#35 | Heilige Stadt des Todes | 384. Reisetag

Licia und ich trafen mit nur 1,5 Stunden Verspätung am Bahnhof in Varanasi ein. Das übliche Gefeilsche mit und um die Rikschafahrer begann. Das Internet ist ein nützliches Werkzeug, da man hier grobe Informationen bekommt mit welchen Preisen man ungefähr rechnen kann. Aber nichts geht über Erfahrung, Menschen- bzw. Fahrerkenntnis und ein Hauch Mut um die vielen Faktoren, die den Preis bestimmen, lesen und einschätzen zu können. Hautfarbe, Wetter, Steigung, Personenanzahl, Uhrzeit, Saison, Verkehr und so weiter und so fort. Es begann bei RS 400 und letztlich einigten wir uns auf RS 150. Einheimische bezahlen wahrscheinlich RS 70-100. Mir geht es nicht darum den günstigsten Preis zu erhalten. Ich will mich nur nicht dem unverhältnismäßigen Wucher ergeben. Und es begrüßte uns der Regen. Natürlich. Der Monsun ist allgegenwärtig. Am Hostel angekommen gönnten wir uns erst einmal eine Mütze Schlaf und machten uns langsam mit der Umgebung vertraut.

Licia war so großartig und hat uns Parmesan und Rotwein aus Italien mitgebracht. Etwas dass ich hier schon etwas vermisst habe. Ordentlichen Käse und leckeren Wein. In Agra bereits angetestet, haben wir diese auf der Dachterrasse des Hostels in Ruhe genossen. Am ersten Abend hatten wir bereits eine Verabredung. Eines Abends im Bonfire Hostel in Manali (Himalaya) habe ich bei einer Jamsession Tom (UK) und Tansaj (IN) kennen gelernt. Wir spielten Gitarre und sangen gemeinsam. Wie der Zufall so wollte, waren die beiden zur Zeit auch in Varanasi. Gar nicht zu weit entfernt sogar. So traf ich mich mit Ihnen. Licia hatte stark mit dem indischen Essen zu kämpfen und so blieb sie im Hostel. Denn wir wollten früh raus am nächsten Morgen. Wir wollten uns das frühmorgendliche Ritual, das Ganga Aarti am Fluss ansehen. Doch daraus wurde leider auch nichts. Es regnete die ganze Nacht und am Morgen waren die Gassen der Stadt, zumindest in unserem Viertel, komplett geflutet. Auch gut, das bedeutet Ausschlafen.


Pilgereien, Mythologie & Glaubensstätte

Trotz dem, dass Licia dem berühmten „Delhi Belly“ erlegen war, machten wir uns Nachmittags auf mit Tom und Tonsaj die Stadt etwas zu erkunden. Wir streiften durch die engen Gassen der Altstadt und Licia war erfolgreich beim Ergattern von neuem Schmuck. Wir aßen deliziöses Street-Food und waren begeistert von all den Eindrückenden und der spannenden Atmosphäre dieser uralten Stadt. Hunderschaften von Hindu-Pilgern drängen sich in Schlangen und Mantras rufend („Bolbam! Bolbam! Bolbam!...) durch die verwinkelnden Gässchen. Die in Orange gekleideten, fast ausschließlich Männlichen Pilger tragen festlich geschmückte Holzstäbe auf den Schultern, die sie beidseitig mit den heiligen Wassern des Ganges gefüllten Gefäßen behängen. Diese tragen sie quer durch die Stadt zu eines der vielen Tempel um es dort einem oder mehreren Gottheiten zu opfern. Und natürlich gehört ein „reinigendes Bad“ im Fluss auch dazu. Interessant zu beobachten, ich selbst werde mich jedoch nicht in das türkisblaue, fast klare Nass des Flusses begeben. Ich scherze natürlich. Kackbraun trifft es eher. Und wenn einmal die Sonne auf den Fluss brennt, so ist der bekannte Mief, der an allen dreckigen Gewässern in Indien zu finden ist, auch wieder da.

Varanasi gehört zu den ältesten Städten Indiens. Vor ca. 3200 Jahren soll sie gegründet worden sein. Und sie gehört mit Abstand zur heiligsten Stadt der Hindus. Seit über 2.500 Jahren pilgern Hindus aller Orte hier her um sich in der Stadt des Gottes Shivas Vishwanath („Oberster Herrscher der Welt“) seinen religiösen Pflichten zu unterziehen. Laut der Mythologie erhält der Gläubige durch ein Bad im Ganges hier die Absolution. Zudem soll eine Verbrennung an den Ufern des Ganges in Varanasi einen sofortigen Ausbruch aus dem ständigen Kreislauf der Wiedergeburt erwirken. So ziehen sich an den Ufern des Flusses über 100 Ghats, befestigte und getreppte Uferanlagen für Waschungen und Verbrennungen, entlang. Zu alldem kommen noch über 200 weitere Tempel innerhalb der Stadt. Den wohl wichtigsten Tempel, den Kashi-Vishwanath Tempel besuchten wir auch. Normalerweise haben nur Hindus zutritt. Doch nach einer aufwendigen Sicherheits- & Personenkontrolle, gewährte man uns auch Eintritt. Es ist ein relativ kleiner Tempel, sehr schön natürlich und mit einem vergoldeten Turm. Viele Affen streifen um die alten Mauern. Genauso wie tausende von Pilgern. Eine Hundertschaft von Militär und Polizei sichert diesen Tempel. Meiner Meinung nach total überzogen, aber die Verantwortlichen haben wohl sehr große Angst vor einem Terrorakt. Der Tempel ist so berühmt, da er laut der Mythologie das Licht-Linga beherbergt.

Du weißt nicht was das Licht-Linga ist? Sowas aber auch! Dann entführe ich dich kurz in die fabelhafte Welt der hinduistischen Mythologie. Vishnu (der Erhalter) und Brahma (der Schöpfer), die beiden mächtigsten Götter, trafen sich eines Tages. Sie stritten wer von beiden wohl der Mächtigere und Wichtigere wäre. Plötzlich strahlt ein Lichtstrahl zwischen den beiden senkrecht empor. Das Licht-Linga. Die beiden entschließen sich Ursprung und Ende des Lichtes zu erkunden. Brahma verwandelt sich zum Eber und gräbt sich in die Erde. Vishnu zum Schwan und fliegt den Strahl hinauf. Beide beenden nach einer Zeit ihre Suche erfolglos. Plötzlich tritt Shiva aus dem Lichtstrahl zu den Beiden. Vishnu erkennt die Allmacht Shivas sofort an. Brahma jedoch lügt und gaukelt beiden vor, dass er das Ende des Lichtes gefunden hat und somit er der Größte der Dreien sei. Shiva, aufgrund der Lüge entzürnt, schlägt Brahma eines der fünf Köpfe ab. Brahmas Kopf jedoch bleibt an der Hand Shivas kleben und fällt erst ab, als Shiva das Ufer des Ganges in Varanasi erreicht. Jo, so war das. Und dieses Licht-Langa und die erstmalige Erscheinung des größten aller Hindu-Götter wird hier also verehrt. Leider ist alles – außer natürlich Bargeld – innerhalb der Tempelanlage verboten, so kann ich euch leider keine Bilder zeigen. Es war jedoch eine sehr interessante Erfahrung. Mit einer Blumenkette um den Hals, diverse gesegnete Armbänder um das Handgelenk und einem Tilaka auf der Stirn verließ ich den Tempel wieder. Das Tilaka ist der farbliche Punkt auf der Stirn oder zwischen den Augen der Hindus. Nach einer religiösen Zeremonie erhält man diesen von einem der Glaubensführer. Es ist eine Segnung und soll das dritte Auge, das Energiezentrum, beschützen.

Der heiligste aller Flüsse

Licia und ich liefen danach zu einem der größten Ghats im Ort um das allabendliche Aarti zu verfolgen. Was genau das Aarti ist und wie es abläuft, hatte ich bereits in Artikel #31 | Himala-Ja während meiner Zeit in Rishikesh beschrieben. Es ist hier das Gleiche, lediglich in einem viel größeren Maßstab. Tausende von Pilgern, Touristen und Einheimische drängen sich auf den Stufen des Ghats um die Bühnen der Mönche. Ich nenne sie jetzt einfach Mönche, alles andere wäre zu kompliziert. Das besondere hier ist, dass man sich die Zeremonie auch vom Wasser aus ansehen kann. Duzende Kapitäne bieten ihrer Dienstleitung feil und so drängen sich auch massenweise die Boote und Menschen auf dem Wasser. Nichts desto trotz sprangen wir kurz vor knapp noch auf eines der motorbetriebenen Boote. Während der Monsunzeit schaffen es die Ruderboote nur schwer, gegen die starke Strömung anzukommen.

Um ehrlich zu sein habe ich nicht sonderlich viel von der Zeremonie gesehen. Jedoch faszinierte mich der Anblick der Gläubigen, wie sie dieses Ritual verfolgen und ihre Opfergaben dem Fluss darboten. Zudem fuhr das Boot noch flussauf- und abwärts und wir erhielten einen guten Blick auf die vielen Ghats. Wir fuhren bis zu einem alten Tempel, der seit einigen Jahren langsam im Ganges versinkt. Das Fundament wurde unterspült und während des Monsun steigt der Wasserstand des Ganges so enorm, dass die Hälfte des Tempels unter Wasser steht. Wir sollten diesen Tempel an einem anderen Tag nochmals in Tageslicht besuchen. Während der Bootsfahrt sahen wir auch die ersten offenen Krematorien, an denen gerade Menschen verbrannt wurden. Doch dazu später mehr. Also mir hat die Zeremonie in Rishikesh damals besser gefallen. Es war kleiner, weniger Menschen, persönlicher und authentischer. Es ist hier in Varanasi eben DIE Attraktion. Spektakulär auf jeden Fall, jedoch gleicht es eher einer Show. Doch noch hatte ich ja das Sonnenaufgangs-Aarti auf dem Programm. An Licias letztem Tag vor Ihrer Weiterreise in den Westen Indiens, wollten wir uns endlich das morgendliche Ritual ansehen. Licia schaffte es leider nicht aus dem Bett, doch ich konnte gar nicht erst einschlafen. Warum auch immer. So machte ich mich um 4:45 Uhr auf den Weg zu den Ghats.


Ich streifte die paar Gassen entlang und sah keine Menschenseele. Naja, zumindest keine erwachte. Es liegen überall Menschen und schlafen. Einheimische, Babas oder Pilger. Vor allem an den Ghats sieht man einige Menschen auf Bänken, Mauern oder unter Bäumen liegen. Ein gewohnter Anblick für mich bereits. So schlich ich mich leise zum Ufer und genoss die besondere Atmosphäre die zur den frühen Morgenstunden hier herrscht. Ruhe. Die Ghats werden von großen Scheinwerfen beleuchtet und ansonsten ist es dunkel und friedlich. Selbst die streunenden Hunde haben sich zur Ruhe gelegt und kuscheln sich an den ein oder anderen schlafenden Menschen. Es ist eine wundervolle, friedliche und sympathische Atmosphäre. Vielleicht sogar mein Highlight in Varanasi.

Ich sah dann den Mönchsdienern dabei zu, wie sie ein benachbartes Ghat für die morgendliche Zeremonie vorbereiten. Straußenfedern, Feuerschalen, Wassergefäße und die Bühnenelemente werden in Perfektion vorbereitet. Ein paar junge Damen treffen ein und positionieren sich an einem Mikrofon. Sie werden musikalisch durch das Programm führen. Es werden ein paar Stühle bereitgestellt und schon ging es los. Nur ein paar wenige Menschen kamen um 5 Uhr zu dieser Zeremonie. Ein paar Anwohner und überraschenderweise Polizisten, die Nachtdienst schoben. Mit ca. 20-25 Menschen als Gäste, mir als einzigem Touristen, ging die Zeremonie ruhig und imposant über die Bühne. Es war ein eindrückliches Erlebnis und sehr spannend für mich. Aber seht selbst, ich habe ab und an ein paar Videoschnipsel erstellt. Nach dem Aarti habe ich mich aber natürlich flux in Richtung Hostel begeben um mich wieder auf’s Ohr zu hauen.


Kurz bevor Licia nach Indore zu einem Freund weiter reiste, besuchten wir noch den Bharat-Mata Tempel. Er ist der  Götting „Mutter Indien“ geweiht. Das Besondere an diesem Tempel ist, dass er im Zentrum eine gigantische topographische Reliefkarte des ungeteilten Indiens beherbergt. Maßstabsgetreu in 6 Jahren detailreicher Handwerkskunst in Marmor gehauen, erblickt man über Sri Lanka, die Andaman Inseln nahe Thailand, Bangladesch, Nepal und Pakistan den indischen Subkontinent in seiner Vollständigkeit. Für mich besonders spannend, da ich meine Reise durch Indien hier plastisch erfassen konnte. Von den Gipfeln des Mt. Everest bis hinab in die Abgründe des Meeres haben die Künstler hier wahrlich beeindruckende Arbeit geleistet. 1936 fertig gestellt, also noch bevor der Unabhängigkeit gilt sie als eines der Brutstätten der Unabhängigkeitsbewegung. Der Tempel wurde auch festlich von Mahatma Gandhi persönlich eröffnet. Auch besuchten wir den Campus der Banaras Hindu University. Einer großen und ruhmreichen Universität in Varanasi. Die im Halbkreis sternförmig angelegten Institutionen, erinnert stark an Karlsruhe in Deutschland, beherbergen auch einige Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel einen botanischen- oder ayurvedischen Garten sowie einen weiteren prächtigen modernen Tempel der Birla Dynastie.

Nicht nur etwas für Hindus

Ich wechselte an dem Tag Licias Abreise auch das Hostel. Im ersten Hostel ließ die Kundenfreundlichkeit zu wünschen übrig, aber zum Glück hat man im touristischen Varanasi ja die Wahl. Das Stops-Hostel beherbergte mich ein paar weitere Tage und ich traf dort auch Charko (NL) und Luke (USA), mit welchen ich gemeinsam die Ruinen von Sarnath, etwa 12km nördlich von Varanasi  besuchte. Varanasi ist nicht nur heiligste Stadt der Hindus sondern gehört auch zu den vier heiligsten Städten der Buddhisten. Also hier in der Gegend hat die Spiritualität mal ordentlich eingeschlagen! Vor ein paar Hundert Jahren kam ein ca. 35 Jahre junger Mann hier im heutigen Sarnath in den Hirschgarten. Gerade erst hat er unter einem Baum in der Nähe eine Erleuchtung gehabt und begann hier das Erste Mal seine Weisheiten zu formulieren und zu Lehren. Es handelt sich um Siddhartha Gautama, dem ersten Buddha. Sarnath ist also Gründungsstätte der Buddhistischen Lehre und des Buddhistischen Ordens.

Neben zahlreichen antiken Stupas (Buddhistischen Bauwerken) und weiteren Tempelruinen gibt es hier auch viele moderne Tempel zu entdecken. So hat jedes Land in welchem der Buddhismus eine große Rolle spielt (Myanmar, China, Tibet, Thailand, Nepal etc.) hier seine Vertretung errichtet. Es gibt viel zu entdecken und zu erleben. Die Indische Regierung hat hier sogar einen kleinen Freizeitpark mit Riesenrad und Hüpfburgen errichtet. Witzige Verbindung. Wir schlenderten ein paar Stunden durch die Gegend und das umliegende Dorf, machten uns dann aber bald wieder zurück, denn ich hatte noch eine Sache auf der Agenda bevor ich am selbigen Abend meinen Zug in Richtung Osten nehme.

Die brennenden Ghats

Weltweit bekannt sind natürlich die offenen Krematorien am Ufer des Ganges hier in Varanasi. Es ist natürlich nicht für jeden tragbar und ertragbar Feuerbestattungen unter freiem Himmel zu beobachten. So war es für Licia zum Beispiel bereits zu viel die meterhohen gestapelten Hölzer in der Nähe der Krematorien zu erblicken und den Geruch von brennendem Holz zu riechen. Als uns dann noch durch die engen Gassen eine Familie begegnete, die lautstark ein aufgebahrtes, in güldene Tücher eingehülltes totes Familienmitglied auf den Schultern in Richtung Ganges trug, war es für sie endgültig zu viel. Ich wartete also, bis Licia weiter gereist ist und machte mich alleine auf zum Marnikarnika Ghat, dem wohl größten der Brennenden Ghats und Herberge der ewigen Flammen. Bereits im Vorfeld warnten mich einige Touristen aber auch Einheimische von den Abzocken und Betrügereien rund um die Krematorien. Selbsternannte Spendensammler sammeln Geld für Familien, die sich das teure Holz nicht leisten können. Sie ziehen ihren Vorteil aus der erdrückenden, unbehaglichen und ungewohnten Stimmung die diese Orte bei Ausländern hervorruft.

Und in der Tat, die Hölzer, die zur Verbrennung verwendet werden sind relativ teuer. Es sind spezielle Hölzer, die aus dem Süden Indiens importiert werden und wohl für eine besonders saubere Verbrennung ohne viel Gestank sorgen. Ca. 500 kg werden zur vollständigen Verbrennung benötigt. Das kann sich nicht jeder leisten. So kommt es schon einmal vor, dass die Körper nicht vollständig verbrannt im Ganges landen. Es werden in etwa 80-100 Verbrennungen jeden Tag in Varanasi verzeichnet. Durch das Verbrennen des Körpers wird die Seele bereinig und das Verstreuen der Asche im Ganges ermöglicht den direkten Eintritt ins Nirwana, ohne sich um Karma oder Reinkarnation Sorgen machen zu müssen. So ist die Zeremonie hier eigentlich ein positives, freudiges Ereignis. Als ich das Ghat erreichte, es war kurz vor der Dämmerung, waren 16 Feuerbestattungen im Gange. So konnte ich in relativ kurzer Zeit die verschiedenen Stadien der Zeremonie erfahren.

Zuerst sollte einmal gesagt sein, dass ich positiv Überrascht war was den Geruch betraf. Es roch nach Lagerfeuer zum Glück nichts Schlimmeres. Vielleicht war ich einfach nur zum Richtigen Zeitpunkt dort. Klima und Holz beeinflussen die Geruchsentwicklung immens. Weiter habe ich natürlich meiner Kamera im Hostel gelassen. Nicht nur ist es für mich persönlich respektlos eine Bestattung (welche auch immer) mit meiner Kuriosität und Fotos zu stören, zudem soll das Fotografieren auch die Wanderung der Seele in das Nirwana stören. Deswegen kann ich euch leider keine Bilder zeigen. Achja, Frauen sind hier auch verboten, da deren trauerndes Geheule und Gejammer den gleichen Effekt auf die Seele hat, wie das Fotografieren. So wurde es mir vor Ort wortwörtlich erklärt. Mit Bedacht, ordentlicher Kleidung und Respekt näherte ich mich den eisernen Halterungen, in denen das Holz für den Leichnam vorbereitet wurde. Einige standen bereits unter lodernden Flammen.

Eine Gruppe von Männern brachte einen Leichnam in farbenprächtigem Gewand an das Ufer, sie nahmen gemeinsam mit dem leblosen Körper eine rituelle Waschung durch und platzierten dann den Körper auf dem Holz. Stets begleitet mit einem spirituellen Führer. Eine kurze Zeremonie wurde abgehalten und die Männer legten Hölzer, Blumen und andere Beigaben zum Leichnam. Auch wurde er regelmäßig mit dem Wasser des Ganges begossen. Dann kam der Spirituelle Führer mit den ewigen Flammen aus dem nahe gelegenen Tempel. Er entfachte damit einen Büschel geflochtenes Gras und kreiste das rauchende Ende ein paar Mal um des Leichnams Kopf. Daraufhin entzündete er das trockene Holz unter dem Körper. In Sekunden flammte das Holz auf und der leblose Körper verschwand – zum Glück – hinter den gleißenden Flammen. Über die ganze Dauer der Verbrennung halten männliche Familienangehörige Gebete und begießen die Flammen mit dem heiligen Wasser. Sobald die Verbrennung vollzogen ist, wird die Asche an einen spirituellen Führer mit etwas Goldschmuck überreicht. Dieser verstreut die Asche auf dem Ganges und nutzt den Schmuck um Holz für arme Familien zu kaufen. Danach verlassen die Familienmitglieder den Ort und das Holz für den nächsten Körper wird vorbereitet.

Es herrscht eine sehr ruhige und andächtige, jedoch nicht negative Stimmung am Ghat. Der Tod gehört eben genauso zum Leben wie anders herum. Die Familienmitglieder, die nicht direkt mit der Zeremonie beschäftigt waren, nahmen mich in ihrer Mitte auf und nachdem sie mich ansprachen, beantworteten sie mir auch einige Fragen. Obwohl das ganze Prozedere mir natürlich sehr abstrus, ungewöhnlich und unhygienisch  vorkam, mich emotional berührte und gleichzeitig hunderte Fragen mir in den Kopf schossen, die ich mich nicht traute zu fragen: Ich fühlte mich nicht unwohl. Ich tat es erst, als zwei zwielichtige Herren mir zuerst höflich, dann drängend aufforderten auf die sogenannte „Besucherterrasse“ gehen. Der Platz hier sei Familienmitgliedern vorbehalten, was natürlich vollkommener Schwachsinn war. Ich hatte mich gut informiert und stets Kommunikation mit den Menschen um mich herum gehalten ob das was ich mache okay ist. Als ich den Herren mitteilte, dass ich sowieso genug gesehen habe und mich wieder vom Platz machen werde, wurden Sie richtig dreist, packten mich am Arm und drängten mich eine Spende da zu lassen. Ich hatte 30 Rupien in der Tasche, die zeigte ich Ihnen. Sie forderten aber 3000! Ich lachte nur, schüttelte mich los und ging forschen und schnellen Schrittes davon. Idioten! Wieder einmal mein Glück, dass ich wenn ich möchte ganz einschüchternd wirken kann, denn ich wurde nicht verfolgt.

Nach diesem eindrücklichen und emotionalen Ereignis wende ich mich wieder der Sonnenseite des Lebens zu. Ich fahre als nächstes in den Bundesstaat Westbengalen. Der Staat sieht sich selbst als „Frankreich“ Indiens und deren Hauptstadt Kolkata gilt als „Stadt der Freude“. Das „savoir vivre“, das Leben mit den schönen Dingen im Leben wird hier groß geschrieben. Gutes Essen und gemütliche Leute erwarte ich also in Kolkata. Was mir die Realität bringen wird, kannst du bald hier nachlesen.

Bis dahin ein freudiges: Tschüss mit „üss“. Dein Schilli


Funfacts

- Varanasi | Banaras |Kashi. Drei Namen für eine Stadt. Kashi wird die Stadt jedoch nur in religiösem Kontext bezeichnet und Banaras ist schlichtweg der Name der Stadt in Hindi.

- Tom, Tansaj, Licia, eine Amerikanerin und ich vertrieben uns die Zeit mit Singen als wir durch den Wolkenbruch in der Elektro-Rikscha durch die Stadt fuhren. Ein Wort wird vorgegeben und man muss ein Lied singen, welches dieses Wort beinhaltet. Simpel und lustig!

- Ein freundlicher Inder hat uns am Ghat den Tipp gegeben direkt beim Kapitän eines kleines Bootes die Tickets für das Abend-Aarti zu kaufen. So sparten wir ein Drittel des Preises. Er jedoch gelangte in großen Streit mit den Agenten am Ghat, die die Tickets feilbieten.

- Auf dem Boot saß neben mir eine zuckersüße alte Dame. Sie war so mitgerissen von der Zeremonie. Sie klatschte und schnippste im Rhythmus mit. Sie war mein Highlight des Aartis.

- Am frühen Morgen am Ghat. Ein Baba wacht auf, verscheucht die Hunde die sich während der Nacht an ihn schmiegten und läuft erst einmal, Mantras babbelnd, 5 mal um einen Baum. Ein komisches Schauspiel für mich in der Morgenmüdigkeit.

- In Sarnath betraten wir einige Tempel. An einem jedoch wurden wir prompt von 4 Wachhunden bellend umzingelt. Eine Dame erschien und führte uns hinaus. Es handelte sich nicht um einen Tempel sondern um eine Fakultät für Krankenpflegerinnen. Männer müssen draußen bleiben. Ups.



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