#37 | Die Affen rasen durch den Wald | 400. Reisetag

Das Taxi hielt etwas entfernt vom Zentrum und ich verabschiedete mich von den beiden Fließen Händlern, mit welchen ich das Taxi teilte. Trotz Gepäck entschloss ich mich erst einmal eine kleine Tour durch die Stadt zu machen. Ich streifte einen sehr schön angelegten Park und genoss den kleinen Nieselschauer. Da Klima hier ist deutlich angenehmer als ich es die letzten Wochen erlebte. Die drückende Hitze verschwand etwas. Nun wollte ich mich also nach einer Unterkunft bemühen. Ich hatte mir im Internet bereits ein paar Infos eingeholt welche Art Unterkünfte Shillong zu bieten hat und wo sich diese befinden. Natürlich sind wie überall lediglich 10-15% der Unterkünfte im Internet vertreten. Meist die etwas preisintensiveren. Es gibt Unmengen günstigere Unterkünfte an jeder Straßenecke. So lief ich also los und klopfte an. Und die Misere begann. Im Nachbarstaat Assam ist gerade Urlaubszeit und die von Hitze geplagten Menschen reisen – gefühlt alle – nach Shillong. Auch soll hier in den nächsten Tagen ein Bierfest stattfinden, was die Verfügbarkeit von Unterkünften weiter einschränkt. Eine lange und anstrengende Suche nach einer Unterkunft stand nun vor mir. Stunden verbrachte ich mit der Suche. Das Ende der Geschichte ist, dass ich nach 21 verschieden Lokalitäten, Hotels, Fremdenzimmern, Gasthäuser, Schlafsälen die Suche aufgab.

Mir blieb also nichts anderes übrig als in einem der Sternehotels anzuklopfen. Die Rezeptionisten waren sehr freundlich. Sie telefonierten etwas herum um mir noch ein Zimmer in meinem Budget zu besorgen. Ohne Erfolg. So machte ich mit dem Manager einen Deal. Wenn das Zimmer in den kommenden zwei Stunden nicht verbucht wird, bekomme ich es unter Niedrigstpreis. Und am Folgetag bekomme ich eine niedrigere Zimmerkategorie. Und so war es dann auch. Bzw. ich musste noch nicht einmal umziehen. Dennoch war es ein ausgesprochen kostenintensives, aber preiswertes Vergnügen. Ich genoss also die Zeit in meinem erzwungenen Luxus. Eine saubere, westliche Toilette ist einfach etwa herrliches. Shillong selbst liegt inmitten von Hügeln und viel Grün. Hier stehen viele alte Gebäude und Kirchen. Insgesamt ist die Region hier eher christlich geprägt und die Einwohner stellen sich mir als: John, Maria oder Cornelius vor.

Eine großartige Besonderheit hier in Shillong und Umgebung ist die Tradition des Bogenschießens. Seit Jahrhunderten messen sich die hiesigen indigenen Volksstämme (heute Clubs) in der Kunst von Pfeil und Bogen. Zwischendurch von den Briten verboten, floriert heute wieder das Geschäft um das sportliche Wetteifern. Über 1.500 Wettbuden soll es in der Stadt verteilt geben. Mit simplen, handgefertigten Bogen schießen die Schützen auf ein kleines Ziel. Ein für mich kompliziertes Punktesystem zieht sich über mehrere Runden. Ich hatte viel Spaß dabei und durfte selbst auch mal unter großem Gelächter der Bevölkerung mein Glück versuchen. Leider kann ich euch keine Fotos zeigen, da meine Akkus leer wurden, nachdem ich den Platz erreichte. Am Folgetag versuchte ich es nochmal, jedoch war der Platz wie ausgestorben. Wochenende. Das Bogenschießen ist zwar Männersache, jedoch sind die Frauen hier weit mehr emanzipiert als ich bisher in Indien erfahren habe. Hier sitzen die Damen an der Kasse oder Rezeption und die Männer putzen oder servieren. Auch sieht man viele Damen in offenen, modernen Outfits, rauchend und am Steuer eines Autos sitzend. Schön zu sehen.

Bevor es mich jedoch weiter aus der Stadt zog, besuchte ich die nahe gelegenen Elefant-Wasserfälle. Es ist ein dreistufiger, touristisch gut erschlossener Wasserfall, der nach einem Felsen in Elefantenform benannt wurde. Leider wurde der Felsen im Zuge eines Erdbebens zerstört, jedoch ist die Schönheit der Wasserfälle atemberaubend genug. Ich wanderte umher und entschloss mich auch danach mir noch etwas die Füße zu vertreten. So wanderte ich gemächlich wieder zurück in Richtung Stadt und genoss die Vielfalt des Waldes. Unzählige wilde Orchideen und andere Pflanzen konnte ich entdecken. Auch kreuzte eine Schlange meinen Weg, leider konnte ich nicht viel von ihr erkennen. Sie war verdammt schnell und regte sich wahrscheinlich „tierisch“ auf, dass ich da jetzt ausgerechnet entlangstampfen muss. Vom teuren Shillong trieb es mich weiter in Richtung Bangladesch. Das Dorf Cherrapungji wartet auf mich.


Das indische Schottland

An einem der überfüllten Markplätze, wo diverse Händler alles, von Hühnchen über Kleidung, technische Geräte, Obst, Gemüse, lebende oder frittierte Maden, Haushaltswaren, Handwerkzeug und duzend weitere Dinge, anboten, bestieg ich eines der Tata Sumos. Das Sumo ist ein meist gelb lackiertes, Jeep-ähnliches Gefährt. 11 Personen sollen darin Platz haben. Die Sumos fahren regelmäßig als alternative zu Bussen in die Dörfer und Städte Meghalayas. Ich teilte mir den Sumo mit 13 weiteren Fahrgästen und wir fuhren in zwei Stunden hinauf in das Hochland und die Moorlandschaften an der Grenze zu Bangladesch. Eine witzige Fahrt. Wenn das kleine Mädchen meiner Nebensitzerin nicht gerade an der Brust ihrer Mutter gesäugt wurde, spielte sie, völlig fasziniert von meinem komischen Aussehen, fleißig mit mir und für uns beide verging die Zeit sehr schnell. Ich kann nur vermuten welch spektakuläre Strecke und Panoramen wir passierten. Eine dichte Wolkendecke verhüllte unsere Sicht. Cherrapunji gehört zu den nassesten, regenreichsten Gegenden der Welt. Laut einigen Quellen sogar die niederschlagsreichste, besiedelte Region der Welt. In der Dämmerung kamen wir an und ich bezog mein Zimmer in dem einzigen Backpackeretablissement Meghalayas … und war der einzige Gast. Diese Region ist fern ab vom Tourismus, sodass sich auch nur ein paar sehr wenige Rucksacktouristen hierher verirren. Geil!

Kurz nach meiner Ankunft machte ich mich noch auf den Weg auf einen der umlegenden Hügel um einen Überblick über das Dorf zu erhalten. Auf dem Hügel lernte ich Dab (IN) kennen. Er ist Grundschullehrer und lehrte auch mich einiges aus und über das Dorf. Cherrapunji ist der Name der dem Dorf von den Briten gegeben wurde. Das ganze beruht aber auf einem Missverständnis im Zusammenhang mit dem bangladesischen Dialekt. Der ursprüngliche Name ist „Sohra“. Und so kämpfen heute viel Dorfbewohner darum, dass der ursprüngliche weiteren Städte und Dörfer beibehalten wird. Und wenn du als Ausländer von „Sohra“ sprichst, hast du viele Dorfbewohner schon auf deiner Seite. Während sich ein paar Kids zum Drachensteigen zu uns gesellten, genossen wir den Sonnenuntergang und die Dynamik der Wolken. Ein großartiger Moment. Endlich war ich wieder nahe der Natur und in einem gemütlichen Umfeld. Hier im Hochland auf ca. 1.500m war das Klima sehr angenehm. Die Moore hier sorgen zwar für ein paar Mücken, doch die Höhe gleicht es wieder einigermaßen aus. Ich setzte mich mit Heprit, dem Hostelbesitzer zusammen und wir heckten einen großartigen Plan aus, wie ich meine nächsten Tage hier verbringen werde. Meine Entdeckungstour startet am nächsten Morgen.

Zu Fuss in und um Sohra

28km Wanderung durch das Hochland lagen vor mir und top motiviert und gut ausgeruht startete ich also. Zuerst ging es über den Stadtkern Sohras an das steile Ende des Plateaus. 400-500m tief fallen die Felsen in das Tal. Von hier hat man einen vorzüglichen Ausblick über den Regenwald, der sich dicht in den Tälern erstreckt. Ich hatte Glück, die Wolken verzogen sich ab und an und ich konnte ein paar begeisternde Blicke auf die grandiose Natur erhaschen. An einer der Klippen befindet sich auch Indiens größter Wasserfall. Der Nohkalikai Wasserfall stürzt über 340m in die Tiefe. Und dank des Monsuns kämpften sich immense Wassermassen durch den Dschungel und stürzten in den Dschungel zurück. Der Legende nach erhielt der Wasserfall wie folgt seinen Namen: Eine junge Frau, Ka Likai lebte in den Wäldern flussaufwärts. Sie war alleinerziehend mit einer kleinen Tochter. Nach einiger Zeit heiratete sie wieder. Doch sie ging weiter als Trägerin arbeiten und ihre Tochter war oft mit dem neuen Ehemann alleine. Der neue Mann, neidisch und eifersüchtig auf das fremde Kind, tötete und kochte es. Als Ka Likai müde nach Hause kam, fand sie das Haus leer vor. Lediglich eine Speise stand auf dem Tisch. Sie aß und fand erst danach den abgehackten Daumen ihrer Tochter in der Küche. Voller erschreckend begriff sie was geschehen war und dass sie ihre eigene Tochter verspeist hatte. Sie rannte Macheten schwingend zur Klippe und stürzte sich dort in den Tod. Was mag uns diese Legende wohl lehren? Keine Ahnung! Hauptsache grausam.

Quer über das Hochland wanderte ich die wundervoll geformten Hügel durch das satte Grün der Wiesen. Ich wanderte entlang einer Landstraße und jeder zweite Wagen hielt freundlicherweise an und fragte mich, ob ich mitfahren möchte, doch das Wetter schien gut zu bleiben und ich wanderte fröhlich weiter. Es ging etwas bergauf, denn ich wollte eine Höhle auf einem der Hügel besuchen. Das tolle in der Gegend hier ist, dass es noch relativ unentdeckt für westliche Touristen ist. So haben sie hier noch nicht einmal teurere Eintrittspreise für ausländische Gäste. Über einen wohl präparierten Pfad ging es entlang der Klippen zum Höhleneingang. Leider hatte ich hier kein Glück und so wurde mir stets die Aussicht von einer dichten Wolkendecke versperrt. In der Höhle jedoch hatte ich sehr viel Spaß. Viele der Gänge sind unbeleuchtet und wirr verzweigt. So machte ich mich selbst auf Entdeckungstour und spielte mit den Funktionen meiner Kamera, bis sie wieder einmal den Geist aufgab. Das Ding macht was es will….ich drehe bald durch.


Was mir an dem Tag aufgefallen ist, ist dass ich hier, wie auch bereits in Shillong nicht einen einzigen Bettler erlebt habe. Fleißige Verkäufer ja, aber keine Bettler. Die Kultur hier ist eben eine komplett andere als bisher in Indien erlebt. Auch interessant ist, dass die Autos hier sehr spritsparend unterwegs sind. Es geht ständig auf und ab. Und wenn es abwärts geht, wird der Motor ausgeschaltet und die Gravitation sorgt für den Rest. Finde ich klasse. Jedoch hört man so das ein oder andere anrauschende Auto nicht. Das könnte ab und an gefährlich werden. Vor allem nachts ohne Licht. Aber der Grundgedanke ist schon mal top! Ich wanderte weiter zu einem kleinen Ökopark. Einen Park, der sich am Rand einer Klippe befindet und wohl als Naherholungsgebiet eingerichtet wurde. Auch hier gibt es Wasserfälle zu entdecken. Es ist phänomenal wie viele davon hier in der Region zu entdecken sind. Hier im Park kann man, wenn man möchte, bis an den Rand der Klippe eines der Wasserfälle laufen. Einige Inder wagten hier ein paar mutige Fotos. Mit 5-10 Metern Sicherheitsabstand natürlich. Es herrschte große Aufregung und Begeisterung als ich schnurstracks zur Klippe lief und mich dort, Füße baumelnd, setzte. Ich will nicht wissen, wie viele Fotos in jenem Moment von mir geschossen wurden. Der verrückte weiße Mann. Natürlich war auch ich sehr vorsichtig. Stets rufe ich mir in diesen Momenten eine Geschichte in Gedanken die mir Mauro auf Kreta erzählte. Ein junger Mann stürzte in Argentinien 600m in die Tiefe, da er ein Selfie an einer Klippe schießen wollte. Augen auf mein Freund!


Umzug in den Regenwald

Am frühen Morgen wartete ich an einer Kreuzung auf den Bus. Nach einer Zeit gesellten sich drei junge Inder zu mir. Deren Gepäck zu urteilen, hatten wir wohl das gleiche Ziel und ich sprach sie direkt an. Und tatsächlich. Saurav, Naveen und Raunak waren ebenfalls auf dem Weg in den Regenwald zwischen Sohra und der Grenze. So schlossen wir uns zusammen und als der volle Bus endlich ankam, machten wir es uns auf dem Dach des Buses bequem. Naja, so bequem es auf einem Busdach möglich ist. Wir fuhren durch dichte Nebelwolken und fuhren eine abenteuerliche Serpentinenstraße in Richtung Tal. Nach ca. 45 Minuten hatten wir das Ziel erreicht. Nach einem Tee und einem kleinen, lokalen Frühstück, ging es zu Fuß weiter. Ein paar Kilometer und ca. 3.500 Treppenstufen hinab führte uns der Weg in den dichten Regenwald rund um das Dorf Nongriat. Die Einheimischen, die uns auf dem Weg begegneten sprachen weder Hindi noch Englisch, was ganz lustig anzusehen war, da die drei Jungs zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Sprachbarriere standen. Die Menschen die hier leben gehören dem Khasi Stamm an und sprechen eine lokale/indigene Sprache. Brachiale Regenfälle und die drückende Schwüle verlangsamten unser Marschtempo erheblich, doch letztlich hatten wir Glück was das Wetter betraf. Denn sobald wir eines unserer Zwischenziele erreichten, stoppte der Regen als hätten wir es so bestellt.

Im Süden Nordost-Indiens, heute der Bundesstaat Meghalaya, leben diverse indigene Stämme bereits seit Jahrhunderten in den Regenwäldern. Und im Laufe der Zeit haben sie natürlich ihre Spuren hinterlassen. Und was für welche! Da hier natürlich erhebliche Niederschläge über das ganze Jahr zu verzeichnen sind, gibt es viele Flüsse, Bäche, Schluchten und Täler. Um diese zu überqueren sind Brücken natürlich unersetzlich. Doch leider gibt es ein Problem mit dem Material. Brücken aus Holz würden bereits nach einigen Monaten vom Regen durchtränkt und baufällig werden. So haben die Stämme sich der Eigenschaften des Gummibaums und seinen Oberflächenwurzeln zu Nutze gemacht. Bis zu 20 Jahre kann es dauern bis sie die Wurzeln der wachsenden, lebenden Bäume so geformt haben, dass sie eine Brücke zur anderen Seite schlagen und sich dort verankern. Mit Hölzern und Steinen werden diese Wurzeln weiter befestigt und im Laufe der Jahrhunderte werden die Brücken von Jahr zu Jahr stabiler. Einige dieser „Lebenden Wurzelbrücken“ werden auf über 500 Jahre datiert! Und nachdem wir das Tal erreichten, besuchten wir eine davon. Diese soll die längste in der Region sein. Uns war das egal, denn niemand von uns hatte so etwas vorher erlebt. Sehr

beeindruckend und schön anzusehen. Sie sehen abenteuerlich aus, sind aber sehr komfortabel zu begehen und die dicken Wurzeln erwecken einen sicheren Eindruck. Wir verbrachten hier einige Zeit bevor wir unseren Marsch fortsetzten. Über diverse, moderne Seilbrücken und weitere lebende Wurzelbrücken näherten wir uns langsam unserem Ziel.


Auf dem Weg gab es viel zu entdecken. Im Regenwald ist die Artenvielfalt unglaublich. Vor allem Schmetterlinge in unzähligen Formen, Mustern und Farben fliegen umher. Aber auch Pflanzen und andere Tiere gab es zu bewundern. An einer Brücke hat ein cleverer Dorfbewohner einen kleinen Imbiss eingerichtet. Dort gab es ein paar Erfrischungen und Maggi. Maggi ist nun einmal eine besondere Erwähnung wert. Ja, es handelt sich um das ehemalige Schweizer Unternehmen, das Instant-Gerichte herstellt und nun zum Nahrungsmittel-Giganten Nestlé gehört. Und die Inder lieben ihr Maggi. Überall und jederzeit kann man sich die Instant-Nudeln bestellen und als Snack oder volle Mahlzeit verschlingen. In unseren Breitengraden eher negativ konnotiert und nur im äußersten Notfall auf Musikfestivals oder in Junggesellenwohnungen anzufinden, ist es hier ein Alltagsprodukt und wird geschätzt. So gönnten wir uns auch eine Schüssel Maggi. Ein älteres indisches Ehepaar fragte uns, wie weit es wohl noch nach Nongriat sei. Meine digitale Karte versprach eine einfache Wanderung durch das Tal, so sprach ich ihnen gut zu und motivierte sie nicht umzukehren. Als wir jedoch etwas weiter marschierten, erkannte ich, dass meine Karte unkorrekt ist und wir wie das Ehepaar eine anspruchsvolle, kräftezehrende Wanderung vor uns hatten. Upsi…

Nongriat ist ein kleines Dörfchen im Nirgendwo. Inmitten des Regenwaldes und auch nur auf unserem Weg zu erreichen. Es hat ein paar Fremdenzimmer zu bieten, da sich am Rande des Dorfes die wohl berühmteste lebende Wurzelbrücke befindet. Die sogenannte „Double-Decker Bridge“. Es handelt sich hier um zwei Wurzelbrücken, die etwas abgesetzt auf zwei verschiedenen Etagen, entlang eines Wasserfalls, über einen kleinen Bachlauf führen. Die Dorfbewohner haben einen künstlichen Pool eingerichtet und so ist es ein phantastischer Ort um zu planschen, duschen und die kunstvoll, natürlich geformten Brücken zu bewundern. Wir schlenderten etwas weiter umher und zogen in ein Gasthaus ein. Ich war sehr glücklich darüber Gesellschaft zu haben. So viel es einem leichter sich über die wassergetränkten Betten, Decken (hohe Luftfeuchtigkeit) und unzähligen Stechmücken zu beschweren. Zudem genossen wir gemeinsam das krasse Gewitter, das in der Nacht über uns hereinbrach. Regen kann einen enormen Lärm im Dschungel hinterlassen und die Blitze erleuchteten das Tal von Zeit zu Zeit. Atemberaubend!


Am Folgetag wanderten wir quer durch das Tal und genossen es die vielen Brücken zu überqueren, in Bachläufe zu sitzen  und die Natur zu erleben. Keine hupenden Autos, kaum ein Mensch zu sehen und nur Natur pur. Natürlich brach ab und an etwas Regen auf uns herunter, jedoch hatte ich mit wesentlich mehr gerechnet und auch die Dorfbewohner teilten uns mit, dass wir wohl sehr Glück mit dem Wetter haben. Hier jedoch musste ich feststellen, dass meine geliebten Wanderschuhe leider bald ausgetauscht werden müssen. Wasserdicht sind sie schon lange nicht mehr, doch nun ist auch die Sohle so weit ab, dass es stellenweise sehr gefährlich rutschig werden kann. Vor allem bei Regen. Insgesamt ist es hier während der Monsunzeit sehr gefährlich. 2014 ertrank eine Amerikanerin beim Baden in einem natürlichen Pool im Fluss. Unberechenbare Strömungen brachten sie zuerst unter Wasser, trieben sie ein wenig weiter und spülten sie schließlich einen Wasserfall hinab. Vorsicht ist also geboten. Die drei Jungs und ich waren jedoch guter Dinge, top motiviert und mit Liedern auf den Lippen wanderten wir auf schönen Pfaden durch den Dschungel.


Unser Ziel ist der Regenbogen Wasserfall. Er trägt seinen Namen, da man auf einem Felsen am Wasserfall, inmitten des natürlichen Beckens einen Regenbogen in 360° um sich herum erleben kann. Die Tropfen die der Wasserfall produziert umhüllen einen und die Sonnenstrahlen und Physik sorgt für den Rest. Da jedoch Monsun herrschte, führte der Wasserfall 2-4 Mal so viel Wasser und als wir ihn schließlich in voller Pracht erleben durften, wurde uns direkt klar, dass damit nicht zu spaßen ist. Mit enormer Wucht und Lärm schoss das Wasser auf den Felsen. Was ein Kraftprotz! Wir wagten uns ein wenig näher und wurden bereits in 20-30m Entfernung von den Wassertropfen total durchnässt. Ich war total begeistert. Und ich wollte unbedingt näher. Wie ihr wisst liebe ich Wasserfälle. So machte ich mich blank und kletterte Vorsichtig die rutschigen Felsen hinab. Da saß ich nun, am Rand des Pools. Der Lärm war unbeschreiblich, Wasser preschte in mein Gesicht und die Wellen im Pool verhießen nichts Gutes. Ich traute mich nicht, kletterte wieder hinauf und genoss die Aussicht. Nach ein paar Minuten Beobachtung und 1-2 Zigaretten, überkam mich jedoch ein großer Motivationsschub und ich versuchte mein Glück erneut. Und mit großer Vorsicht wagte ich mich schließlich doch in Nass. Sehr aufmerksam verfolgte ich die Strömungen und erreichte tatsächlich einen Punkt, von welchem ich nur unter großem Kraftaufwand wieder ein Ufer erreichte. Ich blieb dann also in der Nähe der Felsen. Denn keine 10 Meter flussabwärts stürzt das Wasser eine weitere Stufe hinab. Darauf hatte ich keine Lust. Nach ein paar Minuten in der Gefahrenzone, kletterte ich wieder hinauf zu den Jungs. Keiner der drei hat das Schwimmen je gelernt und so taten sie auch gut daran fern zu bleiben. Zufrieden und stolz genoss ich den Wasserfall bevor wir zurück ins Dorf wanderten. Vielleicht war es lebensmüde…es ging aber gut aus dieses Mal.


Wir zogen in das Gasthaus von Byron (IN). Byron kommt ursprünglich aus Sohra, hat sich aber in die Dorfgemeinschaft eingeheiratet. Ihn musste ich treffen, da ich Post aus Sohra für ihn dabei hatte. Ja! Ich wurde darum gebeten Post ins und aus dem Dorf zu transportieren. Wie cool ist das bitte?! Byron betreibt das wohl beste Gasthaus hier im Dorf und seine Kinder und die Nachbarskinder genießen es ab und an Ausländer zu treffen. Frankie (~10 Jahre alt), Byrons Sohn, spricht hervorragendes Englisch und arbeitete fleißig im Familienbetrieb mit. Er verkaufte mir Zigaretten, servierte das Essen etc. Sehr beeindruckend. Byron bat mich um Unterstützung für eine Petition und dem möchte ich hier nun auch nachkommen. Das Dorf ist, wie gesagt, bislang nur über die Treppen, Brücken und Wanderwege in einem Tagesmarsch zu erreichen. Das Indische Ministerium für Entwicklung, hat Pläne eine Straße in das Dorf zu bauen um die touristische Infrastruktur zu verbessern. Doch kaum jemand im Dorf möchte das. Die Attraktion des Dorfes ist seine Abgeschiedenheit und Authentizität. Mit der Straße kommen Hotels, Müll, Massen und weitere „Verbesserungen“. Das Ministerium bat Byron Unterschriften von Ausländern zu sammeln um es schriftlich zu haben, dass eine Isolation des Dorfes, deren Attraktivität erhöht. Und ich finde das höchst unterstützenwert. Hier findet ihr mehr Infos und die Möglichkeit eure Stimme zu hinterlassen. Bitte seid doch so lieb…

Im Gasthaus lernte ich auch Ori (USA) kennen. Er bereiste Indien nun für ein Jahr und ist das erste weiße Gesicht, der erste Nicht-Inder, seit einer ganzen Weile. Gerade ist er dabei Meghalaya per Fahrrad zu durqueren. Das letzte Mal, dass ich auf einem Fahrrad saß, war in Abu Dhabi auf der Formel 1 Rennstrecke. Wow, was für tolle Erlebnisse ich bereits auf meiner Reise sammeln durfte. Ich bin höchstzufrieden und glücklich. Da die drei Jungs noch eine weitere Nacht in Nongriat bleiben, machte ich mich alleine auf den Weg durch das Tal und die 3.500 Stufen hinauf. Ich wartete auf den Bus der irgendwann um die Mittagszeit, es gibt natürlich keine Pläne, die Straße zurück nach Sohra entlang kommen sollte. Und tatsächlich traf er irgendwann ein und ich bezog wieder einen Platz auf dem Dach. Was ein grandioses Erlebnis ein paar Tage im Regenwald zu verbringen! Den Rest des Tages verbrachte ich geruhsam in Sohra. Dann stand ein Reisetag an. Per Sumo nach Shillong, mit einem Sammeltaxi nach Guwahati und dann per Zug über Nacht nach Siliguri. Meine letzte Station in Indien.


Viel Glück & Erfolg, Mutter Indien!

Siliguri befindet sich südlich vom berühmten Teeanbaugebiet Darjeeling. Gerne hätte ich dieses auch noch besucht, jedoch habe ich erstens keine Zeit mehr, mein Visum läuft aus. Zweitens herrscht hier gerade eine große Krise. Darjeeling strebt nach Autonomie und in der Tag steht die Region kurz vor einem Bürgerkrieg. Menschen verhungern und Straßen sind von beiden Seiten blockiert. Ich hoffe das Beste für die Anwohner und werde Darjeeling und den Bundesstaat Sikkim dann halt ein anderes Mal besuchen. In Siliguri habe ich mir mit meinen letzten indischen Rupien ein schniekes Hotel rausgelassen und genoss meine letzte Nacht in Indien sehr. Um ein ordentliches Fazit zu Indien zu ziehen, müsste wohl ein eigenständiger Artikel dieser Länge her. Das wäre zu viel. Sehr kurz gefasst kann ich jedoch folgendes für euch da lassen: Indien ist faszinierend! Es ist so facettenreich und interessant wie ich kein Land vorher erlebt habe. Der Slogan des indischen Tourismusministeriums #incredibleindia (unglaubliches Indien) passt wie die Faust aufs Auge! Ich persönlich möchte unbedingt wieder  einmal Indien bereisen, kann mir aber nicht vorstellen hier zu leben. Zumindest habe ich in Indien noch keinen passenden Ort gefunden. Natürlich steht Indien vor großen Herausforderungen. Klar, das gigantische Land ist ein großes Experiment das versucht unzählige Kulturen, Sprachen, Religionen, Hautfarben und Volksgruppen zu vereinen. Es ist ein sehr junges Land und hat mit 1.3 Billionen Menschen (täglich wachsend) eine unglaubliche Anzahl an Menschen unter einen Hut zu bringen. Schon allein deswegen kann man es niemals mit einem anderen Land vergleichen. Indien ist phantastisch und herausfordernd. Ich mag das.

Nun richte ich den Blick aber wieder nach vorne und wandere großen Schrittes in Richtung Nepal. Jawohl, ich habe nach einer kurzen Fahrt entschieden, die 15km zur Nepalesischen Grenze zu wandern. Ein schönes Gefühl, auf eigenen Sohlen diesen Grenzübergang zu machen. Schnell noch durch die Ziegenherde an die Hütte der indischen Grenzbehörden um sich den Ausreisestempel zu holen. Kaum ein Weißer übertritt hier die Grenze, die meisten kommen aus dem Süden. Aus Delhi oder Varanasi. Entsprechend begeistert und freundlich waren die Beamten. Nun noch eine Brücke, auf der anderen Seite wehen bereits die Fahnen von Nepal. Auf geht’s!

 

Das wohl friedlichste und höchste Land der Welt hat sicher viel zu erzählen. Ich leite es bald in Form eines Berichtes an euch weiter.

 

Bis bald meine Lieben. Euer Schilli


Funfacts

- In Shillong gibt es 2 parallele Bussysteme. Eines für Passagiere und eines für Bauern mit Waren. Auch lebenden.

- Ein Herr in Shillong teilte mir freudig mit, dass eine Band aus Shillong auf dem Wacken Open Air in Deutschland vertreten war.

- Eines Abends in Sohra saß ein wunderschöner, gelber Schmetterling an meiner Türe. Ein Riesiger! Größer als meine Handfläche! Später stellte sich heraus es war eine Motte.

- Auf meiner Wanderung durch Sohra zählte ich mit. 42 Selfie-Sessions mit Fremden. Annahme: 4 Bilder und 2 Minuten pro Session. Ergebnis: 168 Bilder von mir mit Fremden, ca. 1,5 Stunden ausschließlich posieren für neugierige Inder.

- Der regenreichste Ort der Welt, wandern durch Wolken…und ich? Ich bekomme einen Sonnenbrand!

- Auf dem Bus sitzend peitschten uns teilweise Äste ins Gesicht. Obacht war geboten. Ein lustiges Abenteuer für sich.

- Ori schloss sein Fahrrad an den Treppen in Richtung Nongriat ab. Er fragte einen Mann ob es da wohl sicher sei. Er antwortete „NUR, wenn er einen Guide die Treppen hinab bucht!“ Wie fies!

- Sogar der Zimmerservice im Hotel in Siliguri fragte mich höflich ob er ein Foto mit mir schießen darf.



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