#17 | Am Ende...der Sieg über sich selbst | 143. Reisetag

Bevor wir das Auto in Richtung Geyikbayiri beladen hatten, gesellten sich Maria (AT) und Simon (AT) noch zu uns. Die beiden haben wir in den letzten Tagen im Baumhauscamp kennen gelernt und die zwei überragenden Kletterer haben sich spontan dazu entschlossen mit uns am selben Abend aufzubrechen. Wir beluden also dass Auto mit fünffachem Gepäck, Kletterequipment und Janosch Rad. Gerade wollten wir losfahren, da holte uns der Besitzer des Baumhauscamps nochmals in die große Gemeinschaftsscheune und bat uns doch nochmals mit der Gruppe zu essen. Natürlich ließen wir uns nicht zweimal bitten. Vollbepackt, mit gerade so viel Platz dass man eine Flasche Bier halten konnte, sind wir mit dem Mietwagen dann spät abends in Geyikbayiri angekommen.

Geyikbayiri

Eine deutsche Klettergruppe hatte hier vor einiger Zeit das Gebiet klettertechnisch erschlossen und im Laufe der Zeit über 850 Routen installiert. Das Camp JoSiTo, welches sie inmitten der Felswände gegründet haben erfreut sich großer Beliebtheit. Da wir aber lieber lokale Familienbetriebe unterstützen wollten, statt dass Geld zurück nach Deutschland fließt, haben wir uns in dem Camp direkt daneben nieder gelassen. Janosch schlug sein eigenes Zelt auf, Maria und Simon mieteten sich eines und David und ich nahmen nach einigen Verhandlungen eine kleine, gemütliche Holzhütte. Obwohl die Klettersaison aufgrund des Klimas weit in den Winter hinein reicht, war auch hier nicht viel los. Gut für uns. Wir konnten uns mit den paar Klettertouristen anfreunden und an den Felsen gab es kein Gedränge.

Jeden Tag hieß es, nach dem selbstgemachten Frühstück, ab an die Felsen. Keine 5 Minuten Fußmarsch zu den gigantischen Felsbändern. Es gab sogar einen Felsen direkt bei uns im Camp. Hier hätte man quasi direkt von der Toilette aus sichern können. David, Janosch und ich waren immer zu dritt unterwegs. Was mir

ganz gut in die Karten gespielt hat, so konnte ich die Pausen zwischen Klettern und Sichern mit Fotografie, Zigaretten, Unsinn und Erholung verbringen. Gefühlt 95% der Routen sind für mich viel zu anspruchsvoll. Doch bei der Anzahl der Routen waren natürlich auch für mich ein paar passende dabei. Und ich bin total begeistert von meinen Kletterpartnern Dave und Janosch. Es ist an der Zeit euch mein größtes Dankeschön auszusprechen. Geduld, Spaß, Motivation, Toleranz und Verständnis. Das sind die Eigenschaften die ich euch bezüglich der Kletterei ganz hoch anrechne. Ihr seid spitze!

Es hat mir wie immer sehr viel Spaß gemacht meine geistigen Grenzen zu erforschen. Momentan bin ich davon überzeugt, dass mein Körper/die Kraft oder die Technik nicht mehr das Problem ist. Bevor ich ermüde, macht mir mein Kopf einen Strich durch die Rechnung. Immer noch kämpfe ich jede Sekunde in der Wand mit einem Trauma. Letztes Jahr, bei meinem zweiten Kletterversuch in der Halle bin ich für einen Fallversuch die Wand herunterglitten und da ich mich in einem einfachen Schwierigkeitsgrad befand, die Griffe/ Tritte also etwas größer ausfallen und von Überhang natürlich noch nicht die Rede war, habe ich mich prompt verletzt. Mein rechtes Sprunggelenk wurde dabei beträchtlich beschädigt, was mir 2 Monate Krücken bescherte. Doch, sobald ich wieder problemlos laufen konnte, kaufte ich mir Kletterschuhe und bin wieder zurück in die Wand. Es macht einfach zu viel Spaß! Seit diesem Tag jedoch, bin ich nicht ein einziges Mal gestürzt. Was schlecht ist. Ich gehe kein Risiko mehr ein…gehe nicht ans Limit und auch augenscheinlich problemlose Züge werden in mir zu einem Kampf gegen mich selbst. Doch das liebe ich am Klettern, es ist kein Wettkampf (zumindest für die Meisten), es ist höchstens ein Wettkampf mit sich selbst. Und so versuche ich mich immer wieder und habe kleine und größere Erfolgserlebnisse. Ohne den Anspruch großartig besser zu werden.

So hatte ich bereits am ersten Tag ein Projekt für mich gefunden. Eine wundervoll in sich verschlungene Route mit Start im leichten

Überhang. Ich wollte den Platz nicht verlassen, bevor ich diese Route nicht im Top-Rope geschafft habe. Normalerweise klettere ich lieber Vorstieg, doch für mich ist diese Variante bei dieser relativ harten Route ausreichend anspruchsvoll. Und es sollte auch drei Tage und etliche Versuche dauern, bis ich es geschafft hatte! Bilder, Videos und Erzählungen können nicht beschreiben, welche Anstrengungen, innere Auseinandersetzungen und Gefühlsachterbahnen ich durchlebte. All das ist Teil des Sports. Dies ist die Essenz dessen, was einen Kletterer süchtig macht…was mich süchtig macht. Andere Kletterer mögen mich belächeln, doch ich bin ungemein stolz auf mich und das kann mir niemand nehmen. Und wer einen Kampf gegen sich selbst gewinnt, der darf das auch. Wir wachsen jeden Tag an uns selbst. Das zeigt das Klettern für mich sehr beeindruckend, einfach und schön.


Den Rest der Zeit im Camp verbrachten wir mit Kochen, Essen und natürlich vielen interessanten Unterhaltungen. Das Klientel vor Ort ist ein ganz besonderes. Alle verbindet eine gemeinsame Leidenschaft. Das macht die Atmosphäre natürlich aus. So sieht man zum Frühstück schon die ein oder andere Partneryoga-Einheit, beim Abendessen wird im Gemeinschaftsraum Klimmzüge-Sets abgehalten oder man Fachsimpelt über Routen, Griffe und Technik. Obwohl ich blutiger Anfänger bin, habe ich mich keineswegs Fremd gefühlt. Ein Milieu, das ich auf jeden Fall vermissen werde. Und ich bin sehr froh, vor allem mit Dave und Janosch zwei richtig gute Freunde gefunden zu haben. Achja, eine dritte Person gehört noch dazu. Ein paar Tage nach unserer Ankunft stoß Deniz (TR) zu uns. Wir lernten sie in Olympos kennen und verbrachten nun auch in Geyikbayiri viel Zeit bei Wein & Bier miteinander. Deniz spricht ausschließlich Türkisch. Doch dank digitaler Übersetzer, kreativer Mimik und Gestik, sowie dem gemeinsamen Entschluss Freunde zu werden, war die Sprachbarriere nicht allzu groß. Zwischenmenschliche Kommunikation basiert nur zu einem Bruchteil aus Sprache, dass konnte ich hier sehr deutlich erfahren.

Doch nach einiger Zeit rief mich wieder der Aufbruch. Ich wollte in die Hauptstadt Ankara um mich um die zukünftigen Destinationen meiner Reise zu kümmern. Fast jeder Türke, den ich um Inspiration gebeten hatte, hatte mir von Ankara abgeraten. Aber es befinden sich nunmal fast alle Botschaften in der grauen Metropole. So entdeckte ich noch ein letztes Felsband mit den anderen und machte mich dann auf in Richtung Norden. Zuerst fuhr ich per Autostop auf der Ladefläche eines Pickups nach Antalya, wo eine achtstündige Busfahrt über Nacht auf mich wartete. Die Zeit bis zur Abfahrt nutzte ich noch um Passfotos schießen zu lassen und meine müden Muskeln auszukurieren. Als der Bus dann pünktlich um Mitternacht abfuhr, nahm ich das Bordentertainment-System in Anspruch bis ich am gigantischen Busbahnhof Ankaras ankam. Ich kann in Bussen einfach nicht schlafen…noch nicht.

Ankara

Gleich vom Busbahnhof ging es zu Iranischen Botschaft. Jupp, als nächstes Land habe ich den Iran auserwählt. Wenn alles soweit klappt. Ist aufwendig und detailreich. Aber wird schon irgendwie klappen. Um teure Visum-Agenturen zu umgehen bin ich erstmal zur Botschaft und habe mich dumm gestellt. Vorher noch eine rauchen, dachte ich mir. Blöde Idee vor der Botschaft herumzulungern…mit gigantischem Gepäck. Ich wurde natürlich erst einmal gründlich von der mit Maschinengewehren bewaffneten Polizei verhört und durchsucht. Besser ist das. Wenigstens konnte ich dabei rauchen. Und zu allem Unglück war der Besuch in der Botschaft zudem erfolglos. Ich muss mir doch über eine Online-Agentur erst eine Antragsnummer besorgen…20 Tage dauert das ungefähr. Mist. Naja, ich mache mir erstmal keine Sorgen, vielleicht schaffe ich ja in der Zwischenzeit bereits das Visum für Indien zu bekommen…dachte ich mir.

Aber zuerst ging es zu meinem Zuhause der nächsten Tage. Unweit der Botschaft nistete ich mich bei meiner neuen Freundin Nadire (TR), die ich über Couchsurfing kennen lernte, ein. Gemeinsam mit ihr verbrachte ich eine ultracoole Zeit in Ankara. Mag die Stadt auch noch so wenig zu bieten haben, hässlich und dreckig sein, mit den richtigen Leuten an deiner Seite wird die Welt überall wunderbar. Die ersten Tage war Nadires Mutter auch mit von der Partie. Sie besuchte ihre Tochter und ich wurde wie ein neues Familienmitglied aufgenommen. So habe ich auch wortwörtlich türkische Hausmannskost testen dürfen. Als kleines Dankeschön während sie am Kochen waren, habe ich, Guitarlele schwingend die Damen musikalisch in der Küche unterhalten. Nadire lebt Vegan, was sehr interessant ist und ich lerne viel über die vegane Küche. Wir respektierten unsere Essgewohnheiten gegenseitig und sie hat mir sogar einmal Pfannkuchen (mit Ei!) zum Frühstück serviert. Ich muss zugeben, dass mich Nadire ausgezeichnet verpflegt und beherbergt hat. Ich habe mich wie ein König gefühlt. Danke dir Nadire!

Nadire ist 27 und Archäologin in Ausbildung. Das alleine brachte uns natürlich ausreichend Gesprächsstoff für die kommenden Tage. An einigen antiken Orten Anatoliens, die ich bereits besucht hatte, war sie selbst bei Ausgrabungen tätig. Geradezu prädestiniert war dann natürlich der Ausflug in das Anatolische Museum. Ein riesiges Museum mit faszinierenden Funden und Geschichten Kleinasiens von der Steinzeit bis heute. Es ist beeindrucken, wie diese Region als Bindeglied zwischen Europa und Asien mit Kulturgütern verschiedenster Völker und historischen Kulturen strotzt. Vor allem durch meine professionelle Begleitung habe ich natürlich wieder einiges gelernt. Neben dem Museum, dem alten Schloss, Überresten des römischen Augustustempels sowie dem osmanischen Stadtzentrums, hat die große Hauptstadt aber tatsächlich nicht viel zu bieten.

Und eben dies ist auch der Grund, warum Atatürk die Hauptstadt der türkischen Republik hier gründete. Zum einen die relativ Zentrale Lage im Staatsgebiet, zum anderen die Abwesenheit von Bürgertum, Geld und religiöser Macht. Denn diese Dinge waren alle im reichen Westen, allen voran Istanbul, ansässig. Die Hauptstadt der Bauernrevolution sollte also auch in einer Bauernregion platziert werden. Eigentlich eine gute Idee. Doch wie auch in der Nachkriegszeit in Deutschland, haben trockene Betonbauten, triste, praktische Architektur und graue, künstliche Stadtplanung Einzug erhalten. Heute sind die gigantischen Zweckbauten der Politik, Institutionen und Militärs im Stadtzentrum zu entdecken. Aktuell natürlich gepaart mit Hundertschaften von schwer bewaffneten Soldaten und Polizisten. Auf unserem allabendlichen Heimweg passierten wir zum Beispiel das Hauptgebäude von Erdogans AK-Partei und passierten Absperrungen, Polizeibusse und Fahrzeuge voller Maschinengewehre. Man gewöhnt sich zwar daran, krass bleibt es dennoch.

So wird es zur Normalität einen Kaffee in Kizilay zu trinken, dem zentralen Ort an dem regelmäßig Studentendemonstrationen brutal von der Exekutive niedergeschlagen werden. Aber klar…hier leben Menschen tagein tagaus…sie müssen sich ein kleines bisschen Normalität erhalten und kehren nach „Aktionen“ relativ schnell wieder zur Ruhe zurück. Nadire erzählte mir viel über die Gefahren sich in Interessensgruppen oder gar rein zufälligen Studentenansammlungen aufzuhalten. Sie ist Studierende und wurde bereits selbst Opfer von rigorosen Polizeieingriffen. Ich werde jeden Tag wieder daran erinnert, in welchem Zustand sich das Land befindet. Auch wenn ich lustige Reisebilder veröffentliche, alles hat immer einen Beigeschmack.

Eine Sehenswürdigkeit wollte ich mir in Ankara aber auf jeden Fall ansehen. Anitkabir, das Mausoleum Atatürks. Ein absolut gigantisches Bauwerk, welches mich etwas an das Lincoln Memorial in Washington DC erinnert. Nur dass es viel größer ist. Natürlich, Atatürk ist DER, vllt. einzige, Held der Nation. Er wird sowohl von Befürwortern sowie Gegnern der aktuellen Politik ausgenutzt und zitiert. Jedes Kind kennt seine Sprüche und an jeder Ecke ist sein Gesicht zu sehen. Also wollte ich mal gucken, wo der gute Mann denn begraben ist. Und ja, ich habe ihn als guten Mann abgespeichert. Natürlich hat er einen bewaffneten Konflikt entfacht und unter seiner Führung oder unter seinem Befehl sind Tausende gestorben. Jedoch seine Idee der türkischen Republik, sein Kampf für Rechte und vor allem Menschenrechte, Säkularität, Umweltbewusstsein und Kultursinn finde ich im Großen und Ganzen unterstützungswert.

Traurig ist, wie er heute von verschiedensten Interessensgruppen missbraucht wird. Der Besuch im Mausoleum hat mir teilweise einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen lassen. Man versucht zwar relativ neutral Atatürk zu danken und Informationen über Ihn zu vermitteln, aber es ist erschreckend und beängstigend wie eine Person so heroisiert wird. Vielleicht bin ich zu Deutsch, jedoch mag ich es nicht, wenn eine Person so glorifiziert wird. Egal was auch immer diese Person gemacht hat. Dass muss doch zwangsläufig zu Problemen führen, so denke ich. Es führt zur monoperspektivischen Sicht auf die Dinge und verhilft leicht Menschen zu emotionalisieren und damit auch bei Bedarf zu radikalisieren. Nicht gut! Davon abgesehen ist das Mausoleum total beeindruckend und einen Besuch wert!


Also abgesehen von den leider alltäglichen, politischen Problemen und Diskussionen, haben Nadire und ich uns es richtig gut gehen lassen. Ich habe es sehr genossen mal wieder einen Tag nur vor dem Bildschirm bei Serien und Snacks zu genießen. Das darf einem doch gegönnt werden, auch auf Reisen…bzw. gerade dann! Unter anderem verbrachten wir aber auch einen Tag beim Schuster, da sich Nadire als leidenschaftliche Tango-Tänzerin ein Paar handfertigen ließ. Und ich nutzte die Gelegenheit mich kleidertechnisch auf den Winter einzustellen. Ja, leider fallen hier nun auch die Temperaturen in der Nacht unter den Gefrierpunkt. Es ist schweinekalt um ehrlich zu sein.

Doch nach ein paar geruhsamen Tagen in Ankara brannten mir wieder die Nägel. Ich wollte etwas schaffen. So hatte ich mir ein Volontoriat in einer der außergewöhnlichsten Landschaften der Welt besorgt. Ich packte also wieder mal mein komplettes Leben in meinen Rucksack und brach mit dem Bus in Richtung Osten auf. Nadire beglückte mich noch mit drei Geschenken. Einem Nazar, einem blauäugigen Talismann, der mich vor negativer Energie beschützen soll. Einem Schal, der mich vor Kälte schützt und einer Tesbih (Misbaha), welche mich vor Langeweile schützt. Tesbih sind ursprünglich islamische Gebetsketten, die hier aber hauptsächlich von Männern zum nervösen rumspielen in den Händen genutzt werden.

 

Ich bin gespannt was mich in Kappadokien erwartet. Du auch? Im nächsten Bericht wirst du es erfahren. Bis dann, Schilli


Funfacts

- Meine Freundin Berengere(F) lehrte mich und ein paar türkischer Mädchen 2-3 Formationen der Partnerakrobatik. Wer hätte gedacht, dass ich das jemals auch nur versuchen werde?

- Den Absatz zu „Maximum Banana“ spare ich mir…ist schwer zu beschreiben. Unbeschreiblich? Ein durchgeknalltes Unikat!

- In unserem Bungalow hatten wir den ehrenwerten Besuch einer Schlange. Das Reisen hat den nächsten Level erreicht!

- Nadire und ihre Mum haben teilweise stundenlang das Essen vorbereitet (z.B. Weinblätter wickeln). Faszinierend und natürlich lecker!


Danke auch an Janosch für ein paar der Bilder!

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