#15 | Aufstieg, Action & Abenteuer | 121. Reisetag

„Unberührte Jungfrau im Lande des Lichts“, das ist die Bedeutung des antiken Namens des Städtchens Fethiye. Einen wunderschönen Flecken Erde haben sich die Türken hier ergattert. Die an Südküste gelegene Stadt lebt hauptsächlich vom Tourismus und ich kann mir nur vorstellen, wie voll es hier in der Hauptsaison sein muss. Vor allem Engländer, Russen und Chinesen kommen hier her. Doch ich bin nicht in der Hauptsaison hier und die Stadt ist ruhig, gemütlich und familiär. Das Hostel "El Camino“ welches ich bezog liegt an einem Hügel gegenüber des Yachthafens und bietet mit dem Pub auf dem Dach nicht nur eine gute Möglichkeit zu speisen und trinken, sondern auch einen wahnsinnig tollen Ausblick über die Stadt. Hier verbrachte ich, bei der einen oder anderen Tasse türkischen Kaffees oder auch mal einem Bierchen, gerne Zeit um mit meinen Reiseberichten aufzuholen, meinTagebuch zu aktualisieren und euch baldmöglichst auf den neuesten Stand zu bringen.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen. Neben Kreta gehört Fethiye bisher zu den wundervollsten Plätzen meiner Reise. Aus zwei geplanten Nächten wurden acht. Grüne Hügel und Berge säumen die mit vielen Buchten ausgestattete Küste, die sich in unzähligen Windungen, wie eine Schlange, am Meer entlang zieht. Perfekt um zu wandern, idyllische und verlassene Plätze zu entdecken und um die vielen Unterhaltungsangebote der Region wahrzunehmen. Zudem gehört Fethiye bereits zum antiken Kleinreich von Lykien und hat auch geschichtlich und archäologisch einiges zu bieten. Und genau das habe ich gemacht. Etwas Geschichte und viel, sehr viel Outdoorsport. Natürlich möchte ich dir meine Highlights nicht vorenthalten.

Die Sehenswürdigkeiten der Stadt

Überall in der Stadt sind Zeugnisse der ehemaligen Lykanischen Kultur zu entdecken. Die gigantischen Steingräber sind überall zu finden. Sie stehen teilweise inmitten von Straßen oder im Garten einer öffentlichen Einrichtung. Über 2.000 Jahre verweilen diese nun schon innerhalb der dauerhaft Besiedelten Gegend nebst verschiedener Kulturen. Das Aushängeschild und Wahrzeichen Fethiyes sind die Höhlengräber oberhalb der Stadt. Mit viel Handwerkskunst haben die Lykier die Höhleneingänge als gigantische Tempeleingänge in Form gebracht. Säulen, Türen, Fenster und Giebel enormen Ausmaßes wurden aus den Felsen des Berges geschlagen. Die Promenade entlang der Küste ist mit schönen Parks, diversen Denkmälern und Wasserspielen hervorragend eingerichtet.

Besonders Spaß haben die Fethiyeaner wohl am Formen von Pflanzen. Denn diese Planzen-Skulturen (meist Tiere) sind wirklich überall. Spannend sind die vielen Märkte, die hier jeden Tag in der Woche zu besuchen sind. Frisch, lecker und preiswert bieten hier Hundertschaften von Händlern ihre Ware feil. Hoch oben über der Stadt thronen die Ruinen einer mittelalterlichen Burg. Ich hatte diese bereits einmal am Tag erlebt, doch war meine chinesische Mitbewohnerin 蓝静芸 so freundlich, mit mir meinen 29. Geburtstag dort oben mit einer Flasche Rotwein zu feiern. Ein zauberhafter Ausblick. Perfekter Geburtstag.

Höhenflug

Da diese Region als eines der schönsten Gleitschirm-Gebiete der Welt gilt, kommen viele Profis aber auch Hobbyflieger aus aller Welt, nur deswegen hier her. Und Dank der Tandem-Technologie können auch Amateure ihre Schwindelfreiheit auf die Probe stellen. Einige Agenturen bieten dies vor Ort an und ich habe Stunden damit verbracht mit diesen zu verhandeln um einen für mich erschwinglichen Preis zu erzielen. In der Nebensaison hat dies ganz gut funktioniert und dann war es also fix. Ich habe beim Frühstücken gebucht und bereits eine Stunde später sollte mich der Shuttle der Agentur am Hostel abholen. Durch das bisschen Bergsport, welches ich gerne mache weiß ich, dass Höhe kein Problem für mich ist, aber ganz ohne etwas Solides in der Hand oder unter den Füßen?


Ohne viel Gerede ging es direkt hoch auf den Berg Babadag, der mit ca. 2.000m Höhe über der Bucht von Ölüdenz thront. Die wunderschöne Bucht wird das Ziel unseres Sprungs sein. Mert (TR), ein Profigleiter und auch Gleitschirm-Akrobat, wird mein Pilot sein. Kein Mann großer Worte. Er schnallte mich an, befestigte sich selbst an mir und den Schirm an uns und forderte mich auf zu Rennen. Einfach so…nicht aufhören…den Steilhang hinab. Ein brutal geiles Gefühl, wenn der Schirm die Luft unter sich sammelt und dir langsam den Boden unter den Füßen entreißt. Wir stiegen durch die Thermik noch etwas höher, so knapp über den Berg und flogen hinaus aufs Meer. Worte können nicht beschreiben, wie sich die Mischung aus Ausblick, Wind, Rauschen, Freiheit und Sonne anfühlt. Ich hatte nämlich absolut bestes Wetter. Nicht eine einzige Wolke am Himmel und der Wind sei laut Mert auch perfekt. Nach ca. 20 Minuten gleiten (ich verlor jegliches Zeitgefühl) fragte mich Mert ob ich Lust auf etwas Akrobatik habe? Na, so lange ich nur dasitzen und nichts machen muss, gerne. Entgegnete ich ihm. Und ab ging die Luzi! Mert ist ein Freak! Etliche Loopings, Fallproben und Steilkurven flog er mit mir. Ich habe es total abgefeiert! Einfach spitzenmäßig. Wir gleiteten noch ein wenig entlang der Küste und setzten, an der Uferpromenade zwischen allen Passanten zur Landung an. Ein total geiles Erlebnis, dass ich gerne jeden Tag wiederholen möchte!

Ich komme, Nemo!

Eigentlich wollte ich ja warten bis ich in Südostasien unterwegs bin. Bisher wäre das Tauchen auch immer mit immensen Kosten verbunden gewesen. Hier jedoch konnte ich mit einem kleinen Familienunternehmen einen unschlagbaren Preis für ein

Schnuppertauchen verhandeln. Mit dem Boot ging es morgens raus aus der Bucht von Fethiye zu einer sehr schönen, kleinen Bucht. Unterwegs erklärte uns der Tauchmaster ein paar Grundregeln und weitere Basics zum Thema Tauchen. Ich teilte mir das Boot mit der Crew, 3 erfahrenen Tauchern aus England, einer britischen Familie und zwei türkischen Mädchen, mit welchen ich in einer Dreiergruppe das erste Mal mit Sauerstoffgerät unter Wasser durfte. Ein komisches, aber total geniales Gefühl schwerelos unter Wasser zu gleiten. Ich war schon immer ein Wasser-Typ und ich glaube seit jenem Tag bin nun auch ein Unterwasser-Typ.

Beeindruckend, dass selbst beim Tauchgang eines der türkischen Mädchen ihr Kopftuch trug. Die zwei hatten etwas Probleme mit dem Atmen und dem Druckausgleich, so nahm mich ein Führer, der wohl merkte dass es bei mir super läuft, zur Seite um mit mir noch etwas tiefer und weiter zu gehen. Natürlich fütterten wir auch Fische, was zum Touristending halt auch dazu gehört, doch das wäre meiner Meinung nach gar nicht nötig gewesen. Ich wollte weiter und tiefer…Doch bei 8m Tiefe war Schluss und ich musste zurück zum Boot. Nach dem Mittagessen (Spaghetti-Bolo) ging es zum zweiten Tauchgang mit ca. 30 Minuten. Ich bin angefixt und hätte fast auf dem Boot noch eine Buchung für einen Tauchschein gemacht. Aber da warte ich doch noch bis Thailand, wo es vllt. noch günstiger ist. Nach 8 Stunden Boots-, Schnorchel- & Tauchtour kamen wir wieder im Hafen an. Wir sehen uns wieder, Unterwasserwelt!

Die Schlucht von Saklikent

Eines Abends, ich war gerade wieder am Schreiben in der Bar, kam mein neuer Mitbewohner ins Hostel geradelt. Janosch, 27 und Lehrer, aus München ist auf dem Weg nach Nepal. Richtig, von München aus. Ich habe ja schon einiges gehört, aber das ist beeindruckend. Schön ist, dass er den Trip mit einer Spendensammlung zur Erbauung einer Schule in Nepal gewidmet hat und bereits über 10.000 € sammeln konnte! Respekt. Doch noch ist das Ziel, die Schule auch erdbebensicher zu bauen, leider nicht erreicht. Schaut doch einmal auf www.cyclingfornepal.com vorbei (nähere Infos auch unter People & Projekte), macht euch selbst ein Bild und leistet doch auch einen kleinen Beitrag. Die Kosten seiner Reise trägt Janosch natürlich zu 100% selbst, alle Spenden kommen direkt der Schule und damit der Zukunft der Kinder vor Ort zu. Ich unterstütze das!

Leider konnte Janosch nur zwei Nächte in Fethiye verbringen – wer nimmt sich schon so viel Zeit wie ich – jedoch habe ich ihn gleich umworben mit mir am Folgetag einen gemeinsamen Trip zu machen. Natürlich konnte ich ihn begeistern mit mir gemeinsam die Schlucht von Saklikent zu besuchen. Saklikent ist ein Naturschutzgebiet im Herzen Lykiens und hat neben 3000m hohen Bergen auch eben jenen, gigantischen Flusslauf zu bieten, der eine bis zu 300m tiefe Schneise in das Gestein des Berges gefressen hat. Nach einer ruppigen Fahrt mit dem Dolmus durch Baustellen gelangten wir an den sehr touristisch erschlossenen Eingang der Klamm. Dutzende Restaurants und „Adventure“ Anbieter. Es gibt hier wohl die Möglichkeit mit der Seilbahn über und dem Raftingboot auf dem Fluss zu fahren. Aber uns war eher danach die Klamm zu Fuß zu erkunden. Ticket für ein paar kleine Euros gekauft und rein ging es. Über einen wohlpräparierten Holzweg gelangten wir an einige Quelltöpfe, also Löcher in den Felsen, die enorme Mengen an Wasser aus dem Boden heraus drücken. Dann ging es ab ins arschkalte Wasser. Immer schön Flußaufwärts. Einen überteuerten Guide haben wir uns hier nicht aufreden lassen. In einer Schlucht wie dieser, sollten wir uns auch nicht verlaufen.

13km lang ist diese Schlucht, also etwas kürzer als die Samaria Schlucht auf Kreta (Bericht #4) und es sind nur 2km flussaufwärts ohne Klettermaterial zu erreichen, doch wieder einmal hat mich dieses Naturschauspiel stark begeistert. Eine Besonderheit des Wassers hier ist, dass es nicht nur brutal kalt ist, sondern auch sehr Schlammhaltig. Überall im Flußbett ist grauer Schlamm zu finden und auch teilweise zu durchwaten. Natürlich wird hier einem eine angeblich heilende und pflegende Wirkung des Schlammes verkauft. Er war stellenweise amüsant, aber ein Schlammbad haben wir uns nicht gegönnt. Na gut, Janosch stand einmal hüfthoch darin, aber das eher aus Mißgeschick. Ohne Hilfe hätte er sich schwer getan hier wieder heraus zu kommen.

Wir folgen weiter dem Weg, der immer enger, nasser und auch dunkler wurde. Teilweise reichte uns das Wasser des Flusses bis unter die Achseln und wir haben viel Spaß daran gefunden uns gegenseitig auszulachen, wenn wir durch das undurchsichtige Wasser taumelten. Schließlich kamen wir am Ende und Wendepunkt unseres Wassermarsches an. Einem Wasserfall, der natürlich erst nach einigen Versuchen, unerkletterbar für uns erschien und wir unsere Mittagspause hier abhalten konnten. Es war unser Vorteil, dass kaum andere Touristen zu sehen waren. Es ist sicher ein beliebter Ort für Menschen, doch wir haben in der gesamten Schlucht nur ein paar Wandergruppen überholt oder uns entgegen kommen sehen. Irgendwann auf dem Rückweg konnte ich meine Füße kaum mehr spüren und auch Janosch war durchgefroren. Die Dusche unter dem Wasserfall war es dennoch wert. Doch mussten wir unseren kompletten Mut aufbringen um am Ausgang nochmals ins klare Quellwasser zu springen, um den Schlamm von Körper und Klamotten zu lösen. Es war eine sehr schöner Tag und ich bin glücklich in Janosch einen neuen Freund gefunden zu haben.


Auf dem Lykischen Weg

An meinem letzten Tag, während Janosch noch spontan einen Gleitschirmflug angetreten hatte, machte ich mich auf eine Tageswanderung entlang der Küste. Fethiye ist Start- oder Endpunkt eines berühmten und wundervollen Fernwanderweges. Das andere Ende liegt ca. 420 wanderkilometer weiter östlich in Antalya. Ich bin ja gerne mit meinen Freunden aus meiner Geburtsstadt auf Fernwanderwegen unterwegs und dieser, der Lykische Weg, steht definitiv ganz weit oben auf der Liste meiner Vorschläge für zukünftige Wanderungen. Alleine wollte ich diesen Gewaltmarsch jedoch nicht antreten, mir es aber nicht nehmen lassen ihn wenigstens „auszuprobieren“.

So machte ich mich vom Hostel bergauf und erreichte nach ca. drei Stunden, durch eine schöne Waldlandschaft eine verlassene Stadt. Diese wird auch überall beworben und ist natürlich auch touristisch erschlossen. Hier lebten ausschließlich Griechen, die nach dem Griechisch-Türkischen-Krieges im Jahr 1923, auf Basis des Friedensabkommens von Lausanne, im Zuge des organisierten Völkeraustausches, zwangsumgesiedelt wurden. Und da keine Türken die Stadt besiedelten, ist es heute eine Geisterstadt, die langsam aber sicher wieder von der Natur zurückerobert wird. Naja…nicht wirklich, da nun die Touristen das Land für sich beanspruchen. Aber dennoch, war es ein ungewöhnliches Gefühl durch die Straßen der Stadt zu schlendern und die Ruinen der Häuser, Kirchen und Plätze zu erforschen.

Durch diese Stadt führt der Weg weiter. Am Hang des Berges, entlang der wundervoll geformten grünen Küste nahm ich 10 weitere Kilometer in Angriff und genoss den gut präparierten Weg, die malerische Aussicht, die Einsamkeit und das traumhafte Wetter. Ziel meines Weges war die Bucht von Ölüdeniz. Die faszinierende Bucht, die schon als Landeplatz für meinen Gleitschirmflug herhalten musste. Hier ließe ich mir ein Sprung ins Meer natürlich nicht nehmen und genoss eine kalte Cola, während die Sonne hinter einem Hügel langsam schlafen legte. Das war dann auch mein Zeichen den Heimweg anzutreten. Da wandere ich den ganzen Tag und der Bus zurück kostet mich nur 1,28€! Aber kein Bus kann einem geben, was das Wandern einem gibt!


Als ich im Hotel ankam, war Janosch bereits wieder auf seinem Fahrrad in Richtung Antalya. Und genau dort werde ich auch als nächstes hin. Ich habe mich bereits mit ihm dort verabredet, doch werde ich – fauler Hund – natürlich mit dem Bus etwas eher da sein.

 

Es gab vor ein paar Tagen erst einen Bombenanschlag in Antalya, doch die gibt es auch in Paris oder Brüssel. Davon lasse ich mich erst einmal nicht beirren. Ich freue mich darauf, die Stadt kennen zu lernen.

 

Bis zum nächsten Mal. Dein Schilli


Funfacts

- Keine Sekunde zu früh! Bei der Fahrt nach Fethiye, über phantastische Bergpässe, hielten wir zur Pause. Eine Frau mit Kind steigen aus und kotzen erstmal…beide!

- Meine Chinesische Mitbewohnerin ist Sommelier von Beruf. Sie erklärte mir die tollen Weine Badens. Württemberg kennt sie nicht...oder hat vllt. mal davon gehört. Banausin!

- Viele Chinesen habe ich getroffen und fast alle nehmen die gleiche Route Türkei-Ägypten. Komisch…

- Der Südkoreaner hingegen ist bereits 25.000 km von Südkorea mit dem Motorrad über Land unterwegs.

- Ich Idiot habe den Hostelschlüssel natürlich nicht abgegeben. Zum Glück viel mir es noch am Busbahnhof auf und ich konnte ihn dort hinterlegen.


Danke auch an 蓝静芸 und Janosch für ein paar der Fotos!


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Kommentare: 1
  • #1

    Marielle (Mittwoch, 09 November 2016 22:26)

    Toll, dass du soviel erlebst. Mag der Tag auch noch so sch* sein, es stellt mich auf zu lesen, dass es noch Leute gibt, die trotz Bedrohungen herumreisen und dabei andere Menschen und Kulturen kennen lernen. Nichts ist meiner Meinung nach für den Dialog und den Zusammenhalt zwischen verschiedenen Kulturen so wichtig, wie das gegenseitige Kennenlernen. Und dafür muss man genau das tun: Unterwegs sein, reisen, Leute kennenlernen! (-: Wünsche dir weiterhin ganz viele tolle Erlebnisse. Pass auf dich auf. (-;