#14 | Izmir egal | 113. Reisetag

Ich machte mich von meinem Hotel also wieder auf den Weg zum Busbahnhof Bursas. Das Bussystem in der Türkei ist überragend. Jede Stadt hat einen wohl organisierten, zentralen Busbahnhof. Gefühlt 100 verschiedene Busunternehmen buhlen hier um Fahrgäste, was die Preise niedrig, die Verwirrung jedoch groß macht. Wenn man sich im Vorfeld bereits über Preise informiert, kommt man aber ganz gut durch. Bei größeren Städten wie Bursa liegen diese Busbahnhöfe außerhalb der Stadt, jedoch haben sie stets eine relativ gute Verbindung ins Stadtzentrum. Zumindest war das bis jetzt so. In Izmir war ich überfordert und die Menschen, die ich angesprochen habe konnten oder wollten mir nicht wirklich helfen. Nach stundenlanger Fahrt habe ich mich dann letztendlich für die teuerste Variante, einem Taxi entschieden. Hilft ja nichts.

Das Hostel in Izmir war sehr schön, mit einem kleinen Garten und einem darin befindlichen Brunnen, war es kleine, gemütliche Insel inmitten der Millionenstadt. Sehr fein war das Frühstück, dass hier für ein paar Lira zusätzlich eine große Auswahl an türkischen Spezialitäten bot. Was ganz spannend war, war dass die Hostelgäste fast alle Langzweitbewohner sind. Erasmus-Studenten, Arbeitnehmer und Freiwilligendienst-Leistende. Ich war quasi der einzige Backpacker, der nur zu seinem persönlichen Vergnügen nach Izmir gekommen ist. Also galt es die nächsten Tage wieder selbst zu organisieren und einen Plan zu schmieden. Noch bevor ich die Stadt erkundete nutze ich die Nähe des Hostels zum Bahnhof um am nächsten Morgen eine Zugfahrt nach Selcuk, etwa 80km von entfernt, zu unternehmen um dort die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit der Region zu besuchen.

Ephesos

Vom Bahnhof war es noch ein 4 Kilometer Marsch durch die schöne Kleinstadt bis zur Ausgrabungsstätte der griechisch-römisch-byzantinischen Ausgrabungsstätte von Ephesos. Ephesos war eine der Metropolen der Antike und mit geschätzt 250.000 Einwohnern etwa mit dem heutigen Braunschweig vergleichbar. Die Meinungen gehen unter Experten zwar auseinander, jedoch beruht die Schätzung auf der Größe der Theater der Stadt. Man geht davon aus, dass für ca. 10% der Einwohner ein Platz im Theater zu Verfügung stand. So steht hier eines der größten antiken Theater der Geschichte mit sagenhaften 25.000 Sitzplätzen. Sehr beeindruckend und für mich als Theaterliebhaber auch überaus spannend. Wieder habe ich eine private Tour gebucht. Ich investiere gerne in eine Person, die mir hilft die Ruinen vor dem inneren Auge zum Leben zu erwecken. Gerne hätte ich dies mit einer Gruppe geteilt, jedoch war ich anscheinend der einzige, der nicht mit einer organisierten Reisegruppe oder Audioguide unterwegs war.

Spannend zum Thema Marketing ist die sehr gut erhaltene Guerilla-Werbung eines antiken Bordells, dass in den Marmorboden vor dem Theater, inklusive Wegbeschreibung und Kosten eingekratzt wurde. Insgesamt war dieses Freudenhaus sehr gewieft. Denn zusätzlich haben sie einen geheimen Tunnel unterhalb der Bücherei eingerichtet, sodass die Männer ihren Frauen vortäuschen konnten Lesen zu gehen. Das älteste Gewerbe der Welt kennt natürlich ihre Zielgruppe. Die eben erwähnte Bücherei ist, neben dem Theater, das am besten erhaltene, restaurierte und damit auch berühmteste Stück Geschichte hier im gigantischen archäologischen Areal. Die dreistöckige Celcus-Bibliothek bietet mit seiner ornamentreichen Eingangsfassade einen guten Eindruck, wie die Metropole ausgesehen haben muss. Übrigens, das berühmte türkische Bier „Efes“ ist nach diesem Ort benannt.

Auch faszinierend ist der Fakt, dass diese ehemalige Hafenstadt nun gar nicht mehr am Meer liegt. Die Anlegestellen sind noch zu erkennen, jedoch hat der Fluss durch Sedimentation die Küste über die Zeit ganze 8km von der Stadt weg getragen. Nachdem ich gute drei Stunden die Stadt hoch und runter erforscht hatte, machte ich mich wieder zurück nach Izmir. Gerne hätte ich noch die Ruinen eines der sieben antiken Weltwunder, dem gigantischen Tempel der Artemis, besucht. Dieser liegt ein paar Gehminuten von Ephesos entfernt, jedoch soll von diesem so gut wie nichts mehr übrig sein. Ein Feld mit einer restaurierten Säule. Das habe ich mir dann gespart. Es gibt in und um Selcuk jedoch noch sehr viel interessante Geschichte zu erleben. Hier komme ich gerne nochmal vorbei.

Izmir Free Tour

Noch am selben Abend setzte ich mich mit Osman (TR) von Izmir Free Tour in Kontakt. Es werden in vielen Großstädten weltweit diese Touren von Menschen angeboten, die ihre Heimatstadt gerne promoten und Reisende kennen lernen wollen. Manchmal spendenbasiert manchmal nicht. Osman betreibt ein solches Angebot und wir haben uns am selben Abend noch auf ein Bier im Hip-Viertel Alsancak verabredet. Ein witziger Kerl und unglaublich großzügig. Er lud mich zum Essen ein und wir planten unsere gemeinsame Tour für den nächsten Tag bei einem gemütlichen Bier im Party-District der Stadt. Osman ist in Izmir aufgewachsen und arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher. Endlich wieder jemand, der richtig gutes Englisch spricht. Denn ganz so mit den Fremdsprachen haben es die Türken leider nicht. Das hatte ich eigentlich anders erwartet. Aber mit Händen und Beinen kann ich mich ganz gut verständigen. Eine gute Übung für Asien. Zum krönenden Abschluss lud mich Osman noch auf eine Kreuzfahrt durch die gigantische und schöne Bucht von Izmir mit den Fähren ein.

Am nächsten Tag machten wir uns also erst zu Fuß und dann per City-Fahrrad auf durch die Stadt. Izmir ist Beginn und Ende der türkischen Revolution unter Atatürk. Unzählige Statuen und Schriftzüge von Atatürk sind in der Stadt verteilt. Ein in Rage geratener Journalist begann das Feuer auf die griechischen Besatzer und unterlag natürlich den Militäreinheiten. Doch er gilt als Märtyrer, da er die türkische Bevölkerung in den Widerstand führte und Atatürk und seine Bauernarmee enormen Zulauf bescherte. Die letzte Kriegshandlung der Revolution wurde am selben Ort unternommen, um die Griechen vom Festland zurück auf die Inseln zu treiben. Die Stadt wurde Anfang des 19. Jahrhunderts dabei fast vollständig zerstört.


Die weiteren Highlights der Stadtbesichtigung für mich waren der „Asansör“ ein Aufzug, der im jüdischen Viertel einen großartig Blick über die Stadt und die Bucht ermöglicht und zwei besondere Geschichten, die Osman speziell für mich aus dem Hut zauberte. Ein Freund von ihm ist Kapitän auf einer der großen Fähren in der Bucht und so durfte ich mit auf die Schiffsbrücke und als quasi als VIP Gast die Fahrt genießen. Zum krönenden Abschluss lud mich Osman noch ein Sportzentrum ein, in welchem wir die Schwimmbäder, Whirlpools, Sauna und Dampfbad genossen. Osman ist ein sehr cooler Typ und hat mir eine wunderbare und durch seine Großzügigkeit auch günstige Zeit hier in Izmir ermöglicht. Wer je nach Izmir kommt, sollte auf jeden Fall ein Treffen mit Osman mit einplanen. Kontakt und Infos findet man hier: http://www.izmirfreetour.com/

Geschickterweise konnte ich mein nächtes Ziel der Reise bequem vom Bahnhof aus erreichen, der um die Ecke des Hostels liegt. Von Izmir ging es mit dem Zug in 4 Stunden nach Denizli. Irgendwie verrückt, dass auch in der Türkei der Zug die günstigere Alternativ zu Bussen ist. Das ist man von der Deutschen Bahn so nicht gewohnt. Denizli beherbergte mich nur ein paar Stunden, denn es ging gleich mit einem Minibus weiter zu einer der Hauptattraktionen der Türkei.

Pamukkale

Pamukkale, was so viel wie „Watteburg“ bedeutet, ist ein Naturwunder, welches nur drei Mal auf der Welt zu finden ist. Das Calciumcarbonat-haltige Thermalwasser sprudelte Jahrtausende lang aus den heißen Quellen und durch Abkühlung an der Oberfläche übersättigte sich das Wasser, Kalk sedimentierte sich und es entstanden fabelhafte Formationen, einzigartige Terrassen und kleine Pools, die den Hang des Hügels schneeweiß eindecken. Kalksinterterrassen lautet der korrekte Begriff dafür. Das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und ich habe mir drei Nächte in einem Schlafsaal eines Hotels gebucht. Aber wie bereits erwartet war auch hier im kleinen Touristendorf tote Hose. Keine Mitbewohner und das Dorf war, bis auf ein paar Touristenbusse die tagsüber vor allem Asiaten herankarrten, traurig ausgestorben.

Was mich aber sehr freute war, dass mich im Hotel ein Päckchen erwartete. Die Ladekabel, die Mo mir aus Deutschland geschickt hatte waren da und ich konnte endlich einmal wieder Sicherungskopien von meinen Bildern machen, etwas Banking betreiben und mich daran machen Liegengebliebenes (wie die Reiseberichte) anzugehen. So konnte ich die Zeit ohne Mitbewohner sinnvoll nutzen.

 

Doch eines Abends habe ich tatsächlich noch spät in der Nacht Besuch bekommen. Gemeinsam mit Yinger (CHN), die hier als Backpackerin leider nur einen kurzen Stop einlegte, konnte ich einen wundervollen Tag in den Kalksinterterrassen und der antiken Stadt Hierapolis, oberhalb der Terrassen, verbringen.

Um ganz ehrlich zu sein, ich hatte mir die Kalksinterterrassen etwas enormer vorgestellt. Aber das machen halt die professionell geschossenen und bearbeiten Bilder der Tourismusindustrie mit einem. Hätte ich nichts erwartet, wäre es wahrscheinlich besser gewesen. Denn einzigartig, ungewöhnlich und sehenswert sind diese allemal. Was mich zudem etwas enttäuschte, war das einige Themalwasser-Kanäle geschlossen wurden (Grund konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen) und somit viele der Pools und Terrassen kein Wasser führten. Aber sei es darum. Yinger und ich haben es uns gut gehen lassen. Man konnte es richtig fühlen, wie wärmer das Wasser an den Füßen wurde, je höher wir in Richtung Quellen gestiegen sind. Einige Besucher badeten sogar in den Pools oder den Kanälen. In den Ausgrabungen der Stadt Hierapolis besuchten wir – natürlich – das große Theater und genossen das Panorama über die Kalksinterterrassen und die Ebene von Denizli.

Nachdem ich in Pamukkale wirklich alles gesehen hatte und Yinger wieder weiter nach Ägypten gereist ist habe auch ich meine Sieben Sachen gepackt um mich ebenso südwärts zu machen. Für mich geht es nun wieder ans Meer. Die Südküste der Türkei bietet unglaublich viele Destinationen. Mir selbst wäre es schwer gefallen mich zu entscheiden. Deswegen habe ich diese Entscheidung einfach outgesourced und eine türkische Bekannte entscheiden lassen. Für mich geht es also nach Fethiye.

Philosophie eines Reisenden

Wie gerade beschrieben, gibt es wirklich so viel zu sehen…überall auf der Welt. Ich hatte vielleicht damit gerechnet 3-4 Wochen in Griechenland zu bleiben. Es wurden 3 Monate daraus. Es hätten ohne Probleme Jahre werden können. Den guten Kompromiss im Reisetempo zu finden ist schwer und für jeden verschieden. Es ist sehr herausfordernd, dem angelernten Druck und  zielorientiertem System zu entsteigen und ohne viele Rahmenbedingungen zu leben. Ich musste selbst erst lernen (und lerne immer noch) den Druck raus zu nehmen. Ich kann gleichzeitig weder alles sehen, noch schnell voran kommen, noch entspannen, noch gesund bleiben, noch Menschen kennen, noch Einzigartiges erleben. Es geht einfach nicht alles. Punkt.

 

Sehr viele Leute fragen einen: „Warst du hier? Warst du da? Hast du das gemacht? Warum nicht? Warum dort? Das ist doch Pflichtprogramm!“ und so weiter und so fort… Ich bin fest davon überzeugt, dass selbst wenn man zwei Leben lang nur Reisen würde, mit unendlichen Geldmitteln, man könnte nicht alles sehen und erleben was zu sehen und erleben gibt. Das muss ich mir immer wieder vor Augen führen. Um sich mit Kulturen auseinanderzusetzen, Individuen auszutauschen und Selbsterfahrung zu erleben, muss man diesen selbst auferlegten Druck heraus nehmen. Erst dann hat man die Möglichkeit offenherzig und wissbegierig zu werden. Und das – so finde ich – sind die zwei wichtigsten Eigenschaften eines Reisenden. Zur Unterstützung dessen habe ich für mich entschieden keine Reiseführer mehr zu lesen und nur auf Empfehlungen von echten Menschen zu reisen. Das erspart viel Kummer. Doch das muss jeder für sich selbst entscheiden und entdecken. Das tun was dem eigenen Körper und Geist gut tut. Das tun worauf man Lust hat und von Gefühl und auch Zufall leiten lassen. So findet man immer einen der vielen verfügbaren perfekten Ziele, Zeiten und Erlebnissen. Fertig.

Wie mich Gefühl und Zufall in Fethiye beschäftigen werden, das erfährst du dann im nächsten Bericht.

 

Es freut mich sehr, dass du dir die Zeit nimmst meinen Bericht zu lesen. Ich hoffe er gefällt dir und es freut mich umso mehr, wenn du auch beim Nächsten wieder mit dabei bist!

 

Herzliche Grüße, Schilli


Funfacts

- Osman ist als Sohn eines Soldaten Teil der „Army-Family“ und bekommst so sehr viel Vergünstigungen. Aber irgendwie komisch, wie er immer die Armee als „Familie“ bezeichnet.

- Die Uhr in Izmirs Wahrzeichen, dem „Clocktower“, ist ein Geschenk von Deutschland zur Revolution. Sie lief seit dem ununterbrochen. Bis zum 15. Juli diesen Jahres. Bei Demonstrationen haben Randalierer die Uhr zerstört und sie befindet sich nun in Reparatur.

- Als Yinger anreiste verschwand sie im Bad und kam mit tiefschwarzer Gesichtsreinigungsmaske wieder heraus. Ich habe mich richtig erschrocken. Damit hatte ich nicht gerechnet.

- War richtig teuer Frühstücken in Pamukkale. Hatte am ersten Morgen vergessen, dass das Frühstück im Hotel inklusive war.

- Man kann in Pamukkale wahrscheinlich öfter chinesisch als türkisch Essen gehen.



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Kommentare: 1
  • #1

    Bene Gr. (Mittwoch, 02 November 2016 23:32)

    Schilli, immer wieder schön deinen Blog zu lesen mit deinen detaillierten Berichten. Viel Spaß und gutes ( im richten Tempo ) vorankommen