#32 | Exil und Philanthropie | 351. Reisetag

Mit Estella, Yannic und Suyu verbrachte ich noch ein paar Tage im gemütlichen Alt-Manali. Wir genossen überraschend gutes westliches Essen und entspannten auf dem Balkon unseres Gasthauses mit unseren Nachbarn Oscar (MX), Lucy und Chris (UK) und Tonya (D). Lucy, Tonya und Chris haben sich während ihrer Reise durch Indien ein Einkommen geschaffen, in dem sie handgemachte, indische Kleidung in Europa vertreiben. Auf dem Online-Shop www.lucyandyak.com könnt ihr ja einmal vorbeischauen und sehen was die drei hier aus dem Boden gestampft haben. Bei dem einen oder anderen Fotoshooting war ich quasi um die Ecke.

Bereits seit Tagen spielten wir mit dem Gedanken uns hier im Himalaya mit einem Fallschirm den Berg hinunter zu stürzen. Das Angebot ist überragend. Für gerade einmal ~28 € kann man hier eine Runde Paragliding gehen. Estella und Suyu hatten beide Probleme mit ihren Magen, kamen dann aber schlussendlich doch mit Yannic und mir mit. Ich hatte bereits in der Türkei einen überragenden Flug hinter mir und war gespannt was in den Bergen auf mich warten wird. Auf der Ladefläche eines Pick-Ups fuhren wir hinauf und sprangen dann nach und nach mit unseren Piloten im Tandem in das Tal. Es war total faszinierend über die Bergdörfer hinweg zu schweben und die atemberaubende Szenerie der Bergketten zu passieren. Leider hatte ich richtig Pech was die Windbedingungen betraf und so dauerte mein Flug nur ein paar Minuten. Kein Vergleich zu der Türkei. Aber dennoch hat es mich begeistert. Das Gefühl des Fliegens ist einfach unbeschreiblich. Und wie beim Tauchen gilt: Ausprobieren und selbst erleben. Herrlich!


Suyu musste leider weiter reisen. Nach der langen Zeit gemeinsamer Erlebnisse viel es uns natürlich allen schwer. Witziger Weise kamen aber Bennett (D), Elea (FR) und Oli (D) aus dem Bonfire Rishikesh nach Manali und so waren altbekannte Gesichter wieder da. Zudem noch eine ganz besondere Überraschung. Stefanie, die Freundin, welche ich in der Tauchschule in Sri Lanka kennen lernen durfte, hausierte nur in einem Dorf weiter und besuchte mich in Manali. Die Welt ist ein Dorf. Vor allem Indien. Wir alle trafen uns fast jeden Abend im Art Café um mit dem Projektor ein paar Filme an die Wand zu werfen. In den ersten 10 Monaten meiner Reise habe ich 2-3 Filme gesehen. In den paar Tagen hier in Manali ganze 8! Aber es war eine sehr gemütlich Atmosphäre und genau richtig. Auch kam Ayush immer wieder vorbei und lud auch zur ein oder anderen Party zu sich ins Hostel ein. Hier griff ich auch ab und an nach der Gitarre, sang und spielte solo oder in Begleitung von anderen Musikern für die Hostelgäste und die Belegschaft. Es wurde einfach nicht Langweilig hier in Manali. 

Am Tag von Estellas und Yannics Abschied unternahmen wir noch einen letzten Ausflug. Am Vorabend habe ich noch eine Gruppe aus Israelis, Brasilianer, Australier und Amerikaner spontan mit eingeladen die Wasserfälle in dem Dorf Vashisht zu besuchen. Komischerweise alles Damen. Ohne Spaß, es war Zufall! Es soll eine Tageswanderung werden und wir verabredeten uns am kommenden Morgen. Wir wanderten über die Hänge, durch die Obstgärten und über wundervolle Felsen von welchen wir einen ausgezeichneten Blick über das Tal und die Berge genießen konnten. Estella und Yannic nahmen eine andere Route um ihren Bus nicht zu verpassen. Ich zog dann mit den Damen weiter zu den Jogini Wasserfällen. Und wir haben wieder einmal gut daran getan früh aufzubrechen. Denn so konnten wir das Naturwunder noch in Ruhe genießen bevor 20 Minuten später die Massen indischer Touristen eintrafen. Die Israelis brachten Tee und Gaskocher mit und wir saßen am Fuße des Wasserfalls und genossen unsere kleine Gemeinschaft. Da ich von nun an das Zimmer im Gästehaus alleine bewohne und bezahlen sollte, war ich sehr froh, dass Victoria aus Australien sich dazu entschloss bei mir mit einzuziehen. Und mit ihr unternahm ich ein paar Tage auch eine Wanderung zum oberen Teil des Wasserfalles. Hier hatten wir die Möglichkeit auch unter und hinter den Wasserfall zu klettern. Ein Wahnsinnserlebnis die Wucht der Wassermassen zu erleben. Und das bei bestem Wetter. Ich traf mich mit Estella und Yannic nochmals am Busbahnhof um ein ordentliches auf Wiedersehen auszusprechen und die Schlüsselübergabe abzuhalten.


Die restlichen paar Tage in Manali waren schön und gemütlich. Viel Musik, Film, Gespräche und gutes Essen. Mit Ayush debattierte ich viel über Hostels und Gastfreund- & wirtschaft. Ich konnte einiges Lernen und sicher auch Ayush‘ Horizont etwas erweitern. Nachdem Victoria dann auch weiter zog, habe ich mit Lucy, Tonya, Chris und Oscar noch ein paar Tage auf dem Balkon unseres Gasthauses verbracht und nach Monaten der Ruhe endlich wieder mit der Aktualisierung meiner Reiseberichte beginnen können. Ein hervorragender Ort um dies zu tun. Mit Blick auf das fabelhafte Panorama des indischen Himalaya. Doch dann galt es auch für mich weiter zu reisen. Ich buchte eine Busfahrt in den Süden. Mein nächstes Ziel ist das Bundesland Punjab. So machte ich mich auf den Marsch zum Busbahnhof, wo ich nicht lange alleine war. Ein paar nette Inder baten um Fotos und luden mich auf ein Glas Whiskey ein, bevor ich meinen Bus bestieg.

Der Busbahnhof befindet sich in der Nähe einer tibetischen Kolonie in Manali. Und der Bus hielt auch im touristisch beliebten Dharamsala. Hier stieg ich zwar nicht aus, aber es gibt auch hier eine interessante Geschichte zu erzählen. In Dharamsala befindet sich seit 1959 der Wohnsitz des Dalai Lama und die Exilregierung Tibets. Nach dem Aufstand der Tibeter gegen China erhebt diese Regierung Anspruch auf Unabhängigkeit bzw. einen autonomen Status (vgl. Hong Kong) für die Provinz Tibet. Viele Tibeter sind hier her geflüchtet und bereichern seither die Kultur im indischen Norden. Indien selbst unterstützt die Belange der Exilregierung. Es ist politisch sehr spannend was hier seit Jahrzenten passiert und natürlich auch sehr spannend wie es sich mit Tibet in Zukunft verhält. Es gibt unzählige Quellen und Berichte zu diesem Problem und es sollte möglichst bald eine Lösung diesbezüglich gefunden werden. Aber allein der Fakt, dass die Exilregierung eine Demokratie mit Gewaltenteilung implementieren will, macht es für mich unterstützenswert.

Hey, ab in den Süüüdeen!

Was für ein krasser Unterschied! Die 14 Stunden Busfahrt brachten mich vom angenehmen Bergklima des Himalayas in die trockene Ebene Punjabs mit krassen 48°C. Dennoch entschied ich mich dafür die 4km zu meinem Hostel zu laufen. So kann ich mir bereits ein Bild der Stadt und den Menschen machen. Glücklicherweise werden hier mit großem Tamtam alle paar hundert Meter gekühltes und mit Früchten gefärbtes Wasser kostenfrei ausgeschenkt. Sogar manchmal mit kleinen Snacks. Nur eines der großartigen Bräuche der Sikhs von denen ich später mehr berichten werden. Dennoch war ich erschöpft und durchgeschwitzt als ich das Hostel erreichte. Ich öffnete die Pforte und erblickte ein Treppenhaus, welches ich mich noch nach oben kämpfen musste. Ich glücklicher. Jugaadus, so der Name des Hostels, welches mir nicht nur von Ayush, sondern von vielen Reisenden empfohlen wurde. Der Besitzer Sanjay (IN) nahm mich herzlich im Empfang und es gab erstmal den guten Chai, das Nationalgetränk der Inder. Tee mit Milch und Gewürzen. Sein Hostel ist großartig, ebenso wie in den Bonfire Hostels werden hier diverse Programme und Touren zum Einkaufspreis und Spenden angeboten

Es herrschte eine großartige Stimmung im Hostel und nach meinem Mittagsschlaf (die Busfahrt hat seine Spuren hinterlassen) zog ich mit Kimberly (CAN) und Jan (D) um die Häuser. Wir tranken etwas Rum und ich aß zu Abend. Mit den beiden freundete ich mich schnell an und wir verbrachten die folgenden Tage gemeinsam. Zuerst jedoch machte mir der Wetterumschwung und der Schlafmangel etwas zu schaffen. Ich fühlte mich unwohl und verbrachte einen Tag im klimatisierten Hostel. Aber ich habe ja auch keine Hektik. Und hier ist ja ständig was los. So freundete ich mich schnell mit Gopi, Jagroop (Beide IN) und Bugs (UK), der Belegschaft an. Zudem nahm ich mir eine von Sanjay geschriebene Broschüre zur Hand, in welcher er seine Leser über ein paar moderne Mythen bezüglich Indien aufräumt. Er hat sechs Monate in Holland gelebt und gearbeitet bevor er in seiner Heimatstadt diese Unterkunft eröffnete. Und seine Sicht auf die Dinge ist sehr einleuchtend und gut beschrieben. Er als selbsternannter Botschafter kann das natürlich besser als ich es könnte. In meinen vorherigen Berichten ging ich zum Beispiel kurz darauf ein, warum die Inder so schamlos auf weiße Menschen starren und sich teilweise ungewöhnlich vor allem gegenüber weißen Frauen verhalten. Hier könnt ihr seine Erklärungen aus erster Hand selbst lesen (Englisch). Und vieles weitere natürlich.

Herzlich Willkommen bei den Sikh

Die heilige Stadt Amritsar, beziehungsweise der Bundesstaat Punjab ist Gründungsort des Sikhismus. Der monotheistische Glauben wurde im 15. Jahrhundert gegründet und kehrt Aberglauben und sinnfreien religiösen Riten den Rücken und versucht den Glauben praktisch nutzbar zu machen. Sehr clever, zugegeben. Doch auch die Sikhs haben einige Vorschriften zu Kleidung, Auftreten oder religiöse Zeremonien. Es ist halt eine Religion, nicht wahr?! Dennoch sehr beeindruckend und tatsächlich erlebbar. Eine der wichtigsten Tugenden der Sikhs ist die Beseitigung sozialer Ungerechtheiten. Das Soziale an sich wird ganz groß geschrieben. So haben es sich die Sikhs auch auf die Fahne geschrieben ihre Tempel allen Menschen zu öffnen und jeder der möchte an einem gemeinsamen Mahl teilhaben zu lassen. Kostenfrei natürlich. Rein durch Spenden und die religiöse Gemeinschaft der Sikhs realisiert. Der größte und bedeutsamste Tempel befindet sich in Amritsar. Der goldene Tempel enthält wichtige Schriftstücke und stellt mit seinen 4 offenen Toren in alle Himmelsrichtungen die Offenheit und die Philosophie der Willkommenskultur dar. Zudem bietet er Schlafsäle für alle die Obdach suchen. Es gibt sogar einen eigenen Saal für westliche Touristen. Jedem steht es also frei. Natürlich kostenfrei. Das nenne ich mal ein Dienst an der Menschheit. Großartig!

Mit Kimberly, Jan und zwei Briten machten wir uns also auf, dieses von Menschen geschaffene Wunder zu besuchen. Nachdem die Schuhe verstaut, die Kopfbedeckung angelegt und Hände und Füße gewaschen waren, traten wir ein. Ein großes Areal mit dem goldenen Tempel (eigentlich: Harmandir Sahib, Gottestempel) inmitten eines Wasserbeckens. Rund herum schöne Gebäude, Nebentempel und am Wasserbecken Treppen um sich weiter zu waschen, wer möchte. Aufseher die mit Speeren bewaffnet sind kümmern sich um Ordnung und viele Menschen bewundern den Tempel oder beten. Um die wichtigen Schriften, die sich im goldenen Tempel befinden zu sehen, gilt es schon ein paar Stunden anzustehen. Wir beschlossen, dass uns ein Gang um das Becken ausreicht um die Schönheit des Tempels voll aufsaugen zu können. Natürlich waren wir auch nicht von interessierten Indern, die gerne ein Foto mit uns machen möchten, gefeit. Nach ca. 20-30 Fotos entschloss ich jedoch, dass es nun ausreicht und ich sagte selbstbewusst „Nein“. So lange, bis eine junge Inderin mit ihrem kleinen Sohn vor mir Stand und mich bat ihn zu halten. So süß! Da konnte ich natürlich nicht widersprechen. Als sich die Sonne langsam senkte schlenderten wir langsam zum eigentlichen Wunder der Institution, dem Speisesaal.

Jan hatte bereits an einer vom Hostel geführten Tour durch den Tempel teilgenommen und uns einige interessante Fakten zugespielt. Zudem hat er uns den Weg gezeigt wie wir in die Bäckerei des Tempels gelangen konnten. Hier konnten wir erleben, wie Tausende von Roti (Brotfladen) gebacken und mit Butter bestrichen wurden. Erst seit ein paar Jahren helfen Maschinen hierbei. Und die Butter kommt immer noch in wahnsinniger Handarbeit auf das Roti. Im Schnitt werden hier täglich ca. 80.000 Menschen verpflegt. Das entspricht der kompletten Bevölkerung von Konstanz, Minden oder Flensburg! Täglich!!! Kostenfrei!!! Krass!!! Am Eingang erhielten wir unser Geschirr und wir betraten den Speisesaal. In langen Reihen, auf einem Läufer setzten wir uns zu den anderen Gästen. Schneller als erwartet kamen die freiwilligen Helfer mit Eimern, Brotkörben und Wasserkarren angelaufen und füllten unsere Teller und Schalen. Wahnsinnig mit welcher Effizienz hier alles geschieht. Sie servieren schneller als man essen kann und man kann auch so viel Essen wie man möchte.


Das „Langar“ wie das Essen in der Gemeinschaft in den Sikh-Tempeln genannt wird ist ein Erlebnis sondergleichen. Am Ausgang hinterließen wir unsere Spende, da es sich natürlich sehr komisch anfühlt als relativ reicher Europäer hier ein leckeres und reiches Mahl umsonst zu bekommen. Danach gaben wir unser Geschirr wieder ab. Immer noch total fasziniert vom Erlebnis reihten wir uns schließlich in Freiwilligen ein. An großen Spülbecken halfen wir dabei das Geschirr für die nächsten Gäste zu säubern und vorzubereiten. 5 Spülgänge durchläuft jedes Stück. Ein kleines Spektakel für sich. Als wir dann wieder in Richtung Ausgang des Tempels gingen, konnten wir den goldenen Tempel noch im Mondlicht und mit Beleuchtung genießen. Obwohl hier so viele Menschen unterwegs sind herrscht eine eigenartige Ruhe und Entspannung. Vor allem nach dem Langar war es ein sehr emotionaler und besonderer Moment.


Der Jugaadus Vibe

Die Stimmung im Hostel war prächtig. Mit jedem Tag lernte man neue Leute kennen und über die Tage entwickelten sich tolle Freundschaften. So unternahmen wir auch einen Ausflug in eine Micro-Brauerei welche sich in einem Einkaufszentrum befindet. Ein komischer Laden, der selbst nicht weiß, was er sein soll. Eine Mischung aus Irish-Pub, Nachtclub, Disco, Lounge und Restaurant. Wie immer überrascht einen Indien mit seiner Andersartigkeit. An anderen Tagen schlenderten wir gemeinsam durch die Stadt, tranken den berühmten Lassi (Buttermilchgetränk mit Gewürzen) oder spielten Spiele auf dem gigantischen Manji (Aus Naturmaterialien geflochtenes Bett) auf dem Flachdach des Hostels, wo wir teilweise bis in die späte Nacht hinein unsere Erfahrungen austauschten. Witzig ist auch, dass obwohl der Sikhismus streng gegen das Rauchen, Alkohol und Fleisch ist, es hier das beste Tandoori-Hühnchen Indiens geben soll. Und wahrlich, die im speziellen Ofen gebackenen Hühnchen sind vorzüglich. Gleich um die Ecke beim Hostel gab es zwei kleine Restaurants. Die „Popular Chicken Corner“ und direkt daneben der „Popular Chicken Place“.


Links zwo drei vier!

Nur ein paar Tuk-Tuk Minuten außerhalb der Stadt befindet man sich bereits an der Grenze zu Pakistan. Hier befindet sich der einzige Grenzübergang zwischen den beiden befeindeten Staaten. Die Grenze bei Waghda ist auch Schauplatz einer abstrusen, komischen und fragwürdigen Zeremonie. Jeden Morgen und jeden Abend wird hier die Rivalität der beiden Nationen zur Schau gestellt. Und auf indischer Seite wird es wie ein großes Sportereignis abgefeiert. Es wurde quasi ein Stadion um den Grenzübergang gebaut und ein Warm-Upper sorgt dafür, dass das Gejohle auf der Indischen Seite nicht nachlässt. Die Pakistanische Seite ist eher ruhig, kaum besucht und zurückhaltend. Die Militärs beider Staaten haben diese Zeremonie um das Einholen und Setzen der Flaggen gemeinsam seit ihrer Unabhängigkeit eingeführt. Es wirkt tatsächlich absurd und komisch. Selbst für militärische Verhältnisse ist es sehr überspitzt und lächerlich, wie ich finde. Da die Drohgebärden und Abläufe schwer zu beschreiben sind, bin ich froh euch und mich ein kleines Video gemacht zu haben.


Was mir jedoch direkt auffiel, ist mit welchem Stolz die Inder die Frauen und den Liberalismus gegenüber dem Islamischen Staat Pakistan präsentieren. Die Zeremonie beginnt mit einem freudigen, wilden Tanz von Frauen direkt vor den Toren zu Pakistan und auch die ersten bewaffneten Soldaten, die die Grenze zu Pakistan betreten sind weiblich. In Pakistan ist dies natürlich undenkbar. Aber es darf nicht vergessen werden, dass all das, über was wir hier schmunzeln, brutale Realität ist. Gerade im Norden ist der Grenzverlauf zwischen Indien und Pakistan nicht eindeutig definiert. Viele Opfer und Gefangennahmen auf beiden Seiten sind zu beklagen. Ich war auch fasziniert wie emotional mancher indischer Gast diese Zeremonie mitnimmt. Wütendes Gejohle, Sprechgesänge und Gestiken werden an Pakistan adressiert. Ich vermute dass persönliche oder Familienschicksale damit zusammenhängen. Aber es ist auf jeden Fall ein Erlebnis und sehenswert. Auch verrückt ist, dass man als Tourist einen VIP Status erhält und die Warteschlangen umgehen darf und extra Plätze zugewiesen bekommt. Der Großteil der Inder verfolgt die Zeremonie an Großbildschirmen außerhalb der „Arena“. Achja…und erinnert es euch nicht auch etwas an den berühmten Sketch von Monty Python? (Siehe Video)

Quelle:  YouTube.com |  harhaus | 26.06.2017


Kampf mit dem "Bullen"

Das wohl beste meiner Erlebnisse in Punjab. Obwohl ich die anderen natürlich auch nicht missen möchte. Jagroop aus dem Hostel lud uns ein, einen Tag auf seinem Dorf mit seiner Familie zu verbringen. Das Dorf versorgt sich komplett selbst und ist Teil des Brotkorb Indiens. Punjab ist der reichste Bundesstaat Indiens und zugleich auch größter Produzent von Lebensmitteln. So reisten wir früh morgens an und halfen beim Kühe melken, ernten und schauten Jagroops Mutter beim Kochen über einen mit getrockneten Kuhdung befeuerten Ofen über die Schulter. Wir ritten auf dem Hausbullen „Albert“ und spielten das traditionelle Spiel Kabaddi auf einem Feld. Meine ersten Erfahrungen mit Kabaddi hatte ich ja bereits während des Holi-Festivals in Goa gemacht. Jagroops Bruder ist professioneller Kabaddi-Spieler und Wrestler. Er trägt den Spitznamen „Der Bulle“ und hat diesen auch mehr als verdient. Er trainiert täglich und an jenem Tag ließ ich mir die Chance nicht entgehen gegen einen Punjab-Wrestler, auf einem Feld im Nirgendwo, anzutreten. Zuerst zögerte ich natürlich, ließ mich dann aber darauf ein. Natürlich hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Spaßig war es dennoch.


Danach ging es zurück in das Haus der Familie wo wir lernten den Turban zu binden. Der Turban ist eines der sechs Symbole der Sikhs. Er drückt Weltgewandtheit aus. Die Weiteren sind der Dolch (Schutz der Armen/Schwachen und Selbstverteidigung), ein eiserner Armreif (Erinnerung recht zu handeln), eine knielange Unterhose (Treue & Kontrolle der Lust), ein hölzerner Kamm (Disziplin und Reinheit) sowie ungeschnittenes Haar. Letzteres symbolisiert die Verbundenheit zur Schöpfung, Akzeptanz von Naturgesetzen und Abgrenzung von asketischen Traditionen. Und seid gewarnt Mädels, sobald ein Sikh euch anlächelt und er mit seinem Schnurrbart spielt, habt ihr sein Interesse geweckt.Sie sind sehr stolz darauf. Das Credo lautet: „Kein Schnurrbart-Kein Mann!“. Ich habe viel über die Sikh an diesem Tag in der Familie gelernt. Daraufhin lernten wir ein paar Tanzschritte und fühlten uns ganz wie in Bollywood. Als Abschluss gab es noch ein köstliches Mahl und wir lernten mit Mörser und Gewürzen ein köstliches Michgetränk herzustellen. Das ist echtes Leben und spannend zu sehen wie das Dorf und die Familie einfach aber glücklich zusammen funktionieren.

Die letzten Tage im Hostel verbrachte ich damit mich mit coolen Menschen zu unterhalten, weiter mit meinen Reiseberichten aufzuholen und das überaus großartige Essen der Punjabis zu genießen. An meinem letzten Tag besuchte ich noch das Denkmal des Massakers von Amritsar. 1984 hat der englische Gouverneur Dyer mit einer Garnison hier ca. 400 friedlich Demonstrierende Inder hingerichtet und über 1.200 schwer verletzt. Die Soldaten versperrten den einzigen, engen Zugang zu einem kleinen Park und feuerten auf die Männer, Frauen und Kinder, die für mehr Rechte für Inder demonstrierten. Das Massaker gilt als einer der ausschlaggebenden Momente die die Unabhängigkeitsbewegung in Indien entfachte. Danach packte ich meine Sachen und ließ mich von Vicky, dem hosteleigenen Rikshafahrer zum Bahnhof fahren.

Ich konnte für diese Zugfahrt leider nur noch ein RAC-Ticket buchen. Das bedeutet, dass ich auf dieser 21 Stunden dauernden Fahrt, meinen Sitzplatz mit einem Fremden teilen darf. Den Sitzplatz wohlbemerkt. Das wird ja was werden.

Ich bin gespannt und freue mich darauf euch davon zu erzählen.

 

Es geht weiter in Richtung Süden. Zurück in den Bundesstaat Rajasthan, hier gibt es noch einiges zu sehen und erleben.

 

Ich halte euch auf dem Laufenden, versprochen!

 

Euer Schilli


Funfacts

- Kurz bevor ich den Bus in Manali nehmen sollte… konnte ich ihn nicht finden. Ein Anruf bei der Agentur zeigte mir dann letztendlich dass sich Busunternehmen, Busnummer und Abfahrtszeit geändert hatten. Wenigsten war der Abfahrtsort noch gleich und die Zeit nur etwas später. Incredible India.

- Die Busfahrt durch die Berge war an sich ganz angenehm. Meine Nebensitzerin, knappe 7 Jahre alt und Inderin war großartige Gesellschaft. Jedoch kotzte sie alle halbe Stunde… Also kaum Schlaf für mich.

- Die Innenstadt von Amritsar ist ordentlich herausgeputzt. Kaum unterschied zu europäischen Kulturstädten. Sauber, sogar die Fassaden! Und modern.

- Einmal im Monat wird der goldene Tempel mit Milch gereinigt!

- Der Sikhismus hat ca. 27 Millionen Anhänger. Das ist deutlich mehr als Australien Einwohner hat.

- Geldgeschäfte liegen in Indien oft in der Hand der Frau. Die Hälfte des Einkommens des Mannes drückt er an seine Frau ab. Ein Viertel an seine Mutter und den Rest darf er selbst ausgeben.

- Zweimal hatten sich Kimberly, Jan und ich zur Tour in Jagroops Dorf angemeldet. Beide Male haben wir die frühe Abreise um 6 Uhr morgens nicht wahrnehmen können…

- Nach 90 Tagen läuft die Sim-Karte automatisch ab. Indisches Gesetzt für Touristen. So einfach es war die erste Karte zu erhalten so kompliziert war es die zweite zu Bekommen. Sanjay und ich waren 3 Stunden unterwegs und es klappte nur, da er für mich bürgte.

- Nachdem ich den Großteil der Touren, die das Hostel anbietet schon erlebt hatte, hatte ich Spaß daran den Neuankömmlingen die Touren zu erklären und meine Tipps zu geben.

- Kimberly ist investigative Journalistin beim Fernsehen in Toronto. Sie hat bereits zwei nationale Preise gewonnen. Beeindruckende Geschichten hat sie zu erzaehlen.


Danke auch an Kimberly für ein paar der Bilder!


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