#24 | Auszeit in der Oase | 238. Reisetag

Die vergangenen Tage hier in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind sehr gemütlich gewesen. Ob aufgrund „schlechten Wetters“ oder meinem persönlichen Verlangen etwas auszuspannen habe ich es langsamer angehen lassen. Durch starken Wind ist die Luft hier ab und an sehr sandig und auch etwas Regen ist hier auch wieder gefallen. Ich bin aber ob des Wetters hier sehr glücklich. Die ~30° sind so ganz angenehm zu ertragen. Und da ich mich mit meinem Gastgeber Narek so richtig gut angefreundet habe, habe ich Abu Dhabi erst einmal nicht verlassen. Es gibt hier natürlich sehr viel zu entdecken. Vieles davon sprengt meinen schmalen Geldbeutel, doch was ich so erlebt habe macht mich sehr zufrieden und möchte ich euch nicht vorenthalten.

Es mal wieder perfektes Timing für mich hier her zu kommen. Einmal im Jahr ist Abu Dhabi Schauplatz eines extravaganten Spektakels. In einer der vielen künstlichen Buchten fand das RedBull Air Race Abu Dhabi 2017 statt. Natürlich sind die guten Plätze nur durch teure Tickets zu erwerben, jedoch bietet der Stadtstrand von Corniche eine durchaus wunderbare Sicht auf das Geschehen. So machten sich Narek und ich uns auf um uns auf das Spektakel einzulassen. Und es war wahrlich beeindruckend. Als wir ankamen war die Flugshow diverser internationaler Gruppen in vollem Gange. Spektakuläre Formationen, atemberaubende Manöver und dröhnende Motoren. Total faszinierend. Darauf folgte dann das Rennen. Kleine Kunstflugmaschinen rasen in beeindruckender Geschwindigkeit durch den Parcours. Sie müssen Pylonen durch, beziehungsweise umfliegen. Und das natürlich möglichst schnell. Wir standen eine ganze Weile am Sandstrand und genossen es dem wahnsinnigen Talent und Können der Piloten zu folgen. Nach einer Zeit muss ich aber eingestehen, wurde es etwas eintönig, da natürlich alle Teilnehmer den gleichen Parcours abflogen und wir natürlich keinen zeitlichen Unterschied erfühlen konnten. Also warteten wir noch eine weitere Showeinlage vom Rettungshelikopter ab, der einen Rettungsschwimmer ins Meer herabließ und mit Trage wieder einsammelte, einem gestörten Gleitschirmflieger der zigtausend Loopings flog und zwei Wing-Suit Artisten, die mit ihren Flügel-Anzügen in einer Formation über unsere Köpfe flogen, bevor sie irgendwann ihre Fallschirme öffneten. Auf jeden Fall sehenswert!


An einem anderen Tag machte ich mich alleine auf die neueste künstliche Insel Saadiyat zu besuchen. Hier wird ein gigantisches Kulturelles Zentrum entstehen und ich bin etwas enttäuscht, dass ich dieses nur im Bau erleben konnte. Unter anderen großartigen Gebäuden und Freizeitmöglichkeiten werden hier gerade ein Guggenheim Museum und ein Louvre gebaut. Zwei gigantische Gebäude mit abgefahrener Architektur. So wie es sich eben für ein Museum von Format gehört. Leider war davon aber auch noch nicht viel zu erkennen. Meine Lust auf Kunst und Kultur bediente ich mit etwas anderem. Ich fuhr mit einem der gut organisierten (aber teuren) Busse zur Insel Al Mina. Diese ist eher für logistische Zwecke als Hafen für Kreuzfahrschiffe und Fischerboote gedacht. Hier befindet sich auch ein gigantisches Areal von Lagerhallen. Und in Lagerhalle Nummer 421 befindet sich heute ein Kunstmuseum. Wohl mehr ein Schauraum für das Emirati-Künstlerkollektiv „Warehouse421“. Mit wechselnden Ausstellungen von diversen Künstlern, natürlich stets begleitet mit eigenen Kreationen, laden sie hier kostenfrei Jedermann auf ein kreatives Abenteuer ein. Jeden Mittwoch gibt es hier auch Workshops, ich war aber auf jeden Fall lediglich am Besuch interessiert. Ich wusste nicht wirklich was mich hier erwartet, ich verbracht zwei überaus emotionale Stunden darin und bin mit vielen Erfahrungen wieder heraus gekommen. Dies war die deprimierendste Ausstellung, die ich jemals besucht habe. Es war sehr gut, jedoch auch sehr traurig. Die Ausstellung basiert auf Kunstwerke, die der jeweilige Künstler zu Ehren von geliebten verstorbenen Personen gemacht hatte, kunstvollen Erbstücken oder Dingen, die eine intensive Geschichte zwischen den beiden Personen erzählen. So hatte jedes Ausstellungsstück eine herzzerreißende Geschichte zu erzählen. Es war sehr beeindruckend und durch die vielen Geschichten und teils interaktiven Ausstellungsstücken war es ein ausgezeichnetes und krasses Mittel mehr über die Traditionen und kulturellen Hintergründe der Emiratis zu erfahren. Teilweise durch diverse Medien, teilweise durch die Künstler persönlich erzählt. Es war sehr gut, aber auch emotional sehr fordernd und nicht einfach. Ich kann es nur empfehlen.

Da liegt es natürlich nahe, dass ich mich danach wieder nach etwas Spaß sehnte. So machte ich mich an einem weiteren Tag auf den Weg zur Insel Yas. Diese künstliche Insel ist das Spaßzentrum der Stadt. Doch hier befinden sich nicht nur einige Bars und Partyareale, nein. Das ganze wird Emirati-stilecht aufgezogen. Der weltweit größte überdachte Freizeitpark sowie ein gigantischer Wasserspaßpark befinden sich hier ebenso. Direkt neben einem weiteren, übertrieben großen, Einkaufszentrum. Der Freizeitpark, die Ferrari World, besticht durch ihr grandioses Design und Architektur. Im Corporate-Design treuen Ferrari-Rot erstreckt sich das Dach im typischen stromlinienförmigen Wölbungen über 80.000m². Und die sich darin befindlichen 20 Fahrgeschäfte drehen sich natürlich alles um das schnelle Autorfahren mit einem Ferrari. Klar, um vor allem hier neue Käufer zu finden. Leider war mir das Vergnügen jedoch zu teuer (~70€), denn gerne hätte ich die schnellste Achterbahn der Welt (240km/h) einmal ausgetestet. Auch den Wasserpark, welcher noch teurer ist, habe ich links liegen gelassen und mich lieber im Luxushafen der Insel mit Narek zu treffen. Bereits im Vorfeld haben wir uns für ein kostenfreies, außerordentliches Erlebnis angemeldet. Auf der Insel befindet sich nämlich zudem noch die Formel 1 Rennstrecke Abu Dhabis und jeden Sonntag und Dienstag ist diese für Fußgänger und Fahrradfahrer geöffnet. Im sehr gut organisierten Rennstall konnten wir uns kostenlos Räder leihen und ab ging es auf die Rennstrecke. Ein cooles Erlebnis. So cool, dass ich mir eine Woche später nochmals aufmachte um an meiner Performance zu arbeiten. Wie Schumi eben auch.


Über Narek bekam ich auch die Ehre Maria und Rafael kennen zu lernen. Die beiden Armenier leben seit 5 Jahren in Abu Dhabi. Und sie waren so freundlich mir eine andere Seite der Emirate zu zeigen. Maria studiert hier in Masdar City, einer gigantischen geplanten Öko-Stadt in Abu Dhabi. Das Ziel des Programms ist einen energieautarken, klimaneutralen, abfallfreien Stadtteil für ~50.000 Einwohner und 1.500 Firmen zu erbauen. Dies soll durch solarbetriebene Entsalzungsanlagen und ein Mix aus diversen erneuerbaren Energien und Energiekonzepten gewährleistet werde. Pro Kopf soll der Energieverbrauch auf 25% des heutigen Niveaus gesenkt werden. Unter anderem soll von jedem Platz der Stadt innerhalb von 200m Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln gewidmet werden und es sind hier selbstfahrende Autos unterwegs. Jawohl, die fahren heute schon. Hineinsetzen, Ziel wählen und ab geht’s. Na gut, es existieren bisher nur zwei Stationen, was die Zielwahl überflüssig macht, aber bis 2025 soll das Projekt abgeschlossen sein. Zudem ist hier ein gigantischer Forschungskomplex von Universitäten und Firmen zum Thema Nachhaltigkeit integriert. Auch befindet sich hier der Hauptsitz der „Internationalen Organisation für erneuerbare Energien“ in welcher 149 Länder aktiv sind. Ironischerweise haben die sinkenden Ölpreise den Bau dieses natürlich kostenintensiven, gigantischen Projektes gestoppt. Die Regierung, die so stolz auf dieses Projekt war, hat erst mal den Geldhahn zugedreht. Naja…ich meine die Forschung in der Richtung sollte kein Luxus sein, den man sich nur gönnt, wenn das Geld sprudelt. Aber was weiß ich schon.


Die schönsten Geschichten schreibt doch der Zufall. Wer hätte gedacht, dass ich folgendes Erlebnis mitnehmen darf? Ich nicht. Über Umwege habe ich die Amerikanerin Melissa und ihre Kanadischen Freundinnen hier in Abu Dhabi kennen gelernt. Und wie es sich für echte Kanadier gehört, haben sie mich prompt zu einem Eishockey-Spiel eingeladen. Ich habe noch nie ein professionelles Eishockeyspiel gesehen und so sollte also mein erster Kontakt damit in der arabischen Wüste stattfinden. Zudem ist es ein Spiel der Damen Nationalmannschaft gegen die Damen von Abu Dhabi. Erst seit ein paar Jahren ist dieser Sport für Frauen erlaubt und so konnte ich quasi ein Stück Geschichte der Emanzipation live miterleben. So besuchte ich also ein Eishockeyspiel der Frauen in der arabischen Wüste. So ein Erlebnis konnte ich mir vorher nicht ausdenken, diese Dinge passieren einfach. Natürlich habe ich mich aufgrund des Irrsinns eine Eishalle in der Wüste zu besuchen nicht besonders wohl gefühlt, jedoch war es abgesehen davon großartig. Und die Kanadierinnen haben mich natürlich en Detail über Eishockey informiert. Wieder etwas gelernt. Bravo!


Ansonsten habe ich viel Zeit mit Narek verbracht. Wir haben viel debattiert und philosophiert. So haben wir eines Nachts die Verfassungen unserer Heimatländer verglichen, was natürlich sehr spannend war. Aber auch weniger wichtige Dinge und die Schokoladenseiten des Lebens konnten wir miteinander teilen. So hat sich Narek einen ferngesteuerten Helikopter gekauft, welchen wir natürlich ausgiebig genutzt haben…bis er schließlich kaputt war. So haben wir unseren Frust mit einem Besuch der raren Alkoholshops kompensiert. Es benötigt eine besondere Lizenz für Nicht-Muslime um Alkohol zu kaufen bzw. zu transportieren. Und nur Hotels bzw. Bars welche Touristen bedienen dürfen jenen ausschenken. In der Öffentlichkeit zu trinken ist natürlich ein No Go. Trunkenheit auch ohne Alkohol am Körper, wird bestraft und ist ungesittet. Natürlich haben wir uns aus Respekt der heimischen Kultur gegenüber daran gehalten.

Kleinere Besorgungen machten wir im Baqala um die Ecke. Hunderte dieser kleinen Kioske finden sich überall verteilt. Es ist auch üblich, dass man große Autos von Emiratis daran vorfahren sieht. Doch aussteigen tun diese selten. Sie hupen und werden im Fahrzeug bedient. Aber um ehrlich zu sein habe ich die Emiratis mit der Zeit zu schätzen gelernt. Sie bieten hier vielen Menschen die Möglichkeit ein Leben aufzubauen und behandeln die Menschen fair. So lange man nach ihren Regeln spielt (die im Vergleich zum Westen natürlich ein paar drastische Prinzipien beinhaltet), sind sie sehr freundlich, großzügig und fair.

 

Ich mache mich nun auf einen kleinen Road-Trip durch die Emirate. Wie dieser verläuft erfahrt ihr im nächsten Bericht. Bis dahin alles Liebe, Schilli


Funfacts

- Um die Ecke, in Nareks Viertel, befindet sich das mit Absicht gebaute, schiefste Gebäude der Welt. Mit 18° Neigung soll es ein Pendant zum höchsten Gebäude in Dubai darstellen. Zum Vergleich: Der Turm in Pisa hat gerade einmal 4° Neigung.

- Neben diesem Turm befindet sich das Messe- & Kongresszentrum. Zu dieser Zeit findet dort die internationale Messe für Verteidigung statt. Panzer, Waffen, Kampfschiffe- & -jets, Kriegstechnologien und Tools werden hier von den Todeshändlern & Nationen untereinander ausgetauscht. Aus Zufall sind wir dort etwas am Taxistand gewesen und haben die ein oder andere Unterhaltung mitgehört…krass

- Eine gute Vorbereitung auf Indien. Die Inder hier kennen keine Privatsphäre. Da steigt doch ein Inder in den halbleeren Bus ein und stellt sich direkt neben mich….aber so dass wir uns auf jeden Fall berühren. Daran muss ich mich noch gewöhnen…

- Autos sind unheimlich günstig zu erwerben. Jedoch der Unterhalt ist sehr teuer hier. Nicht das Benzin, sondern jede Dienstleistung hier wird teuer bezahlt.

- Und es wird heftig weiter gebaut. Auch in Abu Dhabi entstehen neue Inseln und Wolkenkratzer. So wird zum Beispiel das berühmte Hotel Marina Bay Sands aus Singapur 1:1 hier nachgebaut. Inklusive des gigantischen Pools und Parkanlage auf dem Dach, welches 3 Gebäude verbindet.

- In der gigantischen Mall um die Ecke, der Mushrif Mall, befindet sich einer der enormen LuLu Hypermärkte (wie Supermarkt nur halt „hyper“). In diesem befindet sich ganze 30 besetzte Kassen!

- Die Emiratis haben viel Geld und viel Platz. Und so bauen sie auch ihre Städte. 12 spurige Straßen durchqueren die Wüste. Und aufgrund der Entfernungen haben hier sogar die Lieferdienste Motorräder statt Roller.

- In einem Öko-Laden haben wir die verdeckte Abteilung für Nicht-Muslime entdeckt. Hier kann man auch Schweinefleisch bzw. Produkte die Schweineprodukte enthalten kaufen. Jedoch darf dieses nicht öffentlich gezeigt werden. Und muss separat noch hinter verschlossenen Türen bezahlt werden.



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