch waren übrigens „Feel like home“ also „Fühl dich wie zuhause.” Ich schätze mich sehr glücklich das Sukis Eltern so herzlich und offen sind. Eines Nachmittags gingen wir in die Stadt um dort bei einem „Afternoon High-Tea“, also dem traditionellen Nachmittagssnack, auf Sukis Schwester und ihren Verlobten zu treffen. Die beiden sind Schauspieler und kamen gerade von einem Projekt aus Macau. Macau liegt auf der anderen Seite des Perlfluss-Deltas und ist neben Hong Kong eine weitere Sonderverwaltungszone Chinas. So hatte die Familie „Sze“ nach langer Zeit eine Zusammenkunft und ich durfte daran teilhaben. Eine überaus witzige Truppe, die es mir überaus leicht macht mich zu integrieren.

Doch auch Sukis Freundeskreis erschließ sich mir mit der Zeit. So lud Stacey zu einem Abendessen zu sich in die Wohnung ein. Pakiyu, ihr Sohn, und ich wurden direkt beste Freunde und ich war beeindruckt, dass er mit seinen zwei Jahren bereits die Grundlagen von zwei so unterschiedlichen Sprachen lernt. Ich kenne Kinder, die mit drei Jahren noch nicht einmal eine Muttersprache sprechen konnten/wollten. Stacey und Eva, Sukis engste Freundinnen, sind auch lustige Gesellschaft und Stacey ließ auch direkt ihre Kontakte für mich spielen um mich mit günstigen Zigaretten (ich frage mal nicht wie legal das ist) aus China zu versorgen. Am Muttertag dann, kam die große Familienzusammenkunft. Muttertag findet zeitgleich zu Deutschland statt, Vatertag hingegen ist an einem anderen Tag als in Europa. Eine Tante lud ihre Geschwister und deren Familien zu einem Abendessen in ihrem Apartment ein um deren Mutter, Sukis Großmutter zu ehren. Und ich war mit von der Partie. Suki und ich schwangen uns in den zweiten Stock des Linienbusses und fuhren in die „Neue Territorien“, ein großes Gebiet auf dem Festland, relativ weit entfernt des Stadtzentrums von Hong Kong, in der Nähe der chinesischen Grenze.


Das war vielleicht ein Kuddelmuddel aus Menschen und Gesprächen. So witzig! Sukis Vater hat vier weitere Geschwister und mit Familien war die Wohnung prall gefüllt. Da Hong Kong ja bis 1997 noch zur englischen Krone gehörte, hatte die ehemalige Ein-Kind-Politik Chinas hier keinen Einfluss. Die Gastgeber waren auf alles vorbereitet und die Damen hatten bereits kiloweise Essen vorbereitet. Im 34. Stock eines Wohngebäudes versammelten wir uns und tranken bereits vor dem Essen gemeinsam Whiskey und Brandy. Whiskey und Brandy sind übrigens auch die Namen der zwei Hunde, die mit der Gastgeber-Familie leben. Vielleicht ein Indiz für euch, wie gesellig und lustig es innerhalb der Familie zuging. Das Essen war hervorragend. Es gab viele verschiedene Leckereien und völlig neue Geschmacksrichtungen für mich. So wurden als Appetithappen zum Whiskey Entenzungen gereicht. Gar nicht mal so schlecht. „Küss‘ die Ente“ wird diese Form des Snacks scherzhaft genannt. Auch hier wurde ich mit offenen Armen empfangen und ich fühlte mich sehr willkommen. Bis heute habe ich keinerlei schlechte Erfahrung mit Hong Kongesen im Allgemeinen gehabt. Stets freundlich, bemüht, zurückhaltend und offen. Ein großes Glück für mich ist natürlich, dass sehr viele Menschen in Hong Kong fließen Englisch sprechen. Oder zumindest Konglisch (Eine verrückte Mischform aus Kantonesisch und Englisch). Zusammengefasst kann man sagen, dass ich hier sehr schnell Anschluss gefunden und großartige Menschen kennen lernen durfte. Und alle stehen mir hilfsbereit zur Seite. Sei es ein Haarschnitt, den mir Sukis Vater verpasste oder die Hinweise auf günstige Angebote in umliegenden Supermärkten von Sukis Mutter. 

Überraschend Grün

Als ich entschieden hatte eine Weile in Hong Kong zu verbringen machte ich mir natürlich einige Gedanken, ob es wohl das Richtige für mich sei. Alles ist einen Versuch wert und sollte zumindest einmal ausprobiert und am eigenen Leib erfahren werden, klar, aber in diese krasse Metropole zu ziehen war für mich doch Neuland. Wer meine Berichte regelmäßig verfolgt weiß, dass ich ein leidenschaftlicher Natur Fan bin und ich mich regelmäßig sehr gerne in der Natur aufhalte. Meine Sorge war also, dass ich dies in Hong Kong zurückstellen muss. Doch da hatte ich mir grundlos Sorgen gemacht. Relativ schnell lernte ich, dass mehr als 75% der Fläche Hong Kongs unbebaut ist und ganze 40% als Naturreservate geschützt werden. Ausreichend Möglichkeiten also dem hektischen und von Menschenhand errichteten Zentrum zu entfliehen. Hong Kong ist ein vulkanisches Archipel, dass aus der großen Halbinsel am südchinesischen Festland, sowie erstaunliche 263 Inseln besteht. Aufgrund sehr steile Hügel und unregelmäßig verlaufender Küsten kann nur an wenigen Orten gebaut und gewirtschaftet werden. Und in den vergangenen Wochen konnte ich mich selbst davon überzeugen.

So zogen Suki und ich an einem Sonntagmorgen zu einer Wanderung am Rande von Kowloon los. Mit dem Bus erreichten wir den Rand der Stadt und machten uns auf den anstrengenden Weg den steilen Berg hinauf. Unser Ziel war der Löwen-Berg (Lion Mountain). Der Berg trägt diesen Namen, da eine Felsformation auf dessen Gipfel, aus dem Tal mit etwas Phantasie wie eine Statue eines Löwen betrachtet werden kann. Dieser Wanderweg gehört zu den berühmteren in Hong Kong, doch war aufgrund der Hitze relativ wenig los. Wir schlugen uns durch den Wald und erreichten einen Gipfel. Von hier aus ging es auf dem Bergrücken entlang bis hin zum Löwenfels. Von hier aus hatten wir einen hervorragenden Blick über die Stadt, den Hafen und sogar Hong Kong Island auf der einen Seite, die Wasserreservoirs, Wälder und kleine Planstädte mit Wohnhäusern auf der anderen Seite. Während wir so den Wanderweg entlang stapften spürte ich ein Stechen am linken Oberschenkel. Dann merkte ich, dass es kein Stechen war, sondern mein Handy eine enorme Hitze abstrahlt. Es wurde tatsächlich so heiß, dass ich es nicht mehr in den Händen halte konnte… Mit Mühe schaffte ich es auszuschalten. Ich hatte die Befürchtung, dass es gleich explodieren würde. Was soll denn das bitte? So ein Mist. Damit hatte dann mein Mobiltelefon auch das Zeitliche gesegnet. So ein Mist! Wir wanderten weiter und neben einer Radarstation, mit fabelhaftem Blick über den gigantischen Containerhafen entspannten wir beim Sonnenuntergang. Das gab uns die Möglichkeit die Lichter der Stadt zu bestaunen und wir erlebten wie die Skyline der City zum Leben erwacht. Jeden Abend um 20:00 Uhr feuern über 20 verschiedene Gebäude eine faszinierende Licht und Lasershow zu sinfonischer Musik ab. Ein phänomenales Ende eines schönen Wandertages.


An einem arbeitsfreien Dienstag, es war nationaler Feiertag zum Geburtstag Buddhas, fuhren Suki und ich auf die Insel Cheung Chau um eines der großen Festivals Hong Kongs zu erleben. Am frühen Morgen nahmen wir erst die historische Fähre über den Victoria-Hafen zu der Stelle, an dem die Briten ihren ersten Hafen während ihrer Besetzung im 19. Jahrhundert errichteten um dann eine weitere Fähre auf die ca. eine Stunde entfernte, relativ überschaubare Insel, zu besteigen. Diese Insel ist über das Jahr hinweg ein einfaches Fischerdorf, welches mit einigen ausgezeichneten Fisch-Restaurants und großen Stränden als eines der Naherholungsgebiete Hong Kongs gilt. An diesem Tag jedoch, waren Heerscharen unterwegs um das berühmte Festival zu erleben. Seit hunderten Jahren wird diese Tradition bereits hoch gehalten und times.com hat das Festival sogar als eines der „Schrulligsten Festivals der Welt“ honoriert. Um das Ende einer Pest und Buddhas Geburtstag zu zelebrieren gibt es diverse Paraden, Tänze, Taoistische Gebräuche, Musik und einen eigenartigen Kletterwettkampf zu sehen. Ausgesuchte junge Männer erklimmen bis zu 14 Meter hohe Berge aus Brot-Knödeln (ja, die zum Essen). Je höher man steigt und besonders gekennzeichnete Knödel einsammelt, desto mehr Punkte bekommt man. Dem Sieger wird große Ehre zuteil und die Knödel werden danach an die Öffentlichkeit verteilt. Um Sicherheit zu gewährleisten und Verschwendung zu umgehen klettern aber seit Jahren die Freiwilligen auf Attrappen einen künstlichen Turm hinauf. Besser ist das.


Zwischen den Programmpunkten zogen Suki und ich auf Wanderwegen um die Insel um diese in ihrer Gänze zu entdecken. Es war brutal heiß. Was sehr gut war, denn so zogen weniger Menschen überhaupt auf die Insel um das Festival live zu erleben und die die dennoch hier her kommen, bleiben in den klimatisierten Restaurants des Dorfes. Die Wanderwege waren also wie leergefegt. Diese kleine Insel bietet enorm schöne Ecken, beeindruckende Felsen und einsame Strände. Natürlich bekletterten wir die Felsen und genossen auch ein Bad im erfrischenden und beeindruckend sauberen Wasser des Meeres. Wir verbrachten über 14 Stunden auf der Insel und ich bestaunte die vielen Kostüme, tolle Musik, eigenartige Bräuche und natürlich die paradiesische Natur. Ich komme auf jeden Fall wieder hier her. Vielleicht mit einem Zelt um die entlegeneren Ecken der Insel näher zu entdecken. Ach ja, es war natürlich enorm viel los im Dorf. Gerade während der Parade war es schwer eine gute Sicht zu bekommen. Also für Suki. Ich hatte stets gute Sicht, konnte ich doch über die Menschenmassen einfach hinweg sehen. Doch meine Körpergröße zog auch ein lokales Kamerateam an, welchem ich natürlich gerne Rede und Antwort stand und am selben Abend noch im lokalen Fernsehen und im Internet veröffentlicht wurde.


Das krasseste und beste Erlebnis in der überwältigenden Natur von Hong Kong hatte ich jedoch in Sai Kung. An einem Wochenende sattelten wir unser Camping-Equipment und gingen zwei Tage auf Streifzug durch den östlichen Teil der Halbinsel. Zuerst machten wir einen Zwischenstopp in Sai Kung Stadt. Einem beliebten Ausflugsziel für Einheimische wie auch Touristen. Von hier fahren die Boote und Gruppen in den von der UNESCO ausgezeichneten Geologie Park ab. Wir fuhren jedoch weiter zu einem kleinen Trail, der weniger Menschen und mehr Natur versprach. Es war das heißeste Wochenende seit langem. Selbst Einheimische waren überrascht von der Hitze, die unüblich für diese Jahreszeit ist. So änderten wir irgendwann den Plan, denn unser Wasservorrat wurde knapp. Zwar hätten wir Wasser unterwegs auffüllen können, doch knapp 3 € pro Liter Wasser zu bezahlen war uns zu heftig. Benötigten wir doch knapp 4 Liter pro Person und Tag. Jupp, es war heiß und wir hatten uns einen anstrengenden Weg heraus gesucht. So kamen wir an unfassbar schönen Ecken vorbei und trafen dennoch kaum auf andere Wanderer. Wir verfolgten einen Sonnenuntergang auf dem Gipfel eines Berges und übernachteten eine Nacht an einem verlassenen Strand. Doch schau es dir selbst einmal an, welch zauberhafte Natur Hong Kong zu bieten hat. Es ist eben nicht nur jene Mega-Stadt wie wir es annehmen. Viel Spaß bei dem kleinen Video, das ich für dich vorbereitet habe.


Zurück im Geschäft

Ganze 4-5% der Bevölkerung Hong Kongs sind Menschen aus dem Ausland, die hier auf Zeit einer Arbeit nachgehen. Also rund 370.000. Und ich bin nun einer davon. Bei der Agentur Liberty International Hong Kong (China) habe ich meine erste Arbeitsstelle in Hong Kong gefunden. Mein Visum erlaubt mir bis zu 3 Monate für einen Arbeitgeber tätig zu sein. Danach gilt es denn Arbeitgeber zu wechseln. Liberty international agiert global in der Tourismus und Eventbranche mit eigenen Büros in über 46 Ländern. Und ich unterstütze ab sofort das Team in Hong Kong vor Ort. Wie in meinem letzten Bericht bereits erwähnt laufe ich täglich die knapp drei Kilometer zu dem beeindruckenden „Exchange Tower“, wo unser Büro untergebracht ist und wieder zurück. Die erste Woche war es sehr regnerisch und ich konnte die alltäglichen Spaziergänge kaum genießen. Doch sobald das Wetter klarer wurde, konnte ich die Promenade am Hafen entlang schreiten und das Treiben der Stadt beobachten. Doch nun ist es sehr heiß und schwül und so drängt es mich jeden Morgen auf die Herrentoilette im Exchange Tower um mein Businessoutfit anzuwerfen. Tja, Not macht erfinderisch. Ganz geschickt ist auch, dass sich ein gigantisches Einkaufszentrum direkt neben meinem Büro befindet, wo ich kleine Besorgungen machen oder meine Mittagessen (z.B. bei IKEA) zu mir nehmen kann. Direkt nebenan befindet sich auch das Zero-Carbon-Building der hiesigen Bauaufsichtsbehörde. Eines von weltweit nur 5 existierenden Null-Emissions-Gebäuden. Ein weiteres steht übrigens in Deutschland. In Freiburg um genau zu sein.

Quelle: YouTube.com | 14.06.2018 | Liberty International Tourism Group


Das Team hier bei Liberty hat mich sehr gut aufgenommen und ich fühle mich ausgesprochen wohl. Ich habe spannende Projekte auf dem Tisch und gebe natürlich mein Bestmöglichstes dem Unternehmen in der kurzen Zeit ein maximal wertvolles Mitglied zu sein, auch wenn ich natürlich nur ein kleines Praktikantengehalt erhalte. Es ist eine großartige Chance für mich und ich lerne enorm viel, nicht nur über Hong Kong. Ohne Betriebsgeheimnisse lüften zu wollen kann ich euch sagen, dass meine Arbeit neben Hong Kong auch Taiwan, Hainan, Borneo und internationale Kunden aus Russland, Israel und auch Europa beinhaltet. Zudem darf ich unser eigenes Marketing mit der Kreation von neuen Agenturpräsentationen, Präsentationen für Destinationen und einem neuen Corporate-Video ausstatten. Ob du es glaubst oder nicht, auch die neue Datenschutzverordnung der  EU ist hier ein Thema und wir passen unsere Standards dementsprechend an. Viele tolle Projekte also und spannende Herausforderungen deren Lösung ich mir auf die Fahne geschrieben habe. So breche ich also jeden Morgen nach meinem Frühstück auf um wieder produktiv und Teil eines ökonomischen Systems zu sein. Bereits diverse Male durfte ich Ortsbegehungen durchführen und mir ausgewählte Hotels näher anschauen. Bei einem Mittagessen bei einer der größten Hotelketten der Welt habe ich doch auch tatsächlich einen Hotelgutschein für ein 5***** Hotel in Singapur gewonnen. Jetzt muss ich da nur noch irgendwie hinkommen… Aber wie dem auch sei, es fühlt sich gut an wieder mit einem Team Events auf die Beine zu stellen, die hoffentlich mindestens begeistern. Gestern erhielt ich bereits mein erstes Gehalt. Wahnsinn! Mein erster ordentlicher Zahltag seit Jahren! Ein gutes Gefühl, vor allem da ich es in bar erhalten habe. Ich bin noch im Clinch mit den Banken hier in Hong Kong… Habe leider noch keine geeignete Lösung für mich gefunden.

Hong Kong Generell

An einem Samstag nahm ich mir auch endlich die Zeit mich näher mit der Geschichte und Entwicklung Hong Kongs zu beschäftigen. Die turbulente Vergangenheit kann man auch sehr plastisch, von der Geologie bis hin zur Übergabe vom Vereinigten-Königreich nach China, im Geschichtlichen Museum von Hong Kong, nachvollziehen. Ich werde euch hier keine Kurzfassung der Geschichte präsentieren, denn das würde der Sache auch gar nicht gerecht werden. Aber lest euch doch Mal im Netz etwas zusammen, es ist sehr spannend! Ich verbrachte mehrere Stunden im Museum und habe mir auch einen Audio-Guide gegönnt um mehr Hintergründe, Anekdoten und Highlights zu erfahren. Eine gute Sache! Und kostenlos war es natürlich auch. Ein weiteres, tolles Museum welches ich mir ansehen durfte befindet sich in einem Stadtpark und hat sich die Konservierung des kulturellen Erbes des Kolonialzeit auf die Fahne geschrieben. Vor allem die Entwicklung der Architektur, die Fusion aus westlichen und fernöstlichen Einflüssen ist faszinierend zu verfolgen.

Die aktuelle politische Situation ist natürlich angespannt. Die vereinbarten „50 Jahre ohne Veränderung“, verhindern eigentlich ein politisches Einwirken Chinas bis ins Jahr 2047. Bis dahin dürfen keine Gesetze erneuert oder verändert werden. So will es das hiesige Grundgesetzt. Wie auch Westdeutschland nach dem zweiten Weltkrieg lediglich ein „Grundgesetzt“ statt einer „Verfassung“ festgesetzt hatte um auf die Wiedervereinigung mit Ostdeutschland zu warten, so ist auch das Regelwerk in Hong Kong als temporär eingesetzt worden. Doch der Einfluss Chinas wird natürlich immer stärker. Was vielen Menschen in Hong Kong natürlich nicht gefällt. Hochchinesisch (Mandarin) erhält Einzug in die Schulen und Direktive aus Peking für strukturelle Planungen in der Zukunft werden bereits verarbeitet. Die Bevölkerung hat Angst, dass seine Traditionen (eigene Sprache, eigene Schrift, etc.) wie auch seinen liberalen Status (Kapitalismus, Steuerparadies) dem relativ neuen Souverän, der kommunistischen Volksrepublik China, zum Verhängnis werden. Doch weiß auch China sehr wohl, welche Vorteile es aus der Teilautonomie Hong Kongs für sich ziehen kann. So unterstütz Hong Kong die Regierung in Peking mit enormen finanziellen Spritzen. Es ist also eine heiße Zeit und die Diskussionen über dieses „Zusammenwachsen“ sind immer wieder und überall zu entdecken. Ich bleibe gespannt weiter am Ball und spiele – wie immer – fleißig Beobachter.

Ich habe viele neue Ecken der Stadt entdecken können. Da Suki als Freelancer arbeitet, ist sie bei verschiedenen Ärzten, in verschiedenen Bezirken der Stadt, tätig. So komme ich gut herum und sehe viele Facetten der Stadt. Zudem hat die Suche nach einem möglichst günstigen Ersatz meines Handys mich gut herum getrieben. Wie bereits erwähnt hatte mein Handy sich dazu entschieden einfach zu explodieren (sich zumindest stark exothermisch selbst zu zerstören). Doch nun habe ich Ersatz und kann mit einer annehmbar guten Handykamera weiter tolle Impressionen liefern. Und so langsam bürgert sich auch eine Art „Alltag“ ein. Ich weiß wo es welche Alltagsprodukte günstig zu kaufen gibt, mein Körper findet den Weg zur Arbeit quasi schon von alleine und ich finde Zeit ganz alltägliche Dinge zu tun wie ein Kino zu besuchen, mich selbst zu bekochen oder im Schwimmbad ein paar Bahnen zu ziehen. Zudem bin ich jetzt auch stolzer Besitzer eines Hong Kong Personalausweises! So offiziell! Mega!


Aus den Augen des Besuchers

Natürlich wird meine Liste von den Dingen, die ich hier noch besuchen beziehungsweise erleben möchte, eher länger als kürzer. Obwohl ich viele tolle Orte hier bereits besuchen konnte. So fuhr ich zum Beispiel mit der historischen Doppeldecker-Straßenbahn, die von den Engländern 1904 an der Küste von Hong Kong Island in Betrieb genommen wurde. Heute ist sie ein stark subventioniertes und entschleunigendes Transportmittel, das aus Traditionsgründen noch am Leben gehalten wird. Und es hat tatsächlich eine schöne Atmosphäre mit den kleinen, aber natürlich stark modernisierten, Kastenwagen zwischen den Wolkenkratzern und Luxus-Läden durch das Zentrum zu fahren. Denn heute sieht man die Küste so gut wie nicht mehr. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab und gibt es hier regelmäßig große Landgewinnungsprojekte, die nach und nach den Victoria-Hafen verschmälern. Erst seit Kurzem wurden die Stimmen des Protestes der Bevölkerung und Naturschützer wieder lauter, vor allem nachdem die große künstliche Halbinsel, die den gigantischen Kreuzfahrtschiff-Hafen beherbergt, zwischen Kowloon und Hong Kong Insel fertig gestellt wurde. Als weitere witzige Attraktionen der Stadt schaute ich im Skulpturenpark für Comic-Figuren vorbei oder besuchte den Garten der Filmstars, wo unter anderem eine Bronzestatue von Lee Jun-Fan in einer seiner berühmten Posen steht. Im Westen ist er bekannt unter dem Pseudonym: Bruce Lee.

Es macht mir sehr viel Spaß die vielen Grünanlagen der Stadt zu besuchen. Es gibt etliche kleine Parkanlagen die von jedem gerne genutzt werden. So findet man eigentlich zu jeder Stunde mindestens eine Gruppe Menschen, die gemeinsam Tai Chi, eine antike chinesische Kampfkunst, auch bekannt als Schattenboxen, die sich in der Moderne zu einer Art Bewegungslehre und Meditation entwickelt hat, betreiben. Teilweise sieht man auch Personen, die Schwerter als Trainingsgerät nutzen und es kann sehr befremdlich auf einen Besucher wirken. Natürlich nutzen sie Gummi-Klingen und ich finde es überaus interessant und witzig den Damen und Herren bei ihren eleganten, konzentrierten und auch teilweise absurden Bewegungen zu zusehen. Andere Gruppen packen die fetten Musikanlagen ein, beschallen eine Ecke des Parks und laden zu Tanz oder Karaoke ein. Es gibt immer etwas zu Interessantes zu entdecken wenn man seine Wohnung verlässt und durch die Straßen oder Parks der Stadt schlendert. Das ist hier nicht anders als in deiner Heimatstadt. „Nichts“ erlebt man nur wenn man zuhause bleibt.


An einem besonders heißen Tag schrieb ich mir Religion und Tradition auf die Tagesagenda. So zog ich alleine los um das buddhistische Nonnenkloster mit seinem weitläufigen Feng-Shui Garten zu besuchen. Der Garten ist wirklich der absolute Wahnsinn! Gefällt mir richtig gut! Nichts wurde hier dem Zufall überlassen und jede Erhebung, Pflanze, Stein und jedes Gebilde erfüllt seinen Zweck in Design und Energie. Ein Ort der Entspannung und Inspiration. Im Garten befindet sich auch eine Art Museum für Felsen. Also es werden verschiedene wohlgeformte Steine und Felsen den Passanten vorgestellt. Verrückt! Aber warum auch nicht?! Direkt nebenan steht das Chi Lin Nonnenkloster. Ein Holzkonstrukt, welches ausschließlich aus dem cleveren aufeinanderlegen und verkeilen von Holzbalken zusammen gehalten wird. Kein Nagel, keine Schrauben und keine Bolzen! Wohl ein Albtraum für den Hohenloher Schraubenkönig und Weltmarktführer für Befestigungsmaterial, Reinhold Würth. Doch auch diese Anlage ist ein Besuch wert. Während meines Besuches fand auch gerade eine Ausstellung der Penjing-Kunst innerhalb des Klosters statt. Penjing ist eine antike chinesische Gartenkunst, bei welcher Bäume und Sträucher künstlich als Miniatur Ihrer selbst gezogen und ästhetisch geformt werden. Eine heute berühmtere Variante davon ist die in Japan weiter entwickelte Bonsai-Kunst.


Zum Abschluss möchte ich noch ein weiteres Erlebnis mit euch teilen. Nachdem ich meine erste Woche auf Arbeit und in Hong Kong hinter mir hatte, gönnte ich mir etwas Besonderes. Ich holte Suki aus einer ihrer Praxen auf Hong Kong Island ab und wir gingen zu einem gehobenen Abendessen in einem vom Guide Michelin prämiertes Sternerestaurant zu Abend essen. Tim Ho Wan ist eine Restaurantkette aus Hong Kong, das sich auf die lokale Spezialität, das Dim Sum, spezialisiert hat. Dim Sum ist entfernt vergleichbar mit den spanischen Tapas. Es handelt sich um mehrere kleine, meist traditionelle Gerichte die gereicht werden. Natürlich unterscheiden sich die Gerichte von der spanischen Version enorm. Von Hühnerfüßen über diverse Formen von gedampften chinesischen Knödeln und Teigtaschen bis hin zu Reisgerichten und Frittiertem, bietet Dim Sum eine mannigfaltige Auswahl und ist in der südchinesischen Kultur ein fester Bestandteil. Traditionell zu Mittag gereicht und von klapprigen Servicewagen serviert, gibt es heutzutage Dim Sum rund um die Uhr und in jeder erdenklichen Kategorie von Restaurants. Und das Essen war absolut oberaffenmegageil! Und da Tim Ho Wan auch das günstigste Sternerestaurant der Welt ist, war es auch mehr als bezahlbar. Ein Schmaus in wahnsinnig gutem Preis-Leistungs-Verhältnis! Für 20€ kann man sich hier satt essen!

Ich könnte noch seitenlang weitere kleine Geschichten und Anekdoten erzählen, doch belasse ich es heute dabei. Einen Bruchteil davon erfahrt ihr wie immer untern in den „FunFacts“. Die nächsten Tage werde ich alleine in Hong Kong verbringen und auch das erste Wochenende auf eigene Faust bestreiten. Suki wird mit ihren Freundinnen ein langes Wochenende in Thailand verbringen. So bleibt mir endlich die Zeit euch auf den aktuellen Stand zu bringen.

 

Lasst es euch gut gehen und genießt den Sommer für mich mit. Hier beginnt bald die Regenzeit.

 

Fühlt euch gedrückt. Euer Schilli


Funfacts

- Die Wohnungssituation in Hong Kong überrascht mich immer wieder. Ein 4 Personenhaushalt auf geschätzt 34m². Und zusätzlich zieht noch ein Kindermädchen aus den Philippinen ein!

- Tony, Sukis Vater, hat mir einen hervorragend neuen Haarschnitt verpasst. Er war früher als Frisör für Damen tätig und ich war erst sein 5. männlicher Kandidat.

- Großer Streit beim Sippentreppen bei Sukis Tante. Es wurde zu viel Essen mitgebracht. Herausforderung angenommen! ;)

- Mein neues Telefon hat tatsächlich eine Bilderkennung in der Kamera eingebaut. So schaltet es automatisch in einen speziellen Katzenmodus, sobald eine Katze vor die Linse tritt! #sowasbrauchtkeinMensch

- Beim Wandern lehrten wir uns gegenseitig die Zahlen von 1-10 in unseren Muttersprachen. Zwar werde ich wohl nie großartig kantonesisch lerne, aber ein paar Grundlagen schaden nie.

- Der Konflikt zwischen Hong Kong und China spiegelt sich großartig am Beispiel des neuen Bullet-Trains, Hochgeschwindigkeitszug, ab. Er soll Hong Kong mit Shenzen und Guangzhou in Südchina verbinden. Technisch passt alles und er ist quasi fertig gebaut. Jedoch wird noch immer gestritten wie die Einwanderung beim Grenzübertritt geregelt werden soll. Beide Nationen benötigen ein Visum für das andere Land und dann sind da ja noch die vielen Gäste aus anderen Nationen. Hong Kong will eine schnelle Abwicklung an einer Station. Hong Kong Ausreise und China Einreise an einem Schalter. Jedoch ist das alles nicht so einfach. Darf doch ein offizieller Beamter eines Staates nicht einfach auf dem Hoheitsgebiet des anderen agieren. So steht hier bald ein Zug der mit 350km/h in nur 48 Minuten bis nach Guangzhou brettern könnte (aktuelle Reisezeit per Schnellzug 1:53 Stunden), jedoch muss er zweimal anhalten um die Kontrollen durchzuführen was die Reisezeit quasi verdoppelt.

- Achja, an dieser Stelle wieder liebe Grüße nach Stuttgart; In Hong Kong wird aufgrund der neuen Verbindung gerade der größte Untergrundbahnhof der Welt fertig gestellt. Kopfbahnhof nebenbei bemerkt. Ein Vergleich: Hong Kong: 8 Jahre Bauzeit, Kosten 130% des ersten Etats. Stuttgart:  11+ Jahre Bauzeit , Kosten: 400%+ des ersten Grundetats. Alle Angaben ohne Gewähr und Kommentare.

- Lebensmittel sind fast überall auf der Welt teurer als in Deutschland. Deswegen ist es für mich gerade in Hong Kong, Platz 5 der höchsten Lebenshaltungskosten der Welt, ein enormer Unterschied. Wenn also mal ein Angebot für Käse im Supermarkt zu finden ist, dann kaufe ich gleich mal 2-3 kg.

- Da stolperte ich bei einer meiner Tagestouren doch über ein deutsches Restaurant und Bierbar. Unbezahlbar… Für mich.

- Traditionell wird in authentischen lokalen Restaurants in Hong Kong das Geschirr & Besteck vom Gast persönlich gewaschen. Entweder in einer Schüssel mit heißem Wasser oder Tee. Zwar wird es natürlich in der Küche hygienisch gereinigt und es ist heutzutage nicht mehr wirklich notwendig, jedoch wird das Verfahren aus Tradition und Höflichkeit gegenüber dem Gast weiter am Leben gehalten.

- Kein Zweifel: Der coolste Typ in ganz Hong Kong ist der geschätzt 73 Jahre alte Nachtwächter in dem Industriegebäude wo ich wohne. Keiner grüßt mit so viel Elan und Freude wie er. Wenn er seine Arbeit beginnt komme ich gerade von meiner. „Hello! Good Night!“, ist zwar sein ganzes Repertoire der englischen Sprache, doch seine Augen und seine 3 Zähne erzählen so viel mehr.



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