#7 | Ein Wochenende mit Ross Daly & Co. | 42. Reisetag

Obwohl sich doch einige der Gesichter im Hostel verändert hatten, war die Stimmung schnell wieder ähnlich, wie vor zwei Wochen, als ich das erste Mal das Youth Hostel Plakias besucht hatte. Ein paar der regulären Gäste, die teilweise mehrere Monate hier verbringen, freuten sich genauso wie ich auf ein paar weitere gemeinsame Tage. Die Mädels legten einen Beauty-Day ein und ich schrieb meinen letzten Artikel für meinen Blog. Nur für eine Haarkur mit aller feinsten lokalem Olivenöl (5€/Liter), ließ ich mich in den Beauty-Kreis integrieren. Wer hätte gedacht, dass ich einmal Spaß daran finde, mir meine Haare komplett mit Olivenöl einmassieren zu lassen. Ich fühlte mich ein bisschen wie John Travolta im Musical-Film „Grease“. Doch ein Tag der Ruhe führte leider auch zu einer kleinen Erkältung, die ich mit Nasenspray und Vitaminbrausetabletten im Laufe der Tage zu kontrollieren lernte.

Zu unserem Glück schmiss unser Freund Ioannis wieder eine seiner legendären Nachmittagspartys. Er kommt aus dem Norden Griechenlands und brachte in seinem Auto ca. 250 Liter bulgarisches Bier mit, welches er mit Tapas und Raki mit allen Besuchern auf der Terrasse des Bungalows Nr. 4, teilte. Üblicherweise startet die Runde mit 3-4 Leuten und nach und nach gesellen sich weitere Gäste hinzu. Jeder bringt etwas zu Essen oder Getränke mit und um 18:00 Uhr sind alle betüdelt und bereit für die Hängematte oder folgende Partys. Mit ihm und weiteren Gästen haben wir auch super lustige Quizspiele abgefeiert. Natürlich habe ich mich als Moderator zur Verfügung gestellt.

Die Kourtaliotiko Schlucht

Gleich vorneweg, diese Schlucht habe ich zu meinem persönlichen Lieblingsort hier auf Kreta gekürt. Zusammen mit Uli, Rachel, Rebecca, Pip (Südafrika) und Lila (Texas), machte ich mich auf den Weg in eine nahe gelegene Schlucht. Der Bus, der Plakias mit der geschäftigen Nordküste verbindet, fährt hier hindurch und ich war jedes Mal beeindruckt davon. Zu gut, dass wir sie nun auch zu Fuß entdecken durften. Was man jedoch von der Straße aus nicht sieht: Die Schlucht beherbergt duzende Quellen, die eine wahnsinnig schöne Szenerie mit Wasserfällen und natürlichen Bassins formten. Aus unzähligen kleinen Löchern im Fels strömt, tropft, schießt das Wasser in die Schlucht. Mit arschkalten 16°C ist dies genau der richtige Ort für die heißen Sommertage. Ein interessanter Fakt dieser Quellen ist, dass diese niemals austrocknen. Das Wasser wird aus großer Tiefe nach oben gepresst und von regenreichen Regionen nördlich von Griechenland gespeist.

Nach dem Abstieg zu den Quellen genossen wir also das Kühle nass und die grandiosen natürlichen Skulpturen von gestürzten Felsen und Steinen. Ich war so glücklich, dass ich meine Kamera mitgenommen hatte. Wir hatten so viel Spaß damit. Doch, irgendwie auch wieder offensichtlich, ging sie verloren. Ich stellte mich unter einen der Wasserfälle…kam hervor…und weg war sie. Was für eine Misere. Der Wasserfall füllte eines der Bassins und ließ keine klare Sicht unter Wasser zu. Ca. 15 Minuten suchten wir sechs das Bassin ab…leider ohne Erfolg. Wie sollten wir die Kamera auch unter diesen Umständen finden. Das Wasser war Brusthoch. Pip, die gerade eine Tauchmaske gebracht hatte, ermutigte mich, noch ein letztes Mal direkt unter dem Wasserfall zu suchen. Und da ich natürlich der glücklichste Idiot auf dem Planeten bin, habe ich sie tatsächlich gefunden. Was ein Zufall und was für ein Glück. Ich kann es kaum glauben, dass ich bereits Geldbeutel und Kamera verloren habe und beides wieder den Weg zu mir zurück gefunden hat.

Was richtig ist cool ist, ist das Uli mit dabei war. Denn er zeigte uns einen geheimen Pfad, der uns weiter flußabwärts brachte. So waren wir also komplett abgeschottet von den 2-3 weiteren Besuchern der Schlucht. Vorbei an einer kleinen Höhle, die eine der größeren Quellen beherbergte und quasi einen Regenduschkopf von mehreren Quadratmetern formt, ging es mit ein bisschen Kletterei an den Wasserfall maximaler Schönheit. Nach der Kletterei führte uns der Weg wieder etwas flußaufwärts. Da hier bereits 3-4 Tiefe angesagt waren, galt es also zu schwimmen. Rote Algen überzogen das glatte Gestein des transparenten Wassers und da war er; der >10m tiefe Wasserfall, der immense Wassermassen in das von steilen Wänden umringte, ca. 7m tiefe Bassin, feuerte. Nur ein paar kraftvolle Sonnenstrahlen erreichten diesen Platz. Die bewachsenen, tropfenden Felsen, das tosende Wasser und die Lichtspiele machen diesen Platz einzigartig wundervoll. Leider können weder die Bilder noch das Video nicht einmal im Ansatz zeigen, wie großartig es hier ist. Wer immer nach Kreta kommen sollte, nutzt die Chance und besucht diesen Ort!


Live Music Night in Joe’s Bar

Die inoffizielle Hostelbar mit dem Namen Nufaro a.k.a.  „Joe’s Bar“ wurde zur Location eines besonderen Ereignisses. Eine der Hostelgäste, Missi (USA), hatte die Idee eine Live-Music Night zu organisieren. Im Hostel sind einige Musiker zusammen gekommen und wir waren natürlich alle bereit unseren Teil dazu beizutragen. So habe auch ich eine dreiviertel Stunde solo sowie in diversen spontanen Ensembles mit Freunden die Bar bis in die Grundmauern gerockt. Es war alles sehr improvisiert, doch überragend. Die Gage in Weinform, das Adrenalin des Gigs und das begeisterte Publikum machten die Nacht zu einer der Besten dieser Reise. Bis spät in die Nacht wurde musiziert, der von uns geschriebene Youth Hostel Plakias Song wurde zur offiziellen Hostel Hymne erklärt, gemeinsam ging es danach für ein Mondscheinbad ins Meer und im Hostel feierten wir, bis der nächste Tag anbrach.

Houdetsi Festival

Nach ca. drei Stunden Schlaf galt es der spontanen Einladung zu folgen und auf ein Musikfestival südlich der Hauptstadt Heraklion zu gehen. Was ich für ein wahnsinnig beeindruckendes Wochenende hatte, möchte ich euch kurz beschreiben. Zuerst wollten wir (Rachel, Rebecca, Tom (London), Noah (Österreich)) uns ein Auto mieten. Leider war in dem kleinen Dorf Plakias keines mehr verfügbar. Was aber auch gut so war, denn der hier lebende Joachim lud uns ein, auf seinen Pick-Up Truck die drei Stunden nach Houdetsi mit zu fahren. So verbrachte ich mit Rachel und Rebecca ca. drei Stunden auf der Ladefläche zwischen dem Gepäck und wir genossen die Fahrt durch die kleinen Dörfer, Berge und Täler Kretas. Nur mein Hintern, konnte nach ca. zwei Stunden keine bequeme Position auf dem Stahlboden mehr finden. Naja, manchmal muss man sich selbst zu seinem Glück zwingen.

Das Houdetsi Festival ist ein sehr Besonderes. Es ist ein großes Treffen von traditioneller Musik aus aller Welt. Organisiert wird dieses Festival von Ross Daly und seinem Team. Der gebürtige Ire studierte so gut wie alle traditionellen Musikinstrumente der Welt und hat sich hier auf Kreta in dem kleinen Dorf Houdetsi nieder gelassen. Das tolle an dem Festival ist, dass fast jeder der Gäste selbst Musiker ist. Über den Sommer werden in Houdetsi duzende  von Workshops und Meisterklassen angeboten. So war das Festival nicht nur auf den Bühnen ein akustisches Vergnügen, sondern 24 Stunden lang wurde überall in der Stadt musiziert. In Restaurants, auf Dächern, auf Bänken, im Park…überall. Großartige traditionelle Musik verschiedenster Nationen und hochkomplizierte und atmosphärische Weltmusik wechselnden sich mit lateinamerikanischen Trommeln oder einem Solo einer japanischen Harfe ab. Man muss es erleben, diese einzigartige Atmosphäre des Festivals lässt sich nur sehr schwer beschreiben.

Natürlich ist das Festival kostenfrei, keine Eintritte an irgendeiner der Bühnen. Auch das Campen in einer nahe gelegenen Schlucht ist gratis. Das Dorf mit ca. 500 Einwohnern schwillt an diesem Wochenende zu einem musikalischen Weltereignis mit ca. 10.000 Gästen an. Klein, magst du jetzt denken, aber unglaublich intensiv. Erwähnenswert ist natürlich auch das kulinarische Angebot. Streetfood verschiedenster kretanischer Art, günstig, nahrhaft und unendlich lecker, in jedem der kleinen Gassen und Straßen des Dorfes. Ein Dorf im Ausnahmezustand…und ich auch. Kaum Schlaf und dieser unendliche Fluß von multisensitiven Einflüssen und Eindrücken ließen mich schnell in diese Blase eintauchen. Ich erwischte mich in traditionellen kretanisch-griechischen Gemeinschaftstänzen, musizieren und singen in Fantasiesprache u.v.m. Eine schöne Erfahrung.

Keine Sorge, dem mannigfaltigen Angebot an halluzinogenen Stoffen jeglicher Art konnte ich mich entziehen. Ich weiß, dass ich richtig gut in Nikotin und Alkohol bin, das reicht mir vorerst. Die paar Stunden Schlaf genoss ich in meinem Schlafsack unter einem Olivenbaum. Die Perseiden erleuchten den Himmel mit unzählbaren Sternschnuppen, die Trommelbeats aus dem Dorf grooven mich in den Schlaf. Schön. Nach drei Tagen machten wir uns wieder auf in die Wahlheimat Plakias. Rachel, Rebacca und Noah ließen wir in Heraklion am Hafen die nächste Fähre nehmen und Tom, Joachim und ich freuten uns auf die Dusche und das Bett im Hostel.


Prevelli Flusswanderung

Ein weiteres einzigartiges Erlebnis war die Flußwanderung in/durch Prevelli. Der Fluss wird von den Quellen und Wasserfällen gespeist, die wir eine Woche vorher besucht hatten und endet im Palmenwald und Strand. Auch über den Palmenwald habe ich bereits geschrieben. Gestern jedoch habe ich mir ein paar Leute geschnappt und bin mit dem Bus zum Fluss gefahren. Diese Flusswanderung soll laut Aussagen weit mehr anstrengend und erausfordernd sein. Nichts desto trotz haben wir uns entschieden es ohne Führer zu machen. Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall. Aber wie du ja siehst habe ich es überlebt. Ich schon…meine Badehose mal wieder nicht. Wie kommt es, dass ich in einem Monat zwei Badehosen verreiße? Naja…so kann ich wenigstens wieder eine Runde Shoppen.

In der Tat war die Wanderung um einiges schwieriger. Aber auch sehr beeindruckend und idyllisch. Teilweise galt es 3-4 Meter hohe Wasserfälle abzuklettern oder, besser noch, einer klettert ab und der Rest hüpft hinterher in die tieferen Wasserstellen. An einer Stelle galt es auch die Felsen zu umtauchen. Zum Glück wurden wir vorher darauf hingewiesen alles Wichtige wasserdicht zu verpacken. Denn teilweise war das Wasser zu tief um den Rucksack über dem Kopf zu tragen. Was mich am meisten gefreut hat, dass ich nun endlich auch Schildkröten zu Gesicht bekommen habe. Leider habe ich davon kein Foto, da die drei Ninja Turtles, sobald ich um die Ecke gestapft kam, ihren Sonnenplatz auf dem Felsen fluchtartig verließen und sich ins Wasser fallen ließen. Greifvögel, Krebse, Libellen waren sonst immer wieder  entdecken. Am Ziel angekommen, dem überlaufenen Palmenstrand von Prevelli, nahmen wir wieder das Boot zurück nach Plakias.

Ein Freund fragte mich gestern, was ich nun, nach mehr als einem Monat reisen am meisten vermisse. Überraschend muss ich nun zugeben. Es ist die Arbeit. Nicht der Stress, nicht die Deadlines. Aber die Kollegen, die Kunden, meine geschätzten Dienstleister/Künstler und Partner, spannende Herausforderungen und tolle Projekte. Ich muss mich wohl erst noch von den vergangenen Jahren entwöhnen. Doch es erfreut mich auch sehr, dass die Zeit in Künzelsau mich so geprägt hat bzw. mir so gut in Erinnerung geblieben ist. Als kleine Auszeit vom Urlaub habe ich mich einen Tag lang um den Hostelgarten gekümmert. Etwas Unkraut jäten, gießen und umgraben. Es ist schön einmal wieder etwas produktiv zu sein. Es wird Zeit, dass ich mich langsam (richtig langsam) um ein Projekt bemühe, bei welchem ich mich einsetzen kann. Bin gespannt was da wohl kommen mag.

Das Voluntariat auf dem südlichsten Punkt Europas, der Insel Gavdos, werde ich nun doch nicht annehmen. Mein Freund Peter, den ich bereits in meinen ersten Tagen in Heraklion kennen lernen durfte, hat diesen Ort fluchtartig verlassen, da er mit dem Betreiber einige Schwierigkeiten und Diskrepanzen hatte. Details zu erläutern würde diesen Rahmen sprengen. Ich werde also wohl diese Insel nicht besuchen und mich wieder gen Norden aufmachen. Wir werden sehen. Heute werde ich auf jeden Fall wieder meinen Lieblingsort besuchen; die Wasserfälle.

 

Soweit also alles tippi top!

Bis baldrian, Schilli


FunFacts

- Ich war sechs Tage lang Mitglied einer Gang. Wir haben uns Sticker-Tattoos rausgelassen. Deckname: Säbelzahntiger.

- Der Durchnittskrete verbraucht ca. 75g Olivenöl am Tag. Das sind pro Kopf weltmeisterliche 27,38 Liter im Jahr.

- Das griechische Abwassersystem ist nicht für Toilettenpapier ausgelegt. Das bedeutet: Benutztes Toilettenpapier in den Müll.

Gewohnheitssache.

- Geld ist wichtig, sollte aber keine große Sache sein. Aktuell habe ich ca. 80-100 € an Freunde verliehen. Ich selbst könnte einmal

darauf angewiesen sein. Vertrauen ist eine Tugend.

- Wer hätte wohl gedacht, dass ich meine Sonnenbrille kaputt mache, bevor ich sie verliere?

- Am zweitmeisten vermisse ich das Grün. Die Wälder, die Wiesen, die Sträucher…Es ist wunderschön hier, jedoch im Vergleich sehr trist.

- Am One Rock Beach habe ich einen Tunnel entdeckt. Perfekt für Unterwasser-Fotoshootings.



Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Pieter Verhoeven (Mittwoch, 10 August 2016 20:55)

    Wieder ne wunderbare Geschichte! Ich binn gespannt was noch alles folgt. Auch schön zu lesen wie das Hostelleben weitergeht wenn man selber schon abgereist ist.

    Uber Gavdos: du brauchst nicht unbedingt dort zu arbeiten, du kannst einfach hinfahren und nichts machen wie die meisten Griechen dort. Kosten sind minimal denn du zeltest einfach am Strand. Wäre schade wenn du dass vorübergehen lässt.

  • #2

    Schilli (Donnerstag, 11 August 2016 10:10)

    Danke Pieter, ich bin auch gespannt. :)

    Zu Gavdos: Da hast du Recht. Aber die Insel ist lt. Aussagen gerade so überfüllt mit Campern. Vor allem Touristen. Campen am Strand kann ich auch auf anderen Inseln.

  • #3

    Rachel (Donnerstag, 11 August 2016 19:27)

    What... You're not going to gavdos anymore?

  • #4

    Pieter Verhoeven (Freitag, 12 August 2016 17:43)

    Voller Leute auf Gavdos is auch relativ ;). Es gibt ziemlich viel Platz dort und ab 15. august gehen die meisten langsam wieder nach Hause.

    Wie lange möchtest du eigentlich in Plakias bleiben? Ich weiss, es ist schwer dort Abschied zu nehmen denn es fühlt so wie zu Hause.