#41 | Besuch aus Tasmanien | 463. Reisetag

Nach der großen Wanderung im Annapurna Gebirge widmeten wir uns nun der Entspannung. Alexis aus Kanada blieb ebenso noch ein paar Tage hier bevor er in Richtung Indien aufbrach. Wir genossen es nicht weit laufen zu müssen. Alles was man braucht findet man in den paar Straßen direkt am Fewa See. Obwohl wir des Dal Bhat noch nicht überdrüssig waren, schlemmten wir Burger, Wraps und Pizza. So langsam füllte sich auch Pokhara. Die Saison begann.

Total überraschend erhielt ich Nachricht von meiner Freundin Sharna (Tasmanien/Australien). Wir trafen uns zum ersten Mal in Rishikesh in Indien und sie war Teil der Gruppe mit welcher ich eine Camping-Wanderung in Manali (Indien) unternahm. Sie ist auf dem Weg von Vietnam nach Pokhara um hier ebenfalls den Annapurna Rundweg zu wandern. Wie cool ist das?! So nahm ich sie nach ein paar Tagen bereits in Empfang. Was eine Wiedersehensfreude! Es gab viel Reiseerfahrungen und -geschichten zu berichten und ich war sehr glücklich wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen. Sharna und ich wurden dann auch Zeuge eines total verrückten, doch interessanten Events.

Der Besitzer des Hotels, in dem ich bisher alle meine Nächte hier in Pokhara verbracht habe, lud uns zu seiner Hochzeit ein. Eine traditionell Nepalesische Hindu-Hochzeit. Natürlich brauchte es nicht viel Mühe uns zu überzeugen daran teilzunehmen. Enorm Gastfreundlich die Leute hier. Das Fest begann damit, dass viele Nepalis anreisten. Das komplette Gasthaus wurde mit Familienmitgliedern gefüllt. Sharna und ich waren die einzigen Ausländer im Gebäude. Am Abend vor der Hochzeit wurden wir zum Abendessen geladen. Und es wurde plötzlich verdächtig still. Die Bergziege, die die letzten Tage im Hof lautstark seine Präsenz Kund getan hat, war verstummt. Sie wurde feierlich geschlachtet und zu leckerem Curry verarbeitet.

Das Hotel wurde mit Fähnchen, Palmen und anderen Dingen feierlich dekoriert und im Hof wurde eine Art Pavillon eingerichtet. Hier ist der Platz für den Bräutigam. Wir erfuhren, dass es sich um eine arrangierte Hochzeit handelt. Das Paar hatte sich 4 Tage vorher zum ersten Mal getroffen und ca. eine Stunde miteinander verbracht. Die Familien der Beiden hatten alle Angelegenheiten bereits im Vorfeld abgesprochen. Diese Hochzeit verläuft grob so: Braut und Bräutigam feiern getrennt in ihren Häusern mit ihren Familien. Dann verlassen die Männer mit dem Bräutigam sein Haus um die Braut von ihrer Familie abzuholen. Während der Abwesenheit des Bräutigams singt und tanzt seine Familie bis zu dessen Rückkehr. Immer den gleichen Song. Über Stunden hinweg! Wenn der Bräutigam – natürlich nach und während unzähligen Ritualen – seine Gattin in Empfang nimmt, bedeutet dies für die Frau, dass sie Ihrer Familie den Rücken kehren und von nun an in der Familie des Bräutigams leben wird. 

Es ertönt traditionelle Live-Musik. Die Band begleitet die Gesellschaft des Bräutigams über den Tag hinweg. Interessant zu Beginn, total nervig nach 7-8 Stunden. Nachdem der Bräutigam am Vormittag über mehrere Stunden hinweg, in Begleitung eines Priesters, diverse Mantras, Opfergaben und Gebete hinter sich brachte, zogen wir los um die Braut abzuholen. Ein Bus brachte uns und die Gesellschaft zu einer angemieteten Lokalität, wo zum ersten Mal die beiden Familien in Kontakt treten. Es wird getanzt und gegessen, während das Paar weitere Rituale zu vollziehen hat. Es gab für mich viel zu entdecken und zu erleben. Manche Dinge waren in meinen Augen total verrückt und exotisch. Zum Beispiel das Ritual, bei welchem manche Gäste den beiden Geld geben, eine Schale Wasser über die Zehen der Braut gießen, das Wasser darunter auffangen und tranken. Interessant was für Traditionen manche Kulturen so erfinden…

Und es war erschreckend zu sehen, wie traurig die Braut aussah. Ich habe noch nie eine Braut gesehen, die so panisch, ängstlich und traurig war wie jene. Aber ist natürlich verständlich. Sie muss ihre Familie, ihr Haus, verlassen um mit einem Fremden Mann zu leben. Unzählige Fragen und Sorgen müssen ihr durch den Kopf schießen. Einfach nur krass. Seit meiner Einreise nach Indien war das Thema „Arrangierte Hochzeiten“ immer wieder präsent. Und nun war ich mittendrin…


Nach den Hochzeitszeremonien unternahmen Sharna und ich noch eine Tageswanderung auf den Sarangkot, einen Berg an der Nordseite des Fewa Sees. Von hier aus hätten wir einen wunderbaren Blick auf die Südseite des Annapurna Massivs erhaschen können. Doch leider blieb uns dieser aufgrund der Witterung verwehrt. Keine große Aufregung, wir hatten enorm viel Spaß beim Auf- und Abstieg. Ein paar Tage später dann, feierte Sharna ihren Geburtstag. Nach einem ausgiebigen Geburtstagsfrühstück mit gebackenen Bohnen im Restpoint Café, lehrte uns Felix (UK) das Schach spielen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern wann ich das letzte Mal eine Schachfigur in der Hand hielt. Doch nach ein paar Runden hatte ich einen großen Spaß daran gefunden und forderte heraus, was nicht bei drei auf dem Baum war. Natürlich verlor ich so gut wie jedes Spiel, aber Spaß daran hatte ich dennoch.

Am Nachmittag mieteten wir uns ein Ruderboot und fuhren auf den See hinaus. Wir genossen ein Bad im kühlen Nass unter den Farben des Sonnenunterganges. Später am Abend stoßen wir gemeinsam auf ihren Geburtstag. Am nächsten Tag begonnen dann die großen Feierlichkeiten des Dashain Festivals. Wie der Zufall so wollte, befand ich mich zum größten und wichtigsten religiösen Festivals in Nepal. 15 Tage lang werden hier jeden Tag verschiedene Zeremonien abgehalten und Götter verehrt. Sehr unübersichtlich und verwirrend. Im Prinzip wird hier der Sieg des Guten über das Böse gefeiert. Dashain wird in vielen Hinduistischen und Buddhistischen Gesellschaften unter verschiedenen Namen gefeiert. Eines Abends bot die Mutter unseres Hotelbesitzers an, an einer kurzen Zeremonie teilzunehmen. Laut Tradition segnet die älteste Person, alle Familienmitglieder in dem sie gefärbten roten Reis als „Tikka“ auf die Stirn setzt und bestimmte Pflanzen und Gräser in die Haare, beziehungsweise hinter die Ohren, steckt. So wurden auch wir von der großartigen Omi feierlich beglückwünscht und gesegnet.

Sharna und ich brachen gleichzeitig auf. Sie machte sich auf den Weg in Richtung Annapurna Circuit und ich nahm einen Bus zurück nach Kathmandu um mich dort auf meine Geburtstagswanderung vorzubereiten. Ich war unglaublich glücklich mit Sharna ein weiteres bekanntes Gesicht auf meiner Reise wiedergesehen zu haben und wünsch ihr alles Gute für die Zukunft. Als ich dann den Bus bestieg brachen zum Abschied auch nochmals die Wolken auf und ich konnte einen letzten Blick auf die wunderschönen und schneebedeckten Gipfel der Annapurna Region werfen.

Zurück in Kathmandu musste ich mich erst einmal wieder auf das Preisniveau gewöhnen. Es ist deutlich teurer als alles andere in Nepal. Ich bezahlte zum Beispiel genau so viel für ein Bett im 18-Bett-Zimmer als ich in Pokhara für ein Doppelzimmer im Hotel mit eigenem Bad bezahlte. Aber gut, hier bleibe ich sowieso nicht lange. Nachdem ich mich mit Narek kurzgeschlossen und die letzten organisatorischen Fragen geklärt hatte, machte ich also meine letzten Besorgungen in Kathmandu. Primär galt es meine Anreise zum Wanderweg zu organisieren. Ich schätze das über 95% der Wanderer die bequemere Route per Flugzeug nach Lukla wählen. Dies war für mich budgetär nicht möglich, da der 25 Minuten lange Flug ganze 160 € kostet. So entschied ich mich ein Sammeltaxi zu einem ca. 3-4 Wandertage zu Lukla entfernten Dorf „Salleri“ zu nehmen. Einen Sack voll Dinge, die ich auf der Wanderung nicht benötigen werde, konnte ich im Hostel lagern und ich genoss eine letzte warme Dusche. Um 3:00 Uhr morgens klingelt mein Wecker.

 

Mein Sammeltaxi holt mich in 60 Minuten ab. Los geht also der wilde Spaß auf meiner zweiten großen Wanderung im Nepalesischen Himalaya. Dem Weg zum höchsten Punkt der Welt, dem Weg zum 30. Geburtstag. Sobald das Internet wieder fließt, erzähle ich dir von meinen Erlebnissen auf der 21-tägigen Wanderung rund um den Mt. Everest.

 

Bis dahin alles Liebe und Berg heil! Dein Schilli


Funfacts

- Mit Whiskey und Cola, bei 40°C, im kühlen Fewa-See in Pokhara liegen und den Paraglidern beim Gleiten zusehen. Fantastisch!

- Entspannung pur. Die Abende in Pokhara genossen wir teilweise bei Open-Air „Kinos“ in Gärten oder Dachterrassen. „Das Dschungelbuch“ oder „Das Leben des Brian“ wurden audiovisuell konsumiert.

- Was ein Zufall! Im Hostel in Kathmandu läuft mir doch ein alter Bekannter aus meiner Geburtsstadt über den Weg. Nino ist auf dem Rückweg von Bali und startet eine kurze Wanderung mit einem Freund hier in Nepal. Unter all den Touristen treffe ich ausgerechnet ihn in der Lobby. Klasse!


Danke auch an Sharna für ein paar der Bilder!


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