#43 | Nex verkomme lasse! | 495. Reisetag

Ich hatte noch zwei Nächte für mich, nachdem Narek zurück in die VAE gereist ist. Viel gemacht habe ich nicht. Ich nutzte die Zeit um mich zu entspannen und mich für die vielen tollen Geburtstagsgrüße und –wünsche zu bedanken. Dann ging mein Flieger. Ich versuche ja das Reisen per Flugzeug weitestgehend zu vermeiden. Aufgrund der Krise in Nordwest-Myanmar und der gespannten Situation zwischen China und Indien ist es jedoch fast unmöglich sich über Land von Indien oder Bangladesch nach Myanmar zu begeben. Zudem hatte ich ein Treffen mit meinen Kumpel Holger aus Deutschland geplant. So blieb mir auch dafür keine Zeit. Ich hatte einen der sinnfreisten Flüge überhaupt. Fünf Stunden von Kathmandu nach Kuala Lumpur um dann wieder drei Stunden fast die gleiche Strecke zurück zu fliegen. Direktflüge waren leider nicht verfügbar. So konnte ich wenigstens etwas Malaysia-Luft schnuppern. Acht Stunden lang um genau zu sein. Ich musste sogar Immigrieren um mein Gepäck abzuholen und wieder aufzugeben. Kompletter Schwachsinn, wenn ihr mich fragt.

Im Airport in Kuala Lumpur streunte ich etwas durch die Gegend und war von dem krassen Klima hier im Süden total geschockt. Deswegen mag ich das Fliegen nicht so sehr. Es war heiß und schwül, obwohl es mitten in der Nacht war. Ein krasser Gegensatz zum angenehmen Klima in Nepal. Ich legte mich vor einen geschlossenen Shop um etwas zu Schlafen. Das hat auch ganze 40 Minuten funktioniert bis sich schließlich eine Gruppe junger Malayerinnen sich direkt neben mich platzierten und laut für mich unverständliches Zeug schnatterten und kicherten...da war dann nichts mehr mit Entspannung. Na gut, dann war ich halt der erste am Check-In Counter. Und hier verbrachte ich nochmals eine Stunde im Streit mit den Damen und Herren dahinter. Zuerst war große Aufregung, da mein Myanmar Visum nicht mit meinem Reisepass übereinstimmt. Bis ich schließlich den Chef zweiter Instanz dazu bringen konnte seinen Angestellten zu erklären dass der Umlaut „Ö“ in meinem Nachnamen international zu „OE“ konvertiert wird. Dann war unklar, ob sie mich ohne Rückflug aus Myanmar überhaupt dorthin bringen dürfen. Ich log ihnen ein Busticket vor und durfte dann tatsächlich boarden. Was ein Heckmeck!

Ein Freund und ein „Freund“

Die Einreise nach Myanmar verlief dann aber ohne Probleme und nachdem ich Bargeld und Handykarte besorgt hatte, machte ich mich schnell auf meinen Kumpel und Schulfreund Holger im Hostel zu treffen. Ich war zwar brotfertig aber überglücklich einen alten Freund aus Deutschland wieder zu sehen. Es ist nach Moritz in Griechenland der zweite Besuch den ich aus der Heimat erhalte. Nachdem wir uns lange unterhielten um uns gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen, schlenderten wir durch Yangon/Rangun, die ehemalige Hauptstadt des Landes, um die ersten Eindrücke zu erhalten und uns langsam zu akklimatisieren. Und es gibt hier einiges, was gewöhnungsbedürftig ist. Die Herren tragen als traditionelles Outfit den Longyi, einen Wickelrock. Und wie ich bei einem schlafenden Herrn auch überraschenderweise feststellen konnte, nichts darunter. Zudem tragen Frauen wie auch junge Männer eine weiße Paste aus fein geriebener Baumrinde im Gesicht. Thanaka, das traditionelle Make-Up wird in verschiedensten Formen auf den Körper aufgemalt und stolz zur Schau getragen. Zudem gibt es keine Schulpflicht in Myanmar und man sieht viele Kinder ihre Eltern bei der Arbeit unterstützen…um es einmal positiv zu formulieren. So gilt es also viele neue Eindrücke zu verarbeiten.

Für Holger war der Kontrast der Kulturen natürlich noch um einiges stärker als für mich. Nach Indien und Nepal war ich von der Ruhe, dem geordneten Verkehr und der Sauberkeit enorm überrascht und genoss es. Holger sah es natürlich mit ganz anderen Augen. Hier wird übrigens wieder recht gefahren, was mir zu Beginn etwas Probleme bereitete. Witziger Weise werden aber sehr viele Autos aus Indien bzw. Japan importiert und so hat der Großteil der Busse und Autos das Lenkrad dennoch rechts. Verrückt. Holger und ich zogen mehr oder weniger planlos und kamen zu einer sehr schönen und großen Parkanlage. Hier „schwimmt“ ein goldener Palast auf Konstruktion die den Anschein erwecken soll, ein Boot zu sein. Heute sind hier ein teures Restaurant und ein Museum untergebracht. Insgesamt wirkt das Zentrum der Stadt sehr wohlhabend und aufgeräumt. Zudem ist an jeder zweiten Ecke eine vergoldete Pagode zu sehen. Dies wird sich über meinen Kompletten Myanmaraufenthalt ziehen. Bei den Burmesen schießen die Pagoden nur so aus dem Boden. Ich vermute dass es sogar krasser ist als mit den Kirchen in Polen. Jedes Dorf hat bestimmt 2-10 Pagoden. Und diese Buddhistischen Gebetsstätten müssen erst einmal gebaut und unterhalten werden…

Eines Morgens nahmen wir das Angebot von Kohtoo an. Am Vorabend lernten wir ihn auf der Straße kennen und er lud uns zu einer Tasse ein. Er ist 26 Jahre alt, studiert English und ist hier in Yangon geboren. Beziehungsweise in einem Dorf auf der anderen Seite des Flusses Irrawaddy. Er lud uns ein einen Tag mit ihm und seiner Familie zu verbringen und uns auf der anderen Flussseite etwas herum zu führen. So standen wir morgens sehr früh am Treffpunkt parat. Wir nahmen die Fähre ans andere Ufer und lernten seinen Vater und einen Bruder kennen. Als wir dann die Roller mieten wollten, wurde uns bewusst, dass es sich hier wohl um eine Touristenfalle handelt. Kohtoo war stets sehr freundlich und hat sich sehr viel Mühe gegeben als ehrlicher, freundlicher und unterhaltsame Burmese zu erscheinen. Als dann der Rollerpreis aber viel, war klar, dass er seinen Profit daraus schlagen will. Holger und ich berieten uns ein wenig und ließen uns dann aber doch darauf ein. Und wir hatten einen enorm schönen Tag. Kohtoo führte uns über einen sehr schönen Markt bei dem es alles gibt was man begehrt. Für Holger herausfordernd war natürlich die Fleischsektion. Von Schweinegesichtern bis gegrillte Ratten kann man sich hier einmal quer durch die Tierwelt vespern. Dann fuhren wir an eine große Brücke, die uns voll Stolz präsentiert wurde. Wir hatten viel Spaß und lachten viel mit Kohtoo, der ohne weiteres als Comedian Chancen hätte.


Wir fuhren auf den zwei Zweirädern zu einem Tempel, welcher über 50 Schlangen beherbergt. Und zwar keine Kleinen und auch nicht in Käfigen. Die massiven Boas relaxen in den kühlsten Plätzen des kleinen Tempels, der zentral auf einem kleinen See gebaut wurde. Danach fuhren wir zu Kohtoos Haus wo sein anderer Bruder und seine Mutter bereits ausgesprochen schmackhafte und reichhaltige Hausmannskost vorbereitet hatten. Die komplette Familie war versammelt und wir hörten Musik, bekamen eine Führung durchs Haus und all unsere Fragen zum Leben in Myanmar wurden beantwortet. Je mehr Zeit wir jedoch mit Kohtoo verbrachten umso deutlicher wurde uns, dass er es nicht zum ersten Mal macht. Es war alles sehr gut organisiert und er erwähnte über den Tag immer wieder wie viel Mühen und Geld sie investieren um uns gastfreundlich zu versorgen. Alles eine Vorbereitung um dann am Nachmittag die Bombe platzen zu lassen.


Nachdem sie uns diverse kleine Geschenke und Obst überreichten, setzte uns Kohtoo rhetorisch gekonnt unter sehr starken emotionalen Druck. Die Geschichten die er uns erzählte waren genial und ich würde sie hier gerne wiedergeben, aber das wäre nun zu viel. Letztlich sollten wir jedoch etwas Geld da lassen um bei der Renovierung des Hauses zu unterstützen. Und die Familie schaffte es natürlich uns „weichen“ Europäern ein ordentlich schlechtes Gewissen einzureden. Und wir versuchten stets respektvoll unser Verständnis und Dankbarkeit darzulegen. Doch Geld? Pustekuchen! Holger und ich hatten natürlich selbst ein kleines Gastgeschenk vorbereitet und bereits bei der Rollermiete untereinander beschlossen, dieser Touristenfalle keinen weiteren Erfolg zu gönnen. So stellten wir dies auch am Ende klar. Und Kohtoo verlor dann auch seine Maske. Er war sichtlich angepisst, dass bei uns außer dem Aufschlag bei der Rollermiete nichts zu holen sei. Er wurde wütend und emotional verletzend. Doch alles half nichts, dafür bin ich eben auch zu stur. Genial war, dass er und sein Bruder uns noch zurück zum Hostel bringen mussten, da wir ihnen noch ein bisschen Geld für die Mofa Miete aushändigen mussten. Es war ein guter Schachzug zu behaupten nicht ausreichend Geld in der Tasche zu haben. In den nächsten Tagen vielen uns immer wieder Zeichen auf, die einen Betrug indizierten und später teilte uns auch eine Burmesin mit, dass sie diese Geschichte nicht zum ersten Mal hörte. Wir waren also sehr glücklich über die Entscheidungen die wir vor Ort trafen. Klar, wir haben viel zu viel für die Roller bezahlt, hatten aber einen wundervollen und interessanten Tag mit ausgezeichneten Speisen. Ein guter Deal am Ende.

Holger und ich besuchten noch die große Shwedagon Pagode, die als Wahrzeichen der Stadt gilt. Um ehrlich zu sein hatte ich nicht große Lust darauf. Pagoden, Stupas, Tempel etc. habe ich schon zuhauf gesehen und bin nicht mehr sonderlich beeindruckt von Selbigen. Jedoch war es ein ganz schöner Besuch zum Sonnenuntergang und die gigantische Pagode und Nebenbauwerke zeigten ihren vollen Charme. Wie zu erwarten war steigert sich mit Holgers Besuch mein Reisetempo auch drastisch. Klar, er hat ja nur begrenzt Zeit und sein Rückflugdatum ist gesetzt. So buchten wir uns ein Ticket nach Zentralmyanmar. Bevor wir den Bus bestiegen versuchten wir noch eine Runde mit dem Zug durch Yangon zu fahren. Alle drei Stunden fährt ein Zug auf einem Rundweg durch die Großstadt und man kann wohl tolle Eindrücke dabei ergattern. Den Zug, den wir nehmen wollte hatte jedoch Verspätung und da wir unseren Bus nicht verpassen wollen, ließen wir die Tickets, die lediglich 0,12 € gekostet haben, verfallen.

Mondfestival am Inle See

Über Nacht fuhren wir zum nächsten Ziel. Das kleine Dorf Nyaung Shwe liegt unweit des großen Sees „Inle“ relativ im Zentrum von Myanmar. Der Bus war überaus bequem und es gab sogar kleine Snacks und Wasser. So einen Luxus hatte ich seit dem Iran nicht mehr erlebt. Nur das bekannte Problem trat wieder einmal auf. Die Klimaanlage kühlte den Bus auf gefühlte 15°C hinunter was schlafraubend und unangenehm ist. Relativ teuer war der Bus auch. Die Regierung hier in Myanmar hat ganz feste Regeln aufgestellt und bestimmt die Preise für touristische Leistungen indem sie von den Agenturen und Unternehmen einen Touristensatz erhebt. Weitere Infrastruktur als die Beworbene dürfen von Touristen gar nicht in Anspruch genommen werden. So kosten Gasthäuser mindestens 10 € und auch Eintritte, Transport sowie Touren sind entsprechend teuer. Der Service hingegen stimmt aber. Sehr gastfreundlich die Menschen hier. Man muss sich aber bewusst sein, dass der Großteil des Geldes, welches man als Reisender hier im Land lässt, direkt bei der Regierung landet, die ja durchaus eher kritisch betrachtet werden muss. Gerade bei aktuellen Ereignissen… So kommt es also, dass man nur unter schweren Auflagen bzw. Tricksereien von den vorgegebenen Touristenrouten und -destinationen abweichen kann und Zugang zu der überaus günstigen Infrastruktur für Einheimische erhält. Denn diese gibt es natürlich, sie wird lediglich mit drakonischen Strafen für Tourist sowie dem Dienstleister so gut wie unzugänglich gemacht.

Holger und ich hatten noch kein Hotel reserviert. Als der Bus das Dorf erreichte lernten wir die zwei Polen Justina und Michal kennen. Mit beiden teilten wir ein Taxi und wir versuchten auch in ihrem Hotel ein Plätzchen zu finden. Der Taxifahrer jedoch empfahl uns ein anderes Hotel um’s Eck, welches nur einen Bruchteil kostet. Das nenne ich eine Win-Win-Win Situation. Das Hotel um’s Eck bekommt Kundschaft, der Taxifahrer seine Provision und wir zahlen weniger als die Hälfte wie erwartet! So landeten Holger und ich schließlich im Lady Princess Motel. Ein hervorragendes Hotel, mit herausragendem Service und netten Menschen. Hier lernten wir auch die Wanderführerin Aki kennen. Sie hat gerade eine Gruppe über drei Tage nach Nyaung Shwe gebracht und beim Frühstück hat sie uns wertvolle Informationen zu coolen Reisezielen in ihrem Land mitgegeben. Wir nutzten den Tag für eine kurze Ruhepause und schlenderten dann noch mit Justina und Michal durch das Dorf. Dann entschlossen wir uns direkt am selbigen Tag noch eine große Unternehmung anzugehen.

Auch in Myanmar ist gerade Festsaison und es werden an jedem Tag diverse religiöse Zeremonien abgehalten. In Taunggyi, eine Kleinstadt etwa eine Stunde entfernt von Nyaung Shwe, fand seiner Zeit das größte Lichtfestival Myanmars statt. Viel habe ich vorher davon gar nicht mitbekommen, jedoch teilten uns alle mit, dass es wohl ein „Must-See“ sei und alle anderen Touristen in der Gegend wollten ebenso dort hin. So buchten wir mit einer Gruppe Spanierinnen, den zwei Polen und ein paar weiteren Hotelgästen ein Sammeltaxi, was uns nach Taunggyi brachte. Und da waren wir nun. Inmitten von unzähligen Burmesen. Ich schätze mal so grob 200.000-250.000! Es war ein gigantisches Festivalgelände im Kirmes-Stil eingerichtet und von der Schiffsschaukel bis Schieß- und Fressbuden gab es einiges zu entdecken. Enorm interessant wieder einmal von meiner professionellen Sicht als Veranstaltungsexperte.  Natürlich weinte mein deutsches Veranstalterherz. Nicht nur konzeptionell, sondern auch sicherheitstechnisch ein Desaster. Ich erspare euch die Einzelheiten, aber ich freue mich darauf mit meinen ehemaligen Kollegen irgendwann die eine oder andere Anekdote darüber zu verlieren. Ein kleines Beispiel: Das Riesenrad wird ohne Strom angetrieben. Es leuchtet und blinkt natürlich wie jedes andere, aber das Rad wird in Bewegung gesetzt in dem jugendliche Kletterer, nur mit kurzer Hose bewaffnet, das Rad gute 8-12m die Metallstreben hinaufklettern und mit ihrem Körpergewicht die Drehbewegung in Gang setzen. Gebremst wird ebenso. Das heißt stets in und auf dem Rad herumklettern und das auch über den Köpfen der Besucher. Enorm faszinierend. Enorm risikoreich. Enorm cool.

Durch schrecklich laute Musik und dichtes Gedränge kämpften wir uns zum Hauptplatz vor. Auf dem Weg entdeckten wir wie günstig Alkohol in Myanmar ist. Besonders Spirituosen. Eine Flasche Whiskey kostet nur unwesentlich mehr wie eine Dose Bier, ca. 2€. Und das hier auf dem Festival, nicht im Supermarkt! Michal, Holger und ich entschieden uns dann eben für Whiskey und nachdem jeder nochmal für kleine Tiger war, startete dann auch schon das Hauptspektakel. Es werden individuell gestaltete Heißluftballons nacheinander gestartet. Unbemannte Heißluftballons, die jeweils spezielle Eigenschaften hatten. Mal wurden überall an der Außenhaut des Luftballons Teelichter in Mosaik entflammt, mal trug der kunstvoll verzierte Ballon ein brennendes Gestell in einer besonderen Form oder Schriftzug, und mal – jetzt kommt das coolste – führt der Ballon eine Unmenge an Feuerwerkskörpern mit sich, die im Laufe des Aufstiegs nach und nach gezündet werden. Also ein Feuerwerk von oben hinab. Richtig faszinierend! Symbolisch tragen die Ballons die Sünden und Sorgen der Gläubigen fort und das Licht feiert den Sieg des Guten über das Böse. Heute hat sich daraus ein Wettbewerb entwickelt. Verschiedene Mannschaften kreieren einen Ballon und der schönste wird danach ausgezeichnet. Es hat richtig Spaß gemacht die Ballons anzusehen und zu erleben. Gestartet wurden die Ballons inmitten der Menschenmasse und die Tage vorher, das Festival geht genau 6 Tage mit großem Abschluss in der Vollmondnacht, waren auch jedes Mal Todesopfer zu beklagen. Zum Beispiel wenn einmal ein Ballon zu früh explodiert ist oder in Flammen aufging und durch die Menschenmenge zog. Und sollte das nicht reichen, macht Panik in der aufgebrachten Menschenmasse den Rest. Bei uns ging jedoch alles glimpflich aus.


Zwischen den verschiedensten Ballonstarts spielen wir Spiele mit den Spanierinnen, Justina und Michal und quatschten über dies und das. Es zogen auch diverse kleinere Paraden durch die Menschenmenge, was aber eher improvisiert und nicht sonderlich attraktiv auf uns wirkte. Punkt Mitternacht trafen wir uns dann wieder mit unserem Fahrer. Doch die Odyssee hatte erst begonnen. Wir standen im Stau und nichts ging. Aus einer Stunde Rückfahrt wurden drei. Ich versuchte mit lustigen Fragen die Motivation in der Runde hoch zu halten, doch war auch ich richtig platt. Michal, Justina, Holger und ich hatten uns um acht Uhr morgens bereits mit einem Kapitän verabredet, der uns auf seinem Boot über den See führt. Diesen Deal mussten wir dann leider platzen lassen. Es tat uns auch echt leid, aber es hätte gar keinen Sinn für uns gehabt. So buchten wir zur Mittagszeit eine Tour bei einem seiner Kollegen und fuhren für fünf Stunden auf dem See umher. Ein sehr schöner Tag, bei dem wir viele tolle Dinge erleben und sehen durften. Zudem war das Klima auf dem See sehr angenehm und wir konnten es tatsächlich genießen. Lediglich der Außenbordmotor war so laut, dass wir uns Taschentücher in die Ohren stecken mussten.

Neben den Fischerdörfern, die quasi auf dem See errichtet wurden und wie aus dem zweiten Teil des „Hobbits“ aussehen, sahen wir – natürlich – einen Tempel und die schwimmenden Gärten, die auf dem Wasser angelegt wurden. Wir besuchten diverse Manufakturen (Silber + Sonnenschirme) was bei so einer Kaffeefahrt eben mit dazugehört. Michal hat sich sogar tatsächlich eine handgeschmiedete Pfeife gekauft. Unglaublich…ich habe ja schon einige Touren mitgemacht bei der wir diverse Shops und Handwerker besuchten, aber niemals hatte jemand etwas gekauft. Sehr interessant war einer der Shops, bei welchem Damen aus dem Volk der Padaung aus Lotusfasern Stoffe webten. Die Damen der Padaung pflegen die Tradition sich pro Lebensjahr einen goldenen Ring um den Hals legen zu lassen. Dieser über die Jahre schwerer werdende Halsschmuck deformiert die Schultern und lässt deren Hals übermäßig lang aussehen. Ich selbst hatte nicht den Mumm um ein Foto zu bitten, ich habe auch nicht viel Gutes über den Ethno-Tourismus was die Padaung betrifft gefunden. Es war auf jeden Fall bizarr anzusehen und ihr findet sicher tolle Bilder davon im Netz. Ein weiteres Spektakel ist es den hiesigen Fischern bei der Arbeit zuzusehen. Heute mehr eine Touristenattraktion, wie die Stelzenfischer in Sri Lanka, wird die traditionelle Art des Fischens hier den Besuchern vorgeführt. Der Fischermann/-frau steht an einem Ende des Bootes und hat ein Bein galant um das Ruder geschwungen. Mit einer ausgefeilten Technik kann er so das Boot manövrieren, voran bringen und hat noch beide Arme frei um das Netz zu bedienen. Abgefahren anzusehen und es benötigt sicher sehr viel Übung und Gleichgewichtssinn um dabei erfolgreich zu sein. Wenn ich nur daran denke dies auszuprobieren, falle ich schon in den See.

Mit röhrendem Motor fuhr unser Langschwanzboot dann wieder den Kanal hinauf nach Nyaung Shwe. Es war sehr viel Verkehr. An diesem Abend war Vollmondnacht und Hunderttausende Burmesen kommen in die Region um das Ballonfestival zu sehen. Und viele nehmen davor natürlich noch eine Tour auf dem See mit. Holger hatte sich bereits nach den paar wenigen Tagen eine Magenverstimmung eingefangen und wir entschlossen erst einmal Piano zu machen. Er konnte nicht essen und wir genossen die Ruhe und das Klima im Dorf. Auch hier gibt’s massenhaft Pagoden und Klöster zu sehen. Wir schlenderten umher und relaxten. An unserem Abreisetag schenkte uns die Hotelmanagerin noch eine Armkette aus Holzperlen in unseren Lieblingsfarben und wir bestiegen wieder einen Bus. Dieses Mal hatten wir Notgedrungen einen VIP-Bus gebucht. Eigentlich wollten wir woanders hin und ganz eigentlich auch eine Kategorie niedriger buchen, aber wir waren so spät dran, dass uns nichts anderes übrig blieb. Und der Bus war der Hammer. Einwandfrei! Vergleichbar zu den großartigen Bussen in der Türkei.


Ausreichend zu Baggern in Bagan

Gegen fünf Uhr morgens spuckte uns der Bus aus. Nach Stunden des Sitzens, ausnahmsweise in einem wohltemperierten Bus, beschlossen wir die 5km zu einem Hotel zu laufen. Wieder ernteten wir die ungläubigen Blicke der einheimischen Taxifahrer. Wie können die, die es sich doch leisten können sollten, nur laufen?! Überraschender- und genialer Weise konnten wir direkt einchecken und eine Mütze Schlaf nehmen. Wieder hat das Hotel große Gastfreundschaft und viele kleine Extras für uns parat gehabt. Auch konnten wir heute bereits alles für eine weitere Reisepartnerin vorbereiten. Dazu später mehr. Wir befanden uns nun im kleinen Dorf Nyaung Oo was unmittelbar neben der historischen Königsstadt Bagan und deren heftiges kulturelles Erbe liegt. Am Abend mieteten sich Holger und ich einen Elektro-Roller und fuhren durch das Dorf, machten ein paar Besorgungen, aßen zu Abend und genossen den Sonnenuntergang am Flussufer des Irrawaddy.

Morgens um kurz vor sechs klopfte es an unserer Zimmertür. Unsere Schulfreundin Rosa war eingetroffen. Sie bereist gerade China und hatte sich mehr oder weniger spontan dazu entschlossen uns in Myanmar zu treffen. So waren wir nun zu dritt. Was eine große Freude plötzlich wieder einen festen Freundeskreis um sich zu haben, der nicht aus frisch kennengelernten Menschen besteht, sondern Freunde, für die ich mich schon vor langer Zeit entschieden habe. Das Zimmer wurde um eine Matratze auf dem Boden erweitert und wir genossen ein zauberhaftes Frühstück auf der Dachterrasse des Hotels. Da Rosa eine gute Busschläferin ist, konnten wir direkt danach eine Tour durch das archäologische Areal starten. Wir hatten am Vorabend bereits zwei Elektroroller gemietet und machten uns auf das 36km² große Areal voller alter und neuer Tempelanlagen zu erkunden. Über 2.000 erhaltene Tempel, Pagoden oder Klöster gibt es hier zu entdecken. In allen möglichen Formen und Größen. Teilweise sind die heiligen Gebäude über 1.000 Jahre alt und nach einem buddhistischen Muster in der Steppenlandschaft errichtet worden. Es ist richtig krass diese Vielfalt und schiere Masse an Tempeln und Pagoden zu sehen. Vor allem natürlich wenn man einen guten Blick über das Areal als Ganzes erhält.

Fast cooler als die Tempel selbst, war die Fahrt mit den e-Mopeds. Zwar war die Tatsache, dass wir quasi geräuschlos durch die Steppe heizten schon witzig genug, aber es führen so viele kleine Wege und Pfade durch die Ausgrabungsstätten, dass wir größtenteils komplett für uns alleine waren. Und die Wege waren teilweise nicht mehr als Trampelpfade durch Sand und Gestrüpp, jedoch alles auch mit den e-Mopeds zu schaffen. Mensch, was hatten wir für einen Spaß dabei! Wir fuhren zu den entlegensten Pagoden und hatten unseren Spaß daran extravagante Wege zu finden. Ja, man kann sagen wir haben ein echtes Abenteuer gemacht und ich habe mich wie ein Entdecker gefühlt. Auf der digitalen Karte waren immer wieder Aussichtspunkte eingezeichnet, wo aber keine waren. Das war sehr komisch. Tage später wurde uns dann bewusst, dass wir Opfer unserer Erziehung wurden. Es kam uns nicht einmal in den Sinn die uralten Ruinen zu beklettern und die Türme und Dächer zu besteigen. Doch hier scheint es wohl an der Tagesordnung zu sein. Nicht gut! Das Gebiet ist wirklich so riesig, dass sich der relativ teure Eintritt auf jeden Fall lohnt. Der Eintritt gilt für fünf Tage und muss bereits bevor man die Dörfer mit den Hotels erreicht bezahlt werden.


Nach der Tour wollten wir uns kurz im Hotel ablegen. Mit Mühe und viel Zeit schaffte es auch mein e-Moped, welches auf halber Strecke zurück den Saft verlor. Doch wir hatten quasi „All you can bike“ und am Hotel bekam ich ein voll aufgeladenes Exemplar. Kurz vor Sonnenuntergang machten wir uns dann auf an einen Aussichtspunkt, den wir bereits am Vormittag ausgespäht hatten, um einen der berühmten Baganer Sonnenuntergänge zu erleben. Es muss wohl fantastisch sein, die Silhouetten der unzähligen Tempel im rötlichen Abendlicht zu sehen. Muss es wohl… Wir hatten uns total verschätzt und kamen viel zu spät an. War wohl nichts. So etwas Blödes aber auch! Da blieb uns nichts anderes übrig als uns über uns selbst lustig zu machen. Wir unternahmen dann eine Spazierfahrt zu Orten und Ortschaften die wir tagsüber noch nicht erkunden konnten und als die Dunkelheit dann komplett über uns hereinbrach, wurde auch Holgers e-Moped schwach und langsam. So aßen wir in einem Restaurant zu Abend während die Rollervermietung anrollte um uns einen weiteren neuen Roller zu stellen. Auf dem Weg zurück ins Hotel buchten wir uns spontan ein Taxi für den kommenden Tag. Holger hatte eine tolle Idee, die uns etwas weiter weg führen sollte. Wir verbrachten den Abend beim Kartenspiel (Narek hatte mir Kamasutra Pokerkarten geschenkt), Whiskey, tollen Unterhaltungen und Updates aus jedem seinem Leben.

Auf du junger Wandersmann...

Wieder viel zu früh wurden wir aus den Federn geworfen. Das Frühstück steht bereit und der Taxifahrer kommt auch demnächst. Er bringt uns ca. 50km raus zum erloschenen Vulkan namens „Popa“. Eine Wanderung und Gipfelsturm steht an. Vom 1.580m hohen Vulkan galt es rund 700 Höhenmeter zu besteigen. Es war ein sehr schöner Weg durch den Dschungel hoch zum gigantischen Kraterplateau. Gelegentlich trafen wir Einheimische die auf Mopeds den Pfad hinauf oder hinabfuhren. Sie sammelten irgendwelche Gräser oder Blätter soweit ich erkennen konnte. Bald schon konnten wir den Blick über das Flachland Zentralmyanmars ergattern. Und wenn ich flach schreibe, dann meine ich auch flach. Krass flach! Kilometerweit beeindruckend flach. Flacher geht’s nicht! Der Krater ist natürlich nun von Dschungel überwuchert, aber er ist noch deutlich zu erkennen. Überall am Kraterrand stehen – natürlich – vergoldete Pagoden und auch auf dem Gipfel ist eine Pagode installiert. Von hier hatten wir formidable Sicht auf die tatsächliche Touristenattraktion der Gegend.

Auf einem kleinen Vulkankrater, einem Felsen am Fuße des Hauptvulkans, haben die hiesigen Mönche ein Kloster errichtet. Es sieht ziemlich cool aus. Ähnlich zum Lion Rock in Sri Lanka oder Meteora in Griechenland. Ein riesiger Felsen der quasi senkrecht aus dem Boden schießt und ein oder mehrere Gebäude trägt. Aber auch hier hatten wir entschieden, dass uns der Anblick aus der Ferne genügt. Ist man einmal auf dem Felsen sieht man ihn ja nicht mehr…oder? Wir entschieden uns lieber langsam abzusteigen und im Hotelresort, wo unser Taxifahrer auf uns wartete, noch eine Bluna zu schlürfen. Aus dem kohlensäurehaltigen Kaltgetränk wurde dann ein Kaffee. Alleine aus dem Grund, da es das günstigste dort war. Das Hotelresort, dass wirklich schön hergerichtet und nobel war weit über meinem Budget. Solche Preise hatte ich lange Zeit nicht mehr gesehen. Nur so viel: Die kleine Tasse Kaffee kostete so viel wie zwei normale Abendessen inkl. Getränke in den Etablissements die ich besuche. Aber gut war sie. Da kann man nichts sagen!

Da unser Fahrer sehr flink unterwegs war witterten wir unsere letzte Chance. Mit einem kleinen Bonus überredeten wir ihn uns noch zu einem Aussichtspunkt zum Sonnenuntergang inmitten der Tempel in Bagan zu fahren. Er soll uns seinen Lieblingsplatz zeigen. Er drückte nochmals heftig auf die Tube und wir erreichten das Ziel genau in der richtigen Zeit. Diese Pagode wurde von einer offiziellen Stelle des Archäologie-Instituts kontrolliert und so wagten auch wir uns hoch. Wir kletterten die Außenwand der Pagode hinauf, saßen dann inmitten von anderen Touristen aus der ganzen Welt und starrten auf den Sonnenuntergang. Es war geil! Richtig schön! Unbedingt machen! Jeden Abend! Was sind wir doch für glückliche Vollidioten dieses Spektakel letztlich doch nicht verpasst zu haben. 

Nachdem die Sonne dann hinterm Horizont verschwand und die Tempelsilhouetten aufhörten zu leuchten, ließen wir uns zu unserem Stammrestaurant in Laufnähe zum Hotel absetzen und beschlossen den Abend mit einem vorzüglichen Mahl. Und Holger ging es auch wieder besser. Nachdem er zwei Tage lang nichts oder nur Reis mit Salz essen konnte, konnte er nun wieder kräftig zulangen. Morgen Mittag reisen wir dann wieder weiter. Eine neue Region, eine neue Stadt wartet auf uns. Meine Fresse sind wir schnell unterwegs….

 

Ob ich bald an Reiseburnout erkranke erfährst du dann im nächsten Bericht. Ich würde mich freuen, wenn du wieder vorbeischaust.

 

Bis dahin herzliche Grüße, dein Schilli


Funfacts

- Ich bin wieder komplett. Nicht nur guten deutschenWeißwein und meine PADI Tauchkarte, sondern auch ein neues Paar Schuhe meiner geliebten LOWA Renegade III hat mir Holger aus Deutschland mitgebracht!

- Bei einem Donut-Laden in Yangon stoppten wir kurz. Holger aß einen Donut und ich….Sushi! Kein Witz!

- Billiger wird’s nicht. Eine Schachtel Zigaretten (Kingsize, 20 Stück) gibt’s hier für schlappe 0,25 €!

- Was haben wir gelacht! Kohtoo hat ständig von seinem kleinen dicken Bruder „Fat Brother“ erzählt. Als wir ihn dann trafen hat er ihn auch die ganze Zeit „Fat Brother“ genannt und gerufen.

- Erdnüsse werden hier viel gegessen. Doch nicht zwingend geröstet. Hier kochen sie Erdnüsse!

- Bei einem Spielstand auf dem Jahrmarkt konnte man Ringe um Zigarettenschachteln werfen. Wer trifft, gewinnt diese.

- Zweiklassengesellschaft auf dem Inle Lake. Weiße bekommen Stühle auf den Booten, dürfen aber maximal nur zu fünft fahren. Burmesen dürfen 20 auf’s Schiff aber ohne Stühle.

- Nutznießer seiner misslichen Lage. Dank Holgers Krankheit bekam ich doppelt Frühstück (nex verkomme lasse)!

- Der Nachtmarkt in Nyaung Oo war lächerlich. 4-5 Fressbuden und 3 Ständchen mit den gleichen Souvenirs wie überall. Nur Peters Cocktailbar hatte die Megaparty am Start. Kein Klientel dafür dröhne viel zu laute harte Elektromusik aus seinem Food Truck.

- Ein Statement? Rosa hat mit dem e-Moped in einer Kurve zwei Französinnen gerammt und von deren e-Mopeds geschossen. Es geht allen gut und die Mopeds liefen auch noch.

- Es grenzt fast schon an Absicht wie viele Kellner in verschiedenen Restaurants ständig irgendwelche Gerichte oder Nachbestellungen auf den Rechnungen vergessen. Es gilt: Touristenschuppen -> Schnauze halten. Lokales Restaurant -> Ehrlich sein und Trinkgeld geben.

- Und wer sich fragt was der Titel mit dem Ganzen zu tun hat. Naja, zum einen ist der schäbische Spruch „Nex verkomme lasse, uff sei Sach uffpasse“ ein Credo, dass jeder Niedrigbudgetreisende hoch halten sollte, zum anderen haben Holger und ich das Lied der Mundart-Musiker Ernst und Heinrich ständig im Ohr. Hier geht es zum Video.


Danke auch an Holger und Rosa für ein paar der Bilder!


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