#51 | Faszination der Finsternis | 601. Reisetag

Die Fahrt bis an die vietnamesische Grenze verlief relativ zügig und unkompliziert. Na gut, ich bin schon immer wieder neidisch auf Suki, die sobald wir im Bus sitzen einschläft. Ich kann das einfach nicht. Kurz vor der Grenze weckte ich sie und wir marschierten den anderen Gästen, ausschließlich Laoten oder Vietnamesen in das Gebäude für den Laos Check-out und die Vietnam Immigration, hinterher. Kurz bevor ich dann dran kam, bemerkte ich, dass ich ja meine Ausreisekarte, ein Formular dass man bei Einreise erhält und bei Ausreise ausgefüllt abgeben muss, vergessen hatte. So ein Mist. Ich stellte mich zuerst doof um zu versuchen ohne das Dokument ausreisen zu können, jedoch bestanden die Beamten darauf und so musste ich das Gepäck aus den Tiefen des Busses kramen, das Formular heraus ziehen, ausfüllen und mich wieder hinten anstellen. Mensch, Schilli, das solltest du doch besser wissen! Aber das lief dann auch ohne Probleme und der Bus wurde sowieso von den Behörden eine ganze Zeit durchleuchtet, sodass ich auch die Abreise nicht beeinflusste. Hinter der Grenze tauschten wir noch bei einer Horde von jungen, maskierten (Mundschutz) Damen unsere restlichen laotischen Kip zu vietnamesischen Dong. Natürlich zu einem lächerlich schlechten Kurs. Aber wir brauchten nur etwas Notfallbargeld für Toiletten und dafür war es in Ordnung. Nach weiteren 3 Stunden Fahrt kamen wir dann an unserer ersten Destination in Vietnam an.

Hueeeeee

Und obwohl Hue im Vergleich zu den Metropolregionen Vietnams ein kleines Dorf ist, traf uns hier die volle Breitseite „Vietnam“. Tausende von Menschen drängen sich auf mindestens ebenso vielen Rollern durch die Stadt. Und zwar überall, wo es möglich ist. Gehwege werden als Rollerparkplätze, Abkürzungen oder Schnellstraße genutzt und der Fußgänger schlängelt sich dann halt irgendwo hindurch. Aber es funktioniert. Ich bin jedoch froh, dass mich hier – vor allem Indien – bereit abgehärtet hat. Und schlimmer als in Indien ist es auf keinen Fall. Mit einem Mädel, das wir am Busbahnhof kennen lernten, sind wir ein ganzes Stück durch die Stadt zum Touristenviertel gelaufen, wo sich viele relativ günstige Hotels und Hostels befinden. Leider ist hier in Vietnam, aufgrund der Bergkette zu Laos, das Wetter um einiges regnerischer zu dieser Zeit. Vietnam, das sich vom Süden Südostasiens bis hin nach China streckt, beherbergt ganze drei verschieden Klimazonen. Aufgrund der Karstgebirge befinden sich diverse Wetterscheiden im Land. Und hier in Zentralvietnam ist nun erst einmal kalt und nass im Programm.

Hué (Harmonie war von 1802 bis Ende des zweiten Weltkrieges die Hauptstadt Vietnams und beherbergt eine „verbotene Stadt“, eine Zitadelle des Kaisers, welche nach dem Vorbild Pekings erschaffen. Die Stadt wurde während des Vietnamkrieges 1968 quasi komplett zerstört, die Aufbauarbeiten laufen auch heute noch, jedoch ist die Stadt ganz ordentlich wieder hergestellt worden. Hué ist bekannt für die ausgezeichnete vietnamesische Küche. Direkt am Meer gelegen bietet es große Variation an Meeresfrüchten und hier im Zentrum vereint sich das Beste aus Nord- & Südvietnam. Auch Suki und ich gönnten uns ein mehrgängiges Menü in einem Restaurant dass uns von frischen Frühlingsrollen zum selber machen, über diverse abgefahrene Gerichte einen schönen und leckeren Abend ermöglichte. Neben diesem einen Restaurant hielten wir uns aber an die günstigen Straßenverkäufer oder besorgten uns auch mal vorbereitetes Hühnchen im Markt. Denn die vielen Touristen, die die 340.000 Einwohner Stadt mit seinem UNESCO Status anbietet, zieht viele auch gut betuchte Touristen heran, die die Preise natürlich nach oben treiben. Wir sparten uns die Zitadelle und zogen unsere eigenen Wege durch die im Quadrat angelegte Altstadt. Zudem galt es sich wieder mit einer Sim-Karte fürs Handy auszustatten und Wäsche zu waschen. Reisealltag eben.

Dekadenz mit Sonnenbrand

Der Hauptgrund weswegen wir diesen Ort ausgesucht hatten ist, dass Suki von Da Nang, etwas südlich von Hué gelegen ihren Flieger zurück nach Hong Kong gebucht hatte. Von dort gibt’s Billigflüge für gerade einmal ~20€. Zweitens wollte ich unbedingt einmal wieder am Meer sein. Hué liegt zwar am Meer, an der wunderschönen bergigen Küste, doch wir entschieden nochmals einen kleinen Strandaufenthalt einschieben bevor wir in die Großstadt Da Nang weiter ziehen. So fuhren wir mit einem Bus, welchen wir luxuriöser Weise in unserem Gasthaus buchten an den Badeort Lang Co. Hier klapperten wir einige günstige Gasthäuser ab, entschieden uns dann aber dennoch dazu unsere letzten gemeinsamen Tage in einem der Resorts am Strand zu verbringen. Was soll der Geiz. Krass wie diese Gegensätze sich manchmal darstellen. Da läuft man stundenlang durch die Gassen um die günstigste Übernachtungsmöglichkeit zu ergattern um nochmal 0,50€ zu sparen und an einem anderen Tag bucht man sich ein Zimmer in einem Strandresort mit Pool für 30€. Aber so läuft es halt manchmal.

Wie ich bereits erwähnte war das Wetter natürlich nicht gerade das Beste für einen Strandurlaub, doch wenn sich einmal eine Regenpause ergab, sprangen wir natürlich in den Pool oder ins Meer und genossen den fantastischen Ausblick auf die Lagune von Lang Co und die Berge, die jene umschließen. Das Meer war ordentlich aktiv und meterhohe Wellen prallten mit großem Getöse auf den sauberen und feinen Sandstrand. An unserem letzten vollen Tag, kam dann auch tatsächlich die Sonne raus und wir hatten feinstes Wetter. Achja, wir waren übrigens die einzigen Gäste im Resort und hatten alles, jederzeit nur für uns. Und nach jenem feierlichen Sonnentag habe ich mir auch einmal wieder unehrenhaft einen brutalen Sonnenbrand zugezogen. Ganzkörper-rot und schlafraubend. Mal wieder hat der gute junge Mann Schilli nichts gelernt. Die nächsten Tage werden also doppelt so anstrengend. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben wir uns dann ein Taxi von Lang Co ins ca. 30 Fahrminuten entfernte Da Nang gegönnt. Komfort macht abhängig…

Zweiter Abschied auf Zeit

1965 gingen in Da Nangs natürlichem Hafen die ersten amerikanischen Truppen an Land und hier wurde eine der größten und wichtigsten Marine und Luftwaffenstützpunkte der amerikanischen Truppen während des Vietnamkrieges aufgebaut. Dies half der Stadt zum Boom und während dieser Zeit entwickelte sich die Stadt zu einer der größten des Landes. Auch heute ist der Flughafen weiter in Betrieb und auch internationalen Personenluftverkehr geöffnet. Suki wird nach nur einer Nacht in der Stadt auch von hier zurück nach Hong Kong fliegen. Das chinesische Neujahr ruft und für sie als freiberufliche Zahnarzthelferin gibt es deswegen natürlich viele attraktive Jobangebote. Zudem freut sich ihre Familie natürlich, wenn sie über diese, doch sehr wichtigen Feiertage in der chinesischen Gesellschaft, zuhause ist. Am 26. Februar wird sie jedoch wieder nach Vietnam einfliegen und wir haben dann gemeinsam noch knapp zwei Monate um das Land zu bereisen.

Ich wollte nicht viel Zeit hier verbringen. Die Stadt ist groß, relativ modern und es gibt unzählige Bauprojekte von großen Hotels und Unternehmenskomplexen. Sonderlich attraktiv hat sie auf mich nicht gewirkt. Ich zog einmal meine Runde durch die Stadt, wurde von alten Vietnamesischen Männern zum Biertrinken gezwungen und plante meine Weiterreise. Ich hatte ursprünglich geplant, mir für die drei Monate in Vietnam ein Motorrad zu kaufen um damit durch das Land zu reisen. Viele Rucksacktouristen machen dies und es ist wahrscheinlich auch die günstigste Alternative. Doch da ich wieder Besuch aus Deutschland erwarte und auch Suki bald wieder zurück kommt war dies leider keine Option mehr. Auch okay, dann probiere ich halt einmal die vietnamesischen Züge aus. Ich buchte meinen Zug in der Soft-Seat Klasse. Für die sechs Stunden Fahrt brauchte ich wirklich keine Liegefläche und Hard-Seats wurden mir von der freundlichen Verkäuferin der staatlichen Bahngesellschaft ausgeredet. Wenn die wüsste was für Transportmittel ich unterwegs erlebt hatte, wäre es ihr nicht peinlich mir auch die Hard-Seat Tickets zu verkaufen. Ich hatte eine Verabredung etwas nordwestlich von Hué. Ein kleines Familienunternehmen braucht dort Unterstützung und bietet freie Unterkunft und Essen für ein bisschen Arbeit. Das schaue ich mir doch mal an…

Leben im Nationalpark

Ich verließ den Zug in Dong Hoi an der Küste und ein Linienbus brachte mich nach Phong Nha. Der Ort Phong Nha wurde nach einer Höhle benannt die sich in unmittelbarer Nähe befindet. Phong Nha liegt mitten in einem der größten Nationalparks Vietnams mit dem Namen Phong Nha-Ke Bang. Hier gliederte ich mich langsam in eine Familie und deren Familienbetriebe ein. Ein Volontariat, wieder einmal über die Internetplattform workaway.info organisiert. Doch dieses Mal war ich der erste Volontär, den dieser kleine 3.000 Einwohner Ort gesehen hat. Es lag also an mir alles von Grund auf zu beobachten, zu analysieren um daraus meine Tätigkeiten ableiten zu können. Sehr herausfordernd aber auch spaßig um ehrlich zu sein. Zuerst lebte ich in einem der luxuriösen Bungalows, die die Familie Touristen anbietet. Nach ein paar Tagen, da diese ausgebucht waren, zog ich dann in ein Zimmer mit der Familie. Zwar trennte mich noch eine dünne Wand von dem Bett und dem Sohn der Eltern, jedoch kann man quasi behaupten, dass es ein Zimmer war. Und fühlte mich ganz wohl dabei. Die Familie nahm mich herzlich auf und versorgte mich fürsorglich. Meine Ansprechpartnerin, Angestellte und einzige Person die des Englischen mächtig war, die 22jährige Tourismusstudentin Nhan, zeigte mir was die Familie wünscht und wie sie sich die Kooperation ungefähr vorstellen.

Der Nationalpark Phong Nha-Ke Bang ist vor allem berühmt durch seine gigantischen Höhlensysteme und Karstgebirge. Der Hollywood Blockbuster Kong:Skull Island wurde letztes Jahr hier gedreht und seit 2008 die British Caving Association die Höhlen vermisst, gibt es einen Weltrekord nach dem anderen. So befindet sich die aktuell größte Höhle der Welt hier. Ihr Name ist Son Doong und sie ist so gigantisch, dass man einen Häuserblock Manhattans ohne Probleme in ihr aufstellen könnte. Inklusive Wolkenkratzer!!! Es kostet nur schlappe 3.000 US$ und etwa ein Jahr Wartezeit um bei einer mehrtägigen Expedition die Höhle zu betreten. Aber es gibt neben dieser noch mehr als 350 andere Höhlen in näherer Umgebung. Teilweise noch unerforscht und unerschlossen, teilweise touristisch eingerichtet und beleuchtet. Und alle bedeckt von wunderschönen Karstbergen, Dschungel und klaren Flüssen. Ein Traum hier ein bisschen Zeit zu verbringen! Hier werde ich also gerne meine Zeit, gute drei Wochen, bis zur Ankunft meinen Kumpels Moritz in Hanoi und Sukis Rückkehr verbringen.

Mit dem Familiengeführten Tour-Unternehmen, das Touristen den Nationalpark und vor allem dessen Höhlen näher bringt, konnte ich auch die berühmtesten Plätze wie die Paradies-Höhle oder die Höhle die der Region seinen Namen gibt, besuchen. Ich lernte natürlich auch sehr viel über Vietnam und den Nationalpark. So fragte mich Kien (VN), der Tour-Operator, ob ich mir vorstellen könnte selbst auch als Führer einige Touren zu machen. Doch ich lehnte dankend ab. Wäre natürlich schon geil gewesen und ich hätte mir das auch definitiv zugetraut, jedoch hätte es erstens meine Zeit für die anderen Projekte an denen ich arbeitete geraubt und zum anderen hätten ich und das Unternehmen enormen Strafen ins Gesicht blicken müssen, hätte dies jemand Offizielles heraus gefunden. 

Ruc Mon & Ich

Neben dem alltäglichen Gästehandling in den Bungalows und dem Gästehaus nebenan war das Marketing meine Hauptaufgabe. Und das war spannend! Der Vater der Familie, Thanh, hat im Jahr 2016 eine Höhle entdeckt, die ihm von einem Volk, eine der 54 Minderheiten Vietnams, welches in den Bergen lebt, gezeigt wurde. Er verbrachte ganze zwei Jahre damit die Höhle zu erforschen und war auch die erste und einzige Person, die die kompletten 17 Kilometer von einem Eingang zum anderen Eingang durch die Höhle marschiert ist. Und immer noch ist vieles in der Höhle, viele Irrwege, Hallen etc. noch unberührt und unerschlossen. Er meint, dass die Höhle, die er nach dem Volk „RUC MON“ getauft hat, gute Chancen darauf hätte die zweitgrößte Höhle der Welt zu werden, jedoch hat er weder das Geld, noch das Equipment, noch das Know-How eine Forschungsexpedition zur Vermessung zu organisieren. Es gilt also zu warten, bis die British Caving Association oder eine andere professionelle Höhlenforscherinstitution sich der Ruc Mon annimmt. Auf jeden Fall bietet Thenhs Familie, neben den Standard-Touren hier im Nationalpark auch Abenteuer-Expeditionen in die Ruc Mon an. Und meine Aufgabe ist es unter anderem die Höhle, wie auch die geführten Touren in sie hinein, online und offline zu bewerben.

Da galt es dann zuerst einmal Struktur hinein zu bringen und eine Strategie zu entwickeln. Natürlich mit sehr begrenzten Mitteln. Doch hat es mir sehr viel Spaß gemacht und die Familie nahm meine Ideen, Konzepte und allen Input sehr herzlich und offen an. Nhan und Kien sowie die Tourguides verließen uns irgendwann um TET, das vietnamesische Neujahr nach chinesischem Vorbild, in ihren Heimatdörfern zu feiern. So besorgte ich uns also zwei weitere Volontäre (Becca (USA) und Nathalie (D)) um ein kleines Team zusammen zu stellen. Ich hatte ja nur drei Wochen Zeit um die Dinge anzustoßen und als mir erst einmal klar wurde, was gemacht werden muss und ich mich eingelebt hatte, waren es auch nur noch zwei. Ich hatte natürlich die Chance, die Touren einmal selbst zu erleben. Und es war wirklich phänomenal! Ungelogen: Ich habe einige Höhlen (13) auf meiner Reise besucht, aber das war wirklich etwas anderes! Das war richtiges Abenteuer! 100% Höhle sozusagen. Kein Licht, außer das was man auf dem Kopf trägt und eine Handleuchte fürs Trockene, klettern auf bis zu 200m innerhalb eines gigantischen Höhlenraumes und natürlich kilometerweise Schwimmen um die nächste Trockenhöhle zu erreichen. Wahnsinnig geil! Unbeschreibbar und auch so gut wie nicht fotografierbar. Auf jeden Fall mal selbst machen!

Was bei meinem Werken heraus gekommen ist, ist für euch hier bei dem neuen Katalog des Unternehmens wie auch auf der Homepage erfahrbar. Zudem hatten wir auch per Zufall die Instagram Influencerin Lamise bei uns zu Gast. Vieles läuft natürlich im Hintergrund, wie das designen neuer Touren, ausschließlich regionalen Informationen oder Print, und/oder ist noch in der Bearbeitung. Zudem konnte ich ein paar Kooperationen mit internationalen Reiseagenturen angehen. Das Projekt Ruc Mon ist für mich bestimmt noch nicht abgeschlossen und ich werde sicher hier und da nochmals mit Rat und Tat der Familie zur Seite stehen. Ein Job-Angebot habe ich zumindest, sollte ich mich dafür entscheiden im Nationalpark Phong Nha-Ke Bang sesshaft werden zu wollen. Einmal bin ich sogar als Tourenführer in einer der Touren in der Ruc Mon Cave eingesprungen. Natürlich war Thanh als Experte dabei, aber da sein Englisch nicht viel hergibt, bin ich eben doch eingesprungen. Bei der Tour sind wir nur im Dschungel unterwegs und wir müssen nicht mit Dienstleistern oder öffentlichen Behörden arbeiten, was die Chancen mich als illegalen Arbeiter zu entlarven natürlich enorm verringert. Ansonsten war es eher mehr Management, Kreation und Gästebetreuung, die mir die drei Wochen hier wie im Flug vorbeirauschen ließen.


Work-Life-Balance

Doch war ich natürlich nicht ausschließlich mit dem Unternehmen beschäftigt. Nein, die Zeit hier mit der Familie hat mir großartige Eindrücke beschert. So war ich in der ersten Woche direkt zur Hochzeit von Thanhs Schwester eingeladen. Was ein verrücktes Fest. Das ganze ging gerade einmal eineinhalb Stunden und in diesen schafften es, zumindest ein Großteil der Männer, sich hemmungslos zu besaufen. Die Nähe zum Tet Festival wird von vielen genutzt um ihre Eheschließung zu feiern. Viele Familienangehörige sind dann sowieso in der Nähe und es mag dem, der es glauben mag, auch Glück bringen. Wir feierten in einem Zelt im Dorf und es gab natürlich reichlich zu essen. Klassisch vietnamesisch bekommt jeder eine kleine Schüssel Reis und der Rest wird mit den Stäbchen aus den vielen verschiedenen angerichteten Speisen gepickt und gegessen. Nachdem das Paar und der Vater des Paares eine Rede gehalten hatten, den Kuchen angeschnitten und zeremoniell den roten Sekt ausgaben, kamen nach und nach immer besoffener werdende Gäste auf die Bühne und sangen zur Ehrung des Brautpaars Karaoke. Auch ein paar Kerlen an meinem Tisch, dem Tisch mit den heftigsten Bierkonsum, sprangen auf die Bühne. Zwar wurde ich auch darum gebeten, doch der Keyboarder/ Moderator/ Zeremonienmeister /Karaokeprofi begann irgendwann damit abzubauen und ich konnte mir dies also sparen.

Ich saß mit dem Bruder und mehreren Männern am Tisch und das Ziel war klar: Vollrausch. Alle 5 Minuten musste das Glas angehoben werden und leergetrunken werden. Die Vietnamesen sind denke ich die Weltmeister im Exen. Sobald ein Vietnamese dir zuprostet und dabei aufrecht steht heißt es: Runter damit und Hände schütteln. Zum Glück bin ich relativ trinkfest. Denn danach ging es gleich noch weiter. Nhan feierte am selben Tag noch ihren Geburtstag und so zogen wir in eine der Karaokebars weiter. Und hier musste/durfte ich dann auch mal ans Mikrofon. In einer in Asien typischen privaten Karaokezimmern trällerten wir übertrieben laut vietnamesische Songs (auch 1-2 internationale) und tranken weiterhin heftig Bier. Doch bald war auch das vorüber und ich konnte mich bereits um 21:00 Uhr lokaler Zeit ins Bettchen begeben. Ich hoffe es sind alle heil nach Hause gekommen, denn natürlich war jeder mit seinem Roller an- und auch wieder abgereist.


An einem Tag, als ich mit Thanh unterwegs war eine neue Tour durch ein bewirtschaftetes, malerisches Tal zu gestalten, hielt er plötzlich an und deutete auf den kleinen Teich, den wir gerade auf einer Brücke überqueren. Er hielt abrupt an und sprang vom Motorrad. Ein paar Jungs von der anderen Uferseite kamen herangesprintet. Und nun sah auch ich es. Der Kopf einer Schlange ragte aus dem Wasser. Sie schwamm gerade zur anderen Uferseite. Thanh sehr lässig, klettert unter die Brück und packt die große Schlange am hinteren Ende und dreht sie über seinem Kopf um sie zu verwirrend, dann warf er sie auf den Boden und konnte sie schließlich am Kopf sicher greifen. Wie krass ist das denn. Es handelt sich um eine der Python Arten die hier heimisch sind. Doch hier im bewohnten Gebiet ist es weder für sie, noch für die Anwohner sicher. Zum Glück musste ich keine Diskussion anfangen, denn Thanh teilte mir gleich mit, dass wir sie zur Tierauffangstation im Nationalpark bringen werden. Andere Anwohner hätten sich hieraus wohl ein leckeres Süppchen gezaubert, aber die Schlange gehört wieder zurück in den Wald. Weg von den Menschen in die Core-Zone des Parks. Und so lernte ich also das Motorradfahren. Zuvor war ich lediglich mit automatischen Zweirädern unterwegs, doch nun musste ich das Steuer an Thanhs Motorrad übernehmen. Es gab keine andere Möglichkeit. Wir sind weit weg von zuhause und er hat eine verfluchte Schlange in der Hand!

Nach zwei bis sieben Minuten hatte ich das Gefährt gut im Griff und wir düsten zur Auffangstation des Parks. Nachdem die Wärter es begutachteten, verzeichneten und wieder im Dschungel aussetzten, führten sie mich noch durch ihre Käfige. Hier werden einige Tiere, die von Privaten oder Tierschutzorganisationen abgegeben wurden, für die Auswilderungsgehege im Nationalpark vorbereitet. So traf ich zum Beispiel auf einen verwirrten Affen, dessen linkes Handgelenk völlig verwundet und offen war. Ein Wärter erklärte mir, dass er als Touristenattraktion an einer Leine vorgeführt wurde. In einem anderen Käfig war ein wunderschöner und riesiger Pfau, der wohl plötzlich in einem Garten eines Anwohners aufgetaucht war. Die Station, so nebenbei, wurde vom Kölner Zoo finanziert. So klein ist die Welt. Nicht so sorgsam ist Thanh dann mit dem Schwein gewesen, welches er in Vorbereitung des Tet Festivals im Hof schlachtete. Die Neujahrszeit rückt an, da sind die Läden geschlossen, also lieber Mal groß einkaufen und einbunkern. Überall das Gleiche, nur dass hier lebend „gebunkert“ wird.


Vạn sự như ý

Die Vorbereitungen zum Neujahrsfest beginnen schon Tage vorher. So wird das Haus, festlich mit Blumen geschmückt und es finden auch bereits erste Rituale statt. So huldigten wir eines Tagen den drei Küchen-Göttern. Es wurden diverse Zutaten, zubereitete Speisen, Geld, Bier und sogar Coca-Cola den Göttern dar geboten. Dazu stellten wir eine Schüssel mit drei lebenden Fischen. Diese werden von den zwei männlichen Gottheiten und der weiblichen dazu genutzt um die Gaben bzw. dessen Energien aufzunehmen. Nach etwas Zeit ließen wir die Fische im Fluss wieder frei und alles was uns die Götter übrig gelassen hatten wurde über die nächste Zeit von der Familie verspeist. Nichts verkommen lassen heißt die Devise. Gut so! Ich lernte sehr viel über die Gebräuche der Vietnamesen generell, aber natürlich speziell um das Neujahr des Mondeskalenders. Vieles ist natürlich mit dem chinesischen Kult identisch. Klar, ist China ja Nachbar und das ehemalige Vietnamesische Kaiserreich wurde vom chinesischen „inspiriert“. Besonders gerührt war ich, als mich die Familie bat dafür zur Sorgen dass ich als erster die Türschwelle in ihr Haus nach Neujahr betrete. Die Vietnamesen legen sehr viel Wert auf diesen Brauch. Die erste Person, die das Haus betritt, bringt der Familie auch das Glück, den Wohlstand und die Gesundheit für das kommende Jahr. Es werden teilweise auch Nachbarn oder andere Freunde von Familien weggeschickt, bis einer kommt, den sie als würdig empfinden. Und ich wurde bereits im Vorfeld ausgewählt! Was für eine Ehre. Ich sollte um 23:55 Uhr das Haus verlassen und um 00:01 bitte wieder eintreten. Dazu sollte ich neue Kleidung (frisch gewaschen in meinem Fall) tragen. Ich tat wie mir aufgetragen und wünschte der Familie „Vạn sự như ý“ – Eine Myriade von den Dingen, die sie sich wünschen!

Die Nacht war durchzogen von kleinen, privaten Feuerwerken entlang des Flusses. Es war wunderschön wie sich die bunten Explosionen im Fluss spiegelten und man von überall glückliche Gesänge und Klatschen hörte. Der Schall der Feuerwerke hallte in den Karstbergen unzählige Male wieder und der alte Brauch durch Knallen die bösen Geister vom vergangenen Jahr zu vertreiben, sollte hier wohl hervorragend funktionieren. Vergessen wir einmal, dass wir uns hier in einem Nationalpark befinden und es für das Wildtier sicherlich eine höllische Nacht ist… Private Feuerwerke sind in Vietnam auch offiziell verboten, doch das kümmert hier glaube ich niemanden…und China ist ja um die Ecke, da gibt’s gutes Zeug zu kaufen. Bevor ich dann schließlich zu Bett ging drückte mir Meo (Thanhs Frau „Katze“) noch ein bisschen Geld in die Hand. Wie in China ist es auch hier Brauch, dass verheiratete Paare an jüngere rote Geldumschläge verteilt. Wow, ich war überwältigt. Eine unglaubliche Geste und ich war nun tatsächlich in der Familie assimiliert. 


Den Rest der Feiertage schauten immer wieder große Gruppen an Menschen bei uns vorbei. Familie, Freunde, Nachbarn und stets wurde ordentlich getrunken und gegessen. Bestimmt 4-5 Gruppen am Tag. Das über drei Tage. Während sich die Familie um die Feierlichkeiten kümmerte, kümmerte ich mich derweil ums Geschäft. Doch meine Tage liefen ab. Schon war die Zeit gekommen den Bus in Richtung Hanoi zu nehmen, wo mein deutscher Kumpel Moritz mich bereits zum zweiten Mal auf dieser Reise besuchen kommen wird. Ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd. Als Abschiedsgeschenk drückte mir die Familie das relativ teure Busticket in die Hand und sie wünschten mir eine gute Reise.

 

Wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja nochmal in den nächsten zwei Monaten hier vorbei zu schauen. Ich werde sie und Phong Nha auf jeden Fall vermissen. Eine sehr schöne Zeit mit grandiosen Begegnungen und faszinierender Natur. Daumen hoch.

 

Ich ziehe nun los und melde mich dann bald wieder mit neuen Spannenden Geschichten. Dann erzähle ich wie wir als Dreierpack, Moritz, Suki und ich das Land erfahren werden. Bleibt dabei. Euer Schilli


Funfacts

- Ein südamerikanisches Pärchen war in der Grenze zwischen Laos und Vietnam gefangen. Sie wollten nach Laos, aber das Visum war ihnen doch zu teuer. Vietnam ließ sie nicht zurück reisen. Dilemma.

-Wir waren die einzigen Gäste im Resort in Lang Co. Jedoch hielten jeden Tag Busse voller Koreaner, die hier zu Mittag aßen und die Szenerie des Resorts für gestellte Urlaubsfotos nutzen. So witzig!

- In den Zügen in Vietnam wird überall geraucht. Für mich gut. Für alle anderen…eher nicht.

- Zum Frühstück in Phong Nha gab es ab und an auch Baguette mit Tomatenmarmelade. Jo, süße Tomatenkonfitüre. Hatte ich so vorher auch noch nicht gesehen. Schmeckt aber top.

- Ich habe glaube ich noch nie so viel Fleisch gegessen wir über das Tet Festival mit der Familie. Einmal gab es auch ausschließlich Fleisch zum Abendessen. Nicht gut für Nathalie und Becca, die anderen Volontäre, die Vegetarier sind…

- Ich befinde mich nun im 34. Jahr des 78. Zyklus des chinesischen Mondkalenders. Im Jahr des Erd-Hundes. Damit also im Jahr 4.715!

- Die Tage vor Neujahr wurde jeden zweiten Tag fleißig Reiswein gebraut. Und das Zeug knallt ordentlich. Ich durfte lernen, helfen und trinken.

- Thanhs Sohn hatte einen erfolgreichen Tag. Ganze zwei wackelige Milchzähne hat der Vater ihm mit Hilfe einer Schnur gezogen. Das Geheule war groß…vorher…danach hat er gelacht und war brutal stolz!



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