#18 | Möge die Macht mit dir sein | 154. Reisetag

Vorbei am Tuz Gölü, dem zweitgrößten See der Türkei und mit einem Salzanteil von ~39% einer der salzigsten Gewässer der Welt, ging es in Richtung Osten in die einzigartige Landschaft Kappadokiens. Eine riesige Salzwüste spiegelte die Sonne und brannte regelrecht in den Augen. Es machte mich etwas traurig, dass ich nicht, wie einige die per Auto unterwegs waren, die Zeit hatte etwas auf dem Salz herumzuschlendern. Ich fuhr weiter in das Herz Kappadokiens, die Kleinstadt Göreme, um genau zu sein. Hier werde ich für die kommenden zwei Wochen mein Zuhause finden. Über die Online Plattform workaway.info habe ich mich für ein Volontariat in einem Pferdegestüt und Schule für Menschen mit Behinderungen gemeldet. Am Rande der Kleinstadt gelegen werde ich wieder einmal meine Arbeitskraft, Kreativität, Zeit und Persönlichkeit für freie Verpflegung und Unterkunft teilen. Kappadokien ist eine der Tourismusperlen der Türkei und ein gigantisches geologisches Phänomen. Ich habe sehr viel Gutes darüber gehört und ich sollte Recht behalten eine längere Zeit in dieser Region zu verbringen.

Kappadokien

Das einzigartige UNESCO Weltkultur- & Naturerbe entstand vor einigen Tausend Jahren. Durch die Eruptionen dreier Vulkane, die diese Region von ca. 10.000 m² umgeben, wurden hier Milliarden Tonnen von Vulkanasche und Basalt aufgeschüttet. Im Laufe der Zeit verdichtete sich die Vulkanasche und es entstand relativ weiches Tuff-Gestein. Nachdem die Vulkane erkalteten begann die natürliche Erosion (Wind, Wasser, Flora, Fauna) an dem Gestein zu nagen. Da der Tuff aber zum Teil mit festem Basaltgestein gepaart ist, sind einige Areale stärker verdichtet und damit beständiger als andere. So entstanden im Laufe der Jahrtausende total faszinierende, alleinstehende Türme, die die Erosion quasi aus dem Gestein herausfraß. Und wenn ich Türme sage, dann meine ich viele…hunderte…ja vielleicht auch Tausende. Besonders faszinierend sind die Basaltköpfe der Türme, die die lustigsten Formen annehmen. Umgangssprachlich werden diese Türme „Feen-Kamine“ genannt. Doch nicht nur diese Feen-Kamine sind spannend, sondern auch die Platteaus, an denen der von der Erosion glattgerieben Tuff wunderschön wellende Formen annimmt und man vielleicht den ein oder anderen zukünftigen Feen-Kamin entdecken kann.

Seit Anbeginn der Zivilisation haben verschiedenste Kulturen dieses Gebiet geliebt. Klar, es war einfacher eine Höhle in den relativ weichen Tuff zu graben als ein freistehendes Gebäude zu errichten. Und nebenbei war es auch klimatechnisch mehr als schlau. Kappadokien leitet sich übrigens aus dem Persischen ab und bedeutet so viel wie „Land der schönen Pferde“. In der antike war Kappadokien wohl für seine Pferdezucht berühmt. Doch nicht nur die Perser haben sich hier niedergelassen. Alle relevanten Kulturen haben ihre Spuren in dieser Region hinterlassen. Nicht zuletzt die verfolgten Christen des römischen Kaiserreiches haben hier etliche hundert Höhlenkirchen erbaut. Und nun sind die Touristen am Start. Unzählige Höhlen-Hotels sind zu bewohnen und zu Fuß, per Gaul, Jeep oder ATV wird die faszinierende Landschaft entdeckt. Und genau dies ist das Problem. Durch Höhlenbau und Tourismus wird die Erosion natürlich immens beschleunigt und es ist nur eine Frage der Zeit, und zwar einer kurzen Zeit, bis die eindrückliche Landschaft dem Menschen zum Opfer fällt. Der Bau neuer Höhlen wurde zwar strikt untersagt, doch stört dass die Bewohner kaum und es werden eben heimlich, des nachts, die privaten Höhlen ausgebaut.

Und nicht nur ich liebe diese Region. Mein guter Freund George tut dies auch. 1976 klopfte er bei der türkischen Regierung an um einen Film in dieser wundervollen Kulisse drehen zu dürfen. Leider bekam er keine Genehmigung und so schoss er nur einige Fotos, welche er als Hintergründe für seine Aufnahmen oder als Vorbilder für seine künstlichen Kulissen in Tunesien nutzte. Und so wurden die ersten Teile von George Lucas Star-Wars Saga eben nicht in Kappadokien gedreht. Aber die Atmosphäre ist unheimlich ähnlich. Was muss die türkische Regierung sich in den Allerwertesten gebissen haben.

Little Prince Academy

Ich fand meinen Platz in der Little Prince Academy. Diese privat geführte Einrichtung ist eine Mischung aus Bauernhof und Schule. Mit einer großen Anlage für die Tiere und einem gigantischen Höhlenkomplex für Kreativ-Workshops und andere Aktivitäten. Zudem zählen ein paar kleine Gärten zu dem Gelände sowie der Wohn-Truck in welchem ich mit den anderen Volontären in einem Schlafsaal hauste. Auf dem Hügel befinden sich ein paar bewohnbare Feen-Kamine und ein paar Pavillons sowie ein künstliches Hobbit-Haus. Jeder Volontär war Mädchen für alles. So waren auch meine Aufgaben mannigfaltig. Pflege und Füttern der 5 Pferde, 3 Esel, 2 Kühe, 10 Schafe, 10 Hühner, 3 Hunde und 3 Katzen. Etwas Gartenarbeit, Reinigung, Handwerkliches und natürlich die Unterhaltung der Besucher (Luftballonmodellage, Karaokeparty, Guitarlele). Es war einiges zu tun, ich hatte jedoch enormen Spaß dabei. Und mit Ilay(TR), Ilham(AZE), Emalee(USA), Fateh(DZA), Gülbahar(NL) habe ich viele tolle Menschen lieben gelernt. Besonders gefreut hat mich, dass Deniz (Olympos & Geyikbayiri) für 10 Tage auch in der Academy aushalf. Sie reist selbst etwas durch die Türkei und ich habe ihr den Platz in Göreme klar gemacht. Für mehr Infos zur Little Prince Academy, meiner Zeit dort, meinen Tätigkeiten und Bilder/Videos schaue doch bei People & Projekte vorbei.


Göreme

Natürlich habe ich die meiste Zeit innerhalb der Academy verbracht. Jedoch habe ich es auch sehr genossen durch die umliegenden Täler zu wandern, Platteaus zu besteigen und die Herbstsonne zu genießen. Auf den Nordhängen, im Schatten, liegt sogar bereits etwas Schnee. Doch die Sonne macht tagsüber angenehm warm und teilweise konnte ich im T-Shirt arbeiten. Eines Abends machten wir es uns auf einem Hügel, einem schönen Aussichtspunktes, am Lagerfeuer bequem und genossen bis spät in die Nacht die Flammen und die Sterne in dieser außergewöhnlichen Umgebung. An einem anderen Abend streunerten wir durch die Bars der Kleinstadt, genossen ein Bierchen bei Live-Musik und ein Flässchen Wein im Café eines Holzschnitzers. Deniz brachte mir Tavla (Backgammon) bei. An jeder Ecke sieht man die Türken jeden Alters dieses Spiel spielen.

Ich bin wieder einmal ganz glücklich nicht zur Hauptreisezeit unterwegs zu sein. Das Leben hier hat in den letzten Wochen wahrscheinlich einiges an Geschwindigkeit verloren und das gefällt mir sehr. Ich selbst nutzte eine Ruhephase um mich mal wieder ordentlich zu rasieren. Mein Bart hatte mittlerweile beträchtliche Größe angenommen. Und er war ein treuer Wegbegleiter. Er bot mir Beschäftigung, Geborgenheit und Spaß. So wie es Patrick Salmen in seinem Poetry Slam ausdrückt. Nadire aus Ankara meinte ich sehe aus wie Zeus…und sie ist Archäologin und weiß wovon sie spricht. Doch es war an der Zeit…er kommt wieder.

Quelle: YouTube (GlastonburyVids) | Patrick Salmen


Nur heisse Luft?

Eine der Dinge, die man in Kappadokien so macht, ist eine Fahrt mit dem Heißluftballon. Vor einigen Jahren hat ein findiger Geschäftsmann eine Ballonfahrt angeboten. Nach und nach gesellten sich weitere Ballons dazu und nun ist die Attraktion „Ballonfahrt“ selbst eine Touristenattraktion geworden. Sehr lange haben wir hin und her diskutiert ob wir das Geld für eine Fahrt in die Hand nehmen sollten. Wir haben uns dagegen entschieden. Doch ließen wir es uns nicht nehmen früh morgens den Hügel und Aussichtspunkt neben unserer Academy zu erklimmen. Von dort hatten wir einen traumhaften Blick über die startenden Ballons zum Sonnenaufgang. Aus versteckten Tälern leuchteten Ballons auf und erhoben sich langsam über die Ebene. Unzählige Ballons waren zu entdecken. In der Hauptsaison mögen es wohl doppelt so viele sein, doch es war auch so ein magischer Moment. Das röhren der Brenner, das Aufleuchten der Ballons, das wirre surreale Schweben der Himmelskörper. Nach ausreichenden Fotosessions bekamen wir dann aber auch die enorme Kälte zu spüren und wir machten uns zurück. Die anderen nahmen noch eine Mütze Schlaf und ich machte mich auf den Pferdestall auszumisten. Von nichts kommt nichts.


Derinkuyu - Die unterirdische Stadt

Nicht nur die Feen-Kamine und die Hügel Kappadokiens wurden durch den Menschen zugänglich gemacht. Bereits vor ca. 4.000 Jahren erschuf die Kultur der Hethiter gigantische unterirdische Städte. Es werden 50 dieser Städte in der Region vermutet, wovon 36 bereits entdeckt wurden. Ich besuchte mit den Damen die größte, zugängliche unterirdische Standt Derinkuyu. Es wird vermutet, dass die flüchtigen Christen im 6. Jahrhundert diese Städte für ihre Zwecke ausbauten um darin Schutz zu suchen. Und diese unterirdische Stadt ist genial. Sehr schlaue Systeme für Schutz, Luft, Wasser und Nahrung haben die sich da ausgedacht. Und sie ist gigantisch. Etwa 5.000 Menschen konnten bis zu 2 Monaten hier in den 13 Stockwerken bis 60m unter der Erde verbringen, ohne dass eine Person die Oberfläche betreten musste. Wahrlich beeindruckend. Zudem sind die unterirdischen Städte der Region miteinander durch kilometerlange Tunnel verbunden. Unser Guide war klasse, wir hatten viel Spaß in den Katakomben und haben viel gelernt. Platzangst sollte man jedoch nicht haben, die Passagen sind sehr eng und verwinkelt angelegt. Es fällt einem sehr schwer sich zu orientieren.

Burg von Selime & Ihlara Tal

Das in der Antike von den Seldschukischen Türken in den weichen Tuffstein gehauene Höhlensystem ist das größte erhaltene und begehbare Monument Kappadokiens. Und direkt nebenan hat George Lucas auch seine Kulisse für „Krieg der Sterne“ abfotografiert. Zuerst galt dieses Gebäude als Rastplatz für die Ost-West Karawanen. Später wurde es dann als christliches Kloster umfunktioniert. Eine große Kapelle wurde in den Stein gehauen und einige Fresken sind heute noch zu sehen. Es ist einfach faszinierend, mit welchem handwerklichen Geschick die Menschen vor hunderten von Jahren sich ein Berg ausgesucht und ihn dann für ihre Zwecke modelliert haben. Eine ganze Zeit erforschten wir die Räumlichkeiten, kletterten durch kleine Höhlen oder am Berg hinauf in weitere Stockwerke und genossen den Ausblick über das Ihlara Tal.

Nach dem Besuch der Burg sind wir die 400 Stufen hinab in die Ihlara Schlucht gestiegen. Diese ca. 15km lange und etwa 150m tiefe Schlucht ist gesäumt mit Felsenkirchen und Höhlengräbern byzantinischer Zeit. Eine Kirche davon haben wir besucht. Und hier ist das lustigste, beängstigende und lächerlichste geschehen, was ich seit langem erlebt habe. Ich hatte den ersten Kontakt mit radikal religiösen Fanatikern. Es waren Chinesische Hardcore-Christen. Bereits auf dem Weg hinab haben wir die vier Chinesen etwas belächelt, da sie mit einem Lautsprecher um den Hals die Umgebung mit Chinesischer Musik beschallten. Doch in der Kirche passierte etwas Unglaubliches:

Aus dem nichts zogen die vier Hörner aus den Taschen und tröteten lauthals in die Kirche. Wohl bemerkt, die Boom-Box mit chinesischer Musik lief weiter. Wir Touristen konnten uns das Lachen nicht verkneifen, doch unser Guide wurde sauer. Er erklärte den Chinesen, dass sie es bitte unterlassen sollten die 1.000 Jahre alten Fresken von der Wand zu blasen. Das war dann das Zeichen für die Hardcore-Gläubigen sich hinzuknien und Chinesische Formeln zu murmeln. Unser Guide wurde mit aggressiven Fragen zur Bibel attackiert und sie sprachen im Namen Gottes. Dann, plötzlich, Gesicht zur Erde und weiter murmeln. Friedlich…soweit…aber brutal beängstigend. Welch einer krassen christlichen Glaubensrichtung gehören die bloß an. Später lernten wir ihren Fahrer kennen. Einen Türken, der total fassungslos war. Die Christen-Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht wohl jede Kirche zu beschallen, die sie passierten. Und nicht nur das, auch in der Bank, im Supermarkt und auf dem Bazar blasen sie ihre Hörner. Stets rücksichtslos gegenüber anderen Personen und Dingen. Abgefahren…Gebt solchen Menschen eine Waffe und alles kann passieren.

Wir liefen ein paar Kilometer weiter durch die malerische Landschaft der Schlucht und ließen die verrückten China-Christen hinter uns. In einem kleinen Café mit Sitzgelegenheiten direkt über dem Fluss legten wir eine Pause ein und machten uns danach wieder auf den Rückweg. Unsere Tour führte uns noch zu einer Steinmanufaktur, in der Gefäße, Kunst und Schmuck produziert werden. Für mich aber irgendwie nichts Besonderes.


So saß ich regelmäßig abends auf dem Hügel neben der Academy und ließ meinen Blick in die Ferne über die außergewöhnlich geformten Täler und Hügel schweifen. Am Horizont der Erciyes Dağı, der höchste der drei Vulkane. Mit 3.917m überragt er alles und steht dort ganz alleine. Natürlich habe ich recherchiert wie es mit einer Besteigung aussieht, jedoch musste ich mir dies schnell aus dem Kopf schlagen. Falsche Saison, keine markierten Wege sowie Wölfe und anderes wildes Getier machen ihn für mich, auf dieser Reise, unbesteigbar. Doch ich bin zufrieden. Sehr zufrieden. Die Arbeit hier in der Academy gibt mir so viel. Das Lachen der Kinder, die begeisterten Blicke und die freundschaftliche Atmosphäre untereinander machen mich glücklich.

 

Nun bin ich, gemeinsam mit Deniz, wieder auf dem Weg nach Ankara. Naja…sollten wir dort ankommen. Der Bus hatte einen Reifenplatzer bei Vollspeed auf der Autobahn. Doch der Busfahrer hat alles souverän gelöst. Jetzt geht’s ab zum Reifenhändler.

 

Wie es in Ankara weiter geht erfährst du bald. Görüsürüz, Schilli


Funfacts

- Die  Steinmanufaktur war mittel…aber die Dame die die Führung gemacht hat war super witzig. Etwas overdressed und lächerlich.

- Ich kam mit allen Tieren super klar. Bis auf Sürmeli, der großen schwarzen Pferdedame. Ständig mussten wir miteinander kämpfen wer der Boss ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie mich töten wollte.

- Die kleine Saison-Ende-Party auf der Nachbarranch war überragend. Dort lernte ich Sarah, die deutsche Volontärin kennen. Bei hausgemachten Wein genossen wir den gemütlichen Abend in der Höhle.


Danke auch an Deniz für ein paar der Bilder!


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