#8 | Tapetenwechsel | 53. Reisetag

Das Leben in der Traumwelt „Youth Hostel Plakias“ ging nun weiter. Habe ich in den vergangenen Wochen, seit Beginn meiner Reise, bereits über 2.000 Bilder geschossen, ging es in den letzten Tagen auf Kreta um einiges ruhiger weiter. So nehme ich mir nach einigen Jahren literarischer Abstinenz mal wieder die Zeit um ein Buch zu lesen. Meine liebe Freundin Rachel (NZL) hinterließ mir den Bestseller 1Q84 von Haruki Murakami welcher sich seit ein paar Tagen als fester Bestandteil in meinen Tagesablauf integriert hat. Natürlich stehen auch weiterhin, hier und da, Kurzausflüge auf dem Programm. Hier biete ich mich den neu zugezogenen Gästen gerne als Führer an. Ich habe bereits eine Vielzahl der in der Region herausragenden Touren und Orte erlebt und auch viele Informationen im Laufe der Zeit aufgenommen, die ich gerne weiter gebe. Besonders Spaß machen mir natürlich die Quellen und Wasserfälle der Kourtaliotiko Schlucht. Meine Freunde Martina (CH), Raquel (D) und George (NL) luden mich danach sogar zu einer Runde Pitta Souvlaki ein.

Die Pitta ist DER griechische Snack. Ein fladenähnliches Brot, gerollt, mit Gemüse, Tzatziki und Pommes Frites gefüllt. Wahlweise mit diversen Fleischfüllungen (Gyros, Souvlaki, Bouletten) oder auch vegetarisch (Feta, Gemüsebratling). Gut alle 2-3 Tage gibt’s eine Pitta als Mittag- oder Abendessen. Für 2,5 € ein sehr guter Deal. Falls noch nicht erwähnt; die griechische Küche ist der absolute Wahnsinn. Unglaublich lecker, gesund, abwechslungsreich, biologisch, regional und sehr preiswert. Und das sage ich, obwohl ich keine Oliven mag. Grandiose Mahlzeiten bereitete uns Yanna, unsere Hostel-Mama, eine in London lebende Griechin, die hier auf Kreta ihren Urlaub verbringt. U. A. Griechische Pasta mit einer Gemüsesoße, die ein wahres Gaumenfeuerwerk verursacht. Ich bin sehr glücklich, dass ich ihr in der Hostelküche assistieren durfte. Eine weitere, sehr schöne Erfahrung war ein Mittagessen mit Joe. Joe, der Besitzer von Joe’s Bar, führte uns als Dankeschön für die Live-Music Night, welche Missi (USA) bei ihm organisierte und ich Teil des Programms sein durfte, aus. Joe ist ein Charakter, 28 Jahre lang lebte er in den USA und betreibt seit einiger Zeit den kleinen Musik-Club in Plakias. Und wie ich denke, ist er selbst sein bester Kunde. Er ist warmherzig, loyal und vertrauenswürdig, doch nüchtern habe ich ihn noch nicht gesehen.

Leider musste ich mich in den letzten Tagen auch von meinem aktuellen Lieblingsmenschen verabschieden…Marc. Nein, nicht mich selbst, sondern Marc, den Franzosen. Wir hatten uns bereits während der ersten Busfahrt nach Plakias vor ein paar Wochen kennen gelernt und waren nur während meiner Zeit auf Santorini und dem Houdetsi Festival getrennt. Marc, der Griechenland zu seiner Wahlheimat erklärt hat, ist Philosoph und Lebenskünstler. Er machte es sich zum Spaß, den üblichen Hostel-Small Talk direkt zu überspringen und teils unangenehmen, essentielle Fragen zu stellen. Ein Beispiel: „Hi I’m Marc. Do you believe in God? Is your Mum still alive? And when was the last time you’ve had sex?“ Unschwer zu erraten, dass er polarisiert. Doch ich mag ihn. Er ist extrem lustig und unglaublich intelligent. Nach hunderten Stunden gemeinsamen Philosophieren und Diskutieren (ohne und unter Raki-Einfluss) haben wir zwar immer noch nicht den Weg zum Glück gefunden, doch zumindest behaupte ich, dass wir beide etwas schlauer geworden sind. Es werden viele scheinheilige Versprechungen im Hostel-Milieu gemacht, doch Marc möchte ich auf jeden Fall wiedersehen. Wer hätte wohl gedacht, dass ich irgendwann einen Franzosen so sehr ins Herz schließe?!

Nun möchte ich hier aber eine Beschwerde platzieren. Ich bin zutiefst traurig und aufgeregt! Am 44. Tag meiner Reise erdreistet sich Mutter Natur tatsächlich Regen zu schicken? Ich bin empört! Nach über einem Monat blauem Himmel, wird mein Tag doch für 15 Minuten gräulich und feucht. Ich schätze ca. 0,1-0,3 mm/m² „überfluteten“ die Südküste Kretas. Also so gut wie nichts. Zu gut, dass wir den Geburtstag unserer Freundin Jennie (USA) bereits ein Tag früher zelebrieren konnten. Ein perfektes  Abendprogramm. Ein Bad im kristallklaren Meer um den Sonnenuntergang zu genießen. Ein Abendmahl in einer der Tavernen an der Uferpromenade gefolgt von mehreren Kilos Raki und Wein in Joe’s Bar. Hier haben wir einen Tanzwettbewerb abgefeuert und jeder hat seine lächerlichsten Moves ausgepackt. Dass hätte dir, Moritz, gut gefallen. Vollgeschwitzt und ausgepowert ging es dann wieder zurück ins Meer für ein Bad. Und von hier konnten wir die Perseiden (Sternschnuppen) natürlich besonders gut sehen und ein „Ahh“ folgte dem nächsten „Ohh“. Auch den Geburtstag unseres Freundes Ioannis haben wir, an meinem letzten Tag auf Kreta, ausgiebig gefeiert. Ioannis, der griechische George Clooney, hat eine wahnsinnig geile Party geschmissen. Von mittags um drei bis morgens um 5 haben wir getrunken, gesungen, getanzt und gelacht. Ein Wahnsinnstyp, der jedes Jahr für 2-3 Monate nach Plakias kommt und im Rest des Jahres Direktor einer Grundschule ist.

Doch es gab kein Entrinnen. Die Blase „Hostel Plakias“ musste platzen. Früher oder später. In meinem Fall früher, da mir Ellen (NL) eine kostenfreie Mitfahrt um 7:45 Uhr morgens nach Heraklion angeboten hat. So machte ich mich also noch verkatert und nach nur 2 Stunden Schlaf auf in Richtung meines nächsten Ziels, der griechische Hauptstadt. Da ich jedoch die günstigste Möglichkeit gewählt habe, die Fähre über Nacht, hatte ich in Heraklion wieder etwas Zeit zu vertreiben. So legte ich mich wieder unter meinen Schlafbaum im Park und habe mich Peter getroffen. Peter (SK) verfolgt mich seit meinem ersten Tag der Reise. Wir haben in Heraklion gemeinsam gefeiert und uns gut angefreundet. Ihm wollte ich auf die Insel Gavdos folgen um gemeinsam zu arbeiten. Da dies jedoch nicht so gelaufen ist, wie wir uns dies vorstellten, kam er mich in Plakias besuchen. Also haben sich unsere Wege alle paar Wochen gekreuzt, was sehr amüsant ist. Er bleibt und ich habe die Blue Horizon, die Fähre nach Athen bestiegen. 10 Stunden Fahrt standen nun vor mir. Ich machte es mir, wie viele andere, dieses Mal auf dem Oberdeck bequem. Es war natürlich nicht die bequemste Nacht im Schlafsack an Deck, aber es war schön und hatte sogar etwas Romantisches.

Kreta - (m)ein Fazit

Wie in all meinen früheren Berichten unschwer zu erkennen: Ich bin begeistert von dieser Insel und ihrer Menschen, Kultur, Geschichte und Natur. Überraschend groß ist die Vielfalt an Landschaften. Beeindruckend die Gastfreundlichkeit der Kreten. Die Insel ist voller Kunst jeglicher Form und bietet tausende Möglichkeiten seinen Tag und seinen Geist zu gestalten. Klassische Touristenzentren paaren sich mit ebenso einzigartigen, einsamen Gegenden. Ob ich mir vorstellen könnte hier zu leben? Jein. Ich bin definitiv davon überzeugt, dass mich Kreta wieder sehen wird, jedoch hier zu leben bedeutet auch hier zu arbeiten bzw. sein Business zu gestalten. Und das ist der Knackpunkt. Kreta ist unglaublich sicher und die Kreten tun viel dafür, dass sich ihre Gäste wohl fühlen und es weiterhin so bleibt. So lange du ihnen nicht blöd kommst, sind sie deine besten Freunde und strahlen Toleranz und Interesse aus. Solltest du es aber einmal mit ihnen verscherzen, bis du ganz schnell weg vom Fenster. Business und Grundbesitzt unterliegen, nach allem was ich erlebt habe und mir mehrfach erzählt wurde, mafiösen Strukturen. Ländereien und Geschäfte sind familienzugehörig und es wird sehr stark darauf geachtet, dass es so bleibt. So kommt es auch mal zu Schießereien befeindeter Familien oder Konkurrenten. Ich bezweifle, dass ich in einem solchen Milieu meinen Lebensmittelpunkt setzen möchte, bzw. würde es für mich als Ausländer bedeuten großes Glück und Kontakte zu erhaschen um mich hier eingliedern zu können. So bleibt Kreta jedoch ein traumhafter Ort für mich für zukünftige Reisen bzw. Urlaube. Ultraleckeres Essen, mannigfaltige Möglichkeiten, spannende Menschen und phantastische Natur. Ich kann jedem nur empfehlen die Insel einmal selbst zu erleben. Gerne stehe ich mit Empfehlungen und Tipps parat.

Athen

Als die Fähre nun in Piraeus, der Hafenstadt Athens, einlief und ich aufwachte, habe ich direkt gemerkt, dass es wohl nicht die beste Idee war an Deck zu schlafen. Nach all den Nachtschwimmaktionen auf Kreta und dieser windigen Nacht auf dem Schiff habe ich mir eine Grippe zugezogen. Husten, Schnupfen, Fieber und Halsscherzen plagen mich seit meiner Ankunft in Athen bis zum heutigen Tag. Ich habe also schnell meinen Weg ins Hostel gemacht und erst einmal zwei Tage im Bett verbracht. Es ging mir nicht wirklich besser am dritten Tag, jedoch konnte ich nicht weiter sinnlos herumliegen und lesen. So meldete ich mich, via Internet, zu einer spendenbasierten Stadtführung am nächsten Morgen an.

Jimmy, ein in Australien aufgewachsener Grieche, war unser Tourguide. Eine schöne, gemischte Gruppe von ca. 14 Leuten machte sich auf den Weg die Stadt zu Fuß zu erkunden. Es war super interessant und unheimlich lustig. Denn Jimmy verstand es nicht nur uns mit vielen historischen Fakten und mythologischen Geschichten zu beeindrucken, sondern auch viele lustige Details und Anekdoten des modernen Griechenland/Athen zu implementieren. Insgesamt ein Mensch, den man einfach gern haben muss. Kein Wunder bietet er spendenbasierte Führungen an, der Mann weiß, dass er gut ist! So haben wir in 4 Stunden die beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt erlebt, die hipsten Viertel besucht und unendlich viele Tipps für unsere kommenden Tage in Athen erhalten.

Nach der Führung machte ich mich dann alleine auf. Ich schnappte mir Infobroschüren und habe natürlich die Akropolis mit Athenas Tempel genau untersucht. Sehr beeindruckend war für mich auch die Hügellandschaft neben der Akropolis. An dem einen Ort wurde die Demokratie geboren und kaum einen Kilometer weiter wurde das Theater erfunden. Gehirnexplosion! Unglaublich was die alten Griechen so zustande gebracht haben. Das Dionysos Theater fasste unglaubliche 17.000 Menschen!!! Beeindruckende Monumente, Architektur und antike Kunst wohin man blickt. Wer Rom mag, der darf Athen nicht missen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich dafür begeistern kann.

Und natürlich habe ich wieder einiges aus der griechischen Mythologie erfahren, welche ich schon auf Kreta in früheren Berichten abgefeiert habe. Meine Lieblingsgeschichte in Bezug auf Athen ist die Entstehung der Namensgeberin, der Göttin Athena. Zeus, der Chef der zwölf olympischen Götter, war wieder mal im Kampf mit den Titanen im Olymp. Er schleuderte so viele Blitze, dass er Kopfschmerzen bekam. Wer hat das wohl noch nicht erlebt. So bat er seinen Sohn Hephaistos, während des Kampfes, dessen Feueraxt zu schwingen um Zeus Kopf zu spalten, um die Kopfschmerzen zu lösen. Und so kam es dann auch, Zeus Kopf spaltete sich, die Kopfschmerzen gingen fort und urplötzlich sprang Athena aus seinem Kopf. In voller Montur! Ausgewachsen inklusive Kleidung und Speer. Sehr geschickt, denn sie begann direkt in den Kampf mit den Titanen einzusteigen um ihrem Vater zu helfen. Was eine Geschichte! Aus dem Grund heißt Athenas Tempel auf dem Hügel Akropolis auch Parthenon, was im altgriechischen „Jungfrau“ bedeutet. Es war eine jungfräuliche „Geburt“ der Athena. Achja, mein Lieblingsgott ist übrigens Dionysos. Gott des Weines und des Theaters.

Nachdem ich dann auch die antike Agora (Marktplatz / Stadtzentrum i.w. Sinne) erforscht habe, machte ich mich auf den Weg zum Lykavittos, dem Stadtberg Athens. Obwohl ich mich nicht wirklich fit fühlte, wanderte ich die 277m zum Gipfel und sparte mir die 4 € pro Fahrt mit der Seilbahn. Und dort oben habe ich ein phantastisches Panorama über die komplette Stadt, deren Sehenswürdigkeiten, der Bergkette, die Athen umschließt, bis hin zum Meer, genießen können. Mir hat es so gut gefallen, dass ich ganze zwei Stunden auf dem Gipfel verbrachte um den Sonnenuntergang, sowie den Blick über die Lichter der Stadt erleben zu können. Danach marschierte ich den Weg in Dunkelheit wieder ab und machte mich durch die kleinen Gässchen Athens zurück zu meinem Hostel. Natürlich war ich super platt und ich schlief ganze 12 Stunden. Mein Körper zahlt mir diesen Ausflug heim.

Heute sitze ich also im Hostel, ohne Verbesserung meiner Gesundheit, jedoch mit tollen Erfahrungen und Eindrücken der Stadt. Es wird Zeit, dass ich mich mal ein paar Tage isoliere und mir ein günstiges Hotelzimmer buche. Nicht nur aus dem Grund, dass meine armen Mitbewohner mein Husten, Schnupfen etc. aushalten müssen, sondern auch um mich voll auf meine Genesung zu konzentrieren ohne Rücksicht nehmen zu müssen, oder angesprochen zu werden. Aber es war ja klar, dass ein Tief wie dieses einmal kommen musste. Ich habe ja selbst damit gerechnet und es ist Teil der Erfahrung. Immer schön optimistisch bleiben, lautet die Devise! Sobald es mir dann besser geht, werde ich nach Delphi in Richtung Westen aufbrechen. Ich lasse euch wissen, wie es weiter geht.

 

Lasst es euch gut gehen. Schilli


FunFacts

- Heißes Jamming mit Ryder, einem norwegischen Musiker, der Kreta als neue Heimat gewählt hat. Ein Charakter und Unikat. Das hat Spaß gemacht. Er spielt regelmäßig in Bars in Rethymnon. Falls ihr die Chance habt, hört ihn an.

- An einem der letzten Tage in Plakias hat mich eine Spinne in den Oberschenkel (Innenseite) gebissen. Eine faustgroße Schwellung für 4

Tage war das Ergebnis.

- Während der Stadterkundung waren es 38°C. Kaum Wind und der Beton reflektiert die Wärme, sodass es sich nach irgendwas zwischen 40-45°C angefühlt hat. Mehr als 7 Liter Wasser habe ich im Laufe des Tages getrunken.

- Circa die Hälfte aller Griechen leben in Athen und Vororte. 5,5 Millionen.

- Mehr als 80% des Schadens am Athena Pantheon Tempel auf der Akropolis entstand durch eine Kanonenkugel der Venezianer. Die Osmanen, die Athen >400 Jahre lang besetzten lagerten ihre Waffen und Schwarzpulver darin. Kaboom!

- Endlich kann ich euch ein Bild des wohl berühmtesten griechischen Tieres kredenzen. Die griechische Landschildkröte.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0