#40 | Hips don't lie | 449. Reisetag

Heute kann ich endlich berichten wie meine erste Langstreckenwanderung hier in Nepal verlaufen ist. Das Bergmassiv Annapurna wollte erkundet werden. Hier verläuft einer der berühmtesten Fernwanderwege der Welt, der Annapurna Rundweg. Und ich hatte mir zum Ziel gesetzt diesen Weg, oder große Teile davon in Selbstorganisation zu gehen. Von vielen tollen Menschen, die ich auf meiner Reise bisher kennen lernen durfte, habe ich ausreichend Informationen erhalten und in meiner Zeit in Pokhara konnte ich alles Notwendige besorgen. Vorneweg muss natürlich gesagt sein, dass Worte, meine Bilder und meine Videos nicht im Ansatz das Erlebte wiederspiegeln können. Und da meine Erlebnisse im höchsten Gebirge der Welt aus Prinzip schon unbeschreiblich sind, im positiven Sinne natürlich, werde ich hier nicht die Landschaft beschreiben sondern mehr auf Bilder und auch einer kleinen Videosammlung setzen. Lediglich ein paar der Highlights auf dem Weg werde ich euch hier beschreiben können.

Gemeinsam mit meinem neu gewonnen Freund Alexis (CAN) machte ich mich auf den Weg zum Busbahnhof, natürlich verpassten wir den Direktbus zum Startpunkt des Treks. So fuhren wir eben mit 2 verschiedenen Bussen dort hin. Eine sehr anstrengende Reise, Alexis und ich erwischten leider die Sitze in der letzten Reise. Ich habe schon einige ungemütliche Busreisen gehabt, jene aber war grausam. Noch nie haben meine Beine/Knie aufgrund fehlender Beinfreiheit so geschmerzt. Am Ziel angekommen, nahmen wir einen Jeep der uns die ersten Kilometer durch den Dschungel und die „Straße“, ein abenteuerlicher und gefährlicher Schotterweg am Rande von Klippen, mitnahm. Ein paar Tage später erfuhren wir in einem Bergdorf, dass eines der Jeeps tatsächlich das Tal hinunter gestürzt ist. Ein Insasse aus dem Dorf kam dabei ums Leben. Auf ~1.200m im kleinen Dorf Syange starteten wir dann schließlich unseren Trek. Hier genossen wir auch unser erstes Dal Bhat Set. Ein lokales Reisegericht, welches mit einer Linsensoße und Gemüse serviert wird. DAS Wanderer-Essen im gesamten Himalaya! Das Geniale ist, dass es immer wieder nachserviert wird. All-you-can-Dal-Bhat sozusagen! Alexis und ich fragten stets in den Unterkünften ob wir das Zimmer kostenfrei bekommen, wenn wir beide dort abends und in der Frühe speisen. Und bis auf 3 Nächte hat es auch wunderbar funktioniert.

Dann stand der erste Wandertag an. Es war einer der Herausforderndsten zugleich! Er begann damit, dass ich unglücklicherweise auf die Schnalle des Hüftgurtes meines Rucksacks stand und diese brach. Zum Glück konnte ich einen Weg finden, wie sie dennoch funktionierte und wir marschierten los. Wir passierten dutzende von Wasserfälle. Der Tag begann brutal heiß, dreimal legte ich Sonnencreme nach und dann zog es innerhalben Minuten zu und wir wanderten durch einen enormen Wolkenbruch. Glücklicherweise war es aber der einzige Tag der kompletten Wanderung, an dem der Regen wirklich anstrengend war. Auch war es der einzige Tag an dem wir Bekanntschaft mit den Nepalesischen Blutegel machten. Jeder von uns fing sich so 4-6 Egel an den Füßen ein. Witzige kleine Dinger. Und durch das Sekret, das die Blutgerinnung hemmt, bluteten wir unsere Schuhe und den Teppichboden im Hotel ordentlich ein. Szenen wir in einem Zombiefilm. Wir waren froh, als wir dann endlich aus dem Dschungel und Blutegel-Territorium heraus waren.

Es war sehr ruhig auf dem Weg. Wir haben kaum andere Wanderer getroffen. An den Schlüsselstellen, dem Pass und anderen Orten, an denen viele Seitenwanderwege zusammenkommen, natürlich etwas mehr. Aber noch alles in erträglichem Maße. Die Tage verbrachten wir größtenteils einsam. Perfekt, so wie wir es uns vorgestellt hatten. Achja, eigentlich hatten Alexis und ich verschiedene Pläne im Kopf, jedoch blieben wir letztendlich doch die ganze Wanderung über zusammen. Wir sind einfach ein perfektes Team und der Gesprächsstoff ging uns nie aus. Ein großartiger Typ! Viele der Wanderer, die wir trafen, hatten entweder eine/n Führer/in, eine/n Träger/in oder beides. Im Gegensatz zu uns, unterstützen diese die lokale Wirtschaft und bieten den Nepalesen hier einen Job. Das ist sehr gut so. Gerne hätte ich den Service eines Trägers auch in Anspruch genommen, jedoch liegt dies weit über meinem Budget. Besonders die Bekanntschaft einer 65jährigen Dame aus Großbritannien, die mit einer Trägerin und einer Führerin unterwegs war hat mir vor Augen geführt, wir toll es ist. Sie füttert zwei Familien in dem sie den Service bezahlt und die beiden Nepalesinnen ermöglichen es der Dame diese wundervollen Orte überhaupt zu besuchen und diese Erfahrung zu machen. Ein tolles System!

Durch Mais-, Reis- und Marihuana Felder ging es der Baumgrenze entgegen. Diese liegt hier bei ca. 3.800m. Krass, in den Alpen ist diese deutlich tiefer. Doch sind das Klima und auch die Art der Vegetation hier im Himalaya natürlich immens unterschiedlich zum gemäßigten Klima in Zentraleuropa. Bei einer Mittagspause, bei dem ich meine tägliche Dosis Erdnussbutter (mit Stückchen) löffelte, sahen wir den Arbeitern dabei zu wie sie hart arbeitend Haschisch aus den Cannabis-Pflanzen gewannen. Spannend. Eine kleine Seitenwanderung führte uns durch tausende von blühenden Rhododendron-Sträuchern. Der Rhododendron ist eines der Symbole Nepals und er ist wunderschön. Unglaublich viele tolle Pflanzen gibt es zu entdecken und auch auf 5.416m gibt es noch partiell rote Flechten zu finden.

Wir passierten wundervolle kleine Dörfer, in welchen wir teilweise die einzigen Gäste wären. Die Häuser in jenen Dörfern sind lediglich aus Steinen zusammengesetzt und nicht einmal Mörtel wird verwendet. Viele davon sind natürlich aufgrund des letzten Erdbebens noch zerfallen. Einige der historisch-traditionellen Häuser werden aber noch voll genutzt und sie tragen enorm zum Charme der Bergdörfer bei. Das Essen auf dem Weg war hervorragend. 17x in Folge gab es Dal Bhat zu Abend! Stets etwas variierend in der Art der Zubereitung und auch der Zutaten. Wunder wie viel Variation man in Linsensuppe und gekochtem Gemüse einbringen kann. Die Zutaten wachsen im Gemüsegarten hinter dem Haus und sind garantiert ökologisch. Auf den Dächern trockneten Früchte, Pilze und Gemüse fröhlich vor sich her um der Bevölkerung als Winternahrung zu dienen. Natürlich steigen die Preise je höher man in den Bergen unterwegs ist und je weiter man von der nächsten Straße entfernt ist. 300 – 650 Rupien zahlt man für eine endlose Portion Dal Bhat. Zum Frühstück genossen wir entweder Müsli, Brei oder Pfannkuchen, je nach Lust und Laune.

Alexis und ich ließen es langsam angehen. Wir hatten keine Gründe uns durch die Berge zu hetzen. So wanderten wir eines Tages lediglich für 3 Stunden. An anderen aber auch bis zu 8. Sobald wir unser Tagesziel erreichten, setzte sich Alexis an sein Projekt. Er studiert Musik und komponiert während seiner Reise. Auf Notenblättern hält er die Ideen fest, die ihm während der Wanderung zuflogen. Er möchte eine Art musikalisch Tagebuch daraus erstellen. Sehr spannend. Ich selbst kümmerte mich darum mein Equipment auf Vordermann zu halten. Die Schuhe die ich mir in Pokhara gekauft habe vielen langsam auseinander. Ich musste also einiges kleben und nähen. Doch sie trugen mich über den gesamten Weg und ich hoffe sie werden auch noch die kommende Wanderung zum Mt. Everest durchhalten. Auch bei meiner Trekkinghose habe ich mit Nadel und Faden unfreiwillige Belüftungslöcher wieder schließen können.

Fast täglich passierten wir Tempelanlagen, Steintempel, Gompas und natürlich die buddhistischen Gebetsrollen. Im Uhrzeigersinn umrundet man jene und dreht die Rollen. Ist um einiges Effizienter als die Gebetssprüchlein aufzusagen. Teilweise sind dir Rollen gigantisch (>2m) oder andernorts sind über 40 in einer Reihe! Und überall sind natürlich die berühmten bunten buddhistischen Gebetsfahnen zu finden. In einigen Dörfern sind Checkposten zu finden. Hier müssen sich Wanderer wie wir registrieren, so dass im Falle eines Notfalls die Behörden ungefähr wissen wer wo unterwegs ist. Eine gute Sache! Und da wir uns noch immer in der Nebensaison befanden, war auch hier nicht viel los. Wir hatten einfach das perfekte Timing. Das Wetter wurde immer besser, wir hatten teilweise kilometerweite Sicht, die Wanderwege und Dörfer waren nicht überfüllt und die Hotels noch etwas verhandlungsfreudiger.

Natürlich war die Wanderung sehr anstrengend. Aber wir hatten ja keine Hektik. Wie immer waren die ersten Tage sehr herausfordernd. An das Gewicht auf dem Rücken gewöhnen und die ersten paar tausend Höhenmeter erklimmen. Es galt also immer wieder die Gewichtsverteilung des Rucksackes anzupassen, bis schließlich meine Hüften genauso schmerzten wie meine Schultern. Und schmerzende Hüften sind nicht zu unterschätzen. Deswegen habe ich ihnen den Titel dieses Reiseberichtes gewidmet. Ich hatte ja für 20 Tage Mittagessen dabei, da kam dann schon ein ordentliches Stück Gewicht zusammen. Das Gute daran ist jedoch, dass mein Rucksack im Laufe der Zeit stets leichter wurde. Bis ich den Rucksack am Ende fast gar nicht mehr spürte. Die Höhe bekam ich zweimal zu spüren. Dazu später mehr.

Auch bekamen wir total tolle Tiere zu Gesicht. Natürlich hat jedes Dorf auch seine Straßenhunde und viel Nutzvieh wie Hühnchen, Büffel, Kühe und Schweine die frei durch das Dorf schlendern. An einem Tag wurde ich sogar tatsächlich von einem aufgeschreckten Huhn angegriffen. Es flog mir direkt ins Gesicht und zerkratzte meinen Arm, mit dem ich mein Gesicht schützte. So etwas habe ich noch nie erlebt. Auch Lastentiere wie Pferde oder Esel kreuzten unseren Weg mehrfach. Oder wir befanden uns inmitten einer Hundertschaft von Bergziegen, die von Weideplatz zu Weideplatz geleitet wurden. Achja, Funfact, Schäferhunde gibt es hier nicht. Es sind 4-6 Männer, die die Ziegen oder Schafe zu kontrollieren versuchen. Und besonders freute es uns natürlich, dass wir Yaks zu Gesicht bekamen. Sie liefen uns entgegen und sehen aus wie verärgerte, kleine Kühe mit gigantischen Hörnern und viel zu viel Fell. Und in der Tat sind Yaks relativ gefährlich und können schnell aggressiv werden. Man sollte stets darauf achten, nicht an der Talseite die eindrucksvollen Tiere zu passieren, sie können einen gerne mal mit einem Stoß die Klippen hinunter befördern. Ein weiteres gigantisches Ereignis war der Besuch eines riesigen Geiers, der kurz über uns kreiste. Ein wahnsinnig enormes Tier! Es hatte bestimmt eine Spannweite von mindestens 2 Metern und flog stolz und erhaben durch sein Revier entlang der Gipfel und Felsen.

Tilicho See

Eines Tages, wir hatten bereits knapp drei Stunden Wanderung hinter uns, entdeckte Alexis, dass er seine teure Funktionsjacke im Hotel hatte liegen lassen. Da er verständlicher Weise dieses Geburtstagsgeschenk seiner Mutter nicht aufgeben konnte, lief er den Weg zurück hinab zum Dorf. Ich wartete mit unserem Gepäck und hielt ein Nickerchen. Als er schließlich wieder, mit Jacke, zurückkam, hatte er enorme Schmerzen im Knie. Der Sprint abwärts und wieder hinauf, hatte sein Knie überbelastet. So entschieden wir im nächsten Dorf Rast zu machen. Auch am Tag darauf war es nicht besser. Ich machte mich dann alleine weiter in Richtung eines der höchstgelegenen Sees der Welt. Diese Seitenwanderung verlief sowieso wieder durch diese Ortschaft und Alexis nutzte die Zeit um sein Knie zu entspannen. Eigentlich hatte ich drei Tage geplant um diese Strecke zu machen, doch mein Ziel war nun bereits in zwei Tagen zu Alexis zurück zu kehren. Ich erleichterte mein Gepäck und zog alleine los.

Es ging entlang einer wunderschönen, aber auch gefährlichen Erdrutsch-Region. Der Pfad war teilweise von Geröll überflutet und es war sehr abenteuerlich über das Geröll zu klettern ohne dabei den enormen Abhang hinunter ins Tal zu rutschen. Ich wanderte entlang faszinierender Felsformationen die durch Erosion ausgewaschen waren. Teilweise erinnerten sie mich an die Landschaft der Feenkamine in Kappadokien, Türkei. Im Tilicho Basecamp schlief die Nacht um am nächsten Morgen den 800m steilen Anstieg zum See zu wagen. Eine Gruppe von 5 Leuten verließ früh am Morgen die Unterkunft. Wir hatten einen unglaublich schönen Sonnenaufgang und der Mond strahlte noch hell über den Gipfeln. Ich hatte den schnellsten Schritt und so war ich als erstes oben auf dem Plateau. Das erste Mal über 5.000m! Unbeschreiblich war die Aussicht, die ich auf die umliegenden Bergmassive werfen konnte! Mt. Manaslu (8.163m), Annapurna II + III + IV (7. 937m, 7.555m, 7.525m) und diverse weitere 6- und 7-Tausender konnte ich bestaunen. Es war keine einzige Wolke zu sehen. Es war kalt und sehr windig dort oben. Mein zweites Frühstück auf 5.050m jedoch umso leckerer.

Ich hatte nun die Höhe des Mt. Blanc in den Alpen überschritten. Wenn man Russland ausklammert, war ich also höher, als es Europa bieten kann! Die anderen Wanderer hatten wohl Probleme mit der Höhe bekommen oder waren enorm gemütlich unterwegs, denn ich blieb mutterseelenalleine. Die Höhe selbst machte mir noch nicht so große Probleme. Ich atmete schwer und bekam auch nach einer Stunde etwa Kopfschmerzen. Je länger ich dort oben blieb, umso stärker wurden diese. Aber noch alles im erträglichen Rahmen. Doch der See ließ mich nicht aus seinem Bann. Seine Oberfläche ist auf ca. 4.920m und er ist beeindruckende 85m tief! Ein Gletscher verläuft direkt in den See und sein Milchblaues Wasser war sehr attraktiv. So attraktiv, dass ich mich nach langem Überlegen entschied noch einmal weitere 45 Minuten um den See zu wandern bis ich schließlich an einer Art Strand gelangte. Mir war bereits brutal kalt und meine Kopfschmerzen wurden stärker. Doch nun musste ich es einfach tun. Mit höchster Vorsicht natürlich. Ich war ja komplett alleine unterwegs. Jawohl! Ich habe ein Sekundenbad in einem der höchsten Seen, inkl. frischem Gletscherwasser genommen. Spaß war es nicht, aber witzig!

Beim Abstieg zum Basecamp kam mir ein junger Mann entgegen. „Hey Marc, schön dich zu treffen!“ Wie bitte??? Florian aus Deutschland grüßte mich herzlich. Er hatte in der Nacht zuvor Alexis im Hotel getroffen und Alexis hatte wohl alle Wanderer die zum See unterwegs waren eine Beschreibung von mir mitgegeben mit der Bitte liebe Grüße auszurichten. Alle 20-30 Minuten kamen mir dann also Menschen aus aller Welt entgegen die mich freundlich mit Namen grüßten. So witzig, ich kam mir so prominent vor. Am Basecamp setzte ich mich mit einem Minztee hin und war hart mit mir am Ringen ob ich die weiteren 4 Stunden zu Alexis in Angriff nehmen soll. Meine Beine schmerzten und ich war bereits 8 Stunden unterwegs. Aber zurück auf 4.200m waren die Kopfschmerzen wenigstens wieder weg. Und dann packte ich meinen Rucksack und machte mich auf. Es galt die Sache durchzuziehen!

Kurz vor Sonnenuntergang kam ich im Dorf an, in welchem Alexis auf mich wartete. Am nächsten Morgen machten wir uns dann wieder gemeinsam auf. Wir durchquerten ein verlassenes Dorf, welches langsam wieder von der Natur zurückerobert wird. Wunderschön! Alexis Knie war immer noch nicht voll belastbar und so nahmen wir etwas Tempo raus und hielten unsere Etappen kurz. Mehrfach entschied er umzukehren und auszufliegen. Nur um dann wieder Motivation zu finden und die Zähne zusammen zu beißen. Der Abstieg vom See hatte auch meinem linken Knie etwas Leid angetan, jedoch war es nach zwei Tagen wieder völlig in Ordnung. Wir waren nun auf dem Weg zum Thorong La Pass, dem höchsten Punkt des Annapurna Rundwegs. Je näher wir kamen, umso weniger Hotels gab es und umso mehr andere Wanderer kreuzten unseren Weg, oder lernten wir in den Hotels kennen. Unter anderem eine 20köpfige Gruppe Israelis, die sich Cliquenhaft einnisteten und ganze Küchen in Beschlag nahmen um koscher zu kochen. Wir bekamen koscheres Dal Bhat. Auch lecker!

Dann erblickten Alexis und ich einen der schönsten Plätze des Weges. Einen kleinen Teich unterhalb des Wanderweges. Ein vielsagender Blick zu einander und schon kletterten wir den Weg hinab. Natürlich außerordentlich vorsichtig um so wenig Flora und Fauna wie möglich zu zerstören. Obwohl wir erst knapp eine Stunde unterwegs waren, entschieden wir uns an dem kristallklaren Wasser unsere große Pause zu halten. Und natürlich um ein Bad zu nehmen. Wie kalt es war? Hahaha. Derbe kalt! Wir waren ja auf ~4.200m! Nach einer Weile gesellte sich eine Gruppe zu uns die ich bereits in der Nähe des Tilicho Sees kennen lernen durfte, eine der Menschen die mich grüßten. Der Deutsche, ein Franzose, eine Brasilianerin und ein spanisches Pärchen gesellten sich zu uns und nahmen ebenso ein Bad. Am späten Nachmittag trafen wir uns wieder im Hotel und feierten gemeinsam. Die vorletzte Station vor dem Pass war prall gefüllt. Die Israelis und unsere Gruppe machten lautstark Musik und wir spielten Spiele. Obwohl die Gitarre nur 4 Saiten hatte, spielte ich mir die Finger blutig und wir jammten und sangen bis das Bettchen rief.

Thorong la Pass - 5.416m

Am Morgen war die Hütte wie ausgestorben, Alexis und ich waren die einzigen Gäste. Alle anderen sind zwischen 3-5 Uhr bereits losgezogen um den Pass zu gehen. Nach einem gemütliche Frühstück und ein paar Runden 4-gewinnt zogen wir dann auch los. Wir jedoch machen vorher nochmals einen Zwischenstopp im High-Camp auf 4.800m. Hier unternahmen wir nach Ankunft noch eine kurze Wanderung zu einem der kleinen Gipfel. Die Nacht hier brachte mir dann doch etwas mehr Probleme mit der Höhe. Das Atmen viel mir schwerer und ich hatte tatsächlich auch Albträume die von Atemnot handelten. Ein eindeutiges Zeichen von Höhenkrankheit. Ich nahm dann nachts eine der Pillen zu Prävention und konnte danach auch wenigsten ein paar Stunden ruhig schlafen. Bei Sonnenaufgang ging es für uns dann die restlichen 600 Höhenmeter zum Pass hinauf. Statt der angepeilten drei Stunden, schafften wir es in zwei. Leider war uns keine großartige Sicht gegönnt. In der Tat fing es sogar an zu Schneien. Aber es ist ja ein Pass, kein Gipfel. Deswegen nahmen wir es nicht so wild und erfreuten uns daran, unser Ziel geschafft zu haben. Am Pass wird sogar Tee serviert. Der Nepali, der das Teehaus betreibt ritt mit seinem Pferd immer wieder an uns vorbei und fragte die Wanderer ob alles okay sei. Sehr freundlich, denn viele bekommen bereits ernsthafte Probleme auf der Höhe. 

Alexis, mit seinem lädierten Knie, machte sich bereits auf den Weg hinab während ich mich noch etwas an den 5.416m erfreute und die glücklichen Wanderer beobachtete, die es nun auch geschafft hatten. Dann ging es auch für mich 1.600 Höhenmeter hinab auf der anderen Seite in die Mustang Region. Nun konnten wir auch den ersten Blick auf Mt. Dhaulagiri (8.167m) erhaschen. Der siebthöchste Berg der Welt begrüßte uns quasi auf der anderen Seite. Nun waren wir wieder eher in der Zivilisation. Die Dörfer hier sind durch Straßen miteinander verbunden und wir genossen westliche Toiletten und warme Duschen. Wann immer möglich nahmen wir natürlich die Wanderwege abseits der staubigen Straße.

Mustang

Nun befinden wir uns also in der Mustang Region Nepals. Und diese ist total unterschiedlich als die Region auf der anderen Seite des Passes. Landschaftlich wie kulturell. Die Berge sind eher trocken und sandig, die Architektur und auch die Sprache änderten sich enorm. Auf einem Wanderweg trafen wir in einer einsamen Hütte den Deutschen Helmut. Der 68jährige lebt hier 4-5 Monate im Jahr mit seiner Frau. Ein klasse Typ! Ein echter Charakter und Unikat. Und wieder mal muss gesagt sein, dass die Deutschen wirklich überall zu finden sind! Egal wohin du gehst. Das Tal, welches wir entlang wanderten führte ab der Mittagszeit enorme Winde, die den Sand der Berge und des Flussbettes aufwirbelten und ich sehr froh war über den Schal, mit dem ich Mund und Nase überdecken konnte. Es war ein echtes Abenteuer! Teilweise galt es dann auch Felsen abzuklettern oder Bäche und Flüsse zu durchqueren oder zu überspringen – mal mehr und mal weniger erfolgreich. Da diese Region auch mit Jeeps erschlossen ist und die Saison gerade angefangen hat, viel es uns etwas schwerer mit den Hotels zu feilschen, jedoch fanden wir immer einen geeigneten Platz. Und wir feierten dies mit einem Fläschchen Whiskey.

An diversen Stellen, an den wir auf eine Straße trafen, waren Unmengen an Arbeitern dabei die diese auszubauen, zu befestigen und Brücken zu schlagen. Insgesamt wird über den kompletten Rundweg groß investiert. Viele Hotels werden gebaut und Infrastruktur installiert. Ich mag mir kaum vorstellen wie beschäftigt der Weg wohl in der Hauptreisezeit sein mag und wie er wohl in 3-4 Jahren aussieht. Immer mehr Touristen, vor allem aus Indien, haben die Fernwanderwege Nepals für sich entdeckt. Ich bin sehr gespannt wie sich der Fernwanderweg zum Mt. Everest für mich darstellen wird. Dann ist es Hauptreisezeit und der Wanderweg ist ob des Namens natürlich noch etwas begehrenswerter. Aber so ist es nun einmal und ich weiß worauf ich mich einlasse.

Da wir seit Tagen abwärts wandern, wurden die Knieprobleme Alexis immer heftiger. Mehrfach stand er kurz vor der Aufgabe. Jedoch gewann er immer wieder neue Motivation, durch einen Apfelkuchen oder ein Yak Steak. Und der faszinierenden Natur natürlich, die sich alle paar Meter komplett änderte. Wir wanderten langsam wieder in Richtung Tropenwald. Was dann irgendwann auch wieder nervige Mücken mit sich brachte. Schließlich erreichten wir den Ort Tatopani. Diesen hatten wir zu unserem Ziel erkoren, denn dort warten heiße Quellen auf unsere nun stählernen aber auch erschöpften Körper. Eine der Quellen war sogar viel zu heiß um sich hinein zu legen. Alexis genoss sein Leibgericht von Chowmein Nudeln und Mo:Mos (Gefüllte Teigtaschen). Nach einer großartigen Nacht in der wir die vergangenen 20 Tage reflektierten und mit lokalem Whiskey anstoßen, organisierten wir uns einen Bus und ein Taxi zurück nach Pokhara.

Zurück in Pokhara liefen wir schnurstracks zum Rest-Point Café und genossen diverse Gerichte und Coca-Cola am Ufer des Sees. Was ein Abschluss einer unbeschreiblich abenteuerlichen und schönen Wanderung. Es gibt so viel mehr zu erzählen. So viele Details die ich im Laufe der Zeit wohl vergessen werde. Aber meine Zeit und meine Energie sind begrenzt. So belasse ich es nun dabei. Ich kann jedem nur ans Herz legen diese Erfahrung einmal selbst zu machen. Es gibt viel zu lernen, tolle Menschen auf dem Weg zu treffen, unglaubliche Aussichten und Schönheit zu entdecken und persönliche Grenzen zu überwinden. Ich bin so dankbar dafür, dass ich es erleben durfte! Solltest du einmal vorhaben hier vorbei zu schauen, versorge ich dich gerne mit allen notwendigen Informationen!

 

Ichwerde nun ein paar Tage in Pokhara ausruhen und mich dann auf meine Geburtstagswanderung zu meinem 30sten vorbereiten. Es würde mich unglaublich freuen, wenn du mich dabei unterstützen könntest. Beziehungsweise freue ich mich sehr darüber, dass du es bereits getan hast!

 

Herzliche Grüße und auf bald meine Lieben! Euer Schilli



Funfacts

- In der ersten Nacht auf dem Weg haben wir bei offenem Fenster geschlafen. Ich erwachte als ein Wolkenbruch mir direkt ins Gesicht regnete.

- Am Tilicho Basecamp hatte ich eine sternenklare Nacht. Ich wollte etwas spazieren um Sterne zu gucken. Der Wirt rief mich aber zurück. Es sei Schneeleopardengebiet und es sein unklug alleine in der Nacht zu wandern.

- Auf einem schmalen Wanderweg setzte ich mich zu einer kleinen Pause nieder. Die Beine baumelten über dem Abgrund. Als drei Spanierinnen ankamen, wollte ich gerade aufstehen um sie passieren zu lassen, da setzten sie sich und wir hielten gemeinsam Mittag.

- Ein Hotelbesitzer den wir nach einer kostenfreien Nacht fragten, sagte uns dass wir kurz warten sollten. Dann verschwand er und kam nie wieder…komisch

- In einem der Dörfer wurde vom Nepalesischen Fernsehen ein Heimatfilm gedreht. Spannend

- Hahaha. Warum auch nicht: Yac-Donald’s Restaurant!

- Eine andere Nacht im Hotel wurde ich wach, da wir direkt neben dem Ziegenstall schliefen. Morgens um 4 Uhr wollten die Arbeiter die Ziegen herausholen, jedoch hatte niemand den Schlüssel für das Schloss. So versuchten sie das Schloss mit Steinen zu brechen.

- Auf der Wanderung trafen wir immer einmal wieder eine Französin und ihren Führer/Träger Bibek. Gemeinsam spielten wir Karten und sie luden uns auch zu den heißen Quellen ein.

- Alexis konnte eines Tages nicht mehr laufen. Zu starke Schmerzen. Da das Hotel jedoch kein Internet bot entschieden wir das nächste Hotel anzusteuern. Wir wussten nur leider nicht, dass dies am Ende 10 weitere Kilometer benötigen wird. Starker Typ der Alexis! 



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