#9 | Am Nabel der Welt | 63. Reisetag

Entgegen meiner eigenen Empfehlung das Hostel zu verlassen und in einem separierten Hotelzimmer zu genesen, habe ich mich für die aktive Variante entschieden. Naja, eher semi-aktiv. Tagsüber habe ich stark relaxt und gelesen. Einmal habe ich sogar nur einmal tagsüber das Hostel verlassen und war Essen in dem traditionell-griechischen Spezialitätenrestaurant „KFC“ (Kentucky Fried Chicken). Doch meine Konzentration war so im Eimer, dass ich auf dem Weg vom Tresen zum Tisch meine Cola fallen ließ. Soweit kein Problem, ich sollte laut Aussage der Managerin einfach den Tisch wechseln, dass sie putzen kann. Gesagt, getan. Auf dem Weg zu Tisch Numero zwei sind mir dann die Pommes Frites heruntergefallen. Ein Klassiker, Schilli macht sich zum Gelächter des Restaurants. Ein Hoch auf die Mitarbeiter dieser KFC-Bude. Als ich sicher auf meinem Platz saß, gab es eine neue Cola und neue Pommes gratis. Abends jedoch habe ich nicht „Nein“ sagen können und mich mit meinen Schicksalsbrüdern und –schwestern aus dem Hostel in die Athener Nachtwelt gestürzt. Nein, nicht die großen Clubs oder eine der vielen weiteren Partyangebote der Stadt. Das bin ich nicht, bzw. nicht immer und nicht zu dieser Zeit. Tanzen auf zu engen Tanzflächen zu elektronischer Musik und Stroboskoplicht kann ich auch in Deutschland. Viel glücklicher bin ich, wenn ich mit einer gut gelaunten Gruppe von Menschen die schönen Plätze der Stadt besuchen und mich dort für ein Gläschen Wein niederlassen kann. Vielleicht werde ich alt, vielleicht war ich aber auch nur in der vergangenen Woche etwas gemütlicher. Auf jeden Fall kam es genau so.

Jeden Abend haben wir gemeinsam gekocht und die Sperrstunde um 23:00 Uhr stark ausgereizt. Die Zeit das Gemeinschaftsareal zu verlassen wurde durch Wasserattacken der Nachbarn aus den Nebengebäuden definiert. Sobald ein paar Eimer Wasser auf- oder neben uns herunter gingen, zogen wir los. Wir, das sind Terry (GR), Michael (NGA), Solène & Élodie (F), Merlin (D), Daniel & André (ROU) und einige weitere Mädels und Jungs aus dem Hostel, je nach Lust, Laune und Verfügbarkeit. So zogen wir, natürlich mit der Guitarlele im Gepäck, in einen nahe gelegenen Park, an das wundervoll illuminierte und gigantische Panathinaiko Stadion oder an den Strand.

Die Strandparty ist eine besondere Erwähnung wert. Zuerst war ich etwas enttäuscht. Aber es war ja auch abzusehen, dass der Strand der Metropole nicht im Ansatz mit den teilweise abgelegenen Stränden der Inseln vergleichbar ist. Aber das wegen der Lichtverschmutzung der Stadt kaum Sterne zu sehen waren, war schon etwas traurig. Aber na gut, wir sind ein paar Runden geschwommen, haben uns mit Wein und Bier ausgestattet und gemeinsam musiziert und diskutiert. Nach und nach gesellte sich eine Gruppe orthodoxer und muslimischer Griechen neben uns. Mit Trommeln ausgestattet und traditioneller Musik aus der Dose starteten sie eine mega Party. Nachdem sie ein Lagerfeuer entzündeten und uns natürlich integriert haben, haben wir bis in die frühen Morgenstunden gemeinsam getanzt. Wirr…unkoordiniert…spontan…emotional…phantastisch. Es erinnerte mich teilweise an indianische Tanzszenen aus den Büchern von Karl May. Doch die Trance erreichten nur ein paar wenige der Griechen und wir genossen das Spektakel als Teil davon. Das Taxi brachte uns im Morgengrauen dann schließlich wieder zum Hostel. Achja, es ist anscheinend kein Problem in Athen das Taxi mit ein bis zwei Leuten mehr als verfügbare Sitzplätze zu befüllen.

So verbrachte ich also meine Tage in Athen. Tagsüber gediegen im Hostel und abends in Gesellschaft außergewöhnlicher Menschen. Leider konnte ich so nicht wirklich tief in die Atmosphäre und Kultur der Stadt eintauchen. Ich konnte jedoch die Schwingungen spüren, welche Athen besonders machen und was es wohl bedeutet in der von Krisen geplagten und Geschichte strotzender Stadt zu leben. Es ist eine schöne Metropole, die viele verschiedene Gesichter, an vielen unterschiedlichen Orten zeigt. Mal positive, mal negative. Ich selbst wünsche mir, Athen einmal mit mehr Energie besuchen zu dürfen. Für diese Reise jedoch, so habe ich entschieden, sind sieben Tage Athen ausreichend und ein undefinierbarer Sog zog mich weiter. So buchte ich mir eine Unterkunft in Delphi. Das kleine Dorf, nordwestlich von Athen, welches berühmt für sein antikes Orakel ist, bietet leider kein Hostel. Für mich perfekt, da ich aus Rücksicht meiner Gesundheit und anderen Reisenden ein kleines Einzelzimmer sowieso bevorzuge. Mir ging es zwar schon um einiges besser, jedoch kenne ich meinen Körper und ich habe präventiv etwas Ruhe gebucht.

Ich machte mich also auf zur nördlichen Busstation in Athen um den Bus ins Gebirge nach Delphi zu nehmen. Und was für eine witzige Fahrt hatte ich mal wieder?! Der coolste Busfahrer, den die Welt je zu Gesicht bekommen hat, brachte uns, elegant im offenen weißen Hemd, Sonnenbrille und Frappé und natürlich kettenrauchend nach Delphi. Unterwegs gab es zwei kleine Toilettenstops und – wichtiger – Raucherpausen für diejenigen, wie mich, die nicht im Bus rauchen wollen. Das Dorf ist tatsächlich ein kleines Dorf. Wundervoll auf halber Höhe des Berges Parnassos, ca. 15 km vom Golf von Korinth gelegen, bietet es außer der archäologischen Ausgrabungen, des dazugehörigen Museums und einer einzigartigen Landschaft, nicht viel. Genau richtig also um mich mit kleinen, informativen Tagesausflügen zu beschäftigen und zu erholen. Drei Nächte lang ist das Dorf mein Zuhause.

Das antike Delphi & seine Heiligtümer

Zeus, der alte Haudegen, hat den Ort, der schon in der Mythologie davor der Erdmutter Gaia gewidmet war, als Mittelpunkt der Welt erklärt. Er ließ zwei güldene Adler von beiden Seiten der Erde starten und sie trafen sich hier, so ca. 624m von meinem Zimmer entfernt. Er warf einen dicken, fetten Stein vom Olymp herab, der diesen Punkt markiert. Und natürlich ist dieser Stein, bzw. einer seiner Nachfolger, eines der Highlights im Museum von Delphi. Es ist wieder überaus amüsant, was die Mythologie über diesen spannenden Ort erzählt. Leider werde ich nicht darüber schreiben, falls es euch jedoch interessiert könnt ihr es hier nachlesen. Da erfahrt ihr auch woher die Schlagenart „Python“ ihren Namen hat.

Ich besuchte also das Heiligtum des Apollon. Apollon ist zwar nicht mein Lieblingsgott Dyonisos, jedoch vertrat Dyonisos den Apollon in Delphi, wenn dieser im Urlaub war. Also alles gut. Es ist wieder einmal beeindruckend, was die alten Griechen/Römer etc. alles so investiert und kreiert haben um ihrem Kult zu fröhnen. Wahnsinnig interessant, wenn man sich vor dem inneren Auge vorstellt, wie dieser Ort wohl ausgesehen haben muss. Und Vorstellungskraft ist Pflicht, wenn man die antiken Ruinen besucht, ansonsten kann es echt eintönig werden. Ein deutsches Kind, welches meinen Weg kreuzte, sagte zu seiner Muttter: „Wow Mama, das sind ja echt viele Steine. Aber ich habe keine Lust mehr auf Steine. Darf ich Gameboy spielen?“. Das Einzige was mich verwunderte, war dass er nicht nach Pokémon Go gefragt hat.

Mir wurde es auf jeden Fall nicht langweilig. Im Gegenteil, ich fühlte mich als Forscher bzw. Archäologe und habe mehrfach versucht die üblichen Touristenwege zu verlassen um weitere Dinge zu entdecken. Natürlich habe ich die entsprechenden Verwarnungen der Sicherheitsleute respektvoll angenommen und ignoriert. Aber alles im grünen Bereich. Ich war sehr vorsichtig. Es sollen ja noch Milliarden weiterer Touristen und Generationen zu sehen bekommen, das ist mir bewusst. Wie immer habe ich großen Gefallen an den antiken Theatern gefunden. Ich bin eben ein Bühnen-Typ. Privat als auch beruflich. Das ist und bleibt meine Leidenschaft. Schön, dass ich mir dies wieder einmal bestätigen konnte. Doch auch die Tempel, die Schatzhäuser, die Kunstwerke und Bildnisse und natürlich das Gymnasium und das Stadion von Delphi haben mich schwer beeindruckt. Wusstet ihr, dass die Spiele von Delphi den Olympischen Spielen nur ein bisschen hinterher waren. Sie waren die zweitwichtigsten panhellenischen Wettkämpfe der Antike. Achja, wenn wir schon davon sprechen. Ein Hauptmerkmal der antiken Olympischen Spiele war, dass alle Kriege, in welchen die Mitgliedsstaaten (meist Stadtstaaten) involviert waren, pausiert wurden. Eine schöne Idee finde ich. Wäre doch eine Überlegung wert wieder daran zu denken. Auch wenn die Umsetzung wohl schwierig wäre, in Zeiten der asymmetrischen Kriegsführung.

Als nächstes ging es dann zum Heiligtum der Athene. Hier steht das wohl bekannteste Gebäude (bzw. Ruine) des Ortes. Witzig, denn mit dem berühmtesten historischen Merkmal des Ortes, dem Orakel, hat es fast nichts zu tun. Dennoch ist es sehr beeindruckend. Die Überreste des runden Gebäudes wurden teilweise restauriert und bieten in Zusammenhang mit der wundervollen Landschaft des Tales, der weitläufigen Bergkette eine einzigartige, fast surreale Szenerie. Dieser Ort, Delphi, hat auf jeden Fall einen ganz eigenen Charakter. Ob er nun der Nabel der Welt ist oder nicht, ob das Orakel die Wahrheit sprach oder nicht, die Region um Delphi hat eine ganz besondere, eigenartig positive Energie und Schönheit. Für mich selbst jedoch, konnte ich keine Prophezeiung für meine Zukunft herausziehen. Brauche ich auch nicht. Weiterhin positiv und optimistisch bleiben. Das sorgt automatisch für eine glückliche Zukunft. Und die neurotoxischen Gase oder die halluzinogenen Kräuter, die die Phytia, das weibliche Orakel von Delphi, wohl konsumierte, sind hier nicht mehr existent. Also bleibt mir auch nichts anderes übrig.

Die verbleibende Zeit hier in Delphi habe ich im Museum und auf kleinen Wanderungen in und um das Dorf verbracht. Und natürlich habe ich die Isolation im Hotelzimmer genossen. Nach 57 Nächten in Schlafsälen, mit bis zu zwölf Betten, hat mir die Ruhe sehr gut getan. Ich konnte in totaler Privatsphäre gemütlich Wäsche im Waschbecken des kleinen Badezimmers waschen, meine Bartpflege zelebrieren, mein Equipment und meine Gedanken sortieren und ganz für mich alleine Ruhen. Doch drei Nächte waren genug. Ich musste wieder raus in die Zivilisation. Echte Erlebnisse mit echten Menschen.

Couchsurfing in Patra

So war ich sehr glücklich darüber, dass ich für meinen nächsten Reisepunkt bereits Kontakte geknüpft hatte. Über die Plattform couchsurfing.com habe ich eine nette Dame aus Patra kennen gelernt. Naja, ich habe sie angeschrieben und gefragt, ob ich bei ihr auf dem Sofa übernachten kann und sie mir ihre Stadt zeigt. Mariani, 34 und praktizierende Psychotherapeutin hat mich mit offenen Armen willkommen geheißen. Sehr zentral gelegen teilt sie ihre Wohnung mit der Grundschullehrerin Efthimia. Die beiden sind überaus sympathisch, interessant und wir sind bei vielen Dingen auf einer Wellenlänge. Mariani entführte mich am ersten Abend direkt zu einem der schönen kleinen Tavernen der Stadt. Unter Bäumen in einem kleinen Park hat ein Kollektiv ein kleines Restaurant eröffnet und wir verbrachten den ganzen Abend an den kleinen Tischen mit leckerem Essen und etwas Tsipouro (Quasi Raki, aber nicht von Kreta).

Der folgende Tag war wieder einer der Glanzstunden meines Glücks. Gleich zu Beginn das erschütternde Fazit: Meine geliebte Kompaktkamera, mit der ich so viel Spaß hatte, hat den Geist aufgegeben und ich habe bereits meine zweite Sonnenbrille geschrottet. Die Sonnenbrille für den Fünfer am Kiosk ist mir ja Wurst, jedoch bin ich traurig wegen der Kamera. Mal sehen, wie ich hier für Ersatz sorgen kann. Leider gibt in Patra keinen, der mir diese reparieren kann. Zumindest haben wir nach stundenlanger Suche keinen gefunden. Ich kann es noch nicht über’s Herz bringen eine neue zu kaufen. Wie auch immer, wir haben einen traumhaften Tag am Strand des Golf von Korinth verbracht. Sehr entspannend und ruhig. Den Abend haben wir in einer sehr hippen Bar, auf dem Dach eines Gebäudes, verbracht. Das coole an der Bar war erstens die Musik, 50/60er Jahre Rock’n’Roll. Was natürlich turbo war. Zweitens gab es einen großen Projektor, der Stummfilme auf den gegenüberliegen Gebäudekomplex projizierte. Das war natürlich besonders und cool.

Am Folgetag hat mir Mariani die schönsten Ecken ihrer Stadt gezeigt. Es ist eine angenehme Stadt mit ca. 300.000 Einwohnern. Es waren auch kaum Touristen zu sehen. Schön zu wissen, dass die Hauptreisezeit langsam ausläuft. Patra ist mit seinem großen Fährhafen das Tor zu Italien und zu den Ionischen Inseln Griechenlands. Die Burg, die wir leider nicht besichtigen konnten, da wir uns in den Öffnungszeiten geirrt hatten, thront über der Stadt und ein altes römisches Theater wurde restauriert und dient heute wieder als Schauspielort in den Ruinen. Nahe der Uferpromenade wurde soeben eine der größten orthodoxen Kirchen Griechenlands fertig gestellt. Patra gilt als Wohn- und Sterbeort des Apostels Andreas. Insgesamt habe ich hier sehr viel über die orthodoxe Kirche erfahren. Mariani selbst ist nicht religiös und wir haben viel Zeit damit verbracht die Religion, deren Traditionen, die Probleme die damit einhergehen und deren Omnipräsenz in der Gesellschaft, aber auch im öffentlichen Leben und der Politik zu besprechen und zu bewerten. Leider ist Griechenland noch sehr weit von der Sekulärität entfernt. Auch zur politische Situation und zur allgemeinen Stimmung der griechischen Bevölkerung haben mir Mariani und Efthimia ihre Ansichten erläutert und einige Herausforderungen & Zusammenhänge erläutert. Mariani ist Aktivistin für Menschenrechte & ehrenamtliche Sozialarbeiterin. So werden noch viele Reformen und leider auch viel Zeit, Unsicherheit und Konflikte in Griechenland notwendig sein um Sicherheit, Toleranz, Kirche, Korruption, Gleichstellung und Gerechtigkeit in Griechenland nach modernen, westlichen Werten zu errichten und der Gesellschaft zu etablieren.

Ich konnte also sehr viel lernen und über das moderne Griechenland erfahren. Zudem bin ich sehr dankbar, dass ich zwei Freundinnen hier in Patra gewinnen konnte. Mit viel Gelächter, ein paar Fläschchen Tsipouro und guter Gesellschaft von ein paar Freunden, haben wir den letzten Abend gemütlich in einem kleinem Café ausklingen lassen. Mein Weg führt mich nun heute weiter über das Meer nach Kefalonia, eine der schönen ionischen Inseln an der Westseite Griechenlands. Da fällt mir gerade auf, mein Weg sollte ja nach Asien führen…bisher bin ich seit Kreta eher westwärts unterwegs. Aber meine Planungen bzw. Ideen bringen mich in ein paar Tagen bereits wieder auf das Festland in Richtung Türkei. Wie genau ist noch unklar, jedoch habe ich ein paar Regionen auf meiner Liste, die es bestimmt wert sind meinen Besuch zu empfangen. Ich werde mich bei Gelegenheit mit neuen Erfahrungen hier melden. Das ist sicher.

 

Kalinihta, Schilli


Funfacts

- Schilli sitzt alleine in einer kleinen Athener Taverne. Der Besitzer schält das Radio von seichter traditioneller Musik auf Elektro-Trance-Rave-Techno-Irgendwas. Muss ich mir Gedanken machen?

- Noah, ein ehemals Fremder, den ich auf dem Musikfestival in Houdetsi/Kreta kennen gelernt habe, hat mir die 50 €, die ich ihm spontan

ausgelegt habe überwiesen. Es funktioniert! Vertrauenserweckenden Menschen kann man vertrauen.

- 4 Tage, 4 verschieden Pita, 1 Taverne. Jeden Tag habe ich in dem kleinen Laden, gegenüber meines Hotels, vorbei geschaut und eine der

Pita-Spezialitäten ausprobiert. Empfehlenswert.

- Wann immer ein orthodoxer Christ ein Gotteshaus passiert, egal ob zu Fuß im Auto, Zug etc., ist er verpflichtet sich zu bekreuzigen, am

besten mehrfach. Faszinierend, wenn ich im Bus unterwegs bin. Eine nette Oma hat 1,5 Stunden so gut wie nichts anderes gemacht. Ausdauersport!


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